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Die Religion des Veda c5.s1.6

Die Religion des Veda c5.s1.6

Language
German

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Die Sänger des Ṛgveda, bestimmten Familien angehörig, die schon jetzt als priesterlicher Adel kastenmäßig sich abzuschließen im Begriff stehen, dichten in altererbter Weise für die Opferfeiern. Vor allem für das Opfer, bei dem die Honorare der Poeten am reichlichsten fließen, für das große und prunkvolle Somaopfer. Da wollen sie nicht von dem Gott, den sie feiern, erzählen, sondern sie wollen diesen Gott loben. Sie haben es nicht mit menschlichen Hörern zu tun; ihr Hörer ist der Gott selbst, den sie zur gnädigen Annahme des Opfers einladen. So wetteifern sie darin, mit unermüdlichem und pedantischem Eifer in Spruch und Lied auf ihn alle verherrlichenden Beiworte zu häufen, die der schmeichlerisch-plumpen Redseligkeit einer das Helle und Grelle liebenden Phantasie zu Gebote stehen. Zwar ist da kein Gott, bei dessen Augenwinken und dem Wallen der ambrosischen Locken von dem unsterblichen Haupt die Höhen des Olympos erbeben, aber eine lange Reihe von Göttern, unter denen jeder so wie der andere, wo der Sänger sich an ihn richtet, sehr groß oder der größte heißt, sehr glänzend, sehr gewaltig, sehr schön anzusehen, sehr freigebig dem Frommen: er vertilgt alle Feinde, zerbricht alle Festen der Feinde; er hat mit seiner Kraft die Enden der Erde festgestellt, den Himmel droben ausgebreitet. Überall Superlative, nicht Begrenzung und Form.

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Nur leise und verschwommen zeichnen sich in dem allgemeinen Lichtschein, in dem diese Götterwelt schwimmt, Umrisse ab, welche die eine Gestalt von der anderen unterscheiden. Ein Haupteffekt aber bei dieser Verherrlichung der Götter ist das Spiel mit Geheimnissen. Es wäre zu viel gesagt, daß die Vorliebe für dieses Spiel durch den ganzen Ṛgveda hindurchgeht. Manches Lied, ja lange Reihen von Liedern sprechen von Uṣas, der in holdem Reiz prangenden Morgenröte, von Indra, dem übergewaltigen Zerschmetterer der Feinde, der Dämonen und Ungeheuer, von Agni, dem freundlich leuchtenden Gast der menschlichen Wohnungen, in einer Sprache, aus welcher der Hauch frischer, einfacher Natur noch nicht entwichen ist. Daneben aber stehen Massen von Dichtungen, in denen ein anderer Geist weht. Wenn das Lied, um dem Gott zu gefallen, schön sein soll, so heißt das, es soll kunstreich sein; kunstreich aber ist vor allem das Gedicht, das vom Wissenden ersonnen, dem Wissenden allein verständlich, in verschleierter Andeutung den Gedanken halb zu zeigen und halb zu verhüllen versteht. Eine Poesie dieser Art konnte nur in den abgeschlossenen Kreisen priesterlicher Opfertechniker entstehen. Unter diesen Priestern bildete das Aufgeben und Raten geistlicher Rätsel einen beliebten Sport. Dem huldigt auch der von priesterlichem Wesen angehauchte Gott — die Götter lieben, wie ein in jüngeren vedischen Texten oft wiederholtes Wort lautet, das Verborgene und hassen das Offenbare.

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Erfreut über die geheimnisvollen Tiefen und Spitzfindigkeiten seines eigenen Wesens und über den darin so wohlbewanderten Sterblichen läßt sich der befriedigte Gott seine Gnadenerweisungen abschmeicheln. So wiederholen die Dichter immer wieder die alten verstandenen oder unverstandenen Anspielungen, Paradoxen, Rätsel, und jagen nach neuen Einfällen, das Dagewesene zu überbieten. Schlagworte setzen sich fest, die mystisch schillernd mit großen und tiefen, oft auch mit keineswegs tiefen Begriffen unklares Spiel treiben: man spricht vom Nabel der Unsterblichkeit und dem geheimen Namen der Kühe, dem Erstgeborenen des Rechts und dem höchsten Himmel der Rede. Man gefällt sich darin, die gerade besprochene Wesenheit, den zu feiernden Gott durch mannigfache Erscheinungsformen und Aufenthaltsorte hindurch zu verfolgen, wobei man mit besonderer Vorliebe auf den „höchsten verborgenen Aufenthalt“ hinzudeuten pflegt. Milchgüsse nennt man gern „Kühe“, ein Holzgefäß „den Wald“; auf die in dem Produkt gegenwärtige Wesenheit, von der jenes stammt, wird in künstlichen Anspielungen hingewiesen. Man findet in der Götterwelt Väter heraus, die Söhne ihrer Söhne, oder Söhne, die Väter ihrer Väter, Töchter oder Schwestern, die zugleich Gattinnen oder Geliebte sind: die wie es scheint uralte Neigung des Mythus zum Motiv des Inzests empfängt durch diesen Geschmack an geheimnisvollen Verwicklungen der Verwandtschaft vermehrte Nahrung.

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Ungeheuerlichkeiten, absichtliche Widersinnigkeiten, Rätsel dieser Art erfüllen viele Lieder ganz, ununterbrochen aneinander gereiht.