Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s4.t2: 2. Der Jainismus in Gujarât
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s4.t2
- Language
- German
2. Der Jainismus in Gujarât
c7.s4.t2.1
In keiner Landschaft Indiens hat der Jainaglaube seit jeher eine so hohe Bedeutung gewonnen wie in Gujarât. Hier soll schon der zweiundzwanzigste Tirthankara, Arishtanemi, gewirkt haben, hier ging er in die Seligkeit ein, hier erlangten viele Fromme auf den geweihten Bergen von Girnâr und Shatrunjaya das Heil. Die hohe Stellung, deren sich Gujarât schon frühzeitig bei den Shvetâmbaras erfreute, tritt aufs deutlichste darin hervor, daß dort im Orte Valabhî im Jahre 980 (993) nach Mahâvîras Nirvâna das Konzil stattfand, auf welchem die weißgekleidete Konfession ihren heiligen Schriften die endgültige Fassung gab.
c7.s4.t2.2
Herrscher und Machthaber aus den verschiedensten edlen Häusern traten in Gujarât als Schirmherren der Jainalehre auf. Der König Vanarâja (ca. 720 780 n. Chr.) aus der Dynastie der Câvadâs soll von dem Jainamönche Shîlaguna Sûri im Walde aufgezogen worden sein, bevor er das Königtum erlangte, und der Religion der Tirthankaras darum auch später seine Anhänglichkeit bewahrt haben. Als er die Stadt Anahilvâda Pattana gründete, ließ er sie mit Jaina-Mantras weihen und schmückte sie mit einem Tempel, in welchem er selbst als Verehrer des Pârshvanâtha dargestellt war 28.
c7.s4.t2.3
Große Gönner besaß der Jainismus vor allem in einigen Königen aus der Dynastie der Caulukya (Solanki). Der Begründer derselben, Mûlarâja (961 996), wenn auch selbst ein Shivait, erbaute Jainatempel. Unter dem König Bhîma I. (1022—1064) errichtete der fromme Laie Vimala im Jahre 1032 auf dem herrlichen Gipfel des Berges Âbû die berühmten Jaina-Tempel, die unter dem Namen Vimala-vasahi (Vimalas Residenz) noch heute den Ruhm des Âbû bilden ²⁹.
c7.s4.t2.4
Einen großen Aufschwung nahm der Jainaglaube in Gujarât in der Folge vor allem dank der Tätigkeit des berühmten Hemacandra, des bedeutendsten Schriftstellers, den die Shvetâmbaras hervorgebracht haben. Hemacandra oder Cangadeva, wie er mit seinem ursprünglichen, weltlichen Namen hieß, wurde im Jahre 1088 oder 1089 in Dhandhûka in Gujarât als Sohn eines Jaina-Kaufmanns geboren ³⁰. Der Mönch Devacandra, der auf den intelligenten Knaben aufmerksam geworden war, ließ sich von den Eltern die Erziehung desselben übertragen und erteilte ihm mit acht (neun) Jahren die Weihe, bei welcher Gelegenheit er ihm den Namen Somacandra beilegte. In allen Zweigen der Jaina-Lehre unterwiesen, erwarb sich der Jüngling kraft seiner außergewöhnlichen Begabung bedeutende Kenntnisse; auch die brahmanische Gelehrsamkeit machte er sich vollkommen zu eigen. Mit einundzwanzig Jahren wurde er unter dem Namen Hemacandra zum Âcârya (Meister) und Nachfolger seines Lehrers geweiht. Sein Wissen und seine Schlagfertigkeit in der Unterhaltung erwarben ihm die Freundschaft des Königs Jayasinha Siddhârâja (1094–1143) aus der Caulukya-Dynastie *). Dieser hervorragende Herrscher, der sich durch seine Feldzüge und Bauten großen Ruhm erwarb, war ein begeisterter Freund der Literatur und Philosophie. Obwohl selbst ein gläubiger Shiva-Verehrer, zog er den Jaina-Mönch an seinen Hof in Anahilvâda-Pattana. Im Auftrage seines fürstlichen Gönners verfaßte Hemacandra seine berühmte Grammatik, das sog. Siddhahemacandra (d. h. das für Siddhârâja von Hemacandra geschriebene Werk) und eine Reihe von anderen Büchern. Seine Beziehungen zum Könige wußte der Mönch für seine Religion geschickt auszuwerten; wenn Jayasinha auch nicht den Jainaglauben annahm, so veranlaßte Hemacandra ihn doch dazu, dem Mahâvîra in Siddhapura einen Tempel zu bauen und bei einer Wallfahrt, die er mit ihm unternahm, auf dem
c7.s4.t2.5
*) Der Name „Siddharâja“ bedeutet „König der Zauberer“; er wurde dem Jayasinha gegeben, weil er über magische Kräfte verfügt haben soll, die er dadurch erhielt, daß er den Dämon Barbaraka besiegte und sich untertänig machte.
