Astronomie, Astrologie und Mathematik c3.s1: § 2. Die drei Perioden
Astronomie, Astrologie und Mathematik c3.s1
- Language
- German
§ 2. Die drei Perioden
c3.s1.1
Wenn wir uns eine Übersicht des von den Indern auf astronomischem Gebiete Geleisteten verschaffen wollen, teilen wir das ganze Feld am besten in drei historische Rücksichten bestimmte Sektionen ein. Eine Abteilung umfasst die ganze Zahl von Werken, als deren best bekannte Typen der Sūrya-Siddhānta und der Siddhānta-Śiromaṇi angesehen dürfen, Werke, das dasjenige System repräsentiren, welches man gewöhnlich meint, wenn man im Allgemeinen von indischer Astronomie spricht. Die frühesten Werke dieser Art sind, wie wir unten sehen werden, wahrscheinlich in den früheren Jahrhunderten der christlichen Ära entstanden; das von der ganzen Klasse vertretene System hat erst im Laufe des gegenwärtigen Jahrhunderts angefangen, dem Einfluss moderner europäischer Astronomie zu weichen. Dass es selbst aber kein ungemischt echtes Produkt indischer Wissenschaft ist, sondern in seinen Grundzügen als auf der alexandrinisch-griechischen Astronomie beruhend zu betrachten ist, wird heutzutage fast allgemein zugegeben. Wir haben uns daher weiter der Frage zuzuwenden, welche astronomischen Ansichten in Indien vorherrschten, ehe sich der griechische Einfluss geltend machte. Die litterarischen Denkmäler, die uns befähigen, diese Frage zu beantworten, sind hauptsächlich das sog. Jyotiṣa-Vedāṅga, das astronomische Buch der Jaina und gewisse Kapitel der Purāṇas. Und da alle diese Werke der nachvedischen Periode anzugehören scheinen, d. h. einer Periode, die später ist als die der Brāhmaṇas, so wird es fernerhin unsere Aufgabe sein, uns einen Begriff zu bilden von dem Stande der astronomischen Kenntnisse in Indien in der vedischen Periode, worunter wir hier den ganzen Zeitraum verstehen wollen, dem die Saṃhitās sowohl als die Brāhmaṇas angehören. Wir haben aus dieser Periode keine Texte speciell astronomischen Inhalts, sondern müssen uns damit begnügen, diejenigen Stellen in den Werken der zwei genannten Klassen zu verwerten, welche auf Dinge astronomischer Natur Bezug nehmen.
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Der historischen Ordnung folgend beginnen wir unsere Darstellung mit der letzterwähnten, aber zeitlich ersten Periode, der vedischen, für welche unsere Quellen die Saṃhitās und Brāhmaṇas sind, in zweiter Linie auch die Kalpa- und Gṛhya-Sūtras, insofern sie das von den Brāhmaṇas Gebotene systematisieren, und selbst ausserhalb der Sūtra-Litteratur stehende Werke wie das Jyotiṣa-Vedāṅga, das wir oben der zweiten Periode zugerechnet haben, das aber zugleich als eine Art Abschluss der ersten Periode betrachtet werden kann. Eine genaue Abgrenzung der ersten und zweiten Periode lässt sich überhaupt nicht bewerkstelligen; um die vereinzelten astronomischen Andeutungen der früheren Periode zu verstehen, sind wir genötigt, sie mit den mehr systematischen und uns vollständiger bekannten Darstellungen der zweiten Periode zusammenzuhalten, wobei die letzteren teils durch Übereinstimmung, teils durch Kontrast dazu beitragen, die ersteren zu erleuchten.
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Es liegt nicht im Rahmen dieser Arbeit, den Mythenstoff der vedischen Litteratur zu analysieren mit Bezug auf die Frage, wie weit ihm etwa astronomische oder kosmologische Anschauungen zu Grunde liegen mögen. In gewissem Sinne steht ja freilich ein bedeutender Teil der vedischen religiösen Anschauungen in einem nahen Verhältnis zur Astronomie. Gegenstand der Verehrung sind von Alters her vornehmlich die Lichtgötter, besonders der Sonnengott in vielfachen Formen und die Morgenröte, dann, wenn auch in schwerer zu bestimmendem Masse, der Mondgott. Andere viel verehrte Gottheiten, wie die Aśvins, gehören, wenigstens höchst wahrscheinlich, ebenfalls dem Reiche der lichten Himmelserscheinungen an. Ein grosser Teil aber dessen, was die alten Hymnen über diese göttlichen Wesen zu sagen haben, ist von populärem Charakter, um in Verbindung mit der Geschichte astronomischer Anschauungen erwähnt zu werden; und in anderen Fällen steht uns die Unsicherheit der bisher gegebenen Interpretationen im Wege. Es wäre z. B. interessant, wenn sich der Charakter der Aśvins feststellen liesse, und wir dieselben etwa mit dem bald als Morgen- und bald als Abendstern erscheinenden Planeten identificiren dürften; oder, wie Andere glauben, mit dem Paar der hellsten Planeten, Jupiter und Venus; aber keine der bisher versuchten Identificationen ist überzeugend. Und dass, um ein weiteres Beispiel zu erwähnen, die drei Ṛbhus Genien der Jahreszeiten sind, ist viel zu unsicher, um etwa daraus eine Dreiteilung der Jahreszeiten in altvedischer Zeit zu erschliessen.
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Über die astronomischen Elemente in der vedischen Mythologie vgl. alle neueren Werke, die sich mit letzterem Gegenstande beschäftigen, besonders HILLEBRANDT, Vedische Mythologie; OLDENBERG, Religion des Veda; und MACDONELL, Vedic Mythology (III. Band 1. Heft A dieses Grundrisses); ferner den ersten Abschnitt (Vaidik Kāḷ) von S. B. DIKṢITS Bhāratīya Jyotiḥ-Śāstra.
Linked texts (3)
- Sūryasiddhānta — Maya, Sanskrit
- Ārcajyotiṣa — Lagadha, Sanskrit
- Siddhāntaśiromaṇi — Bhāskara II, Sanskrit