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Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s4: Das Abhidhammapiṭaka. Die buddhistische Scholastik

Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s4

Language
German

Das Abhidhammapiṭaka. Die buddhistische Scholastik

v2.c16.s4.1

Man hat früher das Wort Abhidhamma, da es »höhere Religion« oder »die höheren Feinheiten der Religion« bezeichnet¹), zuweilen durch »Metaphysik« übersetzt. In Wirklichkeit hat der Abhidhamma mit Metaphysik nichts zu schaffen und mit Philosophie nicht mehr und nicht weniger als der Dhamma, wie er im Suttapiṭaka gelehrt wird. Und eine so vorzügliche Kennerin und Schätzerin der buddhistischen Philosophie, wie Mrs. Rhys Davids²), erklärt, daß unsere Kenntnis der buddhistischen Philosophie unvermindert bleiben würde, wenn das ganze Abhidhammapiṭaka nicht vorhanden wäre. In der Tat unterscheiden sich die Bücher des Abhidhammapiṭaka von denen des Suttapiṭaka nur dadurch, daß sie umständlicher, trockener, gelehrter, mit einem Wort mehr scholastisch sind. Der Gegenstand, den sie behandeln, ist derselbe. Originalität und Tiefe wird man in ihnen vergebens suchen. Definitionen und Klassifikationen sind ihre starke Seite. Aber die Definitionen, so wertvoll sie für das Lexikon und für die Kenntnis der buddhistischen Terminologie sind, enttäuschen dadurch, daß sie sich nur in einer endlosen Aneinanderreihung von Synonymen bewegen. Und die Klassifikationen, so anerkennenswert auch der in ihnen gemachte Versuch einer psychologischen Grundlegung der Ethik ist, sind doch selten tiefschürfende Analysen psychischer Vorgänge, viel häufiger nur bis zum Übermaß fortgesetzte Aufzählungen willkürlich geschaffener oder banaler Kategorien. Und in all dem finden wir in der Regel nichts als Dogmatik, kaum je eine Spur von irgendeiner wissenschaftlich zu nennenden Forschung. Die Form dieser Werke ist zumeist die von Fragen und Antworten nach Art eines Katechismus.

v2.c16.s4.2

¹ Auch Buddhaghosa erklärt, daß sich das a b h i (»höhere«) in dem Worte »Abhidhamma« nicht auf den Inhalt, sondern nur auf die detailliertere Art der Behandlung bezieht. Vgl. A. C. Taylor in JRAS 1894, p. 560 f. und Rhys Davids in SBE Vol. 36, p. 237 n.

v2.c16.s4.3

² In ERE I, 1908, p. 19 f.

v2.c16.s4.4

Hervorgegangen sind die Abhidhammatexte gewiß aus dem Suttapiṭaka. Einzelne Suttas (z. B. Majjhimanikāya 137 und 140) sind ganz im Stile des Abhidhamma gehalten, und der Aṅguttaranikāya ist geradezu ein Vorläufer des Abhidhammapiṭaka. Die schon im Vinayapiṭaka erwähnten Mātikās oder »Listen«¹), die zum Bestande der Abhidhammabücher gehören, dürften als die ersten Anfänge des Abhidhammapiṭaka anzusehen sein.

v2.c16.s4.5

¹ S. oben S. 9 A.

v2.c16.s4.6

Das erste Buch des Abhidhammapiṭaka, Puggalapaññatti²) oder »Beschreibung der Individuen« genannt, berührt sich noch vielfach in Form und Inhalt mit den Texten des Suttapiṭaka. Es ist in der Form wenig verschieden von dem Saṅgītisutta des Dīghanikāya, und die Abschnitte 3—5 stehen größtenteils auch im Aṅguttaranikāya. Manche Kapitel lesen sich hier genau so wie Suttas in einem der Nikāyas, und diese stechen vorteilhaft von ihrer Umgebung ab. Wir finden da zuweilen auch hübsche Gleichnisse. Es werden z. B. (V, 3) fünf Arten von Mönchen in ihrem Verhältnis zum Weibe mit fünf Arten von Kämpfern verglichen, und der Vergleich wird, wie so oft im Majjhimanikāya, bis ins einzelne durchgeführt. Aber nur selten stoßen wir auf derartige Stücke, denen litterarischer Wert nicht abzusprechen ist. Im allgemeinen sind selbst die Gleichnisse von derselben Öde und Langeweile wie die übrigen Teile des Werkes, dessen Zweck die Klassifikation der Individuen nach ihren sittlichen Eigenschaften ist. Vom Geist und Stil des Werkes, von der Art der Definitionen und Klassifikationen in seinen echt abhidhammaartigen Teilen werden ein paar Beispiele eine genügende Vorstellung geben:

v2.c16.s4.7

² Edited by R. Morris, London PTS 1883, ins Deutsche übersetzt von Bhikkhu Nyāṇatiloka, Puggala Paññatti, Das Buch der Charaktere, Breslau 1910.

v2.c16.s4.8

»Welcher Mensch gilt als ‚zornerfüllt‘, und was ist da ‚Zorn‘? Was da Zorn ist, Zürnen, Erzürntsein, Haß, Hassen, Gehässigkeit, Auffahren, Außersichgeraten, Aufgebrachtsein, Widerwille, Feindschaft, Heftigkeit, Erregtheit, Herzensverstimmung: das nennt man Zorn. Wer aber von diesem Zorne nicht frei ist, diesen Menschen nennt man zornerfüllt.«

v2.c16.s4.9

»Welcher Mensch gilt als ,falsch‘, und was ist da ,Falschheit‘? Da ist ein Mensch falsch und listig. Was da nun in ihm Falschheit ist, falsches Wesen, falsche Gesinnung, Arglist, Bosheit, Tücke, Hinterlist: das nennt man ,Falschheit‘. Wer aber von dieser Falschheit nicht frei ist, diesen Menschen nennt man ,falsch‘«.
»Welcher Mensch gilt als ,niedrig gesinnt‘? Da ist ein Mensch sittenlos, dem Bösen ergeben, und derselbe pflegt Verkehr, Umgang und Freundschaft mit einem andern Sittenlosen, dem Bösen Ergebenen. Diesen Menschen nennt man ,niedrig gesinnt‘.«
»Welcher Mensch gilt als ,edel gesinnt‘? Da ist ein Mensch sittenrein, dem Guten ergeben, und derselbe pflegt Verkehr, Umgang und Freundschaft mit einem andern Sittenreinen, dem Guten Ergebenen. Diesen Menschen nennt man ,edel gesinnt‘«¹).

v2.c16.s4.10

¹ §§ 51, 57, 94, 95 in der Übersetzung von Nyāṇatiloka.

v2.c16.s4.11

Dhātukathā²), »Darlegung der Elemente«, ist der Titel des zweiten Buches des Abhidhammapiṭaka. Dies ist ein kleines Werk von 14 Kapiteln in Fragen und Antworten über die Elemente der psychischen Erscheinungen und ihre Wechselbeziehungen.

v2.c16.s4.12

² Edited by E. R. Gooneratne, London PTS 1892.

v2.c16.s4.13

Als ein »Handbuch psychologischer Ethik« wird das dritte Buch, Dhammasaṅgaṇi³), »Aufzählung der Geisteszustände«, von der Übersetzerin Mrs. Rhys Davids⁴) bezeichnet. Das Werk beschäftigt sich mit der Klassifikation der Dhammas, d. h. der psychischen und moralischen Zustände, Vorstellungen und Erscheinungen. In einem geistvollen einleitenden Essay hat die englische Übersetzerin versucht, aus diesem schwer verständlichen Katechismus mit seinem dürren Gerüste von Aufzählungen eine großartige buddhistische Philosophie zu konstruieren, der sie eine bedeutende Stellung in der allgemeinen Geschichte der Philosophie zuweist. Jedenfalls hat das Werk in Ceylon großes Ansehen genossen⁵). Als Anhang zum Dhammasaṅgaṇi ist ein Kommentar zum dritten Buch des Werkes, der sich Atthuddhāra nennt und dem Sāriputta zugeschrieben wird, auch in den Kanon aufgenommen worden¹).

v2.c16.s4.14

³ Edited by Ed. Müller, London PTS 1885.

