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# Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s8: Āraṇyakas und Upaniṣads

Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s8

- **Language:** German

### Āraṇyakas und Upaniṣads

### [v1.c8.s8.1](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.1)

Wenn R. Garbe\[^3) die Opferwissenschaft der Brāhmaṇas als »das einzige litterarische Erzeugnis dieser geistesarmen Jahrhunderte vor dem Erwachen der philosophischen Spekulation« bezeichnet, so gibt er damit einer allgemein verbreiteten, aber meiner Ansicht nach irrigen Anschauung Ausdruck. Es wäre ja schrecklich, zu denken, dafs bei einem so begabten Volk, wie es die Inder schon nach dem Zeugnis der Rigvedahymnen gewesen sein müssen, die unfruchtbaren Difteleien über Zweck und Sinn von Opferzeremonien das ganze Denken auch nur der Priester, geschweige denn der Krieger und der übrigen Volksklassen ausgefüllt haben sollten. In Wirklichkeit finden wir ja in den Brāhmaṇas selbst, wie schon Sāyaṇa hervorgehoben hat,

### [v1.c8.s8.2](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.2)

\[^1): Wörtlich: »machte es sie diese Welten besteigen«. \[^2): X, 6, 3. Vgl. unten S. 212. \[^3): Beiträge zur indischen Kulturgeschichte (Berlin 1903), S. 6.

### [v1.c8.s8.3](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.3)

und wie wir zum Teile oben gesehen haben, neben Ritualvorschriften (Kalpa) und den Erläuterungen zu denselben auch Sagen und Legenden (Itihāsa), kosmogonische Mythen (Purāṇa), epische Gesangstrophen (Gāthā) und Heldenpreislieder (Nārāśaṁsī)¹. Mit anderen Worten: die Anfänge der epischen Dichtung reichen in die Zeit der Brāhmaṇas hinein. Es ist ja selbstverständlich, daſs die groſsen und kostspieligen Opfer, von denen die Brāhmaṇas handeln, nur möglich waren unter der Voraussetzung eines tätigen und erwerbenden Volkes; und undenkbar ist es, daſs die Krieger und Kaufleute, die Bauern und Herdenbesitzer, die Handwerker und Arbeiter jener Zeit keine Lieder gesungen, keine Geschichten erzählt hätten. Von dem aber, was schon damals in Indien gesungen und erzählt wurde, ist einiges in den vedischen Texten selbst (so z. B. die Legende von Śunaḥśepa), vieles aber in den späteren Epen und Purāṇas erhalten. Die Brāhmaṇas setzen ferner schon die Anfänge der Grammatik, der Phonetik, der Astronomie, d. h. jener Wissenschaften voraus, welche dann später als Vedāṅgas mehr selbständig betrieben wurden². Aber auch das »Erwachen der philosophischen Spekulation« fällt nicht nach der Zeit der Brāhmaṇas, sondern vor diese Zeit. Wir haben ja gesehen, wie schon in einigen Hymnen des Rigveda Zweifel und Bedenken gegen den volkstümlichen Götterglauben und den priesterlichen Kult auftauchten. Diese Zweifler und Denker, diese ersten Philosophen Altindiens blieben gewiſs nicht vereinzelt. Daſs auch sie »Schule gemacht«, daſs auch ihre Lehren sich verbreitet haben, beweisen ja die »philosophischen« Hymnen des Atharvaveda und einzelne Stücke der Yajurveda-Saṁhitās, in denen freilich die Lehren der Philosophen oft nur in einem Zerrbild erscheinen³. Aber selbst diese Zerrbilder beweisen, daſs die philosophische Spekulation auch während der Jahrhunderte, in welchen die Opferwissenschaft der Brāhmaṇas blühte, weitergepflegt wurde.

### [v1.c8.s8.4](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.4)

¹ Max Müller, History of Ancient Sanskrit Literature. 2ⁿᵈ Ed. London 1860, S. 344. Vgl. Śat. XI, 5, 6, 8; 7, 9, »Kenner der Erzählungen« (Ākhyānavidas) werden in dem Śāṅkhāyana-Śrautasūtra als eine eigene Klasse von Litteraten genannt. (Indische Studien II, S. 313.)

### [v1.c8.s8.5](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.5)

² Über die Anfänge der Vedāṅgas in den Brāhmaṇas vgl. Max Müller, History of Ancient Sanskrit Literature, S. 110 ff.

### [v1.c8.s8.6](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.6)

³ Vgl. oben S. 86 ff., 130 ff., 160 f.

### [v1.c8.s8.7](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.7)

Freilich ist es nicht wahrscheinlich, daſs diese ältesten Philosophen Altindiens dem Priesterstande angehörten. Denn ihre Lehren, die sich gegen die Vielheit der Götter wandten, standen mit den Lebensinteressen der Priester in offenbarem Widerspruch. Es ist nicht gut denkbar, daſs die Brahmanen, die von den Opfern lebten, unter sich Männer hatten, die das Dasein des Indra selbst bezweifelten und die Frage aufwarfen, ob es einen Sinn habe, den Göttern zu opfern¹). Viel wahrscheinlicher ist es, daſs sich solche Zweifler und Denker unter denjenigen fanden, welche den Priestern am meisten verhaſst waren, unter den »Geizigen«, die nicht glaubten, d. h. die nicht opferten und den Priestern keine Geschenke gaben.

### [v1.c8.s8.8](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.8)

¹ Vgl oben S. 86.

