Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c34.s1: § 34. Die sieben Grundbestandteile
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c34.s1
- Language
- German
§ 34. Die sieben Grundbestandteile
c34.s1.1
— Das Blut gehört zu den sieben Grundelementen (*dhātu*) des menschlichen Körpers: *rasa* Chylus, *rakta* Blut, *māṃsa* Fleisch, *medas* Fett, *asthi* Knochen, *majjā* Mark, *śukra* Samen.
c34.s1.2
1. *rasa* Saft, Chylus hat seinen Sitz im Herzen und entsteht aus gehörig verdauter Nahrung als ein durchsichtiger Extract von äusserster Feinheit. Aus dem Herzen strömt er durch die 24 Röhren (*dhamanī*), 10 aufsteigende, 10 absteigende und 4 wagrechte, speist Tag für Tag den ganzen Körper, macht ihn wachsen, erhält, stützt und belebt ihn durch eine unsichtbare Kraft. In je 5 Tagen verwandelt sich *rasa* successive in die 6 anderen Grundstoffe des Körpers und braucht daher einen Monat, um zu Samen, oder bei Frauen zu Menstrualblut zu werden (Su. 1, 14). *Rasa* gibt guten Mut und nährt das Blut. Wenn *rasa*, durch Schwäche des Verdauungsfeuers verbrannt, scharf oder sauer wird, ruft er viele Leiden hervor (Bh. 1, 1, 37).
c34.s1.3
2. *rakta* rote Flüssigkeit, Blut entsteht aus *rasa*, indem derselbe in die Leber und Milz gelangt und dort durch die erhitzende Wirkung der Galle rot wird. Normales Blut ist rot wie die Coccinelle, nicht dick oder verfärbt (Su. 1, 14). Seine Farbe wird auch mit der des Rubins, der Lackfarbe, des Guñjāsamens und des geläuterten Goldes verglichen (C. 1, 24). Ob man aus gewissen Ausdrücken, namentlich in Bh., darauf schliessen darf, dass den Indern schon vor Harvey (1619) der Kreislauf des Blutes bekannt war¹, erscheint als sehr zweifelhaft. Wenn das Blut durch die Grundsäfte, einzeln, paarweise oder vereint, verdorben wird, ist es schaumig, schwarz, blau, gelb, grün, langsam oder rasch fliessend, von Ameisen und Fliegen nicht begehrt, ölig, dick oder dünn, übelriechend u. s. w. Man muss dann zur Blutentziehung schreiten. Von verdorbenem Blut rühren die verschiedensten Krankheiten her, wie Entzündungen im Mund, in der Nase und in den Augen, Leibesanschwellung, Rose, Abscesse, Blutharnen, Nesselsucht, Dysmenorrhoe, Tollheit, Lepra, Verdauungsschwäche, Jähzorn u. a. (C. Su. l. c.).
c34.s1.4
¹ Vgl. Hoernle zu B. 1, 93; ZDMG. 53, 379.
c34.s1.5
3. *māṃsa* Fleisch ist mit dem natürlichen Feuer gekochtes (verdautes) Blut, das durch den Wind verdickt ist. Als Teile des Fleisches gelten die Muskeln, *peśī* (Bh. 1, 1, 38).
c34.s1.6
4. *medas* Fett ist durch das natürliche Feuer verdautes Fleisch und hat seinen Hauptsitz im Bauch, weshalb bei fetten Leuten hauptsächlich der Bauch anschwillt (l. c. 40).
c34.s1.7
5. *asthi* Knochen sind durch das natürliche Feuer verdautes und durch den Wind getrocknetes Fett. Sie bilden den Kern des Körpers und bleiben auch nach dem Verfall der Haut und des Fleisches noch lange bestehen (l. c.). Über die einzelnen Knochen s. § 35.
c34.s1.8
6. *majjā* Mark ist ein zäher Saft aus den durch das natürliche Feuer verdauten Knochen, der wie Schweiss ausgesondert wird (l. c. 42).
c34.s1.9
7. *śukra* Samen entsteht aus Mark und hat seinen Hauptsitz nahe bei der Blase, ist aber auch im ganzen Körper verteilt.
c34.s1.10
Durch Verminderung oder Vermehrung der Grundbestandteile des Körpers entstehen krankhafte Veränderungen in demselben. So entsteht bei Abnahme von *rasa* Herzweh, Zittern, ein Gefühl von Leere und Durst, bei übermässiger Zunahme Übelkeit und Speichelfluss. Bei Abnahme des Samens entstehen Schmerzen im Penis und in den Hoden, Impotenz oder Langsamkeit in der Emission des Samens, auch ist dem Samen etwas Blut beigemischt; bei übermässiger Zunahme entsteht Samenstein und übermässiger Samenerguss (Su. 1, 15).
c34.s1.11
Die Quintessenz aller sieben Elemente heisst *ojas* Lebenskraft oder *bala* Kraft und bewirkt, dass die äusseren und inneren Organe ihre Functionen erfüllen. *Ojas* ist ölig, weiss, kalt, zart u. s. w., durch den ganzen Körper verbreitet. Durch Verletzungen, Kummer, Erschöpfung, Hunger u. dgl. wird *ojas* zerstört. Es werden drei Grade der Störung von *ojas* unterschieden, die schlimmste Form führt zum Tode (Su. 1, 15).
c34.s1.12
¹ Sir BHAGVAT SINH JEE, Aryan Med. Science 93 ff. HOERNLE (Su. p. 89) betrachtet die Substitution der Lesart *anudhhāvato* »durchläuft« für älteres *anusarato* »durchdringt« Su. 1, 14, 1 als eine Wirkung des Eindringens der Kenntnis des Blutkreislaufs in Indien. Doch soll damit offenbar nicht gesagt sein, dass von einer rückläufigen Bewegung des Blutes bei den indischen Autoren die Rede ist.
Cites (4)
- Suśrutasaṃhitā — Suśruta & Nāgārjuna (siddha/alchemist), Sanskrit
- Carakasaṃhitā — Agniveśa (Āyurveda) & Caraka, Sanskrit
- Bheḷasaṃhitā — Bheḷa, Sanskrit
- Bhāvaprakāśa — Bhāvamiśra 1550, Sanskrit