v2.c16.s4.15

⁴ A Buddhist Manual of Psychological Ethics, being a Translation . . . of the . . . Dhamma-Saṅgaṇi (Compendium of States or Phenomena), London, Oriental Translation Fund, 1900.

v2.c16.s4.16

⁵ So ließ ein König von Ceylon im 10. Jahrhundert ein Exemplar des Werkes auf edelsteinverzierten Goldplatten eingraben und dieses in feierlicher Prozession in ein von ihm erbautes Kloster bringen, wo Blumenspenden dargebracht wurden (Mrs. Rhys Davids a. a. O., p. XIX.)

v2.c16.s4.17

¹ Mrs. Rhys Davids a. a. O., pp. XX, 360 ff.

v2.c16.s4.18

Als Fortsetzung dieses Handbuches ist der Vibhaṅga²) aufzufassen. Die Formeln und Kategorien des Dhammasaṅgaṇi werden hier vorausgesetzt, aber es kommen noch neue hinzu. Der erste Abschnitt handelt über die buddhistischen Grundbegriffe und Grundwahrheiten, der zweite über das Erkennen von den Sinneseindrücken bis zur höchsten Erkenntnis eines Buddha, der dritte über die Hindernisse der Erkenntnis. Der letzte Abschnitt enthält viel Mythologisches über verschiedene Zustände in menschlichen und anderen Existenzen.

v2.c16.s4.19

² Edited by Mrs. Rhys Davids, London PTS 1904.

v2.c16.s4.20

Von dem Paṭṭhānapakaraṇa oder Mahāpakaraṇa ist bisher nur ein Teil, das Dukapaṭṭhāna, herausgegeben³). Auch von dem Yamaka, dem »Buch der Doppelfragen« (so genannt, weil alle Fragen in zweifacher Weise, positiv und negativ, aufgeworfen werden), ist bisher nur der erste Band erschienen⁴).

v2.c16.s4.21

³ Von Mrs. Rhys Davids, London PTS 1906. Das Werk ist so schwer verständlich, daß die Herausgeberin selbst gesteht: »I am far from pretending to solve any of its problems«.

v2.c16.s4.22

⁴ Edited by Caroline Rhys Davids, assisted by Mary C. Foley and Mabel Hunt, Vol. I, London PTS 1911.

v2.c16.s4.23

Für die Geschichte des Buddhismus von der größten Wichtigkeit ist das siebente Buch, das dem Tissa Moggaliputta zugeschriebene Kathāvatthu⁵). In 23 Abschnitten, deren jeder 8—12 Fragen und Antworten enthält, werden verschiedene ketzerische Anschauungen vorgetragen und verworfen. Wir finden da Fragen wie z. B. die folgenden: Gibt es eine Seele? Kann ein Arhat seine Arhatschaft verlieren? Gibt es zwei Arten des Nirvāṇa? Sind die zehn übermenschlichen Kräfte des Buddha auch seinen Hörern eigen? Kann ein Familienvater ein Arhat werden? Ist das Wissen vom Denken unabhängig? Hat jede Tat (Karman) eine Folge? usw. Alle diese Fragen werden mit »Nein« beantwortet und dadurch die gegenteilige Meinung als ketzerisch gekennzeichnet. Zur Widerlegung der Ketzereien werden viele Stellen aus dem Suttapiṭaka zitiert¹). Wenn die Überlieferung, welche das Werk dem Tissa Moggaliputta, dem Vorsitzenden des dritten Konzils, zuschreibt, völlig zuverlässig wäre, so würde dieses Werk von geradezu unschätzbarer Bedeutung sein, weil es uns über die geistigen Strömungen innerhalb der buddhistischen Gemeinde und auch über den Zustand des Suttapiṭaka zur Zeit des Aśoka zuverlässige Kunde gäbe. Ich glaube nun allerdings mit Oldenberg²), daß diese Überlieferung der singhalesischen Chronisten »ein geradezu außergewöhnliches authentisches Aussehen« hat, daß demnach das Kathāvatthu mit einiger Wahrscheinlichkeit als Zeuge für den Buddhismus des 3. Jahrhunderts gelten darf. Aber auch wenn man sich zu dieser Überlieferung skeptisch verhält³), bleibt das Werk von Wichtigkeit. Nur schweben dann die Angaben des Kathāvatthu chronologisch in der Luft, und es wird erst einer genauen Vergleichung mit den aus nepalesischen, chinesischen und tibetischen Quellen bekannten Schismen bedürfen⁴), ehe sie geschichtlich verwertet werden können.

