Pramāṇa · Search · About · API

Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c5.s1.t2: b. Ausnahmen von der metrischen Folge

Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c5.s1.t2

Language
German

b. Ausnahmen von der metrischen Folge

c5.s1.t2.1

Innerhalb jeder Serie sind die Lieder von gleicher Verszahl in der Regel nach der absteigenden Reihenfolge der Metra geordnet (Jagatî, Triṣṭubh, Anuṣṭubh, Gâyatrî). So sicher dies von Bergaigne gefundene Gesetz im Grossen und Ganzen sich bewährt, so bedenklich scheint es mir, auf Grund desselben die einschneidenden Operationen zu wagen, welche zu seiner ausnahmslosen Durchführung unentbehrlich sind. Glaubt man aus den Verletzungen jenes Gesetzes auf Störungen des ursprünglichen Textzustandes schliessen zu dürfen — sei es nun, dass einzelne Verse oder dass ganze Lieder dem echten Text hinzugefügt sein sollen —, wie kommt es dann, dass solche Störungen im Innern der Serien so oft das Gesetz der metrischen Folge, aber nie zugleich

c5.s1.t2.2

spricht also für dieselbe Behandlung, die anerkanntermaassen in den analogen Fällen eintreten muss: Belassen der Lieder in ihrem überlieferten Umfang, so weit die abnehmende Ordnung reicht (hier: 8. 6. 6. 6); Auflösungen am Schluss. Aller Analogie nach wären, wenn nur Tṛicalieder vorlagen, dieselben zu einem oder zwei Complexen vereinigt worden, würden aber nicht als viele, noch obendrein dem Anordnungsgesetz entsprechende Lieder erscheinen. Der Text selbst lädt absolut nicht zu den von Bergaigne (I, 25 fg.) vorgeschlagenen Zerschneidungen ein; in 102 widerstrebt denselben die Verszahl 8, in 103 das stehende Anfangswort pari, in 104. 105 die Vâlakhilya-artige Parallelität der beiden Lieder (vergl. Pañc. Br. XIII, 11, 3. 4; XIV, 5, 4).

c5.s1.t2.3

dasjenige der Folge nach der Verszahl durchbrochen haben? Wir sahen, dass die nahezu unabänderliche Stelle der später hinzugefügten Lieder das Ende der Serien ist; dort beobachtet man in stehender Wiederkehr ein Zusammentreffen von Störungen der Verszahl mit sprachlichen und metrischen Indicien jüngerer Herkunft. Nichts derartiges lässt sich von den Fällen sagen, in welchen die übliche Folge der Metra vernachlässigt ist. Die Hymnen, welche auf Grund dieser Erscheinung gestrichen werden sollen, passen der Verszahl nach an ihre Stellen; den allermeisten von ihnen fehlt auch jedes sonstige Kriterium später Entstehung. Die einzelnen Verse, die gestrichen werden sollen — in einer Reihe von Fällen die Schlussverse mehrerer Lieder hinter einander —, sind an sich unverdächtig und bringen die Liedfolge nach der Verszahl nicht in Unordnung. Vielleicht möchte man diesen Bedenken zu entgehen suchen, indem man Interpolationen, welche nur die metrische Ordnung, aber nicht die Verszahl verletzen, als eine ältere Schicht von denen der andern Art unterschiede. Aber einem solchen Ausweg steht meines Erachtens entgegen, dass in manchen der betreffenden Fälle — dass es in allen gelingen sollte, wird man nicht erwarten — sich direct plausible Gründe dafür geltend machen lassen, dass die Lieder unter Abweichung von der sonst üblichen Succession der Metra eben in diese Reihenfolge gebracht worden sind. Man betrachte etwa den Fall von VI, 44. 45. Hier liegen die Tricacomplexe einer Indaserie vor; die Versmaasse sind die folgenden:

c5.s1.t2.4

44, 1-6 2 Tricas in Anushtubh. { 7-9 1 T. in einer Abart der Trishtubh. 10-24 5 T. in Trishtubh. 45 11 T. in Gâyatrî.

c5.s1.t2.5

Weil hier die Trishtubh, der sonstigen Gewohnheit zuwider, der Anushtubh nachfolgt, will Bergaigne die sechs Ṭricas 44, 7-24 streichen. Die Sprache dieser Abschnitte enthält nichts, was auf junge Herkunft hinwiese; die regelmässige Folge von 6 (oder wenn man will 5) gleich langen Liedern in demselben Versmaass trägt den deutlichen Stempel der ursprünglichen, geordneten Sammlung im Gegensatz zu der unförmlichen Regellosigkeit der Zusätze; und endlich — sollen dieser Indraserie Ṭricas in Trishṭubh überhaupt gefehlt haben? Zu einer Streichung der sechs Lieder werden wir uns also nicht berechtigt fühlen. Wohl aber scheint sich auf anderm Wege eine hinreichende Erklärung der ungewöhnlichen Anordnung zu finden. Lied 43 hat Vers für Vers den Refrain: ayam sa soma' indra te sutaḥ piba; mit einem auf dies ayam bezogenen Relativpronomen fängt jeder Vers an. Ganz ähnlich sieht unter den Ṭricas von 44 einer, und zwar der erste, in unmittelbarer Nachbarschaft von 43 stehende aus: jeder Vers hat denselben, dem Refrain von 43 sehr ähnlichen Ausgang somaḥ sutaḥ sa' indra te asti svadhā-pate madaḥ, und in jedem Verse weist ein an der Spitze stehendes Relativum auf diesen Ausgang hin. Dürfen wir es nicht für wahrscheinlich halten, dass eben wegen dieser Gleichartigkeit die beiden Lieder neben einander gestellt, und dass auf diese Weise das letztere — und dann natürlich auch das ihm durch gleiche Länge und gleiches Versmaass verbundene Stück 44, 4-6 — vor die Trishṭubh-Ṭricas gerathen ist?