### [v1.c8.s8.9](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.9)

Daſs die Kriegerkaste dem geistigen Leben und dem litterarischen Treiben der alten Zeit nicht ferne stand, beweisen zahlreiche Stellen der Upaniṣads, aber auch schon der Brāhmaṇas. Im Kauṣītaki-Brāhmaṇa (XXVI, 5) unterhält sich ein König Pratardana mit den Priestern über die Opferwissenschaft. Und im XI. Buch des Śatapatha-Brāhmaṇa ist wiederholt von dem König Janaka von Videha die Rede, der alle Priester durch sein Wissen beschämt. Besonders lehrreich ist die Stelle, wo Janaka die Priester Śvetaketu, Somaśuṣma und Yājñavalkya befragt, wie sie das Feueropfer (Agnihotra) vollziehen. Keiner gibt eine befriedigende Antwort. Yājñavalkya aber erhält ein Geschenk von hundert Kühen, weil er über den Sinn des Opfers am meisten geforscht hat, obwohl, wie König Janaka bemerkt, auch ihm der wahre Sinn des Agnihotra noch nicht aufgegangen ist. Nachdem der König sich entfernt hat, sagen die Priester zueinander: »Wahrhaftig, dieser Krieger da hat uns durch seine Rede beschämt. Wohlan! Wir wollen ihn zu einem Redewettstreit (Brahmodya) herausfordern.« Yājñavalkya aber rät davon ab, indem er sagt: »Wir sind Brahmanen, er aber ist nur ein Krieger. Wenn wir ihn besiegen, wen sollen wir sagen, daſs wir besiegt haben? Wenn aber er uns besiegen sollte, würden die Leute von uns sagen: ‚Ein Krieger hat die Brahmanen besiegt;‘ denkt nicht daran!« Die beiden anderen Priester stimmten ihm bei, Yājñavalkya aber begibt sich zum König Janaka und läſst sich von ihm belehren¹). — Auch Ayasthūṇa, der Opferveranstalter, der seinen Priester Śaulvāyana belehrt²), ist schwerlich ein Brahmane, trotzdem Sāyaṇa ihn für einen Ṛṣi erklärt. Auch die Ṛṣis oder Verfasser der Hymnen des Rigveda waren ja nach der Tradition durchaus nicht immer Angehörige des Priesterstandes. So wird von einem Ṛṣi Kavaṣa erzählt, er sei der Sohn einer Sklavin, ein Nichtbrahmane gewesen. Als er an einem groſsen Opfer teilnehmen wollte, jagten ihn die Priester davon, damit er in der Wüste verhungere und verdurste. Die Wasser und die Göttin Sarasvatī aber nehmen sich seiner an, er »erschaut« einen Hymnus, worauf die Priester ihn als Ṛṣi anerkennen und wieder aufnehmen³).

### [v1.c8.s8.10](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.10)

¹ Śat. XI, 6, 2. Vgl. XI, 3, 1, 2—4. XI, 6, 3.

### [v1.c8.s8.11](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.11)

² Śat. XI, 4, 2, 17—20.

### [v1.c8.s8.12](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.12)

³ Aitareya-Brāhmaṇa II, 19.

### [v1.c8.s8.13](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.13)

In den Upaniṣads aber finden wir nicht nur Könige, sondern auch Frauen und selbst Leute niedrigen Standes, die sich an den litterarischen und philosophischen Bestrebungen lebhaft beteiligen und oft im Besitze des höchsten Wissens sind. So fragt in der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad Gārgī, die Tochter des Vacaknu, den Yājñavalkya so lange über den Urgrund alles Seins, bis dieser sagt: »Frage nicht zuviel, Gārgī! Daſs dir nicht der Kopf zerspringe. Wahrlich, über die Gottheit darf man nicht zuviel fragen. Du fragst zuviel, Gārgī; frage nicht zuviel!« Und an einer anderen Stelle tritt dieselbe Gārgī inmitten einer Versammlung von disputierlustigen Weisen dem berühmten Lehrer Yājñavalkya mit den Worten entgegen: »Ich erhebe mich gegen dich, Yājñavalkya! Wie ein Heldensohn aus Benares oder aus Videha den abgespannten Bogen mit der Sehne bespannt und mit zwei feindedurchbohrenden Pfeilen in der Hand sich erhebt, gerade so erhebe ich mich gegen dich mit zwei Fragen, — die beantworte mir!« In derselben Upaniṣad belehrt Yājñavalkya seine Gattin Maitreyī über die höchste Wissenschaft vom Ātman⁴). Wie wenig dieses höchste Wissen ein Vorrecht der Brahmanen ist, beweist auch die köstliche Geschichte von Raikva mit dem Ziehkarren, der unter seinem Wagen sitzt und sich den Aussatz schabt, aber im Besitz der höchsten Weisheit stolz wie ein König ist. Demütig naht ihm der reiche Spender Jānaśruti, um von ihm belehrt zu werden. Einen Śūdra nennt ihn Raikva und lacht über die Geschenke, die ihm der reiche Mann anbietet. Erst als dieser ihm seine schöne Tochter zur Frau gibt, lässt er sich herbei, ihn zu belehren¹). Von reizender Naivität ist auch die folgende Geschichte:

### [v1.c8.s8.14](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.14)

⁴ Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad II, 6; III, 8; II, 4 und IV, 5.