v2.c16.s4.24

⁵ Edited by A. C. Taylor, London PTS 1894 and 1897. Eine Analyse des Werkes hat T. W. Rhys Davids im JRAS 1892 gegeben.

v2.c16.s4.25

¹ Ein Verzeichnis dieser Stellen findet sich in der Ausgabe p. 633 ff.

v2.c16.s4.26

² ZDMG 52, 633 f. Vgl. oben S. 7 u. 9.

v2.c16.s4.27

³ Wie z. B. I. P. Minayeff, Recherches sur le Bouddhisme, p. 81 ff., 200 f. und Barth, in RHR, t. 42, 1900, p. 72 f. La Vallée Poussin ERE IV, p. 184 glaubt, daß das Werk in einer ursprünglicheren Gestalt sehr wohl von Tissa Moggaliputta stammen könne, daß es aber später durch viele Zusätze vermehrt worden sei.

v2.c16.s4.28

⁴ Einen Anfang dazu hat La Vallée Poussin im JRAS 1910, 413 ff. gemacht.

v2.c16.s4.29

Folgen wir aber der Überlieferung, so müssen wir auch annehmen, daß die sechs anderen Bücher des Abhidhammapiṭaka ebenso wie das Kathāvatthu schon im 3. Jahrhundert v. Chr. bestanden und dem Kanon der Theravādins einverleibt wurden. Jedoch muß bemerkt werden, daß sich die buddhistischen Sekten zum Abhidhamma verschieden verhalten. Die zum Hīnayāna gehörigen Sautrāntikas leugnen die Echtheit der sieben Bücher des Abhidhammapiṭaka, und die Sarvāstivādins haben ein Abhidharmapiṭaka in Sanskrit, das auch aus sieben Büchern besteht, die aber von denen des Pāli Abhidhammapiṭaka verschieden sind⁵).

v2.c16.s4.30

⁵ Vgl. La Vallée Poussin, Bouddhisme, Études et Matériaux p. 55; Bouddhisme p. 166; Kern, Manual of Buddhism, p. 126.

v2.c16.s4.31

Daraus sowie aus der Tatsache, daß im Konzilbericht des Vinayapiṭaka (Cullavagga) der Abhidhamma nicht erwähnt wird, und daß auch an anderen Stellen¹ nur Sutta und Vinaya und nicht Abhidhamma als Autoritäten erwähnt werden, folgt immerhin, daß die Abhidhammabücher im allgemeinen gewiß jünger sind als die des Suttapiṭaka und des Vinayapiṭaka.

v2.c16.s4.32

¹ Aṅguttaranikāya IV, 180 = Mahāparinibbānasutta IV, 7—11.

v2.c16.s4.33

Bei denjenigen Sekten aber, welche das Abhidhammapiṭaka als kanonisch anerkennen, steht es in hohem Ansehen. Im Milindapañha wird es als großes Wunder erzählt, daß der junge Nāgasena so klug war, daß er gleich in den sieben Büchern des Abhidhamma unterrichtet werden konnte, ohne erst die Suttas gelernt zu haben. In einer um 262 n. Chr. auf einem Felsen in der Nähe des Tempels von Mihintala auf Ceylon eingegrabenen Inschrift werden Anordnungen für die Mönche des Klosters getroffen, und es heißt da: Für die Erklärer des Abhidhammapiṭaka sollen 12, für die Prediger des Suttapiṭaka 7 und für die Leser des Vinayapiṭaka 5 Zellen angewiesen werden²).

v2.c16.s4.34

² R. Spence Hardy, Eastern Monachism, London 1860, p. 156.

v2.c16.s4.35

Das Studium des Abhidhamma wird bis zum heutigen Tage — namentlich in Birma — fortgesetzt, und zahlreiche Werke sind im Laufe der Jahrhunderte darüber geschrieben worden.

Cites (17)