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Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s2.63

Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s2.63

Language
German

v3.c21.s2.63

Die Lehre des Udbhaṭa, daß in der Stimmung das Wesen der Poesie zu suchen sei, bildete die Grundlage für die Dhvanikārikās, 120 Memorialstrophen über Poetik von einem ungenannten Verfasser⁵), zu denen Ānandavardhana⁶) von Kaschmir um 850 n. Chr. seinen überaus lehrreichen Kommentar Dhvanyāloka⁷) geschrieben hat, der in der Tat ein selbständiges Werk über das Wesen der Dichtkunst ist. Zu einem guten Gedicht gehört nach Ānandavardhana zweierlei, das Ausgesprochene, d. h. das, was mit Worten ausgedrückt und durch Alaṃkāras verziert wird, und das Unausgesprochene, d. h. das, was von dem Leser oder Hörer hinzugedacht wird. Und in diesem Unausgesprochenen (was als dhvani oder »Ton« bezeichnet wird) liegt die wahre Seele der Poesie. Schon die Alaṃkāras selbst, die Metaphern und anderen poetischen Figuren, sind dadurch so eindrucksvoll, daß sie das Unausgesprochene nur andeuten, erraten lassen, »wie das Mieder den Busen verhüllt und ihm dennoch größere Reize verleiht«. Vor allem aber gehören die Gefühle und die Stimmung (rasa) zu dem Unausgesprochenen. Ānandavardhana unterscheidet demnach drei Arten der Dichtung: 1. die wahre Poesie, in der das Unausgesprochene die Hauptsache ist; 2. eine Poesie zweiter Güte, in der das Unausgesprochene eine Nebenrolle spielt und nur zur Ausschmückung des Ausgesprochenen dient; 3. die minderwertige Poesie, in der alles Gewicht auf prächtige Sprache und Künsteleien der Rede gelegt wird. Nach dieser Lehre gibt es allerdings, wie Ānandavardhana selbst sagt, nur ganz wenige — »zwei oder drei oder höchstens fünf oder sechs« — wirkliche Dichter, wie Kālidāsa und Amaru. Es ist begreiflich, daß diese strengen Lehren der Ästhetik nicht allgemein anerkannt worden sind.

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