Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s6.t7: Stotras, Dhāraṇīs und Tantras
Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s6.t7
- Language
- German
Stotras, Dhāraṇīs und Tantras
v2.c16.s6.t7.1
Auf die große Ähnlichkeit zwischen den Mahāyānasūtras und den Purāṇas wurde schon wiederholt hingewiesen. Und so wie wir gesehen haben, daß sich an die Purāṇalitteratur zahlreiche Māhātmyas und Stotras anschließen¹), so finden wir auch in der Mahāyānalitteratur viele derartige Texte. Das buddhistische Svayambhū-Purāṇa, ein Māhātmya von Nepal und dessen Heiligtümern, wurde schon erwähnt²). Svayambhū³) ist hier der Ādi-Buddha, der »Ur-Buddha«, der vollständig zum Gott (im monotheistischen Sinne) gewordene Buddha; und das Purāṇa erzählt — ganz im Stile der viṣṇuitischen und śivaitischen Māhātmyas — Legenden von dem Ursprung des Landes Nepal, des Heiligtums von Svayambhū und zahlreicher heil- und wunderkräftiger, von Schlangengottheiten (Nāgas) beschützter Wallfahrtsorte (Tīrthas).
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¹ Bd. I, S. 451.
v2.c16.s6.t7.3
² Oben Bd. I, S. 482 f. Das X. Buch hat La Vallée Poussin (Université de Gand, Recueil de Travaux publiés par le faculté de phil. et lett. 9e fasc., Gand & Louvain 1893) herausgegeben. Vgl. auch R. Mitra, Nep. Buddh. Lit., p. 249 ff., Hodgson, Essays, p. 115 ff. und S. Lévi, Le Nepál, Paris 1905, I, p. 208 ff.
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³ »Der aus sich selbst Entstandene«, sonst ein Name des Gottes Brahman.
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Auch die buddhistischen Stotras oder Hymnen unterscheiden sich in nichts von denen, die der Verehrung des Viṣṇu oder des Śiva gewidmet sind. Einzelne solcher Stotras haben auch in ältere Texte wie Mahāvastu u. a.⁴) Eingang gefunden. Es gibt aber ganze Sammlungen solcher Hymnen, zum Teil im Kāvya-stil in künstlichen Versmaßen. So ist die Kalyāṇapañcaviṃśatikā, »die fünfundzwanzig Segnungen«, ein Hymnus in 25 Sragdharā-Versen⁵) von einem Dichter Amṛtānanda; das Lokeśvaraśataka ein Hymnus auf den »Herrn der Welt« in hundert Versen von einem Dichter Vajradatta. Eine Sammlung von 49 Hymnen auf Śākyamuni und andere Buddhas und Bodhisattvas ist der Suprabhātastava. Ein Hymnus von der Art, wie sie in Indien seit alter Zeit so häufig waren, nämlich aus einer Aneinanderreihung von Namen oder ehrenden Beiwörtern der Gottheit bestehend, ist die Paramārthanāmasaṃgīti⁶). Andere in Handschriften vorhandene Stotras sind Samantabhadrapraṇidhāna, Mṛgaśatakastuti, Saptabuddhastotra u. a.¹).
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⁴ S. oben S. 192.
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⁵ Eine Unzahl nepalesischer Gottheiten werden um ihren Segen angerufen und angebetet. Übersetzt von H. H. Wilson (Works II, p. 11 ff.).
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⁶ Rāj. Mitra, Nep. Buddh. Lit., pp. 99, 112, 239, 175.
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¹ Catalogue of Sanskrit Manuscripts in the Bodleian Library, Vol. II, by M. Winternitz and A. B. Keith, Oxford 1905, p. 255 ff. Das Saptabuddhastotra hat H. H. Wilson (Works, Vol. II, p. 5 ff.) übersetzt.