### [v1.c8.s8.15](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.15)

¹ Chāndogya-Upaniṣad IV, 1—3.

### [v1.c8.s8.16](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.16)

»Satyakāma Jābāla sprach zu seiner Mutter Jabālā: ›Ich will, Verehrliche, als Brahmanschüler eintreten; sage mir, aus welcher Familie ich bin‹. — Sie sprach zu ihm: ›Das weiſs ich nicht, mein Junge, aus welcher Familie du bist; in meiner Jugend kam ich viel herum als Magd; da habe ich dich bekommen; ich weiſs es selbst nicht, aus welcher Familie du bist; ich heiſse Jabālā, und du heiſsest Satyakāma; so nenne ich dich denn \[statt nach dem Vater\] Satyakāma, Sohn der Jabālā.‹ Da ging er zu Hāridrumata, dem Gautamer, und sprach: ›Ich möchte bei Ew. Ehrwürden als Brahmacārin eintreten; Ew. Ehrwürden wollen mich aufnehmen.‹ — Er sprach zu ihm: ›Aus welcher Familie bist Du, mein Lieber‹? — Er sprach: ›Das weiſs ich nicht, Herr Lehrer, aus welcher Familie ich bin; ich habe die Mutter gefragt; die hat mir geantwortet: In meiner Jugend kam ich viel herum als Magd; da habe ich dich bekommen; ich weiſs es selbst nicht, aus welcher Familie du bist; ich heiſse Jabālā, und du heiſsest Satyakāma. So nenne ich mich denn Satyakāma, den Sohn der Jabālā, Herr Lehrer.‹ — Er sprach zu ihm: ›Nur ein Brahmane kann so offen sprechen; hole das Brennholz herbei, mein Lieber \[das zur Zeremonie erforderlich ist\]; ich werde dich aufnehmen, weil du nicht von der Wahrheit abgegangen bist.«²)

### [v1.c8.s8.17](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.17)

² Chāndogya-Upaniṣad IV, 4. Übersetzt von Paul Deussen, Sechzig Upanishads des Veda, S. 121 f. In den Vaṃśas oder Lehrerlisten des Śatapatha-Brāhmaṇa werden zahlreiche Lehrer nur mit Mutternamen genannt. Vgl. oben S. 169, Anm. Satyakāma bedeutet: »wahrheitsliebend«.

### [v1.c8.s8.18](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.18)

Die Stelle beweist, wie leicht man es in jener alten Zeit mit der brahmanischen Abstammung nahm, während doch später — in den Gesetzbüchern — immer wieder betont wird, daſs nur der Brahmane den Veda lehren und nur ein Mitglied der drei höchsten Kasten im Veda unterrichtet werden darf. In den Upaniṣads aber wird uns auch wiederholt erzählt, daſs Könige oder Krieger im Besitze des höchsten Wissens sind, und daſs Brahmanen zu ihnen in die Lehre gehen. So geht der Brahmane Gautama, Vater des Śvetaketu, zum König Pravāhaṇa, um sich von ihm über das Jenseits belehren zu lassen. Und es wird erzählt, daſs dem König das Verlangen des Gautama sehr peinlich gewesen sei. Denn die Lehre, die er zu verkünden hatte, war vorher nie zu den Brahmanen gedrungen, »und darum eben ist in allen Welten die Herrschaft dem Kriegerstande zugefallen«. Schlieſslich teilt ihm aber der König doch die Lehre mit, — und zwar ist es die Lehre von der Seelenwanderung, die hier, wo sie zuerst klar und deutlich auftritt, sich als eine der brahmanischen Theologie ursprünglich fremde, aus dem Kriegerstande hervorgegangene Lehre erweist¹). Daſs aber auch die Hauptlehre der Upaniṣads, die Lehre vom Ātman, dem All-Einen, in nicht-brahmanischen Kreisen entstanden ist, beweist eine andere Stelle, wo fünf hochgelehrte Brahmanen sich zu dem weisen Uddālaka Āruṇi begeben, um von ihm die Lehre vom Ātman zu erfahren. Der aber überlegte bei sich: »Diese groſsen Herren und groſsen Gelehrten werden mich fragen, und ich werde ihnen nicht auf alles antworten können. Wohlan! Ich will sie auf einen anderen hinweisen.« Und er verweist sie auf den König Aśvapati Kaikeya, zu dem sie dann tatsächlich in die Lehre gehen²).

### [v1.c8.s8.19](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.19)

¹ Chāndogya-Up. V, 3. Bṛhadāraṇyaka-Up. VI, 2. In der Kauṣītaki-Up. I, 1 belehrt der Kṣatriya Citra den »Ersten der Priester«, Āruṇi, über das Jenseits.

