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Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s1: Was ist der Veda?

Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s1

Language
German

Was ist der Veda?

v1.c8.s1.1

Als dem ältesten indischen und zugleich ältesten indogermanischen Litteraturdenkmal gebührt dem Veda ein hervorragender Platz in der Geschichte der Weltlitteratur. Er gebührt ihm auch, wenn wir bedenken, daſs mindestens 3000 Jahre hindurch Millionen von Hindus das Wort des Veda für das Wort Gottes gehalten haben, und für ihr Denken und Fühlen der Veda maſsgebend gewesen ist. Und wie der Veda um seines Alters willen an der Spitze der indischen Litteratur steht, so kann auch niemand das Geistesleben und die Kultur der Inder verstehen, der nicht einen Einblick in die vedische Litteratur gewonnen hat. Auch der Buddhismus, dessen Geburtsstätte Indien ist, bleibt ewig unverständlich für den, der den Veda nicht kennt. Denn die Lehre des Buddha verhält sich zum Veda wie das Neue zum Alten Testament. Keiner kann den neuen Glauben verstehen, ohne den alten, von dem der Veda uns Kunde gibt, kennen gelernt zu haben.

v1.c8.s1.2

Was ist nun eigentlich der Veda?

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Das Wort »Veda« bedeutet »Wissen«, dann »das Wissen par excellence«, d. h. »das heilige, das religiöse Wissen«, und es bezeichnet nicht ein einzelnes litterarisches Werk, wie etwa das Wort »Korán«, auch nicht eine zu irgendeiner Zeit veranstaltete, in sich abgeschlossene Sammlung einer bestimmten Anzahl von Büchern, wie das Wort »Bibel« (das »Buch par excellence«) oder wie das Wort »Tipiṭaka«, die »Bibel« der Buddhisten, sondern eine ganze groſse Litteratur, welche im Laufe von vielen Jahrhunderten entstanden und jahrhundertelang durch mündliche Überlieferung von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt worden ist, bis sie schliesslich von einem jüngeren Geschlecht — aber auch schon in grauer Vorzeit — ebensowohl wegen ihres hohen Alters wie wegen ihres Inhaltes als »heiliges Wissen«, als »göttliche Offenbarung« erklärt wurde. Es ist hier nicht von einem »Kanon« die Rede, der auf irgendeinem Konzil festgestellt worden wäre, sondern der Glaube an die »Heiligkeit« dieser Litteratur ergab sich gewissermassen von selbst und wurde nur selten ernstlich bestritten.

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Was man nun aber »Veda« oder »vedische Litteratur« nennt, besteht aus drei verschiedenen Klassen von Litteraturwerken; und zu jeder dieser drei Klassen gehört eine grössere oder geringere Anzahl von einzelnen Werken, von denen uns manche erhalten, viele aber auch verloren gegangen sind. Diese drei Klassen sind:

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I. Saṃhitās, d. h. »Sammlungen«, nämlich Sammlungen von Hymnen, Gebeten, Zauberliedern, Segenssprüchen, Opferformeln und Litaneien.

v1.c8.s1.6

II. Brāhmaṇas, umfangreiche Prosatexte, welche theologische Erörterungen, insbesondere Betrachtungen über das Opfer und die praktische oder mystische Bedeutung der einzelnen Opferriten und Zeremonien, enthalten.

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III. Āraṇyakas (»Waldtexte«) und Upaniṣads (»Geheimlehren«), welche zum Teil in den Brāhmaṇas selbst eingeschlossen oder denselben angehängt sind, zum Teil aber auch als selbständige Werke gelten. Sie enthalten die Meditationen der Waldeinsiedler und Asketen über Gott, Welt und Menschheit, und in ihnen steckt ein gut Stück ältester indischer Philosophie.

