Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s7: Geschichtschreibung
Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s7
- Language
- German
Geschichtschreibung
v3.c21.s7.1
¹ Vgl. J. F. Fleet, Ind. Ant. 30, 1901, 1 ff.; E. Windisch, Geschichte der Sanskritphilologie I, S. 170 ff. (zu Lassen, Ind. Altertumskunde II, 1 ff.; 40 ff.).
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Zur höfischen Kunstdichtung gehört in Indien auch die Geschichtschreibung. Es ist oft behauptet worden, die Inder hätten überhaupt keine Geschichtschreibung und nicht den geringsten Sinn für Geschichte. Das ist nicht richtig. Einen Sinn für Geschichte beweisen schon die Lehrerlisten in verschiedenen vedischen Texten und die Genealogien im Mahābhārata und in den Purāṇas. Trotz allem Mythischen, das in ihnen ja weitaus überwiegt, enthalten die Purāṇas doch auch manche wertvolle geschichtliche Überlieferungen²).
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² S. oben I, 169, 257, 266, 319 f., 442, 449; F. E. Pargiter in JRAS 1910, p. 1 ff.
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Hiuen-Tsiang bezeugt, daß es zu seiner Zeit in jeder indischen Stadt Annalen gab. Noch heute haben Rajputs, Banias und Mewatis Annalen, die von Bhāṭas sorgfältig aufbewahrt werden¹). Die Inder haben Stammbäume in einer Weise, die bei uns unbekannt ist. Irgendwie hervorragende Personen, Dorfvorsteher und selbst gewöhnliche Bauern können einen Stammbaum aufweisen, der die weitest verzweigten Verwandtschaften oft auf zwei oder drei Jahrhunderte zurück nachweist und bei Entscheidung von Erbrechtsfragen von Wichtigkeit ist. Jedes Kloster (maṭha) bewahrt die Reihenfolge seiner Lehrhäupter sorgfältig auf. Sinn für Geschichte beweisen auch die kirchengeschichtlichen Werke der Buddhisten und der Jainas, die in Chroniken und Biographien das Leben ihrer Heiligen und die Geschichte ihrer religiösen Gemeinden festgehalten und, soweit sie es imstande waren, geschichtlich überliefert haben²). Geschichtlicher Sinn verrät sich endlich auch in den zahlreichen Inschriften, die uns aus allen Jahrhunderten von der Zeit des Aśoka angefangen erhalten sind, und die jedenfalls zeigen, daß auch die Inder einen Sinn für den Zusammenhang der Gegenwart mit der Vergangenheit und der Zukunft besaßen, und daß ihnen daran lag, die Geschichte ihrer Könige in Genealogien möglichst weit zurückzuführen und die Taten ihrer Herrscher für kommende Geschlechter auf Steinsäulen und Felsen, auf Tempeln und in Höhlen und auf Kupferplatten für künftige Zeiten festzuhalten.
v3.c21.s7.5
¹ C. V. Vaidya, The Mahabharata, Bombay 1905, 76 f. Im westlichen Indien gibt es auch noch die Hofsänger, welche die Praśastipaṭṭas (die panegyrischen Annalen) im Familienkreise vorlesen. Vgl. Shankar Pandit, Gauḍavaho, p. CLXIX note.
v3.c21.s7.6
² S. oben II, 167 ff., 331 f. Auch des Tibeters Tāranātha »Geschichte des Buddhismus« beruht auf indischen Quellen. Er selbst nennt ein von dem Pandit Kṣemendrabhadra aus Magadha in 2000 ślokas verfaßtes Werk, ferner ein Buddhapurāṇa von Indradatta und eine von dem Brahmanen Bhaṭaghaṭī verfaßte alte Geschichte der Ācāryas als Grundlage seines eigenen Werkes. (Tāranātha, Geschichte des Buddhismus . . . übersetzt von A. Schiefner, S. 281.) Historische Dokumente sind auch die Paṭṭāvalis, die Listen der Jaina-Patriarchen, s. oben II, 331 und auch Bhandarkar, Report 1883—1884, 14 f., 319 ff.
