Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c6.s4: § 17. Die Drāviḍī von Bhaṭṭiproḷu
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c6.s4
- Language
- German
§ 17. Die Drāviḍī von Bhaṭṭiproḷu
c6.s4.1
Zu den Bemerkungen über die Bedeutung der Drāviḍī von Bhaṭṭiproḷu für die Geschichte der indischen Schrift, S. 9, und zu der Erklärung ihrer eigentümlichen Zeichen (§ 6 A, 3, 7, 12, 15, 18; B. 4 c, 5 und C. 2) sind zunächst die Gründe für die oben stillschweigend angenommene Deutung des Zeichens unter 38, C. XIII—XV, nachzutragen. Dass dasselbe ursprünglich den Lautwert *ṣ* hatte, scheint mir sicher. Denn erstlich drückt es unzweifelhaft einen Zischlaut aus, zweitens ist die Drāviḍī so gut wie die Brāhmī ein ursprünglich für das Sanskrit erfundenes Alphabet (§ 6, C. 2), drittens finden sich von den drei Zischlauten des Sanskrit der palatale in 37, XIII—XIV, und der dentale in 40, XIII—XV. Das dritte Zeichen kann also nur den lingualen ausdrücken. Eine andere Frage ist es, ob in den Wörtern der Bhaṭṭ.-Inschr., in denen das Zeichen erscheint, wirklich der linguale Zischlaut gesprochen wurde oder ob es mit der nachlässigen Orthographie der Schreiber für *ś* oder *s* gesetzt ist. Um dies mit Sicherheit zu entscheiden, müsste mehr über den alten Prakritdialect der Kistna-Districte bekannt sein, als bis jetzt der Fall ist. Indessen deutet die richtige Anwendung des *ś* in *śamaṇudeśānaṃ* (Bhaṭṭ. Nr. X) darauf hin, dass der Dialect jedenfalls zwei Zischlaute besass, und es kann nur fraglich sein, ob nicht eine Verwechslung der Zeichen für *ṣ* und *ś* vorliegt, ähnlich der in den Math.-Inschr. der Jaina, vgl. EI, 1, 376. Sodann ist hervorzuheben, dass die Zeichen, welche mit der Brāhmī stimmen, mehrfach characteristische Züge des alten südlichen Alphabets aufweisen. Hieher gehört 1) das winklige *A*—*Ā*, 2) das *kh* (10, XIII, XV), das, wie die gewöhnliche Form von G., nur aus einem Verticalstrich mit Haken besteht, 3) das *dh*, welches, wie das der J. S. Ed. und des Nānāghāt-Typus, stets die breite Seite nach rechts kehrt, 4) das *m*, welches, obschon umgestürzt, die winklige Form von G. bewahrt, und 5) das *s*, dessen Seitenglied meist wie in G. und Si. aus einem geraden Striche besteht. Der Umstand aber, dass die Inschr. des mit den Steingefässen gefundenen kristallenen Prisma, mit Ausnahme des nach rechts offenen *da*, die Formen der gewöhnlichen Brāhmī und das Vocalsystem derselben aufweisen, zeigt, dass die Drāviḍī selbst in den Kistna-Districten keine exclusive Geltung hatte, sondern nur neben der Brāhmī herlief. Die geringe Zahl der Inschr. macht es unmöglich, über die geographische Verbreitung des Alphabets etwas Näheres zu sagen, und ebenso schwierig ist es, feste Anhaltspunkte für die Bestimmung der Zeit und Dauer ihres Gebrauches zu gewinnen. Da der König Kubiraka oder Khubiraka (Kubera) sonst nicht genannt wird, muss man sich an die nie ganz sicheren paläographischen Indicien halten. Die mit der Brāhmī stimmenden Zeichen weisen auf die Zeit unmittelbar nach Aśoka oder um 200 a. Chr. Hiefür kann man das oben breite *g* und das stets geradlinige *r* geltend machen.