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Eine große Anzahl von Stotras sind der buddhistischen Göttin Tārā²), der »Erretterin«, dem weiblichen Seitenstück des Avalokiteśvara, gewidmet. Ein in vollendetem Kāvyastil von dem kaschmirischen Dichter Sarvajñamitra verfaßtes Lobgedicht auf Tārā ist das Sragdharāstotra oder Āryatārāsragdharāstotra in 37 Strophen. Sragdharā, »Kranzträgerin«, ist sowohl ein Name der Tārā als auch der Name des Versmaßes, in dem das Gedicht abgefaßt ist. Der Dichter lebte in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts. Nach der Legende war er ein durch seine Freigebigkeit weit berühmter Mann (nach Tāranātha³) ein Schwiegersohn des Königs von Kaschmir), der schließlich, nachdem er alle seine Schätze weggegeben, als Bettelmönch in die Welt zog. Einst traf er auf dem Wege einen alten Brahmanen, der ihm klagte, daß er arm sei und Geld zur Verheiratung seiner Tochter brauche. Um diesem Manne das Geld zu verschaffen, verkaufte sich Sarvajñamitra selbst einem Könige, der eben ein großes Menschenopfer veranstaltete, zu dem er hundert Menschen benötigte. Als aber der Dichter die Wehklagen seiner Leidensgenossen, mit denen er geopfert werden sollte, vernahm, sang er den Hymnus auf Tārā, und die Göttin kam herbei und rettete die hundert Todesopfer. Während dem Sragdharāstotra dichterischer Wert zukommt, ist das Āryatārānāmāṣṭottaraśatakastotra, »das aus 108 Namen der Edlen Tārā bestehende Preislied«, nur eine Litanei von Namen und Beiwörtern der Göttin; und das Ekaviṁśatistotra, »das Loblied in 21 Versen«, ist nur eine lose Aneinanderreihung von Anrufungen an die Göttin Tārā⁴).
v2.c16.s6.t7.11
² Nach L. A. Waddell (JRAS 1894, p. 63 ff.) ist der Kult der Tārā etwa im 6. Jahrhundert n. Chr. eingeführt worden.
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³ Geschichte des Buddhismus, S. 168 ff.
v2.c16.s6.t7.13
⁴ Diese drei Stotras hat G. de Blonay, Matériaux pour servir à l'histoire de la déesse Boddhique Tārā (Bibl. de l'école des hautes études, fasc. 107), Paris 1895 herausgegeben und übersetzt. Das Sragdharāstotra (mit Kommentar und zwei tibetischen Versionen) ist auch herausgegeben in Bauddhastotrasaṃgraha, vol. I, edited by Satis Chandra Vidyābhūṣaṇa, Calcutta (Bibl. Ind.) 1908. In der Einleitung zählt der Herausgeber nicht weniger als 96 auf Tārā bezügliche Texte auf. Davon sind 62 nur in tibetischer Übersetzung erhalten. Ein großer Verehrer dieser Göttin war auch der oben S. 259 erwähnte Candragomin, dem ein Tārāsādhanaśataka zugeschrieben wird. (Blonay a. a. O., p. 17 f.)
v2.c16.s6.t7.14
Einen großen und wesentlichen Bestandteil der mahāyānistischen Litteratur bilden die Dhāraṇīs oder »Bannsprüche«¹. Das Bedürfnis nach Beschwörungsformeln, Segen- und Zaubersprüchen, dem schon in urältester Zeit die vedischen Mantras, namentlich die des Atharvaveda, Rechnung getragen hatten², war in dem indischen Volksgeist viel zu stark, als daß der Buddhismus ohne sie hätte auskommen können. Wir haben schon gesehen, wie die Buddhisten von Ceylon einige ihrer schönsten Suttas als Parittās oder Pirits verwendeten³. In ähnlicher Weise haben auch die Mahāyānabuddhisten in Indien zum Teil die Sūtras selbst in Zaubersprüche verwandelt. Dazu kamen aber noch endlose Anrufungen an die im Mahāyāna so zahlreichen Götterwesen buddhistischer und hinduistischer Herkunft und — last not least — die schon in der Opfermystik des Yajurveda⁴ so beliebten geheimnisvollen Wörter und Silben. Ein gutes Beispiel von einem für Zauberzwecke zusammengestellten Sūtra ist das Meghasūtra⁵. Es beginnt ähnlich wie andere Mahāyānasūtras mit den Worten: »Also habe ich gehört; einst weilte der Herr in dem Palaste der Schlangenfürsten Nanda und Upananda« usw. Es erzählt dann, wie die Schlangengottheiten dem Buddha und den Bodhisattvas Verehrung darbringen, worauf einer der Schlangenfürsten an den Erhabenen die Frage richtet:
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¹ Dhāraṇī bedeutet wörtlich: »Ein Mittel zum Festhalten« (nämlich der Geister oder geheimnisvollen Mächte), nicht »die eine große Wirksamkeit in sich schließende oder besitzende (Formel)«, wie Burnouf mit H. H. Wilson erklärt. Ausführlich handeln über die Dhāraṇīs Burnouf, Introduction, pp. 466, 482 ff., Wassiljew, Der Buddhismus, S. 153 ff., 193 ff., 217 und La Vallée Poussin, Bouddhisme, Études et Matériaux, p. 119 ff.
v2.c16.s6.t7.16
² Oben Bd. I, S. 94 ff., 103 ff.
v2.c16.s6.t7.17
³ Oben S. 63.