v3.c21.s7.7
Richtig ist es immerhin, daß es in Indien keinen Herodot, ebensowenig wie einen Livius oder Tacitus gegeben hat. Aber was den Indern fehlte, war nicht der Sinn für Geschichte, sondern der Sinn für Kritik und für geschichtliche Wahrheit. Und der Grund hiefür ist, daß die Geschichtschreiber in der Regel Hofdichter oder Geistliche waren. Für erstere war die Hauptsache, das Lob ihrer Fürsten zu besingen, ihre und ihrer Vorfahren Heldentaten aufzuzeichnen und wohl auch solche zu erfinden, wenn keine vorhanden waren. Den Geistlichen war es vor allem darum zu tun, den Ruhm ihrer Sekte oder Gemeinde zu verkünden und zu vermehren.
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Immer war ja auch die indische Geschichtschreibung nur ein Zweig der Dichtkunst: Chroniken, in denen Mythos und Geschichte stark vermengt erscheinen, oder biographische und historische Epen und Romane oder auch nur Lobgedichte auf Könige mit geschichtlichem oder halbgeschichtlichem Inhalt. Der indische Geschichtschreiber verfolgt eben einen ganz anderen Zweck als der griechische oder römische. Er will nicht die Zusammenhänge ergründen, die geschichtlichen Tatsachen kritisch feststellen und psychologisch erklären, sondern er will als Dichter (kavi) unterhalten und belehren, vor allem moralisch belehren, indem er den Einfluß des sittlichen Verhaltens auf die Menschengeschicke durch Beispiele dartun will¹). Als Geschichtsquellen sind daher alle indischen »Geschichtswerke« nur mit größter Vorsicht zu benutzen. Es gilt von ihnen meistens, was der Hofnarr eines tartarischen Chans sagte: dieser hatte sein Leben und seine Taten von seinem Hofhistoriographen beschreiben lassen und dem Werk den Titel »Tausend und eine Wahrheit« gegeben, worauf der Hofnarr meinte, ein richtigerer Titel wäre »Tausend und ein Märchen«. Tatsache ist auch, daß die Inder nicht Geschichte schreiben konnten, ohne vom Anfang anzufangen. Um auf die Geschichte der Dynastie ihrer Zeit zu kommen, beginnen die Purāṇaverfasser mit dem Ursprung der Welt, die buddhistischen Mönche mit dem ersten Buddha, der vor Billionen von Jahren gelebt haben soll, und die Verfasser neuerer geschichtlicher Epen mit den Helden des Mahābhārata oder mit Göttern und Halbgöttern, von denen die irdischen Könige ihre Herkunft ableiten. Daher die Vermischung von Sage und Geschichte, die um so größer ist, in je ältere Zeit der Verfasser zurückgeht, und um so mehr abnimmt, je mehr er sich seiner eigenen Zeit nähert. Daher ist es sehr wohl möglich, daß ein Geschichtschreiber, der für die älteste Zeit nichts als Mythen und Märchen zu erzählen weiß, doch für seine eigene und die unmittelbar vorhergehende Zeit ganz zuverlässig sein kann.
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¹ Vgl. Stein, Rājatarangiṇī Transl. I, p. 35 ff.
