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Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c6.s1.140

Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c6.s1.140

Language
German

c6.s1.140.1

Bezüglich der Haupteigenschaften des Meru stimmen die drei Systeme im grossen und ganzen überein. In allen gilt er als das höchste Gebirge, das sich in der Mitte der Erdscheibe erhebt und gewissermassen das ganze Weltall beherrscht. Genau über demselben — nur die Jaina weichen hierin ab ⁶) — steht der Polarstern, und die Himmelskörper umwandeln ihn in engeren und weiteren Kreisbahnen ⁷). Brāhmaṇismus und Buddhismus geben als die Höhe des Teiles, der über den Erdboden hinausragt, übereinstimmend die durch sieben teilbare Zahl 84 000 Yojana an ⁸), und selbst der Jainismus, der für seinen Zentral- oder Haupt-Meru in Jambūdvīpa, soweit er über den Erdboden emporragt, vielleicht aus einem anderen Grunde die durch drei teilbare Zahl 99 000 Yojana annimmt ⁹), stimmt dennoch hinsichtlich der vier sekundären Meru's, die je auf der Ost- und Westhälfte der beiden Ringkontinente Dhātakīkhaṇḍa und Puṣkarārdha liegen sollen ¹⁰), mit der erstgenannten Zahl ebenfalls überein. Anderseits geben Brāhmaṇismus und Jainismus wiederum für die Gesamtlängen der ober- und unterirdischen Teile des Meru — nach dem Brāhmaṇismus hat der unterirdische Teil desselben eine Höhe von 16 000 ¹¹), nach dem Jainismus nur eine solche von 1000 Yojana ¹²) — übereinstimmend die Zahl 100 000 Yojana an, während nach der Lehre des Buddhismus der unterirdische Teil des Meru hinsichtlich seiner Form und seinen Dimensionen genau dem oberirdischen entsprechen soll ¹).

c6.s1.140.2

Nach den brāhmaṇischen Texten liegt auf der Gipfelfläche des Meru die Stadt des Brahman ²), rings umgeben von den Städten der acht Welthüter (lokapāla), und die entsprechende buddhistische Ansicht geht dahin, dass sich auf derselben die Götterwelt der Trāyastriṃśa ausbreitet ³). Auch die jainistischen Schriften lehren, dass im Haine Paṇḍaka, der die vom Aufsatze freigelassene Gipfelfläche einimmt, vier grosse halbmondförmige Felsen aus Silber und Gold liegen, geschmückt mit Thronsesseln aus Beryll, die für die Götter Śakra und Īśāna, die beiden Indra der untersten Himmelssphäre, bestimmt sind ⁴). Schliesslich herrscht auch noch einigermassen Übereinstimmung hinsichtlich des Materials, aus dem der Berg bestehen soll. Nach dem Mahābhārata ⁵) und Padmapurāṇa ⁵) besteht er aus Gold und nach der übereinstimmenden Lehre der meisten Purāṇa, die sich mit seiner Beschreibung befassen, hat er nach den Hauptrichtungen hin eine besondere Färbung ⁶). Im Osten soll er weiss, im Süden gelb, im Westen schwarz und im Norden rot sein; es werden ihm also, wenn auch nicht in der regelrechten Reihenfolge von Osten nach Süden die bekannten indischen Kastenfarben zugesprochen. Nach Nārāyaṇatīrtha’s Yogasiddhāntacandrikā, einem jungen Kommentar zu Patañjali’s Yogasūtra, besteht er aus verschiedenen Metallen, und zwar soll er im Osten aus Silber, im Süden aus Beryll, im Westen aus Kristall und im Norden aus Gold sein ⁷).

c6.s1.140.3

Auch nach buddhistischer Lehre besteht der Meru aus Gold ⁸), und eine jüngere Annahme, wie sie etwa in Hardy’s Manual of Buddhism S. 11 niedergelegt ist, geht dahin, dass er, wenn wir von den Farbenabstufungen nach den Zwischengegenden absehen, im Osten aus Silber, im Süden aus Saphir, im Westen aus Korallen oder Kristall und im Norden aus Gold sein soll ⁹), eine Angabe, die mit der der Yogasiddhāntacandrikā sozusagen vollkommen übereinstimmt. Endlich besteht nach der Ansicht der Jaina der Teil des Meru, mit dem er unter der Erde bleibt und der also gewissermaßen sein Fundament bildet, aus Stein, Diamant, und Kiesel, während die ersten 63 000 (Digambara 61 000) Yojana seines oberirdischen Teiles aus Aūka, Kristall, Silber und Gold, und das 36 000 (resp. bei den Digambara 38 000) Yojana hohe Reststück aus Gold sein soll ¹⁰). Er ist also in Wahrheit ein „glänzender“ Berg, und vielleicht erklärt sich daher in Wirklichkeit sein Name, dessen verschiedene Varianten: Sanskrit: Meru, Sumeru, Pāli: Neru, Sineru S. Goldschmidt von der Wurzel *smi „hell, rötlich strahlen“ herleitet ¹¹), eine Erklärung, die in sprachlicher Beziehung vollständig genügt, in anderer Hinsicht doch nicht so ganz befriedigt.