Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c32.s4: § 10. Entstehung des Āyurveda
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c32.s4
- Language
- German
§ 10. Entstehung des Āyurveda
c32.s4.1
Der Āyurveda, der Veda von der Langlebigkeit, die Heilkunde, ist nach der soeben erwähnten Sage zuerst von Brahman erkannt worden. Von Brahman empfing ihn der Urvater Prajāpati oder Dakṣa, von diesem kam er an die beiden Aśvins, von diesen an Indra. Soweit stimmen die Berichte¹ überein. Während aber nach Su. Indra den Āyurveda an Dhanvantari (d. h. Kenner der Chirurgie), den Wundarzt der Götter, verkörpert als König Divodāsa von Benares (Kāśirāja), übermittelt, der dann die ihm aus Mitleid mit der leidenden Menschheit und um selbst ihr Leben zu verlängern als Schüler genahten Weisen, und zwar Suśruta nebst 6 Genossen, darin unterrichtet, mit Voranstellung der Chirurgie, ist nach C. Bharadvāja der erste Sterbliche, dem Indra den Āyurveda offenbart. Von den über 50 Ṛṣis, die ihn umgeben, und deren Namen mit den Begleitern Su.s nicht übereinstimmen, teilt einer, Punarvasu, der Sohn des Atri (Ātreya), die von Bharadvāja empfangene Wissenschaft seinen 6 Schülern: Agniveśa, Bhela, Jatūkarṇa, Parāśara, Hārīta, Kṣārapāṇi mit. Von diesen verfasste zuerst Agniveśa ein Lehrbuch, dann auch die übrigen, und diese 6 Lehrbücher fanden den Beifall des Ātreya und der anderen Weisen und allgemeine Anerkennung auf der Erde. Am Schluss jedes *adhy.* heisst es dann, dass dieses Werk von Agniveśa verfasst, von C. revidirt (*pratisaṃskṛta*) sei. Mit C.s Version der Sage, die auch Alberuni kannte (§ 9), stimmen auch S. A. wesentlich überein, nur dass dort Ātreya und seine Genossen direct von Indra belehrt werden und die 5 Genossen des Agniveśa teilweise andere Namen tragen, namentlich Su. unter ihnen erscheint. Im Bh. tritt nach den Göttern zuerst Ātreya mit seinen 6 Schülern (wie bei C.) auf, dann Bharadvāja, nach ihm C., der die Bücher des Agniveśa und seiner Mitschüler bearbeitet, dann Dhanvantari, der König von Benares (Kāśīrāja) wird, zuletzt Su., der von Dhanvantari inspirirt ein Lehrbuch schreibt, das Su. genannt wird, weil es *suśrutam* ist. Der Prasthānabheda nennt ebenfalls von menschlichen Autoren zuerst C., dessen 8 *sthāna* er kennt, dann Su., der ein Buch in 5 *sthāna* schrieb². Viel einfacher ist der Bericht in dem ersten medicinischen Werke der Bowerhs., der dieses Werk dem weisen Kāśīrāja in den Mund legt, der im Himālaya von dem dort nebst 9 Genossen, darunter Ātreya und Bhela, botanisirenden Su. über die Natur des Knoblauchs befragt wurde.
c32.s4.2
¹ S. LÉVI, Notes sur les Indo-Scythes, JA. 1896, 447, 480 ff.; LIÉTARD, Le Médecin Charaka, Bull. Ac. Méd. 1897; JOLLY, Caraka, WZKM. 7, 164--6; TAKASUSU, I-tsing (Oxford 1896) LIX. — [^2] Vgl. FLÜGEL, ZDMG. 11, 149. 325 f.; A. MÜLLER, l. c. 34, 475, 554 f.; SACHAU, Alberuni's India, Pref. XXXI. XXXV. — [^3] SACHAU, l. c. 159. 162 f. 382 f. — [^4] Vgl. DUTT, Mat. Med. VIf. — [^5] KIELHORN, IA. 12, 227. — [^6] Nach der bis jetzt das *sūtrasth.* und *vimānasth.