c7.s4.t2.6
Berge Girnâr den Neminâtha zu verehren. Für das Interesse, das der Monarch am Jainismus nahm, ist auch die Tatsache bezeichnend, daß an seinem Hofe einmal ein großer Redekampf zwischen dem aus dem Karnâtak zugereisten Digambara Kumudacandra und dem Shvetâmbara Devacandra stattfand; die Disputation endete mit dem Siege des Shvetâmbara, wobei höfische Intriguen mitgespielt haben sollen. Daß Jayasinha den Jainas jedoch nicht immer wohl gesinnt war, lehrt der glaubwürdig berichtete Umstand, daß er zeitweilig das Hissen von Bannern auf Jaina-Tempeln verbot.
c7.s4.t2.7
Als Jayasinha 1143 kinderlos gestorben war, folgte ihm sein Großneffe Kumârapâla auf dem Thron von Gujarât. Auch bei diesem schuf sich Hemacandra eine einflußreiche Stellung. Er verstand es, den König allmählich für den Jainismus zu gewinnen und ihn schließlich ganz zu diesem zu bekehren. Kumârapâla entsagte darauf dem Fleischgenuß und der Jagd und verbot in seinem Reiche das Schlachten von Tieren, das Essen von Fleisch, das Genießen geistiger Getränke und das Glückspiel. Diese Maßnahmen, die Gujarât in einen Jaina-Musterstaat verwandelten, wurden aufs strengste durchgeführt: die Schlächter mußten ihr Gewerbe aufgeben, wofür sie durch einen Betrag in der Höhe eines Dreijahres-Einkommens entschädigt wurden, und die Brahmanen die Tieropfer durch Getreidespenden ersetzen. Hemacandra scheint es in äußerst geschickter Weise verstanden zu haben, den Herrscher seinem Gelübde treu zu erhalten, auch dann, wenn dieses mit den ererbten Königspflichten kollidierte. Râjashekhara erzählt hierüber in seinem Prabandhakosha die folgende Anekdote: „Kurze Zeit, nachdem Kumârapâla die Schonung der lebenden Wesen geboten hatte, kam die lichte Hälfte des Monats Âshvina herbei. Da ließen die Priester der Kanteshvarî und der übrigen Göttinnen den König wissen: „Herr, am siebenten Tage muß der König nach dem Brauche der Vorfahren den Göttinnen 700 Ziegen und 7 Büffel geben, am achten 800 Ziegen und 8 Büffel, am neunten aber 900 Ziegen und 9 Büffel.“ Als der König das gehört hatte, ging er zu Hemacandra und teilte ihm die Sache mit. Der große Lehrer flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf der König sich erhob und den Priestern das Gebührende zu geben versprach. Nachts wurden die Tiere in den Tempel der Göttin geführt, die Schlösser desselben fest zugemacht und verläßliche Râjputen als Wachen aufgestellt. Am nächsten Morgen kam der König und ließ die Türen des Tempels öffnen. In der Mitte sah man die Tiere wiederkäuend liegen, erquickt durch das vor dem Winde geschützte Lager. Da sagte der Fürst: „Priester, diese Tiere habe ich den Göttinnen gegeben. Wenn die an ihnen Gefallen gefunden hätten, so würden sie dieselben verzehrt haben. Sie sind aber nicht verzehrt. Deshalb finden die Göttinnen keinen Gefallen an Fleisch. Ihr aber liebt es. Darum seid ganz still; ich werde nicht erlauben, daß lebende Wesen getötet werden.“ Die Priester ließen die Köpfe hängen. Die Ziegen wurden freigelassen. Der König ließ aber den Göttinnen Speiseopfer geben, die ebensoviel wert waren als die Ziegen.“³¹
c7.s4.t2.8
Kumârapâla besuchte zahlreiche heilige Stätten der Jainas und schmückte sie mit Bauten; namentlich soll er zweiunddreißig Tempel haben errichten lassen als Sühne für den Fleischgenuß, dem seine zweiunddreißig Zähne vor seiner Bekehrung gefrönt hatten.
c7.s4.t2.9
Unter dem Schutze seines königlichen Herrn entfaltete Hemacandra eine ausgedehnte literarische Tätigkeit. Er schrieb eine Darstellung der Heilslehre der Jainas, das berühmte „Yogashâstra“, ferner eine außerordentlich umfangreiche Universalhistorie, die „Geschichte der dreiundsechzig großen Männer“ (Trishashtishalâkâpurushacarita), ein umfangreiches historisches Epos „Kumârapâlacarita“, das die Geschichte der Caulukya-Dynastie von Gujarât, vornehmlich aber das Leben Kumârapâlas selbst behandelt, ein „kurzes Lehrbuch der Regierungskunst vom Jainastandpunkt“ (Laghvarhannîtishâstra) und andere Schriften. Auch in der Staatsverwaltung und der äußeren Politik scheint der Mönch seinen Einfluß geltend gemacht zu haben; viele Legenden berichten von den wunderbaren Taten, die er durch seine übernatürlichen Zauberkräfte vollbrachte, und von seinen Prophezeiungen, die stets in Erfüllung gingen. Als einst ein feindlicher König gegen Kumârapâla zu Felde zog, um sein Land zu erobern, weissagte Hemacandra seinem bestürzten Herren, die Schutzgöttinnen des Jainaglaubens würden sein Land retten. In der Tat soll der gegnerische Herrscher, als er bei einem nächtlichen Marsche auf seinem Reitelephanten eingeschlafen war, mit seiner Halskette an einem Baume hängengeblieben und so erdrosselt worden sein.
c7.s4.t2.10
Hemacandra endete, 84 Jahre alt, 1172 sein erfolgreiches Leben, indem er sich freiwillig zu Tode fastete. Kumârapâla starb bald darauf ebenfalls den Hungertod des Weisen. Sein Neffe Ajayapâla, der ihm in der Regierung folgte, war ein fanatischer Anhänger des Shivaismus. Unter ihm waren die Jainas Verfolgungen ausgesetzt, so soll der Gelehrte Râmacandra, der an Kumârapâlas Hofe eine bedeutende Rolle gespielt hatte, auf seinen Befehl gezwungen worden sein, auf einer glühenden Kupferplatte zu sitzen.
c7.s4.t2.11
Unter den Vâghelâs, die seit Beginn des 13. Jahrhunderts an Stelle der Caulukyas in Gujarât die Macht in Händen hatten, gelangte der Jainaglaube zu hoher Blüte dank des Einflusses der Brüder Vastupâla und Tejahpâla, welche beide Ministerstellungen innehatten und sich in hervorragender Weise auszeichneten 32. Auf Rat Anupamâs, der Gattin Tejahpâlas, legten sie ihren großen Reichtum in einer Weise an, die es möglich machte, daß ihn jeder sehen, aber niemand rauben konnte — sie erbauten großartige Tempel auf den Bergen Âbû, Shatrunjaya und Girnâr, die noch heute die Erinnerung an sie wachhalten.
Cites (1)
- Prabandhakośa — Rājaśekhara Sūri, Sanskrit