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Auch die inschriftlich überlieferten Praśastis, d. h. »Lobgedichte«, sind nicht nur historische Dokumente, sondern oft auch mehr oder weniger vollendete Kunstdichtungen, gewöhnlich in kunstvollen Versmaßen, manchmal in künstlicher Prosa abgefaßt. Es sind Gedichte, die auf Verlangen von Fürsten oder reichen Männern von berufsmäßigen Dichtern (auch solchen, die aus der Litteratur bekannt sind) verfaßt wurden. Sie enthalten Berichte über Widmungen von Tempeln und anderen religiösen oder weltlichen Denkmälern. Nach einem Segenspruch folgt gewöhnlich die Genealogie und lobende Beschreibung des Spenders und des regierenden Fürsten, wenn dieser nicht selbst der Spender ist, dann eine Beschreibung des Denkmals, seines Zweckes und der mit der Schenkung verbundenen Wohltaten, Privilegien u. dgl., und den Schluß bilden Wünsche bezüglich der Erhaltung des Denkmals, Beschwörungen gegen etwaige Störer oder Zerstörer, Bemerkungen über den Baumeister, der es gebaut, den Priester, der es geweiht, den Dichter und Schreiber der Inschrift und endlich — leider nicht immer — eine genaue Angabe des Datums. Neben Praśastis von 10—12 Versen gibt es lange Gedichte von hundert und mehr Versen¹). Welche Bedeutung diese poetischen Inschriften für die Geschichte der höfischen Kunstdichtung haben, wurde schon oben gezeigt. Unter den Inschriften der Guptafürsten und den zahlreichen anderen Praśastis gibt es neben vielen minderwertigen Erzeugnissen manche Dichtungen, die — wenigstens nach indischem Maßstab gemessen — als hervorragende epische Dichtungen gelten müssen. So gibt es zwei lange Praśastis, die zwischen 700 und 800 n. Chr. von einem nicht unbedeutenden Dichter Rāma verfaßt wurden. Daß er sich selbst »Dichterfürst« (kavīśvara) nennt und von sich sagt, daß er noch als junger Mann dieses Loblied gedichtet, und sich rühmt, daß in seinem Lotusmund die Göttin Sarasvatī wohnte, bevor er noch den Geschmack der Muttermilch vergessen hatte, will wenig besagen. Wichtiger ist, daß ein so vorzüglicher Kenner wie Bühler, der Herausgeber der Inschrift²), ihn für einen Dichter von viel Talent und Gelehrsamkeit erklärt. Er hat zum Beispiel in 14 Versen ein Stotra gedichtet, in dem jeder Vers zugleich auf Śiva und auf seine Gemahlin Gaurī angewendet werden kann. Seltene Wörter und Formen beweisen, daß er Grammatik und Lexikon eifrig studiert hat. Ein kunstvolles Gedicht enthält auch die Inschrift von Lalitasuradeva aus dem 9. Jahrhundert n. Chr.¹
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¹ Vgl. Bühler, WZKM 2, 1888, 86 ff.
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² Ep. Ind. 1, 97 ff.
v3.c21.s7.13
¹ Ind. Ant. 25, 1896, 177 ff. Eine große Sammlung poetischer Inschriften, größtenteils Landschenkungsurkunden, ist in der Prācīnalekhamālā, Km. 34, 1892; 64, 1897; 80, 1903, veröffentlicht.
v3.c21.s7.14
Eines der ältesten historischen Epen ist das Prākrit-Kāvya Gaüḍavaha² von Vākpatirāja, dem Hofdichter des Königs Yaśovarman von Kanauj. Es ist wahrscheinlich nach dem Tode des Königs um 750 n. Chr. geschrieben. Das Werk ist allerdings mehr ein panegyrisches als ein historisches Gedicht. Denn es enthält nur ganz dürftige Nachrichten über die Kriegstaten des Helden, um so mehr Landschaftsschilderungen, Beschreibungen von Jahreszeiten, königlichen Unterhaltungen u. dgl., durchflochten mit zahlreichen mythischen Erzählungen. Origineller als die Sanskritdichter ist Vākpatirāja insofern, als er auch Szenen aus dem Dorfleben schildert, die sonst nicht vorkommen. Von Wortspielen und Doppelsinnigkeiten hält er sich fern, hingegen sind lange Komposita nicht selten. Der uns erhaltene Text ist aber wahrscheinlich nur ein Auszug aus dem ursprünglichen Werk, aus dem gerade die eigentlich historischen Begebenheiten weggelassen wurden, um nur die »Perlen« der Dichtung, die poetischen Schilderungen usw., zu erhalten³.
v3.c21.s7.15
² Ed. by Shankar P. Pandit, BSS Nr. 34, 1887. Vgl. Bühler, WZKM 1, 1887, 324 ff.; 2, 1888, 328 ff. Der Kommentar des Haripāla ist fast nur eine Übertragung des Prākrit ins Sanskrit.
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³ Das ist die wahrscheinlichere Annahme von Jacobi, GGA 1888, 61 ff. Shankar Pandit glaubt, daß der uns erhaltene Text nur ein Torso sei, der bloß die Einleitung zu dem eigentlichen Werk gebildet habe.
