Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s6.5
Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s6.5
- Language
- German
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Die älteren buddhistischen Schulen, deren Hauptlehren mit denen des Theravāda, wie er im Pālikanon überliefert ist, übereinstimmen, sahen in der eigenen Erlösung, im Nirvāṇa, das höchste Heil und in dem Zustand des Arhat, der schon bei Lebzeiten einen Vorschmack des Nirvāṇa hat, das Ziel alles Strebens, — ein Ziel, das nur den Wenigen mit Hilfe gewisser, im Mönchsleben allein zu erwerbender Erkenntnisse erreichbar ist. Dieses Lehrsystem wird von den Anhängern des Mahāyāna nicht verworfen, sondern als auf Buddha zurückgehend anerkannt, jedoch als Hīnayāna, d. h. als das geringere (hīna), das unzulängliche »Fahrzeug« (yāna) bezeichnet, das nicht genügt, alle Wesen zum Ende des Leidens zu führen. Das, was sie lehren, ist das Mahāyāna, das »große Fahrzeug«, das geeignet ist, eine größere Anzahl von Wesen, die ganze große Menschheit über das Leid der Welt hinüberzusetzen. Diese neue Lehre, welche, wie ihre Bekenner vorgeben, auf tieferer Auslegung der alten Texte oder auf späteren mystischen Offenbarungen Buddhas beruht, setzt an Stelle des Arhat-Ideals das des Bodhisattva. Nicht nur der Mönch, sondern jeder Mensch kann sich das Ziel setzen, als ein Bodhisattva, ein »Erleuchtungswesen«, d. h. ein Anwärter auf die Erleuchtung, wiedergeboren zu werden, um allen Menschen das Heil zu bringen. Wenn aber dieses Ziel den Vielen erreichbar sein soll, so muß es zu dessen Erreichung bequemere Mittel geben, als sie im Hīnayāna vorgesehen sind.
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So kann denn nach den Lehren des Mahāyāna auch der im Leben stehende Familienvater — der Kaufmann, der Handwerker, der König, aber auch der Arbeiter, der Pariah — das Heil erlangen, einerseits durch Betätigung des Mitleids und Wohlwollens für alle Wesen, durch außerordentliche Freigebigkeit und Selbstverleugnung und andererseits durch gläubige, hingebungsvolle Verehrung des Buddha, der Buddhas und der Bodhisattvas¹). Wohl ist auch schon, wie wir gesehen haben, im Pālikanon der Buddha gar oft ein übermenschliches Wesen; aber er ist doch erst durch die Erleuchtung zum Übermenschen geworden, der manche Wunder zu wirken vermochte, und er ist schließlich ins Nirvāṇa eingegangen: und nur seine Lehre, allenfalls noch seine Reliquien, sind von ihm als Gegenstände der Verehrung zurückgeblieben. Weiter gingen die auch noch zum Hīnayāna gehörigen Lokottaravādins, die in den Buddhas keine gewöhnlichen Menschen sahen, sondern überweltliche (lokottara) Wesen, die sich für eine gewisse Zeit herablassen, alles Menschliche mitzumachen. Im Mahāyāna hingegen sind die Buddhas von Anfang an nichts als göttliche Wesen und ihr Erdenwallen und Eingehen ins Nirvāṇa nichts als Spiel oder Blendwerk. Und wenn im Hīnayāna schon von einer Anzahl von Buddhas, Vorgängern des Śākyamuni in früheren Weltzeitaltern, die Rede ist, so kennt das Mahāyāna Tausende, ja Milliarden von Buddhas.
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Und als göttliche Wesen werden auch zahllose Milliarden von Bodhisattvas — mit den »Vollkommenheiten« (Pāramitās) ausgestatteten Erleuchtungswesen, die aus Mitleid mit den Wesen darauf verzichteten, ins Nirvāṇa einzugehen — von den Mahāyānabuddhisten verehrt. Dazu kamen noch Hindugottheiten, namentlich aus dem Kreise des Śiva, die sich den Buddhas und Bodhisattvas zugesellten und mit diesen das buddhistische Pantheon füllten. Diese neu erstandene Mythologie, das neue Bodhisattva-Ideal und die viel stärker hervortretende Buddhaverehrung (Buddha-Bhakti) bilden zusammen die volkstümliche Seite des Mahāyāna. Sowie diese im Hīnayāna schon vorbereitet war, sich aber unter dem Einfluß des Hinduismus weiter entwickelte, so ist auch die philosophische Seite des Mahāyāna nur eine Weiterentwicklung von Hīnayānalehren unter dem Einflusse brahmanischer Philosophie. Der alte Buddhismus hatte das Ich geleugnet und in der Erkenntnis vom Nicht-Ich den Weg zum Nirvāṇa, zum Verlöschen des Ichs gesehen. Die Schulen des Mahāyāna gingen noch weiter und lehrten, daß es nicht nur kein Ich, sondern überhaupt nichts gebe, daß »alles leer« (sarvaṃ śūnyam), d. h. nichts sei; sie bekennen sich zu einem völligen Negativismus (śūnyavāda), der sowohl das Sein als auch das Nichtsein leugnet¹), oder zu einem idealistischen Negativismus (vijñānavāda), der wenigstens ein im Bewußtsein enthaltenes Sein anerkennt.