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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c33.s2: § 22. Arzneimittel

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c33.s2

Language
German

§ 22. Arzneimittel

c33.s2.1

— Körperliche Leiden, sagt C. 1, 1, 29, werden durch Arzneimittel (*auṣadha*) geheilt. Schon in der vedischen Medicin spielen die Heilkräuter neben den Besprechungen eine grosse Rolle. In der Bowerhs. werden sehr viele Medicamente genannt, meist Vegetabilien. Nach Viṣṇu 92, 17 ist es verdienstlich, Heilmittel (*auṣadha*) zu verschenken. Auch unter den Spitälern für Menschen und Tiere (*cikitsā*, *ārogyaśālā*), die in den Inschriften des Königs Aśoka, in den Purāṇas und sonst erwähnt werden, hat man nach der Analogie der modernen Dāvākhānās wohl besonders Anstalten zur Verabreichung von Arzneimitteln zu verstehen¹.

c33.s2.2

¹ JOLLY in ZDMG. 46, 275.

c33.s2.3

Nach S. 1, 12 geben die *auṣadha* Kraft oder beseitigen die Krankheiten. Erstere *auṣadha* sind Elixire (*rasāyana*) oder Aphrodisiaca (*vājīkaraṇa*); letztere beruhigen die Krankheit oder verhindern ihre Wiederkehr, ferner bestehen sie teils in Stoffen, mineralischen, vegetabilischen und animalischen, teils in Fasten, Abreiben, Besprechungen und anderen Proceduren. Nach C. 1, 1, 36 ff. gibt es animalische, vegetabilische und mineralische Arzneistoffe. Von animalischen nennt er Honig, Milch, Galle, Fett, Mark, Fleisch, Faeces, Urin, Haut, Samen, Knochen, Sehnen, Hörner, Klauen, Haare und den Gallenstein des Rindes, von mineralischen Gold, Schlacken, die fünf Metalle (Silber, Kupfer, Blei, Zinn und Eisen), Sand, Kalk, Realgar, Edelsteine, Salz, roten Ocker und Antimon. Die Pflanzen zerfallen in die vier Arten: fruchttragende Bäume, blühende und fruchttragende Bäume, einjährige Pflanzen und Kräuter oder Sträucher (*vīrudh*), man benutzt von ihnen die Wurzeln, die Rinde, den Saft, das Harz, den Stengel, die Brühe, Zweige, Potasche, Milch, Früchte, Blüten, Asche, Öle, Dornen, Blätter, Knospondecken, Knollen und Schösslinge.

c33.s2.4

Weiterhin specificirt C.¹ unter den Arzneistoffen 16 Pflanzen, deren Wurzeln, 19, deren Früchte, 3, deren Saft, und 3, deren Rinde gebraucht wird; 4 Arten von Fett (*sneha*), nämlich zerlassene Butter, Öl, Fett und Mark; 5 Arten von Salz, nämlich *sauvarcala*, ein schwärzliches Salz, der Niederschlag einer Lösung von gewöhnlichem Salz in einer Lösung von rohem Soda, *saindhava*, Steinsalz aus dem Indusgebiet, *viṭ*, schwarzes Salz, eine Abkochung von gewöhnlichem Salz mit einem Zusatz von Myrobalanen und Soda², *sāmudra* Meersalz, *audbhida* Steppensalz; 8 Arten von Urin, nämlich von Schafen, Ziegen, Kühen, Büffeln, Elephanten, Kamelen, Pferden oder Eseln; 8 Arten von Milch, nämlich von Schafen, Ziegen, Kühen, Büffelstuten, Kamel- und Elephantenweibchen, Stuten und Frauen.

c33.s2.5

¹ Vgl. BÜHLER, ZDMG. 37, 98 ff.; Hemādri 1, 894 ff.; PUSCHMANN, l. c. 14 f. —

c33.s2.6

² WATT, Economic Products of India 6, 2, 415.