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⁴ Oben Bd. I, S. 162 f.
v2.c16.s6.t7.19
⁵ Vgl. C. Bendall, JRAS 1880, p. 286 ff. Ein Mahāmeghasūtra wurde schon zwischen 397 und 439 ins Chinesische übersetzt, andere Übersetzungen wurden 589—618, bzw. 746—771 gemacht. Vgl. B. Nanjio, Catalogue, Nr. 186—188, 244, 970.
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»Wie, Herr, können alle Schmerzen aller Schlangen gestillt und wie können die Schlangen so erfreut und beglückt werden, daß sie zur rechten Zeit Regengüsse über Indien herabsenden und dadurch alle Gräser, Sträucher, Kräuter und Bäume wachsen, alle Saaten sprießen und alle Säfte hervorquellen lassen, wodurch dann die Menschen in Indien mit Wohlfahrt gesegnet werden?« Erfreut über die Frage, antwortet der Buddha: »Durch eine Religionsübung (dharma), o Schlangenfürst, können alle Schmerzen aller Schlangen insgesamt gestillt und sie mit Wohlfahrt gesegnet werden. Welches ist diese eine Religionsübung? Das Wohlwollen (maitrī) ist es. Die Götter und Menschen, o Schlangenfürst, die so im Wohlwollen dahin leben, werden nicht vom Feuer verbrannt, nicht vom Schwert verletzt, nicht vom Wasser fortgeschleppt, nicht vom Gift getötet, nicht vom Feindesheer überwältigt. Sie schlafen ruhig, und ruhig wachen sie auf, sie sind von ihrer eigenen Tugend beschützt ... Darum, o Schlangenfürst, mußt du dich wohlwollend mit dem Körper, wohlwollend mit der Rede, wohlwollend mit dem Geiste betätigen. Ferner aber, o Schlangenfürst, mußt du die Sarvasukhandadā (»die Allheilgewährende«) genannte Dhāraṇī in Anwendung bringen. Diese stillt alle Schmerzen aller Schlangen, verleiht alles Heil, bringt dann hier über Indien zur rechten Zeit die Regengüsse hernieder und läßt alle Gräser, Sträucher, Kräuter und Bäume wachsen, alle Saaten sprießen und alle Säfte hervorquellen. Und wie lautet diese Dhāraṇī?«
v2.c16.s6.t7.21
Dann folgen die eigentlichen Dhāraṇīs, die aus zahlreichen Anrufungen an weibliche Gottheiten (wie »Halterin«, »Festhalterin« usw.), an Buddhas und Bodhisattvas mit eingeschalteten Sätzen (wie »Schüttle ab das Böse«, »Reinige die Wege«) und Beschwörungen an die Schlangen (wie »Kommet, ihr großen Schlangen ... regnet in Indien«) und endlich aus immer wieder eingestreuten Silben (wie sara sire sire suru suru nāgānāṃ java java jivi jivi juvu juvu u. dgl.) bestehen. Zum Schlusse folgt noch die Beschreibung der Zauberriten, die mit diesen Dhāraṇīs vollzogen werden, und die Versicherung, daß es in Zeiten der Dürre kein besseres Mittel gebe, Regen herbeizuführen, als die Anwendung dieses Sūtras¹).
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¹ Eine viel einfachere Form einer Schlangenbeschwörung, die aber als Mittel gegen Schlangenbisse dienen soll, findet man schon im Vinayapiṭaka, Cullavagga V, 6, wo die Schlangen durch das buddhistische Wohlwollen (metta, maitrī) besänftigt werden. Vgl. auch Jātaka 203 und Dīghanikāya 32. Ein ähnliches Sūtra wie das Meghasūtra ist das Diśasvāstikasūtra, das in einem Fragment aus Turfan in uigurischer Sprache erhalten ist (Ṭišastvustik von W. Radloff und Baron A. von Staël-Holstein, Bibl. Buddhica XII, St. Petersburg 1910).
