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Geschichte der indischen Litteratur v3.c22.s1: Charakteristik der wissenschaftlichen Litteratur

Geschichte der indischen Litteratur v3.c22.s1

Language
German

Charakteristik der wissenschaftlichen Litteratur

v3.c22.s1.1

Die Wissenschaft ¹ ist in Indien von der Theologie ausgegangen und wurde zuerst in den Brahmanenschulen gepflegt. Die Rezitation der vedischen Hymnen, die Notwendigkeit, die heiligen Worte richtig auszusprechen und weiter zu überliefern, und die Versuche, sie womöglich auch zu verstehen, führten schon früh zu wertvollen grammatischen Studien und Anfängen einer Lexikographie. Bei der großen mystischen Bedeutung, die schon in den Brāhmaṇas den Versmaßen zugeschrieben wird ², ist es kein Wunder, daß man sich auch mit der Metrik eifrig beschäftigte. Die Philosophie ³, die in den Upaniṣads — wenn auch in halb dichterischer Form — schon eine hohe Stufe der Entwicklung erreicht hatte, konnte sich nie ganz von der Theologie loslösen. Der vedische Festkalender erforderte ein Studium der Himmelskörper und ihrer Bewegungen und führte zu den Anfängen astronomischer Kenntnisse. Der Bau des Opferaltars erforderte Messungen und führte zur Geometrie. In den Zaubersprüchen des Atharvaveda und den sich an sie anschließenden exegetischen Werken stecken die ersten Anfänge einer medizinischen Wissenschaft. An der Spitze der sechs Vedāṅgas, in denen wir die ersten Anfänge einer wissenschaftlichen Litteratur erkannt haben¹), steht aber der Kalpa, die Ritualwissenschaft. Diese ist natürlich immer nur ein Zweig der Theologie geblieben. Aber an sie schloß sich unmittelbar an die Wissenschaft vom Dharma, vom religiösen und weltlichen Brauch und Recht, die, allmählich den Boden der Theologie verlassend, sich zu einer umfassenden Rechtslitteratur entwickelte.

v3.c22.s1.2

¹ Der indische Ausdruck für ein wissenschaftliches Werk ist šāstra. Mit demselben Wort wird aber auch jedes einzelne Wissensgebiet bezeichnet. Šāstra ist daher sowohl »Lehrbuch« als auch »Wissenschaft«.

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² S. oben I, 157 f.

v3.c22.s1.4

³ Über die Anfänge der Philosophie und der Wissenschaft überhaupt in den Brāhmaṇas s. H. Oldenberg, Vorwissenschaftliche Wissenschaft, die Weltanschauung der Brāhmaṇa-Texte, Göttingen 1919.

v3.c22.s1.5

¹ S. oben I, 229 ff.

v3.c22.s1.6

Alle diese Wissenschaften wurden zuerst in den vedischen Schulen gepflegt, deren Aufgabe es war, die Schüler mit bestimmten heiligen Texten — mit irgendeiner Saṃhitā und den dazugehörigen Brāhmaṇas, Āraṇyakas und Upaniṣads sowie auch mit den Vedāṅgas bekannt zu machen. Je mehr sich aber die einzelnen Wissenschaften entwickelten, desto unmöglicher wurde es, sie alle in den vedischen Schulen zu bewältigen. So traten schon frühzeitig neben diese Vedaschulen eigene Fachschulen²), die sich nur mit dem Lehren und Lernen eines bestimmten Wissensgebietes befaßten. Und im Laufe der Zeit wurden die alten vedischen Schulen durch die Fachschulen ganz in den Hintergrund gedrängt.

v3.c22.s1.7

² Schon zu Yāskas Zeit gab es besondere Fachschulen, wenigstens für manche Wissenszweige, denn er erwähnt im Nirukta die Yājñikas (Kenner der Opferwissenschaft), die Vaiyākaraṇas (Grammatiker) und die Nairuktas (Etymologen). Vgl. Bühler, SBE, vol. 25, p. L f.

v3.c22.s1.8

Völlig unabhängig von der Theologie entwickelten sich nur die Poetik, die wir schon im Zusammenhang mit der Kunstdichtung behandeln mußten, und jene Wissenschaften, die unter dem Namen Arthaśāstra zusammengefaßt werden, d. h. die Wissenschaften von den praktischen Dingen des Lebens: Politik, Wirtschaft und Technik. Eine rein weltliche Wissenschaft ist auch das Kāmaśāstra, die Wissenschaft von der Geschlechtsliebe³).

v3.c22.s1.9

³ Einen kurzen, zusammenfassenden Überblick über alle Wissenschaften vom Standpunkt eines orthodoxen, vedāntagläubigen Hindu gibt Madhusūdana Sarasvatī in seinem Prasthānabheda (»Einteilung der Systeme«), herausgegeben und übersetzt von A. Weber, Ind. Studien I, S. 1 ff.; herausgegeben auch in ĀnSS Nr. 51; übersetzt von P. Deussen, Allgemeine Geschichte der Philosophie I, 1, S. 44 ff.; auszugsweise wiedergegeben von Max Müller, The Six Systems of Indian Philosophy, New Ed., London 1903, p. 75 ff. Vāyu-Purāṇa 61, 78 sagt, es gebe 14 Wissenschaften (nämlich die 4 Vedas, 6 Vedāṅgas, Mīmāṃsā, Nyāya, Dharmaśāstra und Purāṇa) oder 18 Wissenschaften, indem noch Medizin, Kriegswissenschaft, Musik und Arthaśāstra aufgezählt werden. Vgl. auch Fleet, Corpus Inscriptionum Indicarum III, 114 f.

