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Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s4: Das altindische Opfer und die vedischen Saṃhitās

Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s4

Language
German

Das altindische Opfer und die vedischen Saṃhitās

v1.c8.s4.1

Die beiden bisher besprochenen Saṃhitās haben auch das gemeinsam, daſs sie nicht für besondere liturgische Zwecke zusammengestellt worden sind. Wenn auch die meisten Hymnen des Rigveda für Opferzwecke verwendet werden konnten und tatsächlich verwendet wurden und ebenso die Lieder und Sprüche des Atharvaveda fast durchweg zu Ritual- und Zauberzwecken Verwendung fanden, so hat doch die Zusammenstellung und Anordnung der Hymnen in diesen Saṃhitās nichts mit den verschiedenen liturgischen und rituellen Zwecken zu tun. Die Hymnen wurden um ihrer selbst willen gesammelt und mit Rücksicht auf die angeblichen Verfasser oder die Sängerschulen, denen sie angehörten, zum Teil auch mit Rücksicht auf ihren Inhalt und noch mehr auf ihre äuſsere Form — Zahl der Verse u. dgl. — in diesen beiden Sammlungen angeordnet und zusammengestellt. Es sind Liedersammlungen, können wir sagen, welche einen litterarischen Zweck verfolgen.

v1.c8.s4.2

Ganz anders verhält es sich mit den Saṃhitās der beiden anderen Vedas, des Sāmaveda und des Yajurveda. In diesen Sammlungen finden wir die Lieder, Verse und Sprüche mit Rücksicht auf ihre praktischen Zwecke angeordnet, genau in der Reihenfolge, wie sie beim Opfer verwendet wurden. Es sind dies also in der Tat nichts weiter als Gebetbücher und Gesangbücher zum praktischen Gebrauch für bestimmte Opferpriester — allerdings nicht etwa geschriebene Bücher, sondern Texte, die nur im Kopfe von Lehrern und Priestern existierten und durch mündliches Lehren und Lernen in den Priesterschulen erhalten blieben¹).

v1.c8.s4.3

¹ Vgl. oben S. 33.

v1.c8.s4.4

Um aber die Entstehung dieser Saṃhitās zu erklären, ist es notwendig, einige Worte über den Kult der arischen Inder hier einzufügen. Es wird sich dies um so mehr empfehlen, als ein volles Verständnis der vedischen Litteratur überhaupt ohne einen gewissen Einblick in das altindische Opferwesen kaum möglich ist.

v1.c8.s4.5

Soweit wir die vedisch-brahmanische Religion zurückverfolgen können, hat es immer zwei Arten des Kultes gegeben. Wir haben gesehen¹), daſs einzelne Hymnen des Rigveda und eine groſse Anzahl von Liedern und Sprüchen des Atharvaveda als Segenssprüche und Gebete bei Geburt und Hochzeit und anderen Anlässen des täglichen Lebens, bei der Totenbestattung und Ahnenverehrung sowie bei den verschiedenen Zeremonien, die der Hirte für das Gedeihen des Viehes und der Landmann für das Wachstum der Feldfrucht zu vollziehen hatte, verwendet wurden. Die Inder nennen diese, meist auch mit Opfern verbundenen Zeremonien gṛhyakarmāṇi, d. h. »häusliche Zeremonien«. Über sie geben uns die später zu erwähnenden Gṛhyasūtras ausführliche Nachricht. Bei den Opfern, welche dieser häusliche Kult erforderte, versah der Hausherr selbst, dem höchstens noch ein einzelner Priester, der »Brahman«, zur Seite stand, das Amt des Opferpriesters²). Und soweit diese Opfer Brandopfer waren, diente das eine Feuer des häuslichen Herdes als Altar für die Darbringung derselben. Neben diesen Opfern, die jeder fromme Arier, ob arm oder reich, ob vornehm oder gering, nach altem Brauche vollzog, gab es aber auch groſse Opferfeste — namentlich in Verbindung mit dem zu Indra, dem Gott der Krieger, in Beziehung stehenden Somakult —, welche nur von den Vornehmen und Reichen, in erster Linie von den Königen, gefeiert werden konnten. Auf einem weiten, nach festen Regeln hergestellten Opferplatze wurden Altäre für die drei heiligen Feuer errichtet, welche bei jedem solchen Opfer notwendig waren, und eine Schar von Priestern, an deren Spitze vier Hauptpriester standen, war mit dem Vollzug der unzähligen, aufserordentlich verwickelten Riten und Zeremonien, die ein solches Opfer erforderte, beschäftigt. Der Yajamāna oder »Opferer« — der Fürst oder groſse Herr, der das Opfer darbrachte — hatte nur wenig dabei zu tun; seine Hauptpflicht war es, den Priestern reichlichen Opferlohn (dakṣiṇā) zu geben. Kein Wunder, daſs die Brahmanen gerade diese Opferzeremonien, welche ihnen am meisten einbrachten, zum Gegenstand eifrigen Studiums machten, daſs sie eine förmliche Opferwissenschaft ausbildeten, welche in jenen Texten niedergelegt ist, die wir als Brāhmaṇas kennen lernen werden, und welche einen wesentlichen Bestandteil der Śruti, der »Offenbarung«, d. h. derjenigen Litteratur bilden, welcher im Laufe der Zeit göttlicher Ursprung zugeschrieben wurde. Diese Opfer nannte man daher śrautakarmāṇi, »auf der Śruti beruhende Zeremonien«, im Gegensatz zu den häuslichen (gṛhya) Zeremonien, welche nur auf der Smṛti, der »Erinnerung«, d. h. dem Herkommen beruhen, und keine göttliche Autorität besitzen.