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Ein Epos, dessen Inhalt eigentlich ein Märchenstoff ist, das aber doch auf geschichtliche Namen und Ereignisse Bezug nimmt und daher auch in gewissem Sinn als Geschichtswerk erwähnt werden kann, ist das Navasāhasāṅkacarita⁴ von Padmagupta oder Parimala. Das Gedicht behandelt in 18 Gesängen das Märchen von der Gewinnung der Schlangentochter Šašiprabhā, ist aber von dem Dichter zur Verherrlichung seines Schirmherrn, des Königs Sindhurāja Navasāhasāṅka, verfaßt. Die indischen Hofdichter haben nämlich oft die Neigung, »historische Begebenheiten der jüngsten Vergangenheit aus rein poetischen Gründen in Mythen zu verwandeln«¹). So steckt auch hier in der Märchenerzählung ein geschichtlicher Kern Das Gedicht dürfte um 1005 geschrieben sein²).
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⁴ Herausgegeben von V. S. Islāmpurkar, BSS Nr. 53, 1895. Vgl. G. Bühler und Th. Zachariae, Über das Navasāhasāṅkacharita des Padmagupta oder Parimala, in SWA 1888. Das Werk wird von Ruyyaka zitiert.
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¹ Bühler und Zachariae a. a. O., S. 48 f. Solche mythologisierende Darstellungen finden wir sogar in Inschriften.
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² Vgl. Bühler, Ep. Ind. 1, 222 ff., 232; Duff 100; Peterson, Subh. 51 ff.
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Wie indische Dichter es lieben, auch historische Ereignisse in ein mythisches Gewand zu kleiden, zeigt auch das Vikramāṅkadevacarita³) des Bilhaṇa, wo die Geschichte der Cālukyafürsten mit einem Mythos vom Ursprung dieses Königsgeschlechts beginnt, wo der Gott Šiva immer auftritt, wenn der König in einen Zwiespalt mit der Moral gerät, wo die Braut des Königs eine Elfe (Vidyādharī) ist, und dergleichen mehr. Das Werk erzählt die Geschichte der Fürsten aus dem Cālukyageschlecht von Kalyāṇa Somešvara I, Somešvara II und insbesondere des Vikramāditya VI, der 1076—1127 regierte. Bilhaṇa ist es aber vor allem darum zu tun, seine Kunst als Dichter zu zeigen, alle Regeln der Poetik zu befolgen und seinen Helden in überschwenglicher Weise zu verherrlichen. Obgleich die von ihm erzählten Tatsachen selbst historisch sind, wie die vielen Inschriften der Cālukyas beweisen, kommt doch ein schiefes Bild heraus, weil er stets übertreibt. So versichert er uns bei jedem Feldzug der Cālukyas gegen die Colas, daß die letzteren völlig vernichtet worden sind, obgleich wir bald darauf hören, daß neue Bewegungen des Erbfeindes einen weiteren Feldzug nötig machen. Auch wird der Zeitraum zwischen den einzelnen Ereignissen nie genau angegeben, sondern der Dichter sagt immer nur: »Nach einiger Zeit«, »nach vielen Tagen« u. dgl. Hinter dem Dichter tritt der Historiker weit zurück. Bilhaṇa sagt uns zum Beispiel, daß bei der Geburt seines Königs Blumen vom Himmel fielen, Indras Trommel erschallte und die Götter im Himmel sich freuten, — aber das Datum seiner Geburt verrät er uns nicht.
v3.c21.s7.22
³ Herausgegeben von G. Bühler, BSS Nr. 14, 1875. Die deutsche Übersetzung von A. Haack (Ratibor 1897 gedruckt, aber, wie es scheint, nicht im Buchhandel) kenne ich nicht.
v3.c21.s7.23
Als epischer Dichter verweilt er mit Vorliebe bei Schilderungen. So widmet er der Hochzeit des Vikrama mit Candralekhā gleich drei Gesänge und beschreibt die Reize der Braut eingehend. Bei der Schilderung der Gattenselbstwahl hat er sich Kālidāsas Raghuvaṃśa zum Muster genommen. Eine der schönsten und ergreifendsten Stellen in dem Gedicht ist die Erzählung von dem Tode des Āhavamalla, des Vaters des Vikrama, im IV. Gesang¹).
v3.c21.s7.24
¹ Eine poetische Übersetzung dieser Stelle ins Englische ist Ind. Ant. 5, 1876, 324 ff. gegeben.
