Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c36.s4: § 56. Harnruhr
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c36.s4
- Language
- German
§ 56. Harnruhr
c36.s4.1
*prameha*, der nach der Beschaffenheit des Urins gewöhnlich in 20 Unterarten eingeteilt wird. Hiervon kommen 10 von Schleim, nämlich 1. *udakameha*, Wasserharn oder Wasserharnen, mit klarem, weissem, kaltem, geruch- und schmerzlosem, reichlichem, wasserartigem Urin. 2. *ikṣumeha*, *ikṣurasam.*, *kaṇḍekṣurasam.*, Zuckerharn, Zuckerrohrsaftharn. Der Urin ist sehr süss, kalt, etwas klebrig, trübe, und gleicht dem Saft des Zuckerrohrs. 3. *sāndrameha*, dickflüssiger Harn. Der Urin wird dickflüssig, wenn er in dem Gefäss stehen bleibt. 4. *surāmeha*, *sāndraprasādam.*, Harn wie Branntwein oder ein zäher Absud. Der Urin gleicht dem geistigen Getränk *surā*, ist oben klar, unten dickflüssig. 5. *piṣṭameha*, *śuklam.*, Mehlharn, weisser Harn. Der Urin ist reichlich, weiss wie Wasser mit Mehl, das Urinlassen beschwerlich. 6. *śukrameha*, Samenharn. Der Urin sieht wie Samen aus oder ist mit Samen vermischt. 7. *śītameha*, kalter Harn. Der Urin ist sehr kalt, süss und reichlich. Su. hat hierfür *lavaṇameha*, Salzharn, weisser, wie Salzwasser aussehender Urin. 8. *śanairmeha*, langsamer Harn. Der Urin wird ganz allmählich entleert. 9. *sikatāmeha*, Harn mit sandigem Niederschlag. Der Urin ist mit sandartigen, winzigen Unreinigkeiten vermischt, das Uriniren schmerzhaft. 10. *lālāmcha*, *phenam.*, Speichelharn, Schaumharn. Der Urin ist schleimig oder schaumig, wie Speichel und Fäden enthaltend, und wird in ganz kleinen Quantitäten entleert (Eiweissurin?). Von Galle kommen 6 Arten: 11. *kṣārameha*, Laugenharn. Der Urin ist nach Geruch, Farbe, Geschmack und Gefühl wie Lauge (Wasser mit Pottasche). 12. *kālameha*, schwarzer Harn. Der Urin ist schwarz wie Tinte. S. hat hierfür *amlameha* »saurer Harn«, der wie Buttermilch schmeckt und riecht. 13. *nīlameha*, blauer Harn. Der Urin ist blau gefärbt, klar und sauer. 14. *śoṇitameha*, *raktam.*, *lohitam.*, Blutharn. Der Urin ist übelriechend, heiss, salzig, wie Blut. 15. *mañjiṣṭhāmeha*, Harn wie indischer Krapp. Der Urin ist (hellrot) wie Wasser mit indischem Krapp und sehr übelriechend. 16. *haridrāmeha*, Gelbwurzharn. Der Urin ist (gelb) wie Wasser mit Gelbwurz und sehr übelriechend. Von Wind kommen 4 Arten: 17. *vasāmeha*, Fettharn. Der Urin ist mit Fett vermischt oder sieht wie Fett aus. 18. *majjāmeha*, Markharn. Der Urin sieht wie Mark aus oder ist mit Mark vermischt. Su. hat hierfür *sarpirmeha* »Butterharn«. 19. *hastimeha*, Elephantenharn. Der Kranke lässt unaufhörlich trüben Urin wie ein toller Elephant. 20. *madhumeha*, *kṣaudram.*, Honigharn. Der Urin ist adstringirend, süss, weisslich, herb. Dies, nebst *ikṣumeha* (s. o.), ist die Zuckerharnruhr, diabetes mellitus, und die Inder waren hiernach mit dem süssen Geschmack des diabetischen Harns früher als irgend ein anderes Volk bekannt (HÄSER). Der *madhumeha* kommt schon in den ältesten medicinischen Werken, wie B. C., vor.
