Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s8.9
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s8.9
- Language
- German
v1.c8.s8.9
Daſs die Kriegerkaste dem geistigen Leben und dem litterarischen Treiben der alten Zeit nicht ferne stand, beweisen zahlreiche Stellen der Upaniṣads, aber auch schon der Brāhmaṇas. Im Kauṣītaki-Brāhmaṇa (XXVI, 5) unterhält sich ein König Pratardana mit den Priestern über die Opferwissenschaft. Und im XI. Buch des Śatapatha-Brāhmaṇa ist wiederholt von dem König Janaka von Videha die Rede, der alle Priester durch sein Wissen beschämt. Besonders lehrreich ist die Stelle, wo Janaka die Priester Śvetaketu, Somaśuṣma und Yājñavalkya befragt, wie sie das Feueropfer (Agnihotra) vollziehen. Keiner gibt eine befriedigende Antwort. Yājñavalkya aber erhält ein Geschenk von hundert Kühen, weil er über den Sinn des Opfers am meisten geforscht hat, obwohl, wie König Janaka bemerkt, auch ihm der wahre Sinn des Agnihotra noch nicht aufgegangen ist. Nachdem der König sich entfernt hat, sagen die Priester zueinander: »Wahrhaftig, dieser Krieger da hat uns durch seine Rede beschämt. Wohlan! Wir wollen ihn zu einem Redewettstreit (Brahmodya) herausfordern.« Yājñavalkya aber rät davon ab, indem er sagt: »Wir sind Brahmanen, er aber ist nur ein Krieger. Wenn wir ihn besiegen, wen sollen wir sagen, daſs wir besiegt haben? Wenn aber er uns besiegen sollte, würden die Leute von uns sagen: ‚Ein Krieger hat die Brahmanen besiegt;‘ denkt nicht daran!« Die beiden anderen Priester stimmten ihm bei, Yājñavalkya aber begibt sich zum König Janaka und läſst sich von ihm belehren¹). — Auch Ayasthūṇa, der Opferveranstalter, der seinen Priester Śaulvāyana belehrt²), ist schwerlich ein Brahmane, trotzdem Sāyaṇa ihn für einen Ṛṣi erklärt. Auch die Ṛṣis oder Verfasser der Hymnen des Rigveda waren ja nach der Tradition durchaus nicht immer Angehörige des Priesterstandes. So wird von einem Ṛṣi Kavaṣa erzählt, er sei der Sohn einer Sklavin, ein Nichtbrahmane gewesen. Als er an einem groſsen Opfer teilnehmen wollte, jagten ihn die Priester davon, damit er in der Wüste verhungere und verdurste. Die Wasser und die Göttin Sarasvatī aber nehmen sich seiner an, er »erschaut« einen Hymnus, worauf die Priester ihn als Ṛṣi anerkennen und wieder aufnehmen³).
Linked texts (2)
- Kauṣītakibrāhmaṇa — Kauṣītaki, Sanskrit
- Śatapathabrāhmaṇa — Yājñavalkya & Śāṇḍilya (Vedic teacher), Sanskrit