### [v1.c8.s8.20](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.20)

² Chāndogya-Up. V, 11 ff. Eine Version dieser Erzählung findet sich schon im Śat. X, 6, 1. Vgl. Deussen, System des Vedânta (Leipzig 1883), S. 18 f. Allgemeine Geschichte der Philosophie I, 1, S. 166. I, 2, S. 17 ff. R. Garbe, Beiträge zur indischen Kulturgeschichte (Berlin 1903). S. 1 ff.: »Die Weisheit des Brahmanen oder des Kriegers?«

### [v1.c8.s8.21](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.21)

Während also die Brahmanen ihre unfruchtbare Opferwissenschaft betrieben, beschäftigten sich bereits andere Kreise mit jenen höchsten Fragen, welche schlieſslich in den Upaniṣads in so bewunderungswürdiger Weise behandelt worden sind. Aus diesen der Priesterkaste ursprünglich fernstehenden Kreisen gingen die Waldeinsiedler und wandernden Asketen hervor, welche nicht nur der Welt und ihren Genüssen entsagten, sondern sich auch von den Opfern und Zeremonien der Brahmanen fernhielten. Aus diesen selben Kreisen bildeten sich auch bald verschiedene, dem Brahmanismus mehr oder weniger feindliche Sekten, von denen die der Buddhisten zu so groſser Berühmtheit gelangt ist. Die groſse Verbreitung dieser Sekten, namentlich des Buddhismus, beweist aber, auf wie fruchtbaren Boden die Lehren jener alten Philosophen gefallen sein müssen, und wie sehr die mit dem Opferwesen in Widerspruch stehenden Lehren im Volke Anklang fanden.

### [v1.c8.s8.22](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.22)

Die Brahmanen aber waren von jeher viel zu kluge Leute, um nicht von diesen Strömungen Notiz zu nehmen, ja, sie für ihre Zwecke auszunutzen. Sie taten dies, indem sie die Lehre von den vier Āśramas (Lebensstufen) entwickelten, wodurch das Asketen- und Einsiedlerleben zu einem wesentlichen Bestandteil des brahmanischen Religionssystems gemacht wurde. Diese Lehre besteht darin, daſs man erklärte, jeder »Arier«, d. h. jeder zu einer der drei höheren Kasten gehörige Mann, der ein ideales Leben führen wolle, müsse vier Lebensstufen durchlaufen. Er solle zunächst als Schüler (Brahmacārin) bei einem Lehrer wohnen und den Veda lernen; nach vollendeter Lehrzeit solle er einen Hausstand gründen und als Hausherr (Gṛhastha) Kinder erzeugen und den Göttern die vorgeschriebenen Opfer darbringen oder darbringen lassen. Bei herannahendem Greisenalter aber möge er sein Haus verlassen und als Waldeinsiedler (Vānaprastha) nur mehr einen beschränkten Opferdienst verrichten, umsomehr aber über die mystische und symbolische Bedeutung des Opfers nachsinnen. Aber erst wenn er sein Ende herannahen fühlt, soll er auch diese Opfer und Meditationen aufgeben, aller Werkefrömmigkeit entsagen und als weltflüchtiger Asket (Sannyāsin) nur mehr über das Brahman, das höchste Weltprinzip, nachdenken und der Vereinigung mit demselben zustreben.

### [v1.c8.s8.23](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.23)

Mit dieser Lehre vom brahmanischen Lebensideal hängt es zusammen, daſs wir in den Brāhmaṇas bereits auch Abschnitte finden, welche als Āraṇyakas oder »Waldbücher«, d. h. im Walde von den Einsiedlern (Vānaprasthas) zu studierende Texte¹), von dem übrigen Lehrstoffe der Brahmanenschulen abgesondert, zum Teil auch demselben hinzugefügt wurden. Den Hauptinhalt dieser Āraṇyakas bilden nicht mehr Regeln über die Vollziehung der Opfer und die Erklärung der Zeremonien, sondern Opfermystik, Opfersymbolik und die priesterliche Philosophie. Mit dieser Priesterphilosophie, welche wir in den Brāhmaṇas und den zu ihnen gehörigen Āraṇyakas verfolgen können, und welche teils das Opfer, teils das von demselben unzertrennliche heilige Wort (das Brahman) zum höchsten Prinzip erhob und zum Urquell alles Seins machte, wurde die aufserhalb der Priesterkreise entstandene und der priesterlichen Religion eigentlich zuwiderlaufende Lehre von dem inneren Selbst (dem Ātman) als dem Alleinseienden verquickt. Das Resultat dieser unnatürlichen und gewaltsamen Verquickung sind die Upaniṣads. Die Lehre von den vier Lebensstufen aber war es wieder, welche es ermöglichte, diese Upaniṣads zu einem Bestandteil des Veda zu machen. Wir finden nämlich die ältesten Upaniṣads teils in den Āraṇyakas eingebettet, teils denselben angehängt, als diejenigen Texte, welche von den im letzten Āśrama befindlichen Asketen (Sannyāsins) studiert werden sollen. Sie bildeten in mehr als einem Sinne den Vedānta, d. h. »das Ende des Veda«¹). Zunächst sind ja die meisten dieser Texte späteren Ursprungs und fallen chronologisch in das Ende der vedischen Periode. Ferner dürfen wir nie vergessen, daſs diese ganze vedische Litteratur nicht aus geschriebenen Büchern bestand, sondern nur mündlich überliefert wurde. Was wir also in den einzelnen Brāhmaṇas finden und als »Werke« oder »Bücher« zu bezeichnen pflegen, ist nichts anderes, als der Lehrstoff verschiedener Priesterschulen. Dieser Lehrstoff wurde innerhalb einer gewissen Lehrzeit — sie umfaſste eine Reihe von Jahren, während welcher der Schüler beim Lehrer wohnen und ihm dienen muſste — den Schülern beigebracht. In das Ende dieser Lehrzeit muſsten natürlich die Unterweisungen über das fallen, was am schwierigsten zu verstehen war, — die Mysterien, die mystischen und philosophischen Lehren, wie sie in den Āraṇyakas und Upaniṣads enthalten sind. Auch bei der Vedarezitation als einer heiligen Handlung und religiösen Pflicht bildeten diese Texte das Ende. Die späteren Philosophen endlich sahen in den Lehren der Upaniṣads nicht das Ende, sondern das Endziel des Veda¹).

