Geschichte der indischen Litteratur v1.c7.s3.5
Geschichte der indischen Litteratur v1.c7.s3.5
- Language
- German
v1.c7.s3.5
Die sichersten Daten der indischen Geschichte sind aber jene, welche wir nicht von den Indern selbst haben. So ist der Einfall Alexanders des Groſsen in Indien im Jahre 326 v. Chr. ein gesichertes Datum, welches auch für die indische Litteraturgeschichte von Wichtigkeit ist, namentlich wenn es sich darum handelt, zu entscheiden, ob in irgendeinem Litteraturwerk oder einer Litteraturgattung griechischer Einfluſs anzunehmen sei. Von den Griechen wissen wir auch, daſs um 315 v. Chr. Candragupta, der Sandrakottos der griechischen Schriftsteller, die Empörung gegen die Präfekten Alexanders mit Erfolg leitete, sich des Thrones bemächtigte und der Begründer der Mauryadynastie in Pāṭaliputra (dem Palibothra der Griechen, dem heutigen Patna) wurde. Um dieselbe Zeit oder wenige Jahre später war es, daſs der Grieche Megasthenes von Seleukos als Gesandter an den Hof des Candragupta geschickt wurde. Die uns erhaltenen Bruchstücke der von ihm verfaſsten Beschreibung Indiens (τὰ ᾿Ινδικά) geben uns ein Bild von dem Stand der indischen Kultur zu jener Zeit und gestatten uns auch Schlüsse auf die Datierung mancher indischer Litteraturwerke. Ein Enkel des Candragupta ist der berühmte König Ašoka, der um 259 (oder 269) v. Chr. gekrönt wurde, und von dem die ältesten datierbaren indischen Inschriften herrühren, die bis jetzt gefunden worden sind. Diese teils auf Felsen, teils auf Säulen geschriebenen Inschriften sind zugleich die ältesten Zeugnisse indischer Schrift, die wir besitzen. Sie zeigen uns diesen mächtigen König als einen Gönner und Schützer des Buddhismus, der seine von dem äussersten Norden bis zum äussersten Süden Indiens reichende Herrschaft dazu benutzte, überall die Lehre des Buddha zu verbreiten, und der in seinen Felsen- und Säulenedikten nicht, wie es andere Herrscher getan haben, von seinen Siegen und Ruhmestaten erzählte, sondern das Volk zu tugendhaftem Wandel aufforderte, vor den Gefahren der Sünde warnte, Nächstenliebe und Duldsamkeit predigte. Diese einzigartigen Edikte des Königs Ašoka sind selbst kostbare, in Stein gehauene Litteraturdenkmäler, sie sind aber auch durch ihre Schrift und ihre Sprache sowie durch ihre religionsgeschichtlichen Hinweise für die Litteraturgeschichte von Wichtigkeit. Im Jahre 178 v. Chr. — 137 Jahre nach Candraguptas Krönung — wurde der letzte Sprofs der Maurya-dynastie von einem König Puṣyamitra vom Throne gestürzt. Die Erwähnung dieses Puṣyamitra — z. B. in einem Drama des Kālidāsa — ist ein wichtiger Anhaltspunkt für die Zeitbestimmung mancher Werke der indischen Litteratur. Das gleiche gilt von dem gräko-baktrischen König Menander, der um 144 v. Chr. regierte. Er erscheint unter dem Namen Milinda in dem berühmten buddhistischen Werk »Milindapañha«.
Cites (2)
- Milindapañha — Pāli
- Ἰνδική — Λούκιος Φλάουιος Ἀρριανός, Ancient Greek