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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c35.s1.9

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c35.s1.9

Language
German

c35.s1.9.1

§ 41. Embryologie. — Zu der in § 39 dargelegten Theorie der Zeugung ist nachzutragen, dass den Lehren der Philosophie gemäss die in den Mutterleib eintretende Seele eine Emanation der Weltseele ist (vgl. § 37). Wie beim Untergang und der Neuschöpfung der Welt der Schöpfer, die Weltseele (*brahmā*), der alles wirkende, allgestaltige Urgeist, der unvergängliche, ewige Urquell, das höchste, unentfaltete Wesen zuerst den Luftraum schafft, dann der Reihe nach die vier anderen Elemente, den Wind und die übrigen (Feuer, Wasser und Erde), deren Eigenschaften (*guṇa*) stärker entwickelt sind, so verfährt er auch bei dem Eintritt in den Menschenkörper, indem er zuerst den (leeren) Luftraum in sich aufnimmt, dann den Wind und die übrigen Elemente mit stärker entwickelten Eigenschaften. Dieser ganze Process der Annahme von Eigenschaften verläuft aber in unendlich kurzer Zeit (C. 4, 4, 4; vgl. Y. 3, 67—74; Vi. 96, 51). Im ersten Monat ist der Fötus eine zusammengeballte, von den fünf Elementen verdeckte schleimige Masse. Im zweiten Monat wird er ein fester Ball, ein (längliches) Fleischgewächs oder eine rundliche (»halbkugelförmige« D., »knospenartige« Bhoja) Masse (*arbuda*), indem Kälte, Hitze und Wind ihn zur Entwicklung bringen; weiterhin wird dann daraus je nachdem ein Knabe, ein Mädchen oder ein Zwitter (*napuṃsaka*). Im dritten Monat entwickelt sich der Körper nach fünf Richtungen hin (S.), d. h.

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es entstehen die Beine, die Arme und der Kopf, zugleich überhaupt die Ansätze zu allen Körperteilen, mit Ausnahme der erst nach der Geburt zur Entwickelung kommenden, wie Zähne und Pubertätsmerkmale, und alle Sinne. Aus dem Luftraum entstehen die Stimme, das Gehör, die Beweglichkeit, die Feinheit (der Wahrnehmung) und das Unterscheidungsvermögen, aus dem Wind das Gefühl, der Gefühlssinn, die Rauheit, das Handeln, die Entfaltung der Elemente (des Körpers) und die Bewegungen, aus dem Feuer die Farbe, das Gesicht, das Licht, die Verdauung und die Wärme, aus dem Wasser der Geschmack, der Geschmackssinn, die Kühle, die Weichheit, die Glätte und die Feuchtigkeit, aus der Erde der Geruch, der Geruchssinn, die Schwere, die Festigkeit und die Gestalt. Die gleichen Erscheinungsformen wie in der Welt treten auch am Menschen auf (C. 4, 4, 5—7; vgl. Y. 3, 75—78). Mit der Entstehung der Sinne fällt auch die Entwickelung des Vorstellungsvermögens, das erste Auftreten der Kindesbewegungen und der Schwangerschaftsgelüste zusammen, s. o. § 40; nach Su. 3, 3, 14 fällt dies erst in den nächsten Monat. Im vierten Monat gelangen alle Körperteile und das Herz zur deutlichen Ausbildung, und der Fötus wird fest. Im fünften Monat nehmen Fleisch und Blut zu, nach C. mehr als in den anderen Monaten, woraus sich die besondere Abmagerung der Schwangeren in diesem Monat erklärt, zugleich wird der Geist lebhafter.

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Im sechsten Monat kommen die Haare am Kopf und am Körper, die Nägel, die Knochen, Sehnen, Adern u. s. w. zur Ausbildung, auch die Kraft und Farbe nimmt zu, weshalb nach C. in diesem Monat bei der Schwangeren die Kraft und Farbe besonders abnimmt. Im siebenten Monat ist er mit allen Gliedern versehen und mit allen Existenzbedingungen ausgestattet (so dass ein in diesem Monat geborenes Kind lebensfähig ist, wenn es auch der Frühgeburt wegen nicht lange lebt, Ar. zu A. 2, 1, 58); die Schwangere ist deshalb in diesem Monat besonders angegriffen. Im achten Monat wird durch die den Chylus führenden Kanäle die Lebenskraft (*ojas*) bald aus der Mutter in das Kind, bald aus dem Kind in die Mutter geleitet; wegen dieses Hin- und Hergehens der Lebenskraft ist ein in diesem Monat geborenes Kind nicht lebensfähig, auch ist die Mutter wie auch der Fötus bald heiter, bald niedergeschlagen, ja auch die Mutter ist in Lebensgefahr. Um eine Niederkunft in diesem Monat zu verhindern, bringt man eine Spende von Fleisch und Reis an den Dämon Nairṛta dar. Über den Geburtstermin s. § 40 (C. 4, 4. 5—11; Su. 3, 14—26; S. 2, 2, 202 f.; A. 2, 49—66; vgl. Y. und Vi. l. c.). Die vorstehende Entwickelungstheorie, wenn auch die herrschende (vgl. auch Garbha-Upanishad bei Deussen, Sechzig Upanishad’s 608), ist doch nicht die einzige. So erwähnt Su. 3, 3, 28 die Ansichten älterer Lehrer, wonach der Kopf zuerst entsteht, weil in ihm die Sinnesorgane wurzeln;

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oder das Herz, weil es der Sitz der Intelligenz und des Geistes ist; oder der Nabel, weil von ihm aus der Körper des Menschen sich entwickelt; oder die Hände und Füsse, weil von ihnen die Bewegungen des Fötus ausgehen; oder die Mitte des Körpers, weil auf ihr die Entstehung aller Glieder beruht. Diese verschiedenen Anschauungen werden aber von Su. nicht gebilligt, indem vielmehr alle Körperteile im Keim von Anfang an vorhanden seien und nur ihrer Feinheit wegen an dem unentwickelten Fötus noch nicht wahrgenommen würden. Es sei damit ebenso wie mit den Fasern, dem Fleisch, Kern und Mark einer Mango, die erst an der reifen Frucht sichtbar würden, oder mit einem Bambusbaum im Verhältnis zu einem Bambusschössling. Ähnlich C. 4, 6, 14.