### [v1.c8.s8.24](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.24)

¹ So heiſst es in der Āruṇeya-Upaniṣad 2 (Deussen, Sechzig Upanishads des Veda, S. 693), daſs der Waldeinsiedler von allen Veden nur das Āraṇyaka und die Upaniṣad hersagen soll. Auch Rāmānuja (Sacred Books of the East, Vol. 48, p. 645) erklärt die Erwähnung von Opferzeremonien in den Āraṇyaka-artigen Anfängen der Upaniṣads damit, daſs sie im Walde studiert werden muſsten. Vgl. auch Max Müller, History of Ancient Sanskrit Literature, p. 313 ff. Nach H. Oldenberg (Die Hymnen des Rigveda I, Berlin 1888, S. 291) freilich wären die Āraṇyakas so genannt, weil sie »um ihrer höheren mystischen Heiligkeit willen vom Lehrer dem Schüler im Walde statt im Dorf« mitgeteilt wurden. Möglich ist es ja, daſs auch der Unterricht in diesen Texten im Walde stattfand (was man aus Śāṅkhāyana-Gṛhyasūtra II, 12, 11 f. vielleicht schlieſsen darf).

### [v1.c8.s8.25](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.25)

¹ »Vedānta« bezeichnet ursprünglich nur die Upaniṣads. Später erst wurde das Wort zur Bezeichnung des auf die Upaniṣads sich gründenden Systems der Philosophie verwendet.

### [v1.c8.s8.26](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.26)

¹ Vgl. P. Deussen, System des Vedānta, S. 3 f. Allgemeine Geschichte der Philosophie I, 2, S. 5.

### [v1.c8.s8.27](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.27)

Als Vedānta oder »Veda-Ende« gehören also die Āraṇyakas sowie die älteren Upaniṣads zu den verschiedenen vedischen Schulen; ja, sie bilden geradezu nur Bestandteile der Brāhmaṇas. So schlieſst sich an das zum Rigveda gehörige Aitareya-Brāhmaṇa ein Aitareya-Āraṇyaka an, in welchem die Aitareya-Upaniṣad eingeschlossen ist. Das ebenfalls zum Rigveda gehörige Kauṣītaki-Brāhmaṇa endet mit dem Kauṣītaki-Āraṇyaka, von welchem die Kauṣītaki-Upaniṣad nur einen Teil bildet. Im schwarzen Yajurveda ist das Taittirīya-Āraṇyaka nur eine Fortsetzung des Taittirīya-Brāhmaṇa, und den Schluſs des Āraṇyaka bilden die Taittirīya-Upaniṣad und die Mahā-Nārāyaṇa-Upaniṣad. In dem groſsen, zum weiſsen Yajurveda gehörigen Śatapatha-Brāhmaṇa ist das erste Drittel des XIV. Buches ein Āraṇyaka, während den Schluſs des Buches die gröſste und bedeutendste aller Upaniṣads, die Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad, bildet. Zu einem Brāhmaṇa des Sāmaveda — wahrscheinlich zum Tāṇḍya-Mahā-Brāhmaṇa — gehört die Chāndogya-Upaniṣad, deren erster Abschnitt nichts anderes als ein Āraṇyaka ist. Das sogenannte Jaiminīya-Upaniṣad-Brāhmaṇa²) ist ein Āraṇyaka der zum Sāmaveda gehörigen Jaiminīya- oder Talavakāra-Schule, und einen Teil desselben bildet die Kena-Upaniṣad, auch Talavakāra-Upaniṣad genannt.

### [v1.c8.s8.28](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.28)

² The Jaiminīya or Talavakāra Upaniṣad Brāhmana, Text, Translation, and Notes by Hanns Oertel, im Journal of the American Oriental Society, Vol. XVI, 1896.

### [v1.c8.s8.29](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.29)

Mit Ausnahme der Mahā-Nārāyaṇa-Upaniṣad, welche erst in späterer Zeit zum Taittirīya-Āraṇyaka hinzugefügt worden ist, gehören alle die genannten Upaniṣads zu den ältesten Werken dieser Art. Sie sind in Sprache und Stil von den Brāhmaṇas, zu denen sie als Bestandteile gehören, oder denen sie sich unmittelbar anschließen, nicht verschieden. Es ist dieselbe schlichte, etwas unbeholfene, aber — namentlich in den erzählenden Stücken — keineswegs der Schönheit entbehrende Prosa. Nur die Kena-Upaniṣad ist zur Hälfte metrisch, und sie ist die jüngste von den aufgezählten Upaniṣads. Zwar enthält jede der großen Upaniṣads, wie Deussen¹ sagt, »ältere und jüngere Texte nebeneinander, daher das Alter jedes einzelnen Stückes für sich bestimmt werden muß«. Aber im großen und ganzen lassen sich doch vier zeitlich aufeinanderfolgende Perioden unterscheiden, und es lassen sich die einzelnen Upaniṣads mit ziemlicher Sicherheit in eine von diesen Perioden einordnen. In die erste und älteste von diesen Perioden gehören die bisher genannten Upaniṣads, und zwar ist nach Deussen²), dessen Führung wir uns hier ganz anvertrauen können, ihre chronologische Reihenfolge die nachstehende:

### [v1.c8.s8.30](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.30)

¹ Allgemeine Geschichte der Philosophie I, 2, S. 22.