c36.s4.2
Verursacht wird *prameha* durch kalte, ölige, süsse, fette, flüssige Speisen und Getränke, jungen Reis, Milch oder saure Milch, Süssigkeiten, Übermass im Essen und andere Diätfehler, ferner durch Vermeidung von Anstrengungen, Neigung zum Schlafen, Liegen oder Sitzen, überhaupt alles, was die Bildung von Schleim, Fett oder Harn bewirkt. Vorboten sind: süsser Geschmack im Munde, Durst, die Hände und Füsse eingeschlafen und brennend, die Glieder ölig, klebrig und schwer, der Mund, Gaumen und Hals entzündet, unreine Ausscheidungen am Körper, den Zähnen u. s. w., der Atem übelriechend, anhaltende Schläfrigkeit und Mattigkeit, der Urin süss und weiss, von Insecten und Ameisen überlaufen u. a.¹ Bei allen *prameha* ist der Urin trübe und reichlich. Ausserdem herrscht bei Schleim Verdauungs- und Appetitlosigkeit, Erbrechen, Schlafsucht, Husten und Schnupfen u. s. w.; bei Galle Stiche in der Blase und Harnröhre, die Hoden wie geborsten, Fieber, Hitze, Durst, saures Aufstossen, Ohnmacht, Durchfall, gelbe Färbung der Faeces, des Harns und der Augen u. s. w.; bei Wind Zurückhaltung der Ausscheidungen, Beben, Brustschmerzen, Begehrlichkeit (nach Speisen), Kolik, Schlaflosigkeit, Auszehrung, Husten, Asthma. Auch können sich verschiedene Geschwüre entwickeln, die näher beschrieben werden². Alle *prameha* gehen, wenn man sie vernachlässigt, mit der Zeit in *madhumeha* über und sind dann unheilbar; auch kann *madhumeha* aus angeborener Süssigkeit des Körpers entstehen (C. 2, 4; Su. 2, 6; S. 3, 10; A. 3, 10; M. 222—33).
c36.s4.3
¹ Noch jetzt wird Diabetes häufig dadurch entdeckt, dass Fliegen und ganze Züge von grossen schwarzen Ameisen den Nachttopf aufsuchen (Chevers, Diseases of India 371 f.).
c36.s4.4
² Karbunkel bei Diabetes sind noch immer häufig (l. c.).
c36.s4.5
Bei allen *prameha* soll man dem Kranken, nachdem er mit Schwitz-, Brech-, Purgirmitteln und Klystieren behandelt ist, Saft von *dhātrī* (Emblica officinalis), vermischt mit Gelbwurz und Honig, zu trinken geben (Vṛ. 35, 16). In einer Serie von Recepten B. 2, 603—8 für *prameha* werden über zwanzig Arzneistoffe, ausserdem Speisen von Gerste, Rum, Wildpretbrühe, Milch, Buttermilch u. s. w. empfohlen (Vṛ. 35; V. 520 ff.; Cd. 223—8; Bh. 2, 3, 57 ff.; (C. 1, 17; 6, 6; Su. 4, 1—13; S. 4, 14; A. 4, 12).
Cites (8)
- Suśrutasaṃhitā — Suśruta & Nāgārjuna (siddha/alchemist), Sanskrit
- Aṣṭāṅgahṛdayasaṃhitā — Vāgbhaṭa, Sanskrit
- Carakasaṃhitā — Agniveśa (Āyurveda) & Caraka, Sanskrit
- Cakradatta (Cikitsāsaṅgraha) — Cakrapāṇidatta, Sanskrit
- Śārṅgadharasaṃhitā — Śārṅgadhara (physician), Sanskrit
- Mādhavanidāna (Rugviniścaya) — Mādhavakara, Sanskrit
- Bhāvaprakāśa — Bhāvamiśra 1550, Sanskrit
- Siddhayoga (Vṛndasuni) — Vṛndasuni, Sanskrit