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In ähnlicher Weise erscheinen die Dhāraṇīs oft als Bestandteile von Sūtras, in denen die Umstände berichtet werden, unter denen sie verkündet wurden. Es gibt aber auch zahlreiche Dhāraṇīs, die einzeln in Handschriften erhalten sind, und andrerseits ganze große Sammlungen von Dhāraṇīs¹). Wir finden da Beschwörungsformeln gegen den Einfluß böser Gestirne, gegen Gift, gegen Schlangen und Dämonen, Sprüche zur Heilung von Krankheiten und zur Verlängerung des Lebens, Zaubersprüche, die Glück im Kriege bringen sollen, andere, die bewirken, daß man im Paradies Sukhāvatī wiedergeboren wird, daß man keine schlechte Wiedergeburt erlangt, daß man von Sünde befreit wird; es gibt auch solche, durch die man einen Bodhisattva herbeizaubern oder durch die man sich vor Unglauben schützen kann. Nicht nur Wind und Wetter können durch Dhāraṇīs beeinflußt werden, sondern sie bewirken auch je nach dem Wunsch der Schwangeren die Geburt eines Sohnes oder einer Tochter. Ungemein beliebt ist in Nepal die »Pañcarakṣā« (»Fünf-Schutz«) genannte Sammlung von fünf Dhāraṇīs, nämlich: 1. Mahāpratisarā zum Schutz gegen Sünde, Krankheit und andere Übel, 2. Mahāsahasrapramardinī gegen böse Geister, 3. Mahāmayūrī gegen Schlangengift, 4. Mahāśītavatī gegen feindliche Planeten, wilde Tiere und giftige Insekten und 5. Mahā(rakṣā)mantrānusāriṇī gegen Krankheiten²). Solche zum Schutze gegen allerlei böse Mächte dienende Dhāraṇīs werden auch häufig als Amulette verwendet.
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¹ Z. B. Dhāraṇī(mantra)saṃgraha, Rāj. Mitra, Nep. Buddh. Lit., p. 80 f. Andere einzelne Dhāraṇīs und Dhāraṇīsammlungen ebendas. pp. 93 f., 174, 176, 267 f., 283, 291 f. Zahlreiche Dhāraṇī-Handschriften sind auch in Bendall's Catalogue verzeichnet. Daß ein im Ādikarmapradīpa zitiertes »Vidyādharapiṭaka« dasselbe wie ein Dhāraṇīpiṭaka sei, vermutet La Vallée Poussin, JRAS 1895, p. 433 ff. Ein solches Dhāraṇīpiṭaka soll nach Hiuen-Tsiang im Kanon der Mahāsāṅghikas enthalten gewesen sein (Kern, Manual, p. 4).
v2.c16.s6.t7.25
² Vgl. Rāj. Mitra, Nep. Buddh. Lit., pp. 164 ff., 173 f. Winternitz and Keith, Catalogue of Sanskrit Manuscripts in the Bodleian Library, Vol. II, p. 257 ff. In nepalesischen Gerichtshöfen läßt man die Buddhisten auf die Pañcarakṣā schwören (Hodgson, Essays, p. 18).
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Manche Dhāraṇīs sind nur eine Art Zusammenfassung philosophischer Sūtras, deren Lehren sie in nuce geben wollen, wobei es aber weniger auf den Inhalt der Lehre, als auf die geheimnisvollen und unverständlichen Worte ankommt. Von der Art sind die beiden Prajñāpāramitāhṛdayasūtras, deren Sanskrittext uns in den alten, seit dem Jahre 609 n. Chr. in dem Kloster von Hôriuzi in Japan aufbewahrten Palmblättern erhalten ist. Diese Sūtras lehren das »Herz« (hṛdaya) der Prajñāpāramitā, d. h. den »alle Schmerzen stillenden Mantra«, der die Vollkommenheit der Weisheit enthält und lautet: »O Erleuchtung, die du gegangen, gegangen, zum anderen Ufer gegangen, völlig zum anderen Ufer gegangen bist¹), Heil!« Wenn auch dieser Spruch gewissermaßen die Essenz der negativistischen Lehre der Prajñāpāramitāsūtras darstellen soll, so steht er doch auf keinem höheren geistigen Niveau als die Uṣṇīṣavijayadhāraṇī, die uns ebenfalls in den Palmblättern von Hôriuzi erhalten ist und nur aus einer Reihe von sinnlosen Anrufungen besteht²).