### [v1.c8.s8.31](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.31)

² A. a. O., S. 23 ff.

### [v1.c8.s8.32](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.32)

1. Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad,  
2. Chāndogya-Upaniṣad,  
3. Taittirīya-Upaniṣad,  
4. Aitareya-Upaniṣad,  
5. Kauṣītaki-Upaniṣad,  
6. Kena-Upaniṣad.

### [v1.c8.s8.33](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.33)

An diese ältesten Upaniṣads schließt sich eine zweite Klasse von Texten an, welche zwar von den Indern gleichfalls bestimmten vedischen Schulen zugeschrieben werden, bei denen aber der Zusammenhang mit den betreffenden Schulen sehr lose und in der Tat sehr zweifelhaft ist. Diese Upaniṣads sind fast durchwegs metrisch; es findet sich in ihnen nichts mehr von der Opfermystik der Āraṇyakas, — sie gehören einer jüngeren Periode an. Es sind dies — wieder nach der chronologischen Anordnung von Deussen — die folgenden Texte:

### [v1.c8.s8.34](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.34)

7. Kāṭhaka-Upaniṣad, zum schwarzen Yajurveda gerechnet;

### [v1.c8.s8.35](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.35)

8. Īśā-Upaniṣad, zum weiſsen Yajurveda gezählt, weil sie in die Vājasaneyi-Saṃhitā aufgenommen worden ist¹);  
9. Śvetāśvatara-Upaniṣad, als zum schwarzen Yajurveda,  
10. Muṇḍaka-Upaniṣad, als zum Atharvaveda, und  
11. Mahā-Nārāyaṇa-Upaniṣad, als zum schwarzen Yajurveda (Taittirīya-Āraṇyaka) gehörig bezeichnet

### [v1.c8.s8.36](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.36)

¹ S. oben S. 154.

### [v1.c8.s8.37](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.37)

Auf diese folgt eine dritte Klasse von Upaniṣads, welche wieder in Prosa abgefaſst sind. Aber Sprache, Stil und Inhalt weisen sie einer jüngeren Periode zu, obwohl auch sie noch bestimmten vedischen Schulen zugerechnet werden, und zwar:  
12. die Praśna-Upaniṣad zum Atharvaveda,  
13. die Maitrāyaṇīya-Upaniṣad zum schwarzen Yajurveda und  
14. die Māṇḍūkya-Upaniṣad zum Atharvaveda.

### [v1.c8.s8.38](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.38)

Diese vierzehn Upaniṣads sind es, welche — wenn auch verschiedenen Perioden angehörig — immer noch die älteste Entwicklungsstufe der Upaniṣadlitteratur darstellen. Sie sind es, an welche man, wenn von der ältesten indischen Philosophie die Rede ist, vor allem denkt und welche allein gewissermaſsen ein kanonisches Ansehen genieſsen. Die sogenannte Vedānta-Lehre ist nur in diesen Upaniṣads in ihrer reinen, ursprünglichen Form enthalten.

### [v1.c8.s8.39](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.39)

Es gibt nun noch eine vierte Klasse von Upaniṣads. Wenn aber schon bei den Upaniṣads der beiden vorhergehenden Klassen die Zugehörigkeit zu bestimmten vedischen Schulen sehr zweifelhaft ist, so steht die groſse Masse von Texten, welche dieser Klasse angehören, eigentlich zu den vedischen Schulen in keiner Beziehung mehr, man kann sie kaum mehr zum Veda überhaupt rechnen. Die Inder allerdings bezeichnen alle diese Upaniṣads als zum Atharvaveda gehörig. In Wirklichkeit aber enthalten diese sogenannten »Upaniṣads des Atharvaveda« die Lehren und Anschauungen von Philosophenschulen und sektarischen Gemeinschaften, welche auſserhalb des Veda stehen und einer viel jüngeren Zeit angehören. Man zählte sie zum Atharvaveda, weil dieser Veda schon von Anfang an kein kanonisches Ansehen genoſs und es nahe lag, alles, was nicht orthodoxbrahmanisch war, als zum Atharvaveda gehörig zu bezeichnen. Ferner war ja der Atharvaveda, wie wir gesehen haben, vor allem der Veda der Zauberei und der damit verbundenen Geheimniskrämerei¹). Die eigentliche Bedeutung von »Upaniṣad« — und man hat diese Bedeutung nie vergessen — war aber »Geheimlehre«. Was war natürlicher, als daſs man eine groſse Klasse von Werken, die als Upaniṣads oder Geheimlehren galten, dem Atharvaveda, der ja selbst nichts anderes war als eine Summe von Geheimlehren, angliederte²)!

### [v1.c8.s8.40](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.40)

¹ Siehe oben S. 131.