c5.s1.t2.6

Wir wenden uns zu einem andern Fall. V, 57-60 sind vier Lieder von gleicher Länge; das erste und dritte ist überwiegend in Jagatī verfasst; ein Trishṭubhlied steht hinter ihnen (60), ein andres (58), dem Gebrauch entgegen, zwischen ihnen. Bergaigne will 59 und 60 am Ende um einen resp. zwei Verse verkürzen. Es ist wahr, dass diese Verse ein andres Metrum haben, als die Lieder selbst, aber eben im fünften Buch ist nichts häufiger, als ein derartiger Wechsel des Versmaasses als Kennzeichen des Liedausgangs. Ich glaube, dass für die Ordnung dieser Lieder der Umstand entscheidend gewesen ist, dass 57 und 58, wenn auch das erste Lied überwiegend in Jagatî, das zweite in Trishtubh verfasst war, als zwei Parallelhymnen mit demselben Schlussvers zu einander gehörten: diese, gewissermaassen den compacten Haupttheil der ganzen Gruppe bildend, stellte man voran, geordnet nach der Reihenfolge Jagatî-Trishtubh, und ihnen liess man in derselben Ordnung die beiden einzeln stehenden Hymnen folgen.

c5.s1.t2.7

Mich bestärkt in dieser Auffassung, dass sich auf demselben Wege auch an einer andern Stelle die Verletzung der metrischen Reihenfolge erklärt, in Bezug auf IV, 43-45. Unter diesen gleich langen Hymnen gehen zwei Trishtubhlieder einem Jagatîliede voran: aber auch hier bilden die beiden ersteren ein Paar von Parallelhymnen, gekennzeichnet durch den gleichen Schlussvers, und als solche offenbar den Vorrang erhaltend.

c5.s1.t2.8

Etwas anders, aber doch vergleichbar ist die Sachlage bei den Ṛibhuhymnen IV, 35. 36: gleichfalls ein Jagatîlied nach einem Trishtubhliede. Hier ist wohl die Ordnung durch ein Moment des Inhalts resp. der rituellen Verwendung beeinflusst worden. Durch das Lied 35 gehen in fortwährenden Wiederholungen die Ausdrücke ratnadheyam, ratnadhebhiḥ, ratnam dhâta hindurch, welche sich unter den übrigen Liedern dieser Ṛibhuserie in 33. 36. 37 auch nicht ein einziges Mal, wohl aber in 34, und zwar hier ebenso stehend wie in 35 finden. Der gemeinsame Bezug dieser beiden Lieder auf das ratnadheyam wird bewirkt haben, dass sie neben einander gestellt wurden, und dass also 35 vor 36 zu stehen kam, obgleich jenes Lied in Triṣṭubh, dies in Jagatī verfasst ist.

c5.s1.t2.9

Die gegebenen Auseinandersetzungen zeigen wohl hinreichend, dass die Regel der metrischen Reihenfolge nicht in dem Sinne als ausnahmslos gelten kann, um für Versausstossungen oder Liedausstossungen eine genügend sichere Basis zu liefern. Wir werden, scheint es, die Vorsicht kaum zu weit treiben, wenn wir von der Bestimmtheit, mit welcher jene Regel durch ihren Entdecker formulirt worden ist, ein wenig nachlassen. Die Lieder mit gleicher Verszahl, so werden wir uns auszudrücken vorziehen, sind nach sonstigen Momenten der Zusammengehörigkeit unter einander gruppirt worden: unter solchen Momenten aber war allerdings dasjenige, welches am stehendsten und augenfälligsten sich darbot, unzweifelhaft das metrische. Neben diesem jedoch konnten, meinen wir, auch andere Momente entscheiden, bisweilen vielleicht nicht zu ermittelnde: und wenn wir hier sogar ein gelegentliches Wirken des reinen Zufalls nicht für ausgeschlossen halten, so wird dieser Mangel an Vertrauen zu der durchgehenden, ich möchte sagen maschinenmässigen Exactheit der Saṃhitâordner vielleicht nicht für ganz unnatürlich gehalten werden.

Cites (2)