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Im XVIII. Gesang gibt der Dichter eine Selbstbiographie. Hier schildert er seine Heimat, besonders sein Heimatsdorf Khonamukha, so naturwahr, daß Bühler²), der den Ort besucht hat, seine Bewunderung darüber ausdrückt, wie genau die Beschreibung ist. Das Dorf schmiegt sich so eng an die Hügel des Himālaya an, daß es nicht besser beschrieben werden könnte, als mit den Worten des Dichters, der es als »einen koketten Schmuck auf dem Busen des Himālaya« bezeichnet. Von seinem Vater Jyeṣṭhakalaśa berichtet er, daß er einen Kommentar zum Mahābhāṣya schrieb. Auch seine beiden Brüder waren Gelehrte und Dichter. Von sich selbst rühmt er, daß er Veda und Vedāṅga, Grammatik und Poetik mit eifrigem Bemühen studiert habe, und daß der Ruhm seiner Dichtkunst sich über die Welt verbreitete. »Da gibt es«, sagt er nicht allzu bescheiden, »kein Dorf, keine Provinz, keine Residenzstadt, keinen Wald und keinen Hain, keine der Sarasvatī geweihte Stätte, wo nicht der Weise und der Tor, alt und jung, Mann und Weib, alle insgesamt mit Freudenschauern seine Dichtung rezitieren« (XVIII, 89). Er machte große Reisen, wie es junge Dichter und Gelehrte in Indien zu tun pflegen, zu verschiedenen Höfen und Wallfahrtsplätzen. Er besuchte die heilige Stadt Mathurā, Kanauj, Allahabad und Benares. Längere Zeit verweilte er bei einem Fürsten Karṇa von Ḍāhala, wo er den Dichter Gaṅgādhara im litterarischen Wettkampf besiegte und ein Gedicht auf Rāma verfaßte. Nach vielen Wanderungen erreichte er Kalyāṇa, wo ihm der König Vikramāditya den Titel Vidyāpati (»Herr der Wissenschaft«) verlieh und ihn mit einem blauen Sonnenschirm und einem Elefanten beschenkte.
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² Report 5 f.
v3.c21.s7.27
Turmhoch über allen anderen ähnlichen Erzeugnissen der indischen Litteratur sowohl als Geschichtswerk wie auch als Dichtung steht die Rājaturaṅgiṇī³), »der Strom der Könige«, d. h. die Geschichte der Könige von Kaschmir, des Dichters Kalhaṇa¹). Kalhaṇa war der Sohn des Ministers Caṇpaka, der am Hofe des Königs Harṣa (1089—1101) eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Er dürfte am Anfang des 12. Jahrhunderts geboren sein und vollendete sein Werk im Jahre 1148. Als Brahmane von Geburt genoß er eine gründliche litterarische Bildung. Er ist sehr belesen, besonders im Mahābhārata, hat aber auch Bāṇas Harṣacarita und Bilhaṇas Vikramāṅkadevacarita und Werke wie Varāhamihiras Bṛhatsaṃhitā studiert. Seine litterarischen Neigungen bekundet er bei jeder Gelegenheit. Der Religion nach war er ein Śivaverehrer. Mit Vorliebe rühmt er von Königen deren fromme śivaitische Gesinnung, und wenn er von einem Herrscher sagt, daß er ein »Śivaverehrer« war, so gebraucht er den Ausdruck oft so, wie wenn der Engländer einen anständigen Menschen als »Christen« bezeichnet. Doch hatte er auch große Sympathien für den Buddhismus. Er preist Aśoka und andere Könige wegen ihrer Stiftungen von Klöstern und Stūpas, zeigt eine gute Kenntnis buddhistischer Lehren und spricht mit Ehrfurcht von Jinas und Bodhisattvas. Das hindert ihn aber nicht, von der »Mönchsplage« zu reden, der König Candradeva ein Ende machte (I, 184). Er war ein hochgebildeter, unabhängig denkender Mann. Obgleich in der Hofluft aufgewachsen, war er doch kein Höfling und kein Hofdichter. Er hat ein kritisches, unabhängiges Urteil über Charaktere. Manch scharfes Wort fällt gegen die Brahmanen, wie gegen die Beamten. Streng in seinen Grundsätzen, findet er oft scharfe Worte des Tadels. Mit großer Verachtung spricht er besonders von den Dāmaras, einer Art Landedelleute oder »Junker«, die er nicht anders als »Räuber« (dasyu) nennt.