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¹ Das ist nichts anderes als eine falsche Etymologie von pāramitā.
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² Vgl. The Ancient Palm Leaves containing the Prajñā-pāramitā-hṛdaya-sūtra and the Uṣṇīṣa-vijayadhāraṇī edited by F. Max Müller and Bunyiu Nanjio (Anecdota Oxoniensia, Aryan Series, Vol. I, Part III), Oxford 1884 und SBE vol. 49, part II, p. 145 ff.
v2.c16.s6.t7.29
Die Dhāraṇīs sind auch vielfach in die älteren Mahāyānasūtras eingedrungen. Wir finden sie in den später angefügten Kapiteln (21 und 26) des Saddharmapuṇḍarīka und in den beiden letzten in der ältesten chinesischen Übersetzung (443 n. Chr.) noch fehlenden Abschnitten des Laṅkāvatāra. Dennoch dürfen wir die Dhāraṇīs nicht für ganz junge Erzeugnisse halten. Wir finden sie in chinesischen Übersetzungen doch schon vom 4. Jahrhundert angefangen. Vermutlich waren sie aber ursprünglich verständliche Sūtras, die noch buddhistische Lehren enthielten, ähnlich wie die Parittās der Pālilitteratur. Aber immer mehr wurden die unverständlichen, geheimnisvollen Silben die Hauptsache, der »Kern« (bīja), in dem die Zauberkraft des Spruches verborgen war. Und schließlich wurden sie unter dem Einfluß der śivaitischen Tantras³) zu einem reinen Kauderwelsch und zu wesentlichen Bestandteilen der buddhistischen Tantras, was sie ursprünglich nicht gewesen waren.
v2.c16.s6.t7.30
³ So ist die Gaṇapatihṛdayadhāraṇī (Rāj. Mitra, Nep. Buddh. Lit., p. 89 f.) an den śivaitischen Gott Gaṇapati gerichtet, trotzdem sie »von Buddha verkündet« wird.
v2.c16.s6.t7.31
Die Tantras aber sind jener Zweig der buddhistischen Litteratur, der nur mehr als ein Zeuge des völligen geistigen Niedergangs innerhalb des Buddhismus Beachtung verdient. Sie handeln teils über Riten (Kriyātantra) und Regeln des Betragens (Caryātantra), teils über die für den Yogin geltende Geheimlehre (Yogatantra). Die besten dieser Werke sind noch jene der ersten Klasse, in denen das alte brahmanische Ritualwesen wieder auflebt. Von der Art ist der Ādikarmapradīpa¹), ein Werk, das im Stile der brahmanischen Lehrbücher des Rituals (Gṛhyasūtras, Karmapradīpas) die Zeremonien und religiösen Handlungen beschreibt, die der »Ādikarmika-Bodhisattva«, d. h. der Anhänger des Mahāyāna und Anwärter auf die Erleuchtung, zu vollziehen hat. Das aus einem Sūtratext (mūlasūtra) mit fortlaufendem Kommentar bestehende Werk enthält Vorschriften über die Weihezeremonien für den Jünger (der ein Laie oder ein Mönch sein kann), Besprengungen, Waschungen und Gebete, ferner Regeln über Mundausspülen, Zähneputzen, Morgen- und Abendandachten, Wasserspenden für die Abgeschiedenen (Pretas), Almosengeben, Mahlzeiten, Verehrung der Buddhas und anderer heiligen Wesen, Lesen der Prajñāpāramitā, Meditationen usw., wie sie zu den verschiedenen Tageszeiten von dem Kandidaten (dem Anfänger im Gegensatz zu dem vollendeten Yogin) zu vollziehen sind.
v2.c16.s6.t7.32
¹ Herausgegeben mit Einleitung und Analyse des Inhalts von La Vallée Poussin, Bouddhisme, Études et Matériaux, pp. 177 bis 232. Ein Ritualwerk ähnlicher Art ist wohl auch die Kriyāsaṃgrahapañjikā von Kuladatta, in der eingehende Vorschriften über die Errichtung von Klöstern (Vihāras) gegeben werden. (Rāj. Mitra, Nep. Buddh. Lit., p. 105 ff.)
