Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s8.50
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s8.50
- Language
- German
v1.c8.s8.50
Dies ist im Auge zu behalten, wenn von einer »Philosophie der Upaniṣads« oder gar von einem »System der Upaniṣads« gesprochen wird. Eine Philosophie der Upaniṣads gibt es nur insofern, als in diese Sammelwerke von allerlei Mysterien auch die Lehren der Philosophen aufgenommen worden sind. Und ein System der Upaniṣad-Philosophie gibt es nur in einem sehr beschränkten Sinne. Denn es sind nicht die Gedanken eines einzelnen Philosophen oder einer einheitlichen, etwa auf einen einzigen Lehrer zurückgehenden Philosophenschule, die uns in den Upaniṣads vorliegen, sondern es sind die Lehren verschiedener Männer, ja verschiedener Zeiten, welche in den einzelnen Abschnitten der Upaniṣads vorgetragen werden. Allerdings gibt es einige Grundlehren, welche den philosophischen Gedanken, die in den Upaniṣads hervortreten, etwas Einheitliches verleihen; und nur mit Rücksicht auf diese Grundlehren kann man (wie es Deussen tut) — aber immer mit Vorbehalten — von einem »System der Upaniṣads« sprechen. Wir dürfen daher auch nicht in jedem Kapitel der Upaniṣads eine tiefe Weisheit suchen und in jeder Upaniṣad einen platonischen Dialog erwarten. Es ist ja merkwürdig genug, daſs wir gerade in den ältesten und schönsten Stücken der Upaniṣads dieselbe Form des Dialogs finden wie bei dem groſsen griechischen Philosophen. Und wie uns Platos Dialoge ein wunderbar lebendiges Bild von dem Leben und Treiben der alten Griechen entrollen, so gestatten uns auch die Dialoge der älteren Upaniṣads oft einen überraschenden Einblick in das Leben an den altindischen Fürstenhöfen, wo Priester und berühmte Wanderlehrer — auch gelehrte Frauen darunter — zusammenströmten, um ihre Redeturniere vor dem König aufzuführen, der sich nicht selten in die theologischen und philosophischen Unterhaltungen mischte und die gelehrten Brahmanen durch sein Wissen beschämte; — und einen Einblick auch in das Schulleben jener alten Zeiten, wo fahrende Schüler weite Reisen unternahmen, um irgendeinen berühmten Lehrer zu »hören«, einen Lehrer, zu dem die Schüler von allen Seiten herzugelaufen kamen, »wie Wasser in den Abgrund stürzen und Monde in das Jahr versinken«¹). Aber neben Abschnitten von tiefem philosophischem Gehalt und neben Stücken, die den Vergleich mit den Dialogen Platos sehr wohl aushalten, finden wir in den Upaniṣads auch vieles, was philosophisch und litterarisch ganz wertlos ist.