### [v1.c8.s8.41](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.41)

² Die sogenannten »Atharvaveda-Upaniṣads« waren es vermutlich, von welchen zuerst eigene Upaniṣad-Sammlungen angelegt wurden. Solche Sammlungen sind nicht alt. Denn der Philosoph Śaṅkara, der um 800 n. Chr. gelebt haben dürfte, zitiert die Upaniṣads noch als Bestandteile der Brāhmaṇas, zu denen sie gehören, und weiſs von einer Sammlung derselben nichts. Er spricht entweder von den Upaniṣads als der Śruti oder »Offenbarung« schlechthin, oder er nennt die vedischen Schulen, zu denen sie gehören. Selbst Rāmānuja, der im zwölften Jahrhundert n. Chr. gelebt haben soll, spricht von den Chāndogas, den Vājasaneyins oder den Kauṣītakins, wenn er die Upaniṣads der betreffenden Schulen zitiert, d. h. sie sind auch für ihn nur Bestandteile des Veda, nicht Werke, die in eigenen Sammlungen existierten. In der ohne Zweifel ganz modernen Muktikā-Upaniṣad wird eine Liste von 108 Upaniṣads aufgezählt, die jedenfalls in einer Sammlung bestanden. (Deussen, Sechzig Upanishads, S. 532 f.) Die im Jahre 1656 ins Persische übersetzte Sammlung, das Oupnek'hat (s. oben S. 18), enthält 50 Upaniṣads. Die Texte der Upaniṣads sind in Indien sehr oft herausgegeben worden. Die Bṛhadāraṇyaka und die Chāndogya-Upaniṣads sind von O. Böhtlingk (St. Petersburg resp. Leipzig 1889) kritisch herausgegeben und ins Deutsche übersetzt worden. Derselbe Gelehrte hat die Kaṭha-, Aitareya- und Praśna-Upaniṣads kritisch bearbeitet und ins Deutsche übersetzt. (Berichte der kgl. sächs. Gesellschaft der Wissenschaften, 1890). Die wichtigsten Upaniṣads sind auch im I. und XV. Band der Sacred Books of the East von Max Müller ins Englische übersetzt worden (1879 und 1884). Am besten zugänglich sind jetzt die Upaniṣads in der vortrefflichen deutschen Übersetzung von Paul Deussen, Sechzig Upanishads des Veda, Leipzig 1897. Derselbe Forscher hat im zweiten Teil des ersten Bandes seiner »Allgemeinen Geschichte der Philosophie« (Leipzig 1899) eingehend über die Philosophie der Upaniṣads gehandelt.

### [v1.c8.s8.42](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.42)

Das Wort Upaniṣad ist nämlich von dem Zeitwort upa-ni-sad, »sich zu jemand nahe hinsetzen« abzuleiten, und es bedeutet ursprünglich das Sich-hinsetzen des Schülers zum Lehrer zum Zweck einer vertraulichen Mitteilung, also eine »vertrauliche« oder »Geheimsitzung«. Aus diesem Begriff der »Geheimsitzung« hat sich dann die Bedeutung »Geheimlehre« — das, was in einer solchen vertraulichen Sitzung mitgeteilt wird — entwickelt¹). Die Inder geben als Synonym des Wortes upaniṣad in der Regel das Wort rahasyam an, welches »Mysterium, Geheimnis« bedeutet. In den Upaniṣadtexten selbst werden öfters die Ausdrücke iti rahasyam und ity upaniṣad nebeneinander in dem Sinne von »so lautet die Geheimlehre« gebraucht. Oft genug finden wir auch in den Upaniṣads selbst die Warnung, irgendeine Lehre einem Unwürdigen mitzuteilen. »Diese Lehre vom Brahman,« heißt es z. B.²), verkünde ein Vater seinem ältesten Sohne oder einem vertrauten Schüler, nicht aber einem anderen, wer es auch sei, selbst wenn ihm dieser die ganze vom Wasser umschlossene, mit Schätzen gefüllte Erde geben sollte.« Sehr häufig wird in den Upaniṣads auch erzählt, wie ein Lehrer um Mitteilung irgendeines Wissens gebeten wird, aber erst auf wiederholtes Bitten und Drängen des Schülers nachgibt und ihm seine Lehre offenbart³).

### [v1.c8.s8.43](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.43)

¹ Deussen (Allgemeine Geschichte der Philosophie I, 2, S. 14) erinnert sehr passend daran, daſs das Wort Kollegium ursprünglich »Versammlung« bedeutet, dann aber das, was in dem Kollegium oder der Versammlung vorgetragen wird, wenn wir Ausdrücke wie »ein Kolleg lesen«, »ein Kolleg hören« gebrauchen. Die Ansicht von Oldenberg (ZDMG Bd. 50, 1896, S. 458 ff.), daſs upaniṣad ursprünglich »Verehrung« bedeute, ist von Deussen mit den besten Gründen widerlegt worden.

### [v1.c8.s8.44](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.44)

² Chāndogya-Upaniṣad III, 11, 5 f. Vgl. Deussen a. a. O., S. 12 f.

### [v1.c8.s8.45](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.45)

³ Das Wort upaniṣad kommt in den Upaniṣads selbst in drei Bedeutungen vor; es bedeutet 1. »Geheimsinn«, z. B. die geheimnisvolle Bedeutung der Silbe Om; 2. »Geheimwort«, gewisse Ausdrücke und Formeln, die nur dem Eingeweihten verständlich sind, wie tajjalān, »in ihm werdend, vergehend, atmend«, oder satyasya satyam, »das Wahre des Wahren«, als Bezeichnung des höchsten Wesens; 3. »Geheimtext«, d. h. »Geheimlehre« und »Geheimwissen«. Vgl. Deussen a. a. O., S. 16 f.