v3.c22.s1.10

Die älteste Form, in der alle Wissenschaft in den Brahmanenschulen gelehrt wurde, war, wie wir gesehen haben¹), die aphoristische Prosa, der Sūtrastil. Charakteristisch für diesen Stil und weiterhin für den Stil der wissenschaftlichen Litteratur überhaupt ist der Gebrauch von Hauptwörtern mit fast völligem Zurücktreten des Zeitwortes. Abstrakte Nomina und Komposita werden mit Vorliebe verwendet²). Der Sūtrastil wurde in den Fachschulen, namentlich in den Werken der älteren Zeit, auch noch beibehalten; aber häufig in der Weise, daß sich an die Sūtras unmittelbar ein von dem Verfasser selbst oder einem seiner Schüler herrührender Kommentar (Bhāṣya) anschloß. Und es entwickelte sich in der wissenschaftlichen Litteratur — wahrscheinlich zuerst in der Grammatik und in der Philosophie — ein eigener Bhāṣyastil, eine hochentwickelte Form der gelehrten Prosa. Entstanden ist dieser in Form einer Disputation gehaltene Stil ganz natürlich aus der Art des wissenschaftlichen Betriebes in Indien. Dieser spielte sich nämlich zum großen Teil in den Sabhās, den Versammlungen der Gelehrten an den Fürstenhöfen oder in den Häusern reicher und vornehmer Leute, ab. Hier mußte jede neue Lehre in gelehrten Disputationen erst verfochten werden, wenn sie sich durchsetzen sollte. Daher kommt es auch, daß die wissenschaftliche Litteratur in Indien beinahe ganz scholastisch und dialektisch ist³). Aber ebenso erklärt sich daraus, daß der trockene Stil wissenschaftlicher Erörterungen doch öfter durch Einflechtung von anschaulichen Vergleichen oder Hinweisen auf Vorkommnisse des täglichen Lebens angenehm unterbrochen wird. Insbesondere werden in den mündlichen Disputationen der Gelehrten und daher auch in den wissenschaftlichen Werken häufig sogenannte Nyāyas oder »Regeln« angeführt, die zur Belebung des Stils nicht wenig beitragen. Man spricht z. B. von der »Regel von der Lampe auf der Schwelle«, die sowohl nach innen wie nach außen leuchtet, wenn ein Argument gebraucht wird, das zwei Zwecken zugleich dient. Oder man sagt einem Gegner: »Es ist nicht die Schuld des Baumstammes, wenn ihn der Blinde nicht sieht,« oder: »Wer sich auf einen Blinden stützt, wird auf Schritt und Tritt fallen,« oder: »Was nützt dem Blinden ein Spiegel.« Einem Inkonsequenten wird gesagt: »Du kannst nicht die eine Hälfte des Huhnes zum Braten und die andere zum Eierlegen bestimmen«¹).

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¹ ) Oben I, 129 ff.

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² ) Vgl. H. Jacobi, Über den nominalen Stil des wissenschaftlichen Sanskrits, in Indogerman. Forschungen 14, 1903, S. 236 ff.

v3.c22.s1.13

³ ) Vgl. Jacobi, Int. Wochenschrift 29. Okt. 1910.

v3.c22.s1.14

¹ Sammlungen solcher Nyāyas hat G. A. Jacob, Laukikanyāyāñjali, A Handful (a second ... a third Handful) of Popular Maxims, Bombay 1900—1904, veröffentlicht. Ergänzungen dazu JRAS 1909, 460 ff.; Vanamāli Chakravartti, Ind. Ant. 41, 1912, 33 ff. (dazu Jacob l. c. 213 f.); und V. S. Ghate, Ind. Ant. 42, 1913, 250 f.

v3.c22.s1.15

Wissenschaftliche Lehren wurden aber auch schon in alter Zeit nicht bloß in Sūtras vorgetragen, sondern auch in Versen (Kārikās, »Memorialversen«) zusammengefaßt, die in größerer oder geringerer Zahl in den meisten Sūtratexten eingeflochten werden. Und in späterer Zeit wurden immer häufiger wissenschaftliche Werke ganz in Versen (Ślokas) abgefaßt, namentlich dann, wenn sie auch für weitere Kreise bestimmt waren.

v3.c22.s1.16

Von den ältesten wissenschaftlichen Werken sind uns in der Regel nur die Namen der Verfasser bekannt. Diese werden zitiert, häufig mit Ehren genannt, aber ihre Werke wurden durch irgendein jüngeres Lehrbuch verdrängt, das sich behauptete, während die älteren Werke nicht mehr abgeschrieben wurden und daher für uns verloren sind. Darum ist die Geschichte der wissenschaftlichen Litteratur im wesentlichen nur die Geschichte einiger älterer (aber nicht der ältesten) Hauptwerke und einer großen Masse von Kommentaren und Kompendien, die aus späterer Zeit stammen.

Cites (3)