* 1—3, 8 umfassenden Ausgabe von Śrīharinātha Viśārada (Calcutta 1892 ff., 533, 2, 32 S.) und den beiden Tübinger Hss. (GARBE, Verz. 145 f.). — [^7] C. C. s. v. — [^8] Die Citate beziehen sich auf die Ausgabe von K. DEBENDRA NATH SEN und K. UPENDRA NATH SEN (Calcutta 1897, 42, 1056 S.), die wenigstens einen lesbaren Text bietet. Auch die Ausgabe von JIB. VIDY. ist in der 2. Auflage (Calc. 1896, 931 S.) sehr verbessert. Die gute, ausführlich commentirte ed. princeps von K. GANGADHARA (Calcutta 1868 ff., 1200 S.) reicht nur bis C. 1, 18, wurde aber vervollständigt von DHARANIDHAR RAY (Behrampore 1878 ff., 1528 S. 4). Über KUNTES bis 1, 30 reichende Ausgabe s. § 8, über andere Ausgaben und Übersetzungen in neuindische Sprachen s. OR. — [^9] C. 6, 30, 119; 8, 12. 28. Vgl. DUTT, Mat. Med. VII; CORDIER, Origines, Évolution et Décadence de la Médicine Indienne in Annales d'Hygiène 4, 81 (Paris 1901). — [^10] HOERNLE, C. Asian Manuscripts JASB. 1897, 247. — [^11] Nicht aus 11, vgl. ROTH, ZDMG. 26, 443. — [^12] Die sehr umständliche Übersetzung von AVINASH CHANDRA KAVIRATNA umfasst bis jetzt 20 Hefte (Calcutta 1891—99), vgl. darüber ROTH, ZDMG. 48, 140--2. ROTH selbst übersetzte C. 3, 8 und 1, 29 in ZDMG. 26, 441 ff. Eine 1870 von MAH. LAL SIRCAR im Calc. Journ. of Medicine begonnene Übersetzung kam nicht über *adhy.* 2 hinaus. Vgl. auch GOLDSTÜCKER, 1. c. 342—5; WEBER, I. Lit.² 284 ff.; EGGELING, IO. 923 ff.; CORDIER 1. c. 79 ff. — [^13] BURNELL 63 f.; CORDIER 1. c. 80 ff.
c32.s4.3
¹ C. Su. S. A. 1, 1; Bh. 1, 1, 1--9. Vgl. H. 1, 1.
c32.s4.4
² Weber, IS. 1, 21.
c32.s4.5
Auch darin stimmen C. Su. S. A. überein, dass sie den ursprünglichen *āyurveda*, der ein *upāṅga* des AV. ist, aus 8 Teilen (*aṅga*) bestehen lassen: grosse Chirurgie (*śalya*), kleine Chirurgie (*śālākya*, *ūrdhvāṅga*), Behandlung der Krankheiten des Körpers, wie Fieber u. dgl. (*kāyacikitsā*), Dämonologie (*bhūtavidyā*, *graha*), Kinderheilkunde (*kaumārabhṛtya*, *bāla*), Toxikologie (*agadatantra*, *viṣagaravairodhikapraśamana*), Elixire (*rasāyana*, *jarā*), Aphrodisiaca (*vājīkaraṇa*, *vṛṣa*)³. Bei C. S. A. bildet die *kāyacikitsā* den ersten Teil. Auch der chinesische Reisende I-tsing (671--695 n. Chr.) kannte diese 8 Teile der indischen Medicin, und zwar nach Su.s Reihenfolge, und wenn er sagt, diese 8 Künste seien ursprünglich in 8 Büchern vorhanden gewesen, neuerdings aber von einem Manne ausgezogen und zusammengefasst worden, so kann diese Bemerkung auf den obigen indischen Angaben beruhen, zumal da auch er Śakra (Indra) als den ersten Verfasser kennt⁴.
c32.s4.6
³ Su. S. A. l. c.; C. 1, 30, 15.
c32.s4.7
⁴ Takakusu l. c. 127 f. 134. 222 f.
c32.s4.8
Ob und inwieweit ein historischer Kern in diesen Traditionen steckt, ist bis jetzt nicht zu entscheiden. Su. 1, 1, 3 lässt das ursprüngliche Werk des Brahman in 100000 Versen in 1000 Capiteln verfasst und dann erst mit Rücksicht auf die Fassungskraft der Menschen von ihm auf jene 8 Teile reducirt sein. Diese Nachricht hat eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Ur-Manu, der aus 100000 Versen bestanden haben soll und in mehreren successiven Bearbeitungen allmählich auf seinen jetzigen Umfang reducirt wurde⁵. Auch das nähere Verhältnis Su.s zur Chirurgie hat ursprünglich nicht bestanden, wie die Bowerhs. zeigt.
c32.s4.9
⁵ Recht und Sitte § 7.
Cites (8)
- Suśrutasaṃhitā — Suśruta & Nāgārjuna (siddha/alchemist), Sanskrit
- Carakasaṃhitā — Agniveśa (Āyurveda) & Caraka, Sanskrit
- Aṣṭāṅgasaṃgraha — Vāgbhaṭa, Sanskrit
- Hārītasaṃhitā — Hārīta, Sanskrit
- Bhāvaprakāśa — Bhāvamiśra 1550, Sanskrit
- Bower Manuscript — Sanskrit
- Prasthānabheda — Madhusūdana Sarasvatī 1570, Sanskrit
- Atharvavedasaṃhitā — Atharvan & Aṅgiras, Sanskrit