### [v1.c8.s8.46](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.46)

Dieser ursprünglichen Bedeutung des Wortes Upaniṣad entsprechend, enthalten schon die ältesten Upaniṣads sehr verschiedenartige Dinge. Upaniṣad war nun einmal vor allem anderen ein »Mysterium«, und jede Lehre, die nicht für die groſse Menge bestimmt, sondern nur in einem engen Kreise von bevorzugten Personen mitgeteilt wurde — sei es eine tiefsinnige philosophische Lehre oder irgendeine nichtssagende Symbolik oder Allegorie, ein von einem Brahmanen ausgeklügeltes, als Zauber dienendes symbolisches Opfer oder irgendeine als Zauberformel dienende Aberweisheit —, bezeichnete man als Upaniṣad. Alles das finden wir in der Tat schon in den alten Upaniṣads nebeneinander und durcheinander, und ganz besonders ist dies in den Atharvaveda-Upaniṣads der Fall¹).

### [v1.c8.s8.47](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.47)

¹ In den Lehrbüchern der Erotik werden unter dem Titel »Upaniṣad« allerlei auf Kosmetik und Geschlechtsverkehr bezügliche Geheimmittel gelehrt (Rich. Schmidt, Beiträge zur indischen Erotik, Leipzig 1902, S. 817 ff.). Ähnlich schon Āśvalāyana-Gṛhyasūtra I, 13, 1.

### [v1.c8.s8.48](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.48)

So enthält die Kauṣītaki-Upaniṣad aufser psychologischen und metaphysischen Auseinandersetzungen und einer ausführlichen Eschatologie auch Beschreibungen von Opferriten, durch die man irgendein Gut erlangen oder einen Liebeszauber bewirken kann, Zeremonien zur Verhinderung des Sterbens von Kindern, und sogar eine »Upaniṣad«, d. h. eine Geheimlehre, deren Kenntnis als ein Zauber zur Vernichtung von Feinden dient. Desgleichen enthält die Chāndogya-Upaniṣad zwar tiefe philosophische Gedanken über die Weltschöpfung, das Weltall und die Seele, mitten darunter aber auch mystische Spekulationen über die Silbe Om, geheimnisvolle Riten zur Heilung von Krankheiten und dergleichen. In den Atharvaveda-Upaniṣads aber finden wir z. B. eine ganze Upaniṣad — die Gāruḍa-Upaniṣad²) —, die nichts anderes ist als ein Schlangenzauber und ebensogut in der Atharvaveda-Saṃhitā stehen könnte.

### [v1.c8.s8.49](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.49)

² Deussen, Sechzig Upanishads des Veda, S. 627 f.

### [v1.c8.s8.50](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.50)

Dies ist im Auge zu behalten, wenn von einer »Philosophie der Upaniṣads« oder gar von einem »System der Upaniṣads« gesprochen wird. Eine Philosophie der Upaniṣads gibt es nur insofern, als in diese Sammelwerke von allerlei Mysterien auch die Lehren der Philosophen aufgenommen worden sind. Und ein System der Upaniṣad-Philosophie gibt es nur in einem sehr beschränkten Sinne. Denn es sind nicht die Gedanken eines einzelnen Philosophen oder einer einheitlichen, etwa auf einen einzigen Lehrer zurückgehenden Philosophenschule, die uns in den Upaniṣads vorliegen, sondern es sind die Lehren verschiedener Männer, ja verschiedener Zeiten, welche in den einzelnen Abschnitten der Upaniṣads vorgetragen werden. Allerdings gibt es einige Grundlehren, welche den philosophischen Gedanken, die in den Upaniṣads hervortreten, etwas Einheitliches verleihen; und nur mit Rücksicht auf diese Grundlehren kann man (wie es Deussen tut) — aber immer mit Vorbehalten — von einem »System der Upaniṣads« sprechen. Wir dürfen daher auch nicht in jedem Kapitel der Upaniṣads eine tiefe Weisheit suchen und in jeder Upaniṣad einen platonischen Dialog erwarten. Es ist ja merkwürdig genug, daſs wir gerade in den ältesten und schönsten Stücken der Upaniṣads dieselbe Form des Dialogs finden wie bei dem groſsen griechischen Philosophen. Und wie uns Platos Dialoge ein wunderbar lebendiges Bild von dem Leben und Treiben der alten Griechen entrollen, so gestatten uns auch die Dialoge der älteren Upaniṣads oft einen überraschenden Einblick in das Leben an den altindischen Fürstenhöfen, wo Priester und berühmte Wanderlehrer — auch gelehrte Frauen darunter — zusammenströmten, um ihre Redeturniere vor dem König aufzuführen, der sich nicht selten in die theologischen und philosophischen Unterhaltungen mischte und die gelehrten Brahmanen durch sein Wissen beschämte; — und einen Einblick auch in das Schulleben jener alten Zeiten, wo fahrende Schüler weite Reisen unternahmen, um irgendeinen berühmten Lehrer zu »hören«, einen Lehrer, zu dem die Schüler von allen Seiten herzugelaufen kamen, »wie Wasser in den Abgrund stürzen und Monde in das Jahr versinken«¹). Aber neben Abschnitten von tiefem philosophischem Gehalt und neben Stücken, die den Vergleich mit den Dialogen Platos sehr wohl aushalten, finden wir in den Upaniṣads auch vieles, was philosophisch und litterarisch ganz wertlos ist.

### [v1.c8.s8.51](https://indike.org/pramana/ins.literature.winternitz-1905.v1.c8.s8.51)

¹ Taittirīya-Upaniṣad I, 3.

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