c33.s2.7

Nach Su. 1, 37 muss man beim Sammeln von Arzneipflanzen zunächst den Boden untersuchen, ob er keine Löcher, Kies, Steine, Ameisenhaufen, Steppensalz u. dgl. enthält, weich, schwarz, weiss oder rot ist u. s. w. Je nach seiner Beschaffenheit hat der Boden die Eigenschaften der fünf Elemente, und so soll man z. B. Abführmittel einem Boden entnehmen, in dem Erde und Wasser vorherrschen, Brechmittel einem Boden, in dem Feuer, Luft und Wind vorherrschen. Durch Kuhhirten, Asketen, Jäger und andere im Wald lebende Leute soll man die Arzneipflanzen kennen lernen. Animalische Substanzen wie Blut, Haare, Nägel, Milch, Harn und Fäces soll man von ausgewachsenen Tieren nach ihrer Verdauung nehmen. Die zur Aufbewahrung der Arzneien dienende Hütte (*bheṣajāgāra*) soll auf einem reinen Platz aufgeführt werden. Weiterhin (1, 38) nennt er über 700 pflanzliche Heilmittel, eingeteilt in 37 *gaṇa* nach den Krankheiten, für die sie gut sein sollen, und benannt nach dem ersten Heilmittel in jeder Gruppe, wie z. B. *arkādigaṇa* nach *arka* (Calotropis gigantea). Mit dieser Classification durchkreuzt sich eine andere (1, 39) nach der Wirkung der Arzneien als Brech- oder Purgiermittel, Niese- oder Beruhigungsmittel. Nach ähnlichen Gesichtspunkten teilt C. 1, 1—4 die Heilmittel ein, namentlich nennt er in 1, 4 50 Gruppen von Abkochungen (*kaṣāya*), nämlich solche die das Leben verlängern, den Körper feist machen, ihn dünn machen, Ausscheidungen bewirken, (Fracturen) zusammenziehen, den Appetit reizen, Stärke verleihen, die Gesichtsfarbe verbessern, Heiserkeit heilen, die Stimmung anregen, Übersättigung, Hämorrhoiden, Hautkrankheiten, Jucken, Würmer und Giftwirkungen beseitigen, Muttermilch erzeugen oder reinigen, Samen erzeugen oder reinigen, Fett-, Schwitz-, Brech- und Abführmittel, Mittel, für gewöhnliche und für ölige Klystiere, Niesemittel, Mittel gegen Brechreiz, Durst, Schlucken, Durchfall, zur Veränderung der Farbe der Fäces, zur Verminderung oder Vermehrung des Urins und zur Veränderung seiner Farbe, Mittel gegen Husten, Asthma, Geschwülste, Fieber, Müdigkeit, Hitze- oder Kältegefühl, Nesselsucht, Gliederreißen, Kolik, Blutungen, Schmerzen, Bewusstlosigkeit, Unfruchtbarkeit, Altersschwäche. Jede dieser 50 Gruppen umfasst 10 Pflanzen, sodass hier 500 vegetabilische Arzneistoffe genannt werden. Die ausführlichsten Zusammenstellungen der Arzneimittel, einschliesslich der Speisen und Getränke, mit genauer Angabe ihrer Eigenschaften und Wirkungen, enthalten die medicinischen Glossare, s. § 11.

c33.s2.8

§ 23. Eigenschaften der Arzneimittel. — Neben ihren specifischen Wirkungen bei einzelnen Krankheiten werden den Heilmitteln sowie den Nahrungsmitteln auch noch eine Reihe allgemeiner Eigenschaften und Wirkungen zugeschrieben. Besonders wichtig sind die sechs Arten von *rasa* Geschmack: süss, sauer, salzig, scharf, bitter und zusammenziehend. 1. Der süsse Geschmack bewirkt Klebrigkeit im Munde, vermehrt den Schleim, den Chylus, das Blut, Fleisch u. s. w., stillt den Durst und Hunger, ergötzt und belebt, bewirkt aber, wenn man ihn ausschliesslich bevorzugt, auch manche Leiden, wie Husten, Asthma, Flatulenz, Würmer, Kropf, Elephantiasis u. a. 2. Der sauere Geschmack bewirkt Empfindlichkeit der Zähne und Speichelfluss und Esslust, befördert die Verdauung, ist zumeist angenehm, bewirkt aber bei einseitiger Pflege Eiterung an Wunden und Geschwüren und wegen der erhitzenden Natur sauerer Substanzen Brennen in der Kehle, Brust und im Herzen. 3. Der salzige Geschmack reinigt und regt die Verdauung an, bewirkt aber bei Einseitigkeit Jucken, Geschwulst und andere Leiden. 4. Der scharfe Geschmack befördert den Appetit und die Verdauung, vermindert die Corpulenz, bei Einseitigkeit bewirkt er Nervenschmerzen in den Händen und Füssen u. a. 5. Der bittere Geschmack wirkt auch günstig auf Appetit und Verdauung, bewirkt aber bei Einseitigkeit Convulsionen, Kopfweh u. dgl. 6. Der zusammenziehende Geschmack wirkt heilend auf Wunden und reinigend, bei Einseitigkeit erzeugt er Zuckungen, Krämpfe u. dgl. Alle wichtigeren Arznei- und Nahrungsmittel werden von Su. 1, 42 einer dieser sechs Gruppen zugewiesen. Auch in den medicinischen Glossaren wird bei jedem Stoff sein Geschmack angegeben.

c33.s2.9

Wenn die Stoffe im Magen mit dem Verdauungsfeuer in Berührung kommen, werden sie durch Verdauung (*vipāka*) verwandelt, wobei süsse und salzige Dinge süss, sauere wieder sauer, scharfe, bittere und zusammenziehende scharf werden (S. 1, 1; A. 1, 9). Doch bestanden hierüber viele Controversen, ja man wollte manchmal den Geschmack überhaupt nur als ein Product der Verdauung gelten lassen (Su. 1, 40).

c33.s2.10

Jede Arznei besitzt ferner ihre besondere Kraft (*vīrya*), und zwar ist sie entweder heiss (erhitzend) oder kalt (abkühlend). Dies ist die gewöhnliche Lehre, doch erwähnt Su. l. c. auch eine Lehrmeinung, wonach es acht Arten von *vīrya* gibt: heiss, kalt, ölig oder aufweichend, trocken oder austrocknend, klar oder reinigend, schlüpfrig (machend), mild und scharf.

c33.s2.11

Alle Stoffe haben die Eigenschaften (*guṇa*) der Elemente, aus denen sie bestehen. So haben Abführmittel überwiegend die Eigenschaften der Erde und des Wassers, sind daher schwer und gehen nach unten (Su. 1, 41).

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