v2.c16.s6.t7.33
Zu den Kriyātantratexten gehört auch das Aṣṭamīvratavidhāna, das die Regeln für die am achten Tag jeder Monatshälfte zu vollziehenden Zeremonien enthält. Dabei kommen mystische Diagramme und Handbewegungen zur Verwendung, und Opferspenden und Gebete (mit geheimnisvollen Silben, wie »hrum hrum hrum phat phat phat svāhā«) werden nicht nur an Buddhas und Bodhisattvas, sondern auch an śivaitische Gottheiten gerichtet²).
v2.c16.s6.t7.34
² Vgl. H. H. Wilson, Works II, p. 31 ff.
v2.c16.s6.t7.35
Die große Mehrzahl der Tantras gehört aber zur zweiten Klasse, zum Yogatantra. Diese Werke gehen zwar von der Mystik der Mādhyamika- und Yogācāra-Schulen aus; es ist das höchste Wissen von dem Nichts (śūnyatā), das der Yogin zu erreichen sucht. Aber er erstrebt dieses Ziel nicht nur durch Askese und Meditation, sondern auch durch Zauberriten und Beschwörungen, durch Hypnose und physische Erregung. Zur letzteren dient der Genuß von Fleisch und geistigen Getränken, sowie geschlechtliche Exzesse. So finden wir in diesen Tantras ein Gemisch von Mystik, Zauberei und Erotik mit scheußlichen Orgien¹. Vom eigentlichen Buddhismus ist in diesen Texten kaum mehr etwas übrig geblieben, hingegen schließen sie sich aufs engste an die śivaitischen Tantras an, von denen sie sich durch nichts als durch den äußeren Rahmen und die Versicherung, daß sie »von Buddha verkündet« sind, unterscheiden. Bezeichnend ist das Hervortreten weiblicher Gottheiten, der Yoginīs, Ḍākinīs usw. im Kult. Es wäre vergebens, in diesen Werken Vernunft und Sinn finden zu wollen. Ihre Verfasser sind wahrscheinlich Zauberer, die praktische und wohl größtenteils unlautere Zwecke verfolgten.
v2.c16.s6.t7.36
¹ Zu diesen gehören die fünf M: māṃsa (Fleisch), matsya (Fisch), madya (geistige Getränke), mudrā (geheimnisvolle Fingerverschlingungen) und vor allem maithuna (Geschlechtsverkehr).
v2.c16.s6.t7.37
Trotzdem erfreuen sich viele dieser Werke eines großen Ansehens. So gehört der Tathāgataguhyaka oder Guhyasamāja zu den »neun Dharmas« der nepalesischen Buddhisten. Dieses Werk beginnt zwar mit Vorschriften über die verschiedenen Arten der Meditation, aber es geht bald dazu über, allerlei geheimnisvolle Figuren und Sprüche zu lehren, die für die Verehrung des Buddha notwendig sind. Und es begnügt sich nicht mit dem Hokuspokus der Zauberworte und -riten, sondern lehrt als Mittel zur höchsten Vollendung auch den Genuß des Fleisches von Elefanten, Pferden und Hunden, sowie täglichen Geschlechtsverkehr mit jungen Caṇḍālamädchen². Die Form eines Dialogs zwischen Śākyamuni und einer Göttin hat das Mahākālatantra und es nennt sich »von Buddha verkündet«. Es enthält aber Belehrungen über die mystische Bedeutung der Buchstaben, aus denen der Name Mahākāla (d. i. Śiva) zusammengesetzt ist, über die Mittel, verborgene Schätze zu finden, ein Königreich zu erlangen, die gewünschte Frau zu bekommen, ja sogar Mantras und Zauberriten, durch die man Menschen wahnsinnig machen, unterjochen und töten kann¹). Das Saṃvarodayatantra ist wieder trotz der Form eines Dialoges zwischen Buddha und dem Bodhisattva Vajrapāṇi mehr ein šivaitisches als ein buddhistisches Werk. Der Liṅgakult und die Verehrung šivaitischer Götter werden ausdrücklich darin empfohlen²). Im Kālacakra, das von dem Ādibuddha offenbart sein soll, ist bereits von Mekka und dem Mohammedanismus die Rede. Im Mañjušrīmūlatantra verkündet Šākyamuni unter anderem, daß vierhundert Jahre nach ihm selbst Nāgārjuna kommen werde.