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³ Die erste kritische Ausgabe verdanken wir M. A. Stein (Bombay 1892), von dem wir auch eine vollständige englische Übersetzung mit wertvollen Beigaben (Einleitung, Anmerkungen, Appendices) besitzen, welche die Bedeutung des Werkes für die Geschichte, Geographie und Ethnographie Kaschmirs ins rechte Licht gerückt haben (Westminster 1900, 2 Vols.). Vgl. Winternitz, WZKM 16, 1902, 405 ff.; Oldenberg, Aus dem alten Indien, Berlin 1910, 81 ff.; Marie von Bunsen in »Nord und Süd« 1915, 327 ff. Über Kalhaṇas Bedeutung als Historiker s. Bühler, Report 52 ff., LXVI ff., wo auch die älteren Arbeiten von H. H. Wilson, A. Cunningham, Ch. Lassen und A. Troyer gewürdigt sind, und Shankar Pandit, Gaüḍavaho, Introd. p. CLXI ff. Auszüge mit Übersetzungen aus dem 1. Buch gibt E. Hultzsch, Ind. Ant. 18, 1889, 65 ff., 97 ff. und Beiträge zur Textkritik derselbe, Ind. Ant. 40, 1911, 97 ff.; 42, 1913, 301 ff. und ZDMG 69, 1915, 129 ff. Durch Steins Ausgabe sind alle anderen, auch die von Durgāprasāda (BSS Nr. 45, 51, 54), überholt.
v3.c21.s7.29
¹ Wir kennen Kalhaṇa nur als Verfasser der Rājātaraṅgiṇī, es wird ihm aber auch ein Kāvya Jayasiṃhābhyudaya zugeschrieben; s. Peterson, OC VI Leiden 1883, III, 2, 361.
v3.c21.s7.30
Daß es Sache des Dichters sei, Geschichte zu schreiben, sagt Kalhaṇa ausdrücklich zu Beginn seines Werkes (I, 4):
v3.c21.s7.31
»Wer anders als der Dichter, der dem Schöpfer gleich
Die lieblichsten Gestalten hervorzuzaubern weiß,
Vermag vergang’ne Zeit als Gegenwart zu zeigen?«
v3.c21.s7.32
Doch fügt er hinzu (I, 7):
v3.c21.s7.33
»Der Dichter nur ist lobenswert,
Des Wort wie das des Richters sich
Von Haß und Liebe ferne hält,
Wenn er Vergangenes erzählt.«
v3.c21.s7.34
In der Tat macht Kalhaṇas Darstellung, wenn er auch vielleicht nicht immer ganz unparteiisch ist, stets den Eindruck, daß er sich bemüht, nicht nur die längst vergangenen, sondern auch die von ihm oder seinen nächsten Angehörigen miterlebten Zeiten sine ira et studio zu schildern, und sein Urteil ist zumeist von einer hohen sittlichen Weltanschauung eingegeben. Er ist nicht nur Dichter, sondern auch Philosoph und Sittenprediger. Überaus häufig flicht er in seine Erzählung Sittensprüche ein. Ja, ihm ist das Lehren des Dharma, der Moral, geradezu der eigentliche Zweck der Geschichtschreibung. Daß die guten und bösen Taten (karman) früherer Existenzen die Ursache von Mißerfolgen in diesem Leben sind, gilt ihm, wie jedem Inder, als unumstößliche Tatsache. Auch darin steht er ganz auf dem Boden indischer Weltanschauung, daß er fest an Zauberei und Behexung glaubt. Wenn er von Königen erzählt, die durch Zauberei oder durch den Fluch eines Brahmanen zugrunde gegangen sind, so tut er dies mit demselben Glauben, wie wenn er erzählen würde, daß sie durch das Schwert oder durch Gift umgekommen sind. Inder ist er auch darin, daß seine Chronologie für die ältere Zeit oft ganz unmöglich ist. Er macht sich nichts daraus, den König Raṇāditya 300 Jahre regieren zu lassen. Und wenn man die Zeit des Aśoka nach Kalhaṇa berechnen würde, müßte man ihn um 1260 v. Chr. ansetzen¹). Und mit echt indischer Gläubigkeit erzählt er auch alle Mythen und Legenden, die er für die ältere Zeit in seinen Quellen und in der Volksüberlieferung fand, so alle die wunderbaren Schlangensagen, die mit der ältesten Geschichte Kaschmirs in Verbindung stehen.
