Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c35.s1.5
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c35.s1.5
- Language
- German
c35.s1.5
Im Allgemeinen muss aber die Schwangere sehr vorsichtig leben. Sie meide körperliche Anstrengung, sexuellen Verkehr, Fasten und allzu starke Abmagerung, Schlafen bei Tag und Wachen bei Nacht, Kummer, Besteigung eines Wagens, Angst, Hocken (auf dem Boden), unzeitige Blutentziehung, Unterdrückung der natürlichen Ausleerungen u. dgl. An den nämlichen Körperteilen wie die Schwangere selbst leidet mit ihr auch ihr Fötus Schaden (Su. 3, 3, 12 f.). Vom ersten Tage ihrer Schwangerschaft ab bis zur Entbindung sei die Frau stets in heiterer Stimmung und rein am Körper, trage Schmuck und weisse Kleider, verrichte sühnende und glückbringende Gebräuche, ehre Götter, Brahmanen und Respectspersonen, berühre nichts Schmutziges oder Missgestaltetes, meide was übel riecht oder aussieht, höre keine aufregenden Reden an, geniesse keine trockenen, abgestandenen, stinkenden oder nassen Speisen, gehe nicht aus, begebe sich nicht in ein leeres (verlassenes) Haus, einen Tempel, einen Bestattungsplatz oder unter einen Baum, hüte sich vor Zorn, Schrecken und Fleischeslust, trage keine schweren Lasten, spreche nicht übermässig laut und meide (überhaupt) alles, was dem Fötus schaden könnte. Auch darf sie sich nicht öfter salben oder einreiben oder körperlich ermüden, muss dieselben Vorschriften wie eine Menstruirende (§ 39) beobachten, ihr Sitz oder Bett sei weich, nicht zu hoch, mit einer Lehne versehen, nicht zu eng, ihre Nahrung anregend, flüssig, vorherrschend süss, in appetitreizender Weise zubereitet (Su. 3, 10, 1). Ähnliche Listen der Schädigungen des Fötus (*garbhopaghātakara*) bei C. 4, 4, 10 und 4, 8, 16; S. 2, 3, 206. Wenn die Schwangere zänkisch ist, wird ihr Kind an Epilepsie leiden, wenn sie eine Trinkerin ist, wird es durstig, gedächtnisschwach oder unbeständig sein, wenn sie gerne Büffelfleisch isst, wird es kriegerisch, rotäugig und haarig, wenn sie gerne Süsses isst, leidet es an Harnruhr (Diabetes), wird stumm oder unförmlich dick, wenn sie gern Scharfes isst, schwach, arm an Samen oder kinderlos u. dgl. (C. l. c.; S. 2, 3, 206 f.; Su. 3, 3, 17--25). Solche Schwangerschaftsgelüste (s. o.) können aber auch günstig auf den Fötus wirken. So wird das Kind reich und vornehm, wenn sie das Gelüste hat, einen König zu sehen, tugendhaft und heilig, wenn es sie nach einer Einsiedelei gelüstet (Su. l. c.). Erkrankungen der Schwangeren behandle man nur mit gelinden, süssen, kühlenden und angenehmen Mitteln, Brechmittel, Abführmittel, Blutentziehung u. dgl. (scharfe) Mittel sind zu vermeiden; denn eine Schwangere gleicht einem vollen Ölgefäss, das man nicht ins Schwanken bringen darf (C. 4, 8, 18). Für jeden Schwangerschaftsmonat wird eine besondere Diät verordnet, deren Hauptbestandteil Milch nebst zerlassener Butter, saurer Milch und Sahne bildet. Im 8. oder 9. Monat muss die Schwangere ein öliges Klystier nehmen, um alte Excremente aus dem Körper zu entfernen und einen günstigen Geburtswind herbeizuführen. Hierauf führe man mit Öl getränkte Baumwolle in die Vagina ein, um den Zugang zu der Gebärmutter geschmeidig zu machen (C. 4, 8, 29—31; Su. 3, 10, 2; S. 2, 3, 208; A. 2, 1, 59—68). Im 9., 10., 11. oder 12. Monat erfolgt die Geburt (Su. 3, 3, 26), genauer in der Zeit vom 1. Tag des 9. (Mond-) Monats bis zum Ende des Jahres (C. 4, 4, 11; S. 2, 2, 203; A. 2, 1, 66).
Cites (4)
- Aṣṭāṅgahṛdayasaṃhitā — Vāgbhaṭa, Sanskrit
- Carakasaṃhitā — Agniveśa (Āyurveda) & Caraka, Sanskrit
- Suśrutasaṃhitā — Suśruta & Nāgārjuna (siddha/alchemist), Sanskrit
- Śārṅgadharasaṃhitā — Śārṅgadhara (physician), Sanskrit