v2.c16.s6.t7.38
² Rāj. Mitra, Nep. Buddh. Lit., p. 261 ff.
v2.c16.s6.t7.39
¹ Burnouf, Introduction, p. 480; Rāj. Mitra, Nep. Buddh. Lit., p. 172 f.
v2.c16.s6.t7.40
² Burnouf, Introduction, p. 479 f.
v2.c16.s6.t7.41
Es kann wohl kaum zweifelhaft sein, daß alle diese Werke lange nach der Zeit des Nāgārjuna und der Mahāyānasūtras verfaßt sind. Und es scheint ausgeschlossen, daß Nāgārjuna, der Begründer der Mādhyamikaschule, auch ein Tantra verfaßt habe. Dennoch werden ihm fünf von den sechs Abschnitten des Pañcakrama³) zugeschrieben. Allerdings handelt dieses Werk mehr von dem Yoga als von den eigentlichen tantrischen Gebräuchen. Wie der Name besagt, ist der Pañcakrama eine Darlegung der »fünf Stufen«, deren letzte der endgültige Besitz des allerhöchsten Yoga ist. Die Vorstufen bestehen in der Reinigung von Körper, Rede und Geist, so daß diese die »Diamant«-Natur⁴) des Körpers, der Rede und des Geistes der Buddhas erhalten. Die Mittel aber zur Erreichung der fünf Stufen sind Zauberkreise, Zauberformeln, geheimnisvolle Silben und die Verehrung mahāyānistischer und tantrischer Gottheiten. Auf diese Weise erlangt der Yogin die allerhöchste Stufe, wo alle Unterschiede aufhören und es absolut keine Zweiheit mehr gibt. Von diesem Yogin heißt es (VI, 30 ff.):
v2.c16.s6.t7.42
³ Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von La Vallée Poussin, Études et Textes Tantriques (Recueil de Travaux publiés par la faculté de philosophie et letters, Université de Gand, fasc. 16), Gand et Louvain 1896. Vgl. Burnouf, Introduction, p. 497 ff.
v2.c16.s6.t7.43
⁴ Vajra, »der Diamant«, spielt in der Mystik der Tantras eine Hauptrolle.
v2.c16.s6.t7.44
»Wie gegen sich, so ist er gegen den Feind; wie die Gattin, so ist ihm die Mutter; wie die Mutter, so ist ihm eine Hure; wie eine Ḍombī (eine Musikantin niedrigster Kaste), so ist ihm eine Brahmanin; ihm ist ein Fell wie ein Kleid; ein Strohhalm wie ein Edelstein, Wein wie Harn, Speise wie Kot, ein Schimpfwort wie ein Lobeshymnus, Indra wie Rudra, der Tag wie die Nacht, das Gesehene wie ein Traum, das Bestehende wie das Vernichtete, der Schmerz wie die Lust, der Sohn wie ein Bösewicht, der Himmel wie die Hölle — und so ist ihm auch das Böse wie das Gute eins.«
v2.c16.s6.t7.45
Wenn wirklich ein Nāgārjuna der Verfasser dieser Abschnitte ist, so ist es wohl ein anderer als der Begründer des Mādhyamikasystems. Als Verfasser des dritten Abschnittes wird aber Śākyamitra¹ genannt, und dieser ist wahrscheinlich derselbe, den Tāranātha als Zeitgenossen des Devapāla von Bengalen (etwa um 850 n. Chr.) erwähnt. Dieser Zeit dürfte auch das ganze Werk angehören. Wenn Tāranātha sagt, daß zur Zeit der Pāladynastie von Bengalen, also vom 9. bis 11. Jahrhundert, Yoga und Zauberei im Buddhismus überwiegen, so dürfte das glaublich sein und die Entstehung der Tantras eher in diese als in eine frühere Zeit fallen². Von dem Geist des Tantra-Buddhismus gibt uns gerade Tāranātha³ in seiner »Geschichte des Buddhismus in Indien« eine gute Vorstellung. Wohl ist hier auch von Mahāyāna und Tripiṭaka, von buddhistischer Wissenschaft und buddhistischer Selbstaufopferung die Rede, aber eine weit größere Rolle spielt doch die Siddhi, die durch Tantras und Mantras erworbene Zauberkunst.
