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Geschichte der indischen Litteratur v2.c14.2

Geschichte der indischen Litteratur v2.c14.2

Language
German

v2.c14.2

Nur allzu sehr bin ich mir bewußt, daß eine Darstellung der buddhistischen Litteratur, die den Inhalt dieses Halbbandes bildet, bei dem heutigen Stande unseres Wissens ein kühnes Wagnis ist. Ist doch ein großer Teil dieser Litteratur kaum erst erschlossen worden, während ein größerer Teil — namentlich der buddhistischen Sanskritlitteratur, aber auch manche wichtige Pālitexte — noch der Übersetzer und Bearbeiter, ja selbst der Herausgeber harrt. Dazu kommt, daß bei der geringen Zahl der Arbeiter auf dem Gebiete der Sinologie das Licht, das die chinesischen Übersetzungen auf die Geschichte der buddhistischen Litteratur werfen, kaum erst zu leuchten begonnen hat. Hier dürfen wir wohl von französischen und japanischen Gelehrten bald Hilfe und Besserung erhoffen. Auch von der Durchforschung der zentralasiatischen Funde — der reichen Handschriftenschätze, die M. A. Stein aus Khotan, A. Grünwedel und A. v. Le Coq aus Turfan mitgebracht haben — dürfen wir in nächster Zeit manche Bereicherung unserer Kenntnis der buddhistischen Litteratur und ihrer Geschichte erwarten. Immerhin wird es Jahrzehnte dauern, bevor alle Ergebnisse dieser Forschungen vorliegen werden. Und doch — so sehr auch der amerikanische Kollege recht hat, der mir vor einiger Zeit schrieb: ‘I can easily understand that your History of Buddhist Literature is the devil’s own job to write' — mußte der Versuch einer Darstellung der buddhistischen Litteratur jetzt gewagt werden. Denn eine Geschichte der indischen Litteratur zu schreiben, ohne der buddhistischen Litteratur gerecht zu werden, geht heutzutage einfach nicht mehr an. Das für die Weltgeschichte wichtigste Erzeugnis des indischen Geistes ist und bleibt doch der Buddhismus. Und wie will man den Buddhismus verstehen, ohne dessen Litteratur zu kennen? So wie in einer indischen Religionsgeschichte die Religion des Buddha einen großen Raum einnehmen müßte, so wie es eine indische Kunstgeschichte ohne die buddhistische Kunst gar nicht gäbe, so würde auch die Geschichte der indischen Litteratur eine klaffende Lücke aufweisen, wenn in ihr die buddhistische Litteratur nicht zur Darstellung käme. Denn wenn auch diese Litteratur heute mehr in Ceylon und in Birma, in Nepal und in Tibet zu Hause ist, als im eigentlichen Indien, so ist sie doch auf indischem Boden erwachsen, sie trägt alle Merkmale eines echt indischen Geisteserzeugnisses, sie hat durch weit mehr als ein Jahrtausend das indische Geistesleben beeinflußt und hängt naturgemäß mit der gesamten übrigen indischen Litteratur aufs innigste zusammen. So mangelhaft aber auch eine Darstellung der buddhistischen Litteratur heute noch sein muß, so dürfte sie doch auch für den Fortschritt der Wissenschaft nicht ohne Nutzen sein. Man muß den Mut haben zu irren. Über unsere Irrtümer wird die künftige Wissenschaft zu neuen Wahrheiten fortschreiten.