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Geschichte der indischen Litteratur v1.c7.s3.1

Geschichte der indischen Litteratur v1.c7.s3.1

Language
German

v1.c7.s3.1

So viel aber auch in bezug auf die Erschlieſsung der indischen Litteratur geleistet worden ist, so ist doch die eigentliche Geschichte derselben noch vielfach dunkel und unerforscht. Vor allem ist die Chronologie der indischen Litteraturgeschichte in ein geradezu beängstigendes Dunkel gehüllt, und es bleiben der Forschung hier noch die meisten Rätsel zu lösen. Es wäre ja so schön, so bequem und namentlich für ein Handbuch so erwünscht, wenn man die indische Litteratur in drei oder vier groſse, durch bestimmte Jahreszahlen abgegrenzte Perioden einteilen und die verschiedenen litterarischen Erzeugnisse in der einen oder der anderen dieser Perioden unterbringen könnte. Aber jeder derartige Versuch müſste bei dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft scheitern, und die Einführung von hypothetischen Jahreszahlen wäre nur ein Blendwerk, welches mehr schaden als nützen würde. Es ist viel besser, sich über die Tatsache klar zu sein, daſs wir für den ältesten Zeitraum der indischen Litteraturgeschichte gar keine und für die späteren Perioden nur wenig sichere Zeitangaben machen können. Vor Jahren hat der berühmte amerikanische Sanskritforscher W. D. Whitney den seither oft wiederholten Satz ausgesprochen: »Alle in der indischen Litteraturgeschichte gegebenen Daten sind gleichsam wieder zum Umwerfen aufgesetzte Kegel.« Und zum groſsen Teil ist dies noch heute der Fall. Noch heute gehen die Ansichten der bedeutendsten Forscher in bezug auf das Alter der wichtigsten indischen Litteraturwerke nicht etwa um Jahre und Jahrzehnte, sondern gleich um Jahrhunderte — wenn nicht gar um ein bis zwei Jahrtausende — auseinander. Was sich mit einiger Sicherheit feststellen läſst, ist meist nur eine Art relativer Chronologie. Wir können oft sagen: dieses oder jenes Werk, diese oder jene Litteraturgattung ist älter als irgendeine andere; allein, über das wirkliche Alter derselben lassen sich bloſs Vermutungen aufstellen. Das sicherste Unterscheidungsmerkmal für diese relative Chronologie ist immer noch die Sprache. Weniger zuverlässig sind schon stilistische Eigentümlichkeiten; denn es ist in Indien oft vorgekommen, daſs jüngere Werke den Stil einer älteren Litteraturgattung nachgeahmt haben, um sich den Anschein von Altertümlichkeit zu geben. Gar oft wird aber auch die relative Chronologie dadurch zuschanden, daſs viele Werke der indischen Litteratur — und gerade diejenigen, welche die volkstümlichsten waren und darum auch für uns am wichtigsten sind — mannigfache Überarbeitungen erfahren haben und in verschiedenen Umgestaltungen auf uns gekommen sind. Finden wir z. B. in einem halbwegs datierbaren Werke das Rāmāyaṇa oder das Mahābhārata zitiert, so erhebt sich immer erst die Frage, ob sich dieses Zitat auf die Epen bezieht, wie sie uns vorliegen, oder auf ältere Gestalten derselben. Noch gröſser wird aber die Unsicherheit dadurch, daſs uns für die groſse Mehrzahl von Werken der älteren Litteratur die Namen der Verfasser so gut wie unbekannt sind. Sie werden uns als die Werke von Familien, von Schulen oder Mönchsgemeinden überliefert, oder aber es wird ein sagenhafter Seher der Vorzeit als Verfasser genannt. Und wenn wir endlich zu einer Zeit kommen, wo wir es mit Werken ganz bestimmter individueller Schriftsteller zu tun haben, da werden dieselben in der Regel nur mit ihren Familiennamen angeführt, mit denen der Litterarhistoriker Indiens ebensowenig anzufangen weiſs wie etwa ein deutscher Litterarhistoriker mit den Namen Meier, Schultze oder Müller, wenn dieselben ohne Vornamen gegeben werden. Erscheint z. B. ein Werk unter dem Namen des Kālidāsa, oder wird der Name Kālidāsa irgendwo erwähnt, so ist es noch keineswegs sicher, daſs der groſse Dichter dieses Namens gemeint ist, — es kann ebensogut ein anderer Kālidāsa sein.

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