v2.c16.s6.t7.46
¹ In dem Catalogue of Buddhist Sanskrit MSS in the Royal Asiatic Society, by E. B. Cowell and J. Eggeling (JRAS 1876, reprint p. 28) wird ein Pañcakramopadeśa von Śrīghaṇṭa erwähnt.
v2.c16.s6.t7.47
² Diese Litteratur hat keinen volkstümlichen Ursprung, sondern ist in ihrer Art »gelehrt«. (Vgl. oben Bd. I, S. 482.) La Vallée Poussin (Bouddhisme, Études et Matériaux, p. 76, JRAS 1899, p. 141 f.) ist geneigt, die Tantras und den Tantra-Buddhismus für alt zu halten. Dafür läßt sich aber gar kein Beweis erbringen (s. Rapson, JRAS 1898, p. 909 ff.). Haraprasād Shāstrī JASB, Proceedings 1900, p. 100 ff. sucht die Tantralitteratur für das 5. oder 6. Jahrh. n. Chr. zu erweisen.
v2.c16.s6.t7.48
³ Tāranātha ist 1573 geboren und beendete sein von A. Schiefner übersetztes Werk, das auf Grund indischer und tibetischer Quellen geschrieben ist, im Jahre 1608. Er berichtet (z. B. S. 189 ff.) von förmlichen Zauberwettkämpfen.
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Barbarisch wie der Inhalt der Tantras ist in der Regel auch das Sanskrit, in dem sie geschrieben sind. Und man möchte an ihnen gerne stillschweigend vorübergehen, wenn sie nicht im nördlichen Indien, in Tibet und später auch in China eine so große Verbreitung gefunden hätten, daß ihnen jedenfalls eine große kulturgeschichtliche Bedeutung zukommt¹).
v2.c16.s6.t7.50
¹ Auszüge aus Mādhyamaka- und Tantratexten enthält die von Bendall herausgegebene Anthologie Subhāṣitasaṃgraha (Le Muséon 1903, p. 375 ff.). Reine Zaubertexte sind die Sādhanas, herausgegeben von F. W. Thomas (ebendaselbst p. 1 ff.). Von dem großen Umfang der Tantralitteratur in Indien geben die Handschriftenkataloge eine Vorstellung. In Tibet waren sie das beste Mittel zur Verschmelzung des Buddhismus mit dem einheimischen Zauberglauben. Nach China wurden Tantras seit 1200 n. Chr. gebracht. Über einige Sanskrit-MSS., die A. O. Franke in China gefunden hat, berichtet F. Kielhorn, JRAS 1894, p. 835 ff. In Japan stützt sich die Shin-gon-Sekte auf Tantratexte (B. Nanjio, Short History of the Twelve Japanese Buddhist Sects, p. 78 ff.). Über die Tantras und den Tantra-Buddhismus vgl. Burnouf, Introduction, p. 465 ff., 578 f.; Wassiljew, Der Buddhismus, S. 201 ff.; besonders aber La Vallée Poussin, Bouddhisme, Études et Matériaux, pp. 72 ff., 130 ff. und Bouddhisme, pp. 343 ff., 378 ff.
Cites (25)
- Jātaka — Pāli
- Cullavagga — Pāli
- Mahāvastu — Sanskrit
- Svayambhūpurāṇa — Sanskrit
- Pañcakrama — Sanskrit
- Ādikarmapradīpa — Sanskrit
- Guhyasamājatantra — Sanskrit
- Kriyāsaṁgrahapañjikā — Sanskrit
- Āryatārāsragdharāstotra — Sarvajñamitra, Sanskrit
- Suprabhātastava — Sanskrit
- Saptabuddhastotram — Sanskrit
- Gaṇapatihṛdayā Dhāraṇī — Sanskrit
- Prajñāpāramitāhṛdayasūtra — Sanskrit
- Dīghanikāya — Pāli
- Guhyasamāja — Sanskrit
- Mahākālatantra — Sanskrit
- Pañcarakṣā — Sanskrit
- Ekaviṃśatistotra — Sanskrit
- Kālacakra — Sanskrit
- Mahāmāyūrī — Sanskrit
- Saddharmapuṇḍarīkasūtra — Sanskrit
- Mahārakṣāmantrānusāriṇīsūtra — Sanskrit
- Uṣṇīṣavijayādhāraṇī — Sanskrit
- Laṅkāvatāra — Samantabhadra, Sanskrit
- Saṃvarodayatantra — Sanskrit