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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c9.s1: § 33. Die Zahlzeichen der Kharoṣṭhī

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c9.s1

Language
German

§ 33. Die Zahlzeichen der Kharoṣṭhī

c9.s1.1

In den Kharoṣṭhī-Inschriften der Śaka, des Gondopherres und der Kuṣana aus dem 1. Jahrh. a. Chr. (?) und dem 1.—2. Jahrh. p. Chr., sowie in andern wahrscheinlich späten Documenten findet sich ein Ziffersystem, T. I, C. XIV², das zuerst von Dowson mit Hülfe der Taxila-Kupferplatte erklärt ist³. Seine Grundzeichen sind: a) ein, zwei und drei Verticalstriche für 1, 2, 3, — b) ein schräges Kreuz für 4, — c) ein dem Kharoṣṭhī *A* ähnliches Zeichen für 10, — d) eine Doppelcurve für 20, die wie eine cursive Ligatur aus zwei 10 aussieht (BAYLEY), — e) eine dem *ta* oder *tra* der Brāhmī ähnliche Figur für 100, vor welcher rechts ein Verticalstrich steht, so dass das Zeichen = IC ist. Die zwischen diesen Grundelementen liegenden Zahlen werden durch Gruppen derselben ausgedrückt, bei denen die hinzugefügten stets links stehen: a) unter den Einern z. B. 5 = 4 (+) 1; 6 = 4 (+) 2, 8 = 4 (+) 4; b) unter den Zehnern z. B. 50 = 20 (+) 20 (+) 10; 60 = 20 (+) 20 (+) 20; 70 = 20 (+) 20 (+) 20 (+) 10. Für 11—19, 21—29 u. s. w. dienen die Gruppen 10 (+) 1 — 10 (+) 9, 20 (+) 1 — 20 (+) 9 u. s. w. Demselben Principe folgte die Bildung der Ziffern für über 100 hinaus liegende Zahlen, z. B. 103 = ICIII. Der höchste bekannte Hunderter⁴, 200, wird durch zwei Verticalstriche und (links von diesen) das Element für 100 bezeichnet, z. B. 274 durch IIC XX XX XX XIV.

c9.s1.2

Aus den wenigen Ziffern in den A. Ed. von Shahbazgarhi und Mansehra, T. I, C. XIII⁵, ergiebt sich, dass das Ziffersystem der Kharoṣṭhī im 3. Jahrh. d. Chr. von dem späteren wenigstens in einem Punkte abwich. Denn sowohl in Sh., wo die Zeichen für 1, 2, 4, 5 vorkommen, als auch in M., das 1, 2, 5 bietet, wird das schräge Kreuz nicht für 4 verwendet, sondern die Vier besteht aus vier und die Fünf aus fünf parallelen Verticalstrichen. Wie die übrigen Zeichen im 3. Jahrh. aussahen, ist bis jetzt nicht nachweisbar.

c9.s1.3

Dass die Ziffern der Kharoṣṭhī von den Semiten entlehnt sind, haben BURNELL und andere⁶ schon lange behauptet. Es sind indess Anzeichen vorhanden, dass dieselben speciell aramäischen Ursprungs und, mit Ausnahme der kreuzförmigen 4, zugleich mit den Schriftzeichen eingeführt sind. Nach Col. II in Euting's Tafel der aramäischen Ziffern⁷ werden die Einer im Alt-Aramäischen, wie in den A. Ed., durch Verticalstriche bezeichnet, die aber von 4 an in Gruppen von je drei geordnet sind, was in den indischen Inschriften nicht geschieht. Die Zehn der Kharoṣṭhī stimmt ziemlich genau mit der von Teima 𐡚 und ihre Ziffer für 20 mit der der Satrapenmünzen 𐡛, welche genau so auch im Papyrus Blacas (5. Jahrh.)⁸ und ähnlich im Papyrus Vaticanus vorkommt. Die Verwendung der Ziffern für 10 und 20 zur Bezeichnung der übrigen Zehner ist im aramäischen und phönicischen Systeme genau dieselbe wie im indischen. Für die Kharoṣṭhī 100 bietet Euting's Tafel kein entsprechendes aramäisches Zeichen und das in seiner Ausgabe der Saqqārah-Inschrift⁹ gegebene ist nach seiner brieflichen Mitteilung nicht sicher. Zur Vergleichung bleiben also nur die aufrecht stehenden phönicischen Zeichen lo, 𐤕. Man wird aber annehmen dürfen, dass auch die ältere, der phönicischen so nahe verwandte, aramäische Schrift eine ähnliche aufrecht stehende Ziffer für 100 besass. In allen semitischen Ziffersystemen werden wie in der Kharoṣṭhī die Zeichen für 1, 2 u. s. w. bei 100, 200 u. s. w. rechts vor das Zeichen für 100 gesetzt. Das der späteren Kharoṣṭhī eigentümliche schräge Kreuz für vier, ohne Zweifel eine cursive Verbindung der ursprünglichen vier Striche, erscheint nur in den späten nabatäischen Inschriften und wird dort nur selten zur Bildung der Ziffern für die höheren Einer verwendet. Sein spätes Vorkommen sowohl bei den Indern als bei den Semiten legt die Vermutung nahe, dass es bei beiden Völkern unabhängig entwickelt ist.

c9.s1.4

¹ Vgl. E. C. Bayley, The Genealogy of the modern Numerals, J.RAS, N.S., vol. 14—15.

c9.s1.5

² Herstellung der Col.: Nachz. nach S.NEI, 3, Pl. 1 (JA, 1890, T. 15); J.ASB, 58, Pl. 10, Fleet's Photogr. d. Taxila-Kupfpl. und einer von S. v. Oldenburg mir freundlichst übersendeten Gelatine-Durchz. der Wardak-Vase.

c9.s1.6

³ J.RAS, 20, 228.

c9.s1.7

⁴ So Cunningham. Senart, op. cit., 17, liest 84 und zweifelt an der Existenz des Zeichens für 200, das aber in der Autotypie in J.ASB, 58, Pl. 10, mir deutlich scheint. Für 284 statt 274 erklärt sich auch Barth.

c9.s1.8

⁵ Nachz. des Abkl. von Burgess, Ed. I—III, XIII (Sh.).

c9.s1.9

⁶ B.ESIP, 64; J.ASB, 32, 150.

c9.s1.10

⁷ Nabatäische Inschriften, 96—97.

c9.s1.11

⁸ Corp. Inscr. Sem., P. aram. 145 A, nach Euting's Mitteilung.

c9.s1.12

⁹ Palaeograph. Society, Or. Ser., Pl. 63.