v3.c21.s7.35
¹ Vgl. Stein, Rājātaraṅgiṇī Transl. I, p. 63 f.; Fleet, Ind. Ant. 30, 11 f., 14. Bezeichnend für das, was manche Paṇḍits in Indien heute noch unter »Geschichte« verstehen, ist ein »History of Kashmir« betitelter Aufsatz des Pandit Anand Koul im JASB 6, 1910, 195 ff., wo auf Grund des Nīlamatapurāṇa und der Rājataraṅgiṇī die »Geschichte von Kaschmir« unter 47 Herrschern dargestellt wird mit so »genauen« Daten wie: Gonanda I 3120—3103 v. Chr., Dāmodara I 3103—3090 v. Chr. usw. bis herunter zu Bhagvant 1459—1445 v. Chr.!
v3.c21.s7.36
Andererseits aber hat er seine litterarischen Quellen nicht ganz ohne Kritik benützt. Und er hat sich nicht damit begnügt, frühere Werke über Kaschmir zu studieren, sondern er hat auch Inschriften, genealogische Tafeln und Memoiren berühmter Persönlichkeiten benützt, Münzen und Baudenkmäler untersucht und sich für Volkssagen, Legenden und Sprichwörter interessiert. Kurz, er war ein richtiger Altertumsforscher. Daß Kalhaṇa für seine eigene und die seiner eigenen kurz vorhergehende Zeit ein verläßlicher Führer ist, wird allgemein zugestanden.
v3.c21.s7.37
Der Dichter Kalhaṇa ist ein Meister der Darstellung. Von anderen indischen Kunstdichtern unterscheidet er sich vorteilhaft dadurch, daß er nicht bloß Schablonen und Typen, sondern fest umrissene, dem Leben entnommene Charakterbilder zu zeichnen weiß.
v3.c21.s7.38
Wie lebendig stehen solche Persönlichkeiten vor uns, wie die grausame und lasterhafte, aber kluge und energische Königin Diddā (VI, 176 ff.), oder der gutmütige Schwächling Ananta (VII, 142 ff.)! Mit viel Humor und bitterem Sarkasmus schildert er Leute aus dem niedrigen Volk, die ohne besondere Verdienste aus niedrigen Lebensstellungen zu hohen Ämtern und Würden gelangen. Eine solche Figur ist zum Beispiel der Kāyastha Bhadreśvara, der zuerst Marktgärtner, Fleischer und Holzhändler gewesen war, sich dann an die Beamten heran machte und sich sein Brot verdiente, indem er ihnen Taschen und Tintenfässer trug, bis ihn Tuṅga, der erste Minister der Königin Diddā, zu seinem Gehilfen machte und er dann später selbst erster Minister wurde (VII, 38 ff., 106).
v3.c21.s7.39
Auch in manchen Episoden, Schilderungen, Bildern und Gleichnissen zeigt sich Kalhaṇa als hervorragender Dichter. Man lese zum Beispiel die Darstellung des tragischen Endes des Königs Yudhiṣṭhira I am Ende des I. Buches. »Wie Geier auf ein Aas«, so stürzen sich die Feinde auf das Reich des schwächlichen Königs. Er muß sein Land verlassen, während die Feinde seine Frauen und seine Schätze fortschleppen, »wie den Baum, der vom Bergesgipfel herabgestürzt ist, die Felsblöcke auch der Zweige und Früchte berauben« (I, 368). Oder man lese die Schilderung einer Hungersnot, die durch einen Schneefall veranlaßt wurde, »der dem grimmen Lachen des Todesgottes glich« (II, 19), oder die Geschichte von der wunderbaren und grausigen Wiederbelebung des Sandhimati durch die Hexen (II, 82 ff.).