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Es muss einmal eine ziemlich grosse Anzahl von Saṃhitās gegeben haben, die in verschiedenen Priester- und Sängerschulen entstanden und in denselben weiter überliefert worden sind. Viele dieser »Sammlungen« waren aber nichts anderes als wenig abweichende Rezensionen — Śākhās, »Zweige«, wie die Inder sagen — einer und derselben Saṃhitā. Vier Saṃhitās aber gibt es, die sich scharf voneinander unterscheiden, und die uns auch in einer oder mehreren Rezensionen erhalten sind. Es sind dies:

v1.c8.s1.9

1. Die Ṛgveda-Saṃhitā, die Sammlung des Ṛgveda.

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»Rig-veda« (eigentlich ṛg-veda) ist »der Veda oder das Wissen von den Preisliedern« (ṛc, plur. ṛcas).

v1.c8.s1.11

2. Die Atharvaveda-Saṃhitā, die Sammlung des Atharva-veda, d. h. »des Wissens von den Zaubersprüchen« (atharvan).

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3. Die Sāmaveda-Saṃhitā, die Sammlung des Sāmaveda, d. h. »des Wissens von den Melodien« (sāman).

v1.c8.s1.13

4. Die Yajurveda-Saṃhitā, die Sammlung des Yajurveda, d. h. »des Wissens von den Opfersprüchen« (yajus, plur. yajūṃṣi), von welcher es zwei voneinander ziemlich stark abweichende Texte gibt, nämlich:

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a) die Saṃhitā des schwarzen Yajurveda, welche uns in mehreren Rezensionen erhalten ist, von denen die Taittirīya-Saṃhitā und die Maitrāyaṇī-Saṃhitā am wichtigsten sind; und

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b) die Saṃhitā des weiſsen Yajurveda, die uns in der Vājasaneyi-Saṃhitā erhalten ist.

v1.c8.s1.16

Auf Grund dieser vier verschiedenen Saṃhitās unterscheiden die Inder vier verschiedene Vedas — und darum spricht man auch häufig von den »Vedas« oder den »Veden« in der Mehrzahl —, nämlich: Rigveda, Atharvaveda, Sāmaveda und (schwarzen und weiſsen) Yajurveda. Und jedes der zur Klasse der Brāhmaṇas, der Āraṇyakas, oder der Upaniṣads gehörigen Werke schlieſst sich an eine der aufgezählten Saṃhitās an und »gehört«, wie man zu sagen pflegt, zu einem der vier Vedas. Es gibt daher nicht nur Saṃhitās, sondern auch Brāhmaṇas, Āraṇyakas und Upaniṣads des Rigveda, ebenso wie des Atharvaveda, des Sāmaveda und des Yajurveda. So gehört z. B. das Aitareya-Brāhmaṇa zum Rigveda, das Śatapatha-Brāhmaṇa zum weissen Yajurveda, die Chāndogya-Upaniṣad zum Sāmaveda u. s. w.