v1.c8.s4.6

¹ Oben S. 84 ff., 93 ff., 118 f.

v1.c8.s4.7

² Āśvalāyana-Gṛhyasūtra I, 3, 6: Die Anstellung eines Brahmanen ist bei häuslichen Opfern beliebig. Gobhila-Gṛhyasūtra I, 9, 8 f.: Der Brahman ist der einzige Priester bei den Pākayajñas (d. h. den »einfachen Opfern« des häuslichen Kultes); der Opferer selbst ist der Hotar (der Priester, der die Verse rezitiert).

v1.c8.s4.8

Die vier Hauptpriester nun, welche bei den Śrautaopfern beschäftigt waren, sind: 1. der Hotar oder »Rufer«, welcher die Verse (ṛcas) der Hymnen rezitiert, um die Götter zu preisen und zum Opfer einzuladen; 2. der Udgātar oder »Sänger«, welcher die Bereitung und Darbringung der Opfer, insbesondere der Somalibationen, mit Gesängen (sāman) begleitet; 3. der Adhvaryu oder »Opferverrichter«, welcher alle Opferhandlungen vollzieht und dabei die prosaischen Gebete und Opferformeln (yajus) murmelt, und 4. der Brahman oder »Oberpriester«, dessen Amt es ist, das Opfer vor Schaden zu bewahren. Denn jede heilige Handlung, so auch jedes Opfer, ist nach indischer Anschauung mit einer gewissen Gefahr verbunden; wird eine Handlung nicht genau nach der rituellen Vorschrift vollzogen, ein Spruch oder eine Gebetformel nicht richtig gesprochen oder eine Melodie falsch gesungen, so kann die heilige Handlung dem Veranstalter des Opfers zum Verderben gereichen. Daher sitzt im Süden des Opferplatzes — der Süden ist die Gegend des Todesgottes und die Gegend, aus welcher die dem Opfer feindlichen Dämonen den Menschen bedrohen — der Brahman, um das Opfer zu beschützen. Er verfolgt den Verlauf des ganzen Opfers im Geiste, und sobald er den geringsten Fehler in einer Opferhandlung, einer Rezitation oder einem Gesang bemerkt, muſs er durch das Aussprechen heiliger Worte den Schaden wieder gutmachen. Darum heifst der Brahman in einem alten Text »der beste Arzt unter den Opferpriestern« ¹). Um aber dieses Amt versehen zu können, mufs der Brahman »vom Veda voll« sein; er versieht sein Amt als Opferpriester »mit dem dreifachen Wissen«, d. h. vermöge seiner Kenntnis aller drei Vedas, die ihn in stand setzt, jeden Fehler sogleich zu entdecken ²).

v1.c8.s4.9

¹ Śatapatha-Brāhmaṇa XIV, 2, 2, 19. Vgl. Chāndogya-Upaniṣad IV, 17, 8 f.