v3.c21.s7.40
Ganz besonders aber sind es die lebenswahren Schilderungen des VII. und VIII. Buches, die uns Kalhaṇa als wahren Dichter zeigen. Ergreifend ist die Erzählung von dem tragischen Tode der Sūryamatī (VII, 472 ff.). Diese bedeutende Frau war die Gemahlin des Königs Ananta. Sie hatte den schwachen König und die Zügel der Regierung ganz in ihrer Gewalt und veranlaßte ihn sogar, zugunsten ihres Sohnes Kalaśa auf den Thron zu verzichten. Das hatte aber böse Folgen und führte zu Streit und Kampf zwischen Vater und Sohn. Nur manchmal gelang es der klugen Sūryamatī, auf eine Zeitlang Frieden zu stiften. Aber nach kurzer Versöhnung trat Kalaśa wieder in offener Feindschaft gegen seinen Vater auf, dessen Stellung nun ganz unhaltbar wurde. Eines Tages kommt es zu einer heftigen Szene zwischen Ananta und seiner Gemahlin; er macht ihr bittere Vorwürfe und bezweifelt sogar, daß Kalaśa sein legitimer Sohn sei. Die beleidigte, überaus leidenschaftliche Frau überhäuft ihn mit Schmähungen. Da zieht sich der tiefgekränkte König in Verzweiflung zurück und begeht Selbstmord. Sūryamatī aber beschließt nun, ihm als Satī in den Tod zu folgen. Nachdem sie einen feierlichen Fluch über jene ausgesprochen, die sie verleumdet und die Zwistigkeiten herbeigeführt hatten, und nachdem sie sich durch einen Eid von dem Verdacht der Untreue gereinigt, stürzt sie sich lächelnden Angesichts in die Flammen des Scheiterhaufens, und (VII, 479) —
v3.c21.s7.41
»Der lodernden Feuerflamme Schein umkränzte den Himmel,
Als hätten die Götter zu ihrem Empfang ihn mit Mennig bemalt.«
v3.c21.s7.42
Geradezu Meisterstücke der Charakterzeichnung sind die Porträts, die Kalhaṇa von den Königen Harṣa (VII, 869 ff.) und Sussala (VIII, 482 ff.) entwirft. Als eine Art Rāmāyaṇa oder Mahābhārata bezeichnet der Dichter selbst die Geschichte vom König Harṣa, wie er sie im VII. Buch erzählt. Imponierend ist schon das Äußere dieses Fürsten. Wie ein zufriedener Löwe pflegt er um sich zu schauen, sein langer Vollbart hängt ihm wirr herab, seine Schultern sind wie die eines Stieres, seine Brust ist breit, seine Stimme tief wie der Donner. Selbst die Götter hätten vor ihm ihre Geistesgegenwart verloren. Aber sein Charakter ist voll von Widersprüchen. Er war ein Muster von Gerechtigkeit. Hingen doch an seinem Palasttor in allen vier Weltrichtungen große Glocken, die jeder läuten konnte, der ein Anliegen hatte¹). Er war überaus freigebig, beschenkte seine Diener reichlich, und die Bettler wurden durch seine Gaben instand gesetzt, selbst andere zu unterstützen. Er und seine fromme Gemahlin stiften Klöster und Tempel. Scharen von Dichtern und Gelehrten wurden an seinen Hof gezogen, unter anderem der Dichter Bilhaṇa. Harṣa selbst war hochbegabt, ein Sprachenkenner, Sänger und Dichter. VII, 942:
v3.c21.s7.43
¹ VII, 879. Vgl. oben II, 172 f.
v3.c21.s7.44
»Noch heute rollen Tränen von den Augenwimpern
Selbst seiner Feinde, wenn ein