v1.c8.s1.17

Jedes Werk, welches zu einer der drei obengenannten Klassen und zu einem der vier Vedas gehört, muſs als »vedisch« bezeichnet werden; und die ganze vedische Litteratur stellt sich uns somit dar als eine groſse Reihe von Werken religiösen Inhalts — Liedersammlungen, Gebetbüchern, theologischen und theosophischen Abhandlungen, — welche verschiedenen, aufeinanderfolgenden Zeitperioden angehören, welche aber insofern eine Einheit darstellen, als sie alle zusammen die Grundlage für das brahmanische Religionssystem bilden und für den Brahmanismus dieselbe Bedeutung haben wie das Alte Testament für das Judentum oder das Neue Testament für das Christentum. Und wie Juden und Christen ihre »Heilige Schrift«, so halten die brahmanischen Inder ihren Veda in seinem ganzen Umfange für göttliche Offenbarung. Dem Ausdruck »Heilige Schrift« entspricht aber bei den Indern in bezeichnender Weise der Ausdruck »Śruti«, »das Hören«, weil die offenbarten Texte nicht geschrieben und gelesen, sondern nur gesprochen und gehört wurden. Daſs aber nicht nur die uralten Hymnen des Rigveda als von Gott Brahman »ausgehaucht« und von den alten Sehern nur geschaut galten, sondern daſs auch jedes Wort in den Upaniṣads, den spätesten Erzeugnissen der vedischen Litteratur, als von Gott Brahman selbst herrührend für unanfechtbare Wahrheit angesehen wurde, davon zeugt die ganze Geschichte der indischen Philosophie. So sehr auch die verschiedenen Systeme indischer Philosophie auseinandergehen, so stimmen sie doch fast alle darin überein, daſs sie den Veda für offenbart halten, und daſs sie sich alle auf den Veda, insbesondere die Upaniṣads, berufen; freilich herrscht groſse Freiheit und Willkür in bezug auf die Erklärung dieser Texte, und jeder Philosoph liest aus denselben gerade das heraus, was er finden will. Höchst bezeichnend ist es, daſs selbst die Buddhisten, welche die Autorität des Veda leugnen, doch zugeben, daſs derselbe ursprünglich von Gott Brahman verkündet (oder »geschaffen«) worden sei; nur, fügen sie hinzu, sei er durch die Brahmanen verfälscht worden und enthalte darum so viele Irrtümer.

v1.c8.s1.18

Nur für diese als offenbart angesehene Litteratur ist der Ausdruck »Veda« berechtigt. Es gibt aber noch eine Klasse von Werken, die sich aufs engste an die vedische Litteratur anschlieſsen, aber doch nicht als zum Veda gehörig bezeichnet werden können. Es sind dies die sogenannten Kalpasūtras (zuweilen auch kurz »Sūtras« genannt) oder Lehrbücher des Rituals, welche in einem eigentümlichen, aphoristischen Prosastil abgefaſst sind. Zu ihnen gehören:

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1. Die Śrautasūtras, welche die Regeln für die Vollziehung der groſsen, oft viele Tage lang dauernden Opfer enthalten, bei welchen mehrere heilige Feuer brennen und eine groſse Anzahl von Priestern verwendet werden muſs;

v1.c8.s1.20

2. die Gṛhyasūtras, welche Vorschriften über die einfachen Zeremonien und Opferhandlungen des täglichen Lebens (bei Geburt, Hochzeit, Todesfällen u. dgl.) enthalten, und

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3. die Dharmasūtras, Lehrbücher des geistlichen und weltlichen Rechts — die ältesten Rechtsbücher der Inder.

v1.c8.s1.22

Ebenso wie Brāhmaṇas, Āraṇyakas und Upaniṣads schliessen sich auch diese Werke an einen der vier Vedas an; und es gibt Śrauta-, Gṛhya-, und Dharmasūtras, welche zum Rigveda, andere, welche zum Sāmaveda, zum Yajurveda oder zum Atharvaveda gehören. Sie sind nämlich aus bestimmten vedischen Schulen hervorgegangen, die sich das Studium irgendeines Veda zur Aufgabe gemacht haben. Doch gelten alle diese Lehrbücher als Menschenwerk und nicht mehr als göttliche Offenbarung; sie gehören nicht zum Veda, sondern zu den »Vedāṅgas«, den »Gliedern«, d. h. den »Hilfswissenschaften des Veda«.

v1.c8.s1.23

Zu diesen »Vedāṅgas« gehören aufser den Werken über Ritual auch eine Anzahl von Werken über Phonetik, Grammatik, Etymologie, Metrik und Astronomie. Auch auf diese werden wir am Ende dieses Abschnittes zu sprechen kommen.

v1.c8.s1.24

Nach diesem allgemeinen Überblick über die vedische und die mit ihr zusammenhängende Litteratur wenden wir uns zur Besprechung der wichtigsten zum Veda gehörigen Werke, vor allem der Saṃhitās.

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