Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c9.s1.3
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c9.s1.3
- Language
- German
c9.s1.3
Dass die Ziffern der Kharoṣṭhī von den Semiten entlehnt sind, haben BURNELL und andere⁶ schon lange behauptet. Es sind indess Anzeichen vorhanden, dass dieselben speciell aramäischen Ursprungs und, mit Ausnahme der kreuzförmigen 4, zugleich mit den Schriftzeichen eingeführt sind. Nach Col. II in Euting's Tafel der aramäischen Ziffern⁷ werden die Einer im Alt-Aramäischen, wie in den A. Ed., durch Verticalstriche bezeichnet, die aber von 4 an in Gruppen von je drei geordnet sind, was in den indischen Inschriften nicht geschieht. Die Zehn der Kharoṣṭhī stimmt ziemlich genau mit der von Teima 𐡚 und ihre Ziffer für 20 mit der der Satrapenmünzen 𐡛, welche genau so auch im Papyrus Blacas (5. Jahrh.)⁸ und ähnlich im Papyrus Vaticanus vorkommt. Die Verwendung der Ziffern für 10 und 20 zur Bezeichnung der übrigen Zehner ist im aramäischen und phönicischen Systeme genau dieselbe wie im indischen. Für die Kharoṣṭhī 100 bietet Euting's Tafel kein entsprechendes aramäisches Zeichen und das in seiner Ausgabe der Saqqārah-Inschrift⁹ gegebene ist nach seiner brieflichen Mitteilung nicht sicher. Zur Vergleichung bleiben also nur die aufrecht stehenden phönicischen Zeichen lo, 𐤕. Man wird aber annehmen dürfen, dass auch die ältere, der phönicischen so nahe verwandte, aramäische Schrift eine ähnliche aufrecht stehende Ziffer für 100 besass. In allen semitischen Ziffersystemen werden wie in der Kharoṣṭhī die Zeichen für 1, 2 u. s. w. bei 100, 200 u. s. w. rechts vor das Zeichen für 100 gesetzt. Das der späteren Kharoṣṭhī eigentümliche schräge Kreuz für vier, ohne Zweifel eine cursive Verbindung der ursprünglichen vier Striche, erscheint nur in den späten nabatäischen Inschriften und wird dort nur selten zur Bildung der Ziffern für die höheren Einer verwendet. Sein spätes Vorkommen sowohl bei den Indern als bei den Semiten legt die Vermutung nahe, dass es bei beiden Völkern unabhängig entwickelt ist.