v1.c8.s4.10

² Aitareya-Āraṇyaka III, 2, 3, 6. Śatapatha-Brāhmaṇa XI, 5, 8, 7. Erst eine spätere Zeit hat den Brahman zum Atharvaveda in Beziehung gebracht, so dafs »Brahmaveda« oder »der Veda des Brahman« geradezu eine Bezeichnung des Atharvaveda wurde; und die Anhänger des Atharvaveda erklärten, dafs der Brahman ein Kenner der Atharvaveda-Saṃhitā sein müsse. In Wirklichkeit hat das Amt des Brahman beim Śrautaopfer mit dem Atharvaveda nichts zu tun. Begreiflich ist es aber, dafs man die beiden in Zusammenhang bringen konnte. Denn wenn der Brahman, wie oben bemerkt, als einziger Priester bei Gṛhyaopfern amtierte, mufste er allerdings mit den zum gröfsten Teil im Atharvaveda vorkommenden Segenssprüchen vertraut sein.

v1.c8.s4.11

Hingegen brauchen die drei anderen Priester jeder nur einen Veda zu kennen. Die Verse, mit welchen der Hotar die Götter zum Opfer ruft, die sogenannten »Einladungsverse« (Anuvākyās), und die Verse, mit welchen er die Spenden begleitet, die sogenannten »Opferverse« (Yājyās), entnimmt der Hotar dem Rigveda. Er mufs auch ein Kenner der Rigveda-Saṃhitā sein, d. h. er mufs sie auswendig gelernt haben, um sich aus derselben die sogenannten Śastras oder »Preislieder«, die er beim Somaopfer zu rezitieren hatte, zusammenzustellen. So steht die Rigveda-Saṃhitā zu dem Hotar in einer gewissen Beziehung, wenngleich dieselbe keineswegs für die Zwecke dieses Priesters gesammelt oder angeordnet ist.

v1.c8.s4.12

Zum Somaopfer gehören aber nicht nur die vom Hotar rezitierten Preislieder, sondern auch sogenannte Stotras oder »Lobgesänge«, welche vom Udgātar und seinen Gehilfen gesungen wurden ³). Solche Stotras bestehen aus Gesangstrophen, d. h. aus Versen (ṛcas), die zu Trägern bestimmter Melodien (sāman) gemacht worden waren. Diese Melodien sowohl wie die Gesangstrophen, mit denen sie verbunden waren, lernten die Udgātar-priester in den Schulen des Sāmaveda, und die Sāmaveda-Saṃhitās sind nichts anderes als Sammlungen von Texten, die nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen der Sangweisen, deren Träger sie waren, für die Zwecke der Udgātars zusammengestellt worden sind.

v1.c8.s4.13

³ Und zwar kommen zuerst die Gesänge (Stotras), dann erst die Rezitationen (Śastras).

v1.c8.s4.14

Der Adhvaryupriester endlich hat bei seinen zahllosen Opferverrichtungen fortwährend teils kurze Prosaformeln, teils längere Gebete in Prosa und Vers — die prosaischen Formeln und Gebete heiſsen yajus (plur. yajūṃṣi), die Verse ṛc (plur. ṛcas) — leise zu sprechen¹). In den Saṃhitās des Yajurveda sind alle diese Prosaformeln und Gebete — meist auch zusammen mit Regeln und Erörterungen über die Opferhandlungen, bei denen sie zu murmeln sind — für die Zwecke der Adhvaryupriester in der Reihenfolge, wie sie eben bei den Opfern verwendet wurden, zusammengestellt.

v1.c8.s4.15

¹ Der Hotar rezitiert die Hymnen, d. h. er sagt sie in einer Art Singsang laut her, der Udgātar singt die Preislieder nach bestimmten Melodien, der Adhvaryu murmelt die Gebete. Bloſs die sogenannten »Nigadas«, eine Abart der Yajusformeln, welche den Zweck haben, die anderen Priester zu ihren verschiedenen Verrichtungen aufzufordern, muſsten vom Adhvaryu natürlicherweise laut gesprochen werden.

v1.c8.s4.16

Wir wenden uns nun zur Besprechung der liturgischen Saṃhitās, wie wir nach den vorstehenden Ausführungen die Saṃhitās des Sāmaveda und des Yajurveda im Gegensatz zu denen des Rigveda und des Atharvaveda nennen können.

Cites (5)