Geschichte der indischen Litteratur v1.c7.s5.t2: II. Die mittelindischen Sprachen und Dialekte
Geschichte der indischen Litteratur v1.c7.s5.t2
- Language
- German
II. Die mittelindischen Sprachen und Dialekte
v1.c7.s5.t2.1
Gleichzeitig und parallel mit der Entwicklung des Sanskrit ging auch die mehr natürliche Weiterentwicklung der von den arischen Indern gesprochenen Volksdialekte vor sich. Und die Sprachen und Dialekte, die man als »Mittelindisch« bezeichnet, sind nicht etwa direkt vom Sanskrit abzuleiten, sondern vielmehr von den dem Althochindischen und dem Sanskrit zugrundeliegenden oder denselben nahestehenden indo-arischen Volkssprachen. Bei der Gröfse Indiens ist es nicht zu verwundern, daſs mit der allmählichen Ausbreitung der arischen Einwanderer vom Westen nach dem Osten und Süden eine groſse Anzahl voneinander abweichender Dialekte sich bildete. Von der Mannigfaltigkeit dieser Dialekte geben uns die ältesten Inschriften, die sämtlich in Mittelindisch und nicht im Sanskrit geschrieben sind, eine Vorstellung. Eine ganze Reihe von solchen Volkssprachen ist aber auch zum Range von Litteratursprachen erhoben worden. Nur diese sollen hier kurz aufgezählt werden:
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1. Die wichtigste der mittelindischen Litteratursprachen ist das Pāli, die Kirchensprache der Buddhisten von Ceylon, Birma und Siam, die Sprache, in welcher die älteste Sammlung der uns erhaltenen heiligen Schriften des Buddhismus abgefaſst ist. Die Buddhisten selbst erzählen uns, daſs der Buddha nicht wie die Brahmanen in dem gelehrten Sanskrit gepredigt, sondern in der Sprache des Volkes zum Volke selbst geredet habe. Und da der Buddha in dem Lande Magadha (dem südlichen Bihār) zuerst gepredigt und dort seine vorzüglichste Wirksamkeit entfaltet hat, so sagen uns die Buddhisten, Pāli sei dasselbe wie Māgadhī, die Sprache der Provinz Magadha. Das kann aber nicht richtig sein, da der uns anderweitig bekannte Dialekt von Magadha mit dem Pāli nicht übereinstimmt. Wahrscheinlicher ist es, daſs der Dialekt von Ujjayinī (Ujjein) dem Pāli zugrunde liegt. Wie immer dem auch sein mag, sicher ist, daſs der im Pāli abgefaſste buddhistische Kanon die zuverlässigste Quelle für unsere Kenntniss des alten Buddhismus, der ursprünglichen Lehre des Buddha bildet. Das Wort »Pāli« bedeutet eigentlich »Reihe«, dann »Ordnung, Anordnung, Regel«, daher auch »heiliger Text« und schlieſslich die Sprache der heiligen Texte, im Gegensatz zum Altsinghalesischen, der Sprache, in welcher die Kommentare zu diesen Texten abgefaſst waren.
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2. Neben der Pālilitteratur gibt es aber auch eine buddhistische Sanskritlitteratur. In diesen buddhistischen Werken ist nun häufig nur die Prosa Sanskrit, während die eingestreuten metrischen Stücke, die sogenannten »Gāthās« (d. h. »Lieder« oder »Verse«), in einem mittelindischen Dialekt abgefaſst sind. Man hat daher diesen Dialekt »Gāthādialekt« genannt. Die Bezeichnung ist jedoch nicht ganz zutreffend, da derselbe Dialekt sich auch in Prosastücken findet und auch ganze Prosawerke denselben aufweisen. Es ist dies ein alter mittelindischer Dialekt, welcher durch Einfügung von Sanskritendungen und sonstige Sanskritismen in ziemlich unbeholfener Weise dem Sanskrit angenähert worden ist, weshalb Senart für denselben die Bezeichnung »gemischtes Sanskrit« vorgeschlagen hat.
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3. Ähnlich wie die Buddhisten so haben auch die Jainas für ihre heiligen Schriften nicht das Sanskrit, sondern mittelindische Dialekte verwendet, und zwar zwei verschiedene Prākrits¹):
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¹ Mit dem Ausdruck »Prākrit« bezeichnen die Inder nicht die Volkssprachen schlechthin, sondern nur die in der Litteratur verwendeten Volkssprachen. Vgl. zu diesem ganzen Abschnitt R. Pischel, Grammatik der Prākrit-Sprachen (im »Grundriss« I, 8), Einleitung.
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a) das Jaina-Prākrit (auch Ardhamāgadhī oder Ārṣa genannt), die Sprache der älteren Werke des Jaina-Kanons, und
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b) die Jaina-Mahārāṣṭrī, die Sprache, in welcher die Kommentare zum Jaina-Kanon und die nichtreligiösen poetischen Werke der Jainas abgefasst sind. Dieser Dialekt ist sehr nahe verwandt mit jenem Prākrit, welches am häufigsten als Litteratursprache für weltliche Dichtung verwendet worden ist, nämlich
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4. der Mahārāṣṭrī, der Sprache von Mahārāṣṭra, dem Lande der Marāṭhen. Diese gilt allgemein als das beste Prākrit, und wenn die Inder von Prākrit schlechthin sprechen, so meinen sie die Mahārāṣṭrī. Sie wurde hauptsächlich für lyrische Dichtung verwendet, insbesondere auch für die lyrischen Partien in den Dramen. Es gibt aber auch epische Gedichte in Mahārāṣṭrī. Andere wichtige Prākritdialekte, die im Drama verwendet werden, sind:
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5. Die Śaurasenī, welche in der Prosa der Dramen hauptsächlich von vornehmen Frauen gesprochen wird. Ihre Grundlage bildet der Dialekt des Śūrasenalandes, dessen Hauptstadt Mathurā ist.
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6. Leute niedrigen Standes sprechen in den Dramen Māgadhī, den Dialekt von Magadha, und
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7. Paiśācī wird im Drama von den Angehörigen der niedrigsten Volksklassen gesprochen. Das Wort bezeichnet wahrscheinlich ursprünglich den Dialekt eines Volksstammes der Piśācas, obwohl es die Inder als die Sprache der Piśācas genannten Dä- monen erklären. In diesem Paiśācidialekt ist auch ein berühmtes Werk der Erzählungslitteratur — Guṇāḍhyas Bṛhatkathā — abgefasst.
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8. Endlich wird noch unter dem Namen »Apabhraṁśa« eine Anzahl von Prākritdialekten, die im Drama gelegentlich vorkommen, zusammengefasst. Das Wort Apabhraṁśa bezeichnet ursprünglich alles, was vom Sanskrit abweicht, dann insbesondere die lebenden Volkssprachen, und in letzter Linie gewisse Prākritdialekte.