c6.s4.2
§ 18. Die letzten vier Typen von Taf. II. — Ausser für die Inschr. Daśaratha's (C. XVII), die wahrscheinlich (§ 16, A) noch dem Ende des 3. Jahrh. angehören, kann man nur noch für die des Cetakönigs Khāravela von Kaliṅga (C. XXI—II) und die der Andhrakönigin Nāyanikā (C. XXIII—IV) in der Nānāghāt-Höhle annähernde Zeitbestimmungen geben. Khāravela's Inschr. muss nach ihrem Datum »165 der Zeit der Muriya- oder Mauryakönige« zwischen 157—147 a. Chr. verfasst sein¹ und dieselbe giebt zugleich eine ungefähre Bestimmung des Alters der Nānāghāt-Inschr. Denn nach Z. 4 leistete Khāravela im 2. Jahre seiner Regierung einem westlichen Könige Sātakaṇi Beistand. Wahrscheinlich ist dieser Sātakaṇi der erste des Namens in den Listen der Purāṇa und derjenige, dessen mit Unterschrift versehenes Bild sich in der Nānāghāt-Höhle findet. Das Datum der Inschr., welche während der Regentschaft seiner Wittwe Nāyanikā verfasst wurde, kann deshalb nicht weit von 150 a. Chr. entfernt liegen². Bei den Inschr. Dhanabhūti's auf dem Toraṇa von Bharahut (C. XVIII), »während der Regierung der Śuṅga«, den Pabhosa-Inschr. (C. XIX) und den ältesten aus Mathurā (C. XX), deren Schrift oben, § 15, 5, unter dem Namen »Śuṅga-Typus« zusammengefasst ist, sind im wesentlichen nur Schätzungen nach paläographischen Indicien möglich. Nach ihrer augenscheinlich nahen Verwandtschaft teils mit dem jüngeren Maurya-Typus und teils mit dem Kaliṅga-Typus gehören die Zeichen von C. XVIII—XIX vermutlich dem 2. Jahrh. a. Chr. an, während die Verlängerung des Verticalstriches von *A*—*Ā* (1—2, XX), der breite Rücken von *śa* (37, XX), das cursive *la* (41, XX) und das nach links gekrümmte suffigirte *ra* in *dra* (42, XX) auf eine spätere Zeit, etwa das 1. Jahrh. a. Chr., deuten.
c6.s4.3
Die schon erwähnte Verkürzung der oberen Verticalstriche ausser bei *la* ist allen den vier Typen gemeinsam. Eine Verbreiterung der unteren Teile von *ga*, *ta*, *pa*, *bha*, *ya*, *la*, *sa* und *ha* findet sich dagegen nur in den letzten drei und die oberen Begrenzungslinien der Verticalstriche (Serif) sind nur im Śuṅga- und Kaliṅga-Typus besonders bemerkbar. Ansätze zur *Entwicklung einzelner späterer Formen kommen, ausser bei den erwähnten Buchstaben von C. XX, noch vor in dem für die späteren südlichen Alphabete characteristischen gerundeten *ḍa* (20, XXII—III), dem *ṇa* mit gebogenem oberen Horizontalstrich (22, XVIII—XIX), in dem teils oder ganz eckigen *ma* (32, XIX, XXII), in dem halbkreisförmigen m. *ī* in *kī* (9, XXII), *bī* (30, XXII) und *vī* (36, XXIV), sowie in dem freistehenden m. *o* in *go* (11, XXII), *tho* (19, XXIV) und *tho* (24, XXIV). Beachtenswert ist auch das einzige m. *au* der Tafel in *pau* (28, XVIII).
c6.s4.4
Was die geographische Verbreitung dieser vier Typen betrifft, so gehört der jüngere Maurya-Typus sowohl dem Nordosten (Bihār), als dem Nordwesten an, wo sich sein *ja* und *ṣa* auf den Münzen der I. G.-Könige Pantaleon und Agathokles (§ 15, 4) findet. Der Kaliṅga-Typus ist natürlich die Schrift des Südosten und der Typus der Nānāghāt-Inschrift die des westlichen Dekhan, während der Śuṅga-Typus die Schrift des Centrums von Indien repräsentiren dürfte. Derselbe greift indess auch nach dem Westen über, da die Formen desselben oder sehr ähnliche auch in den Höhlen des Marathenlandes vorkommen, vgl. § 15, 5, Note 3.
c6.s4.5
Bezüglich der Dauer des Gebrauches dieser Schriftarten kann man nur wenig sagen. Die I. G.-Münzen zeigen, dass der jüngere Maurya-Typus in der 1. Hälfte des 2. Jahrh. a. Chr. vorkam¹. Der Kaliṅga-Typus tritt in den Inschriften der nächsten Nachkommen Khāravela’s wieder auf. Der Typus der Nānāghat-Inschriften wurde, falls Burgess das Alter der Höhlen von Piṭhalkora richtig bestimmt hat⁵, noch im 1. Jahrh. p. Chr. gebraucht.
c6.s4.6
¹ Actes VI, Congrès Int. Or., III, 2, 149, vgl. Östr. Monatsschr. f. d. Or., 1884, 231 ff. —
c6.s4.7
² Actes VI. Congrès, l. cit. 146, vgl. B.ASRWI, 5, 73; anders Bhāṇḍārkar, Early Hist. of the Dekhan 2, 34, der die Reg. Sātakarṇi’s zwischen 40 a. Chr. — 16 p. Chr. setzt. —
c6.s4.8
³ Vgl. § 16, Note 4. —
c6.s4.9
⁴ Actes VI. Congrès, l. cit. Udayagiri Inschr. Nr. 2. —
c6.s4.10
⁵ Buddhist Cave Temples, 246.
Cites (3)
- Purāṇa — Sanskrit
- Nānāghāṭ
- Hampi stone-tablet of Krishnaraya, Saka 1431 (No. XIV) — Sanskrit