Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s8.13
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s8.13
- Language
- German
v1.c8.s8.13
In den Upaniṣads aber finden wir nicht nur Könige, sondern auch Frauen und selbst Leute niedrigen Standes, die sich an den litterarischen und philosophischen Bestrebungen lebhaft beteiligen und oft im Besitze des höchsten Wissens sind. So fragt in der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad Gārgī, die Tochter des Vacaknu, den Yājñavalkya so lange über den Urgrund alles Seins, bis dieser sagt: »Frage nicht zuviel, Gārgī! Daſs dir nicht der Kopf zerspringe. Wahrlich, über die Gottheit darf man nicht zuviel fragen. Du fragst zuviel, Gārgī; frage nicht zuviel!« Und an einer anderen Stelle tritt dieselbe Gārgī inmitten einer Versammlung von disputierlustigen Weisen dem berühmten Lehrer Yājñavalkya mit den Worten entgegen: »Ich erhebe mich gegen dich, Yājñavalkya! Wie ein Heldensohn aus Benares oder aus Videha den abgespannten Bogen mit der Sehne bespannt und mit zwei feindedurchbohrenden Pfeilen in der Hand sich erhebt, gerade so erhebe ich mich gegen dich mit zwei Fragen, — die beantworte mir!« In derselben Upaniṣad belehrt Yājñavalkya seine Gattin Maitreyī über die höchste Wissenschaft vom Ātman⁴). Wie wenig dieses höchste Wissen ein Vorrecht der Brahmanen ist, beweist auch die köstliche Geschichte von Raikva mit dem Ziehkarren, der unter seinem Wagen sitzt und sich den Aussatz schabt, aber im Besitz der höchsten Weisheit stolz wie ein König ist. Demütig naht ihm der reiche Spender Jānaśruti, um von ihm belehrt zu werden. Einen Śūdra nennt ihn Raikva und lacht über die Geschenke, die ihm der reiche Mann anbietet. Erst als dieser ihm seine schöne Tochter zur Frau gibt, lässt er sich herbei, ihn zu belehren¹). Von reizender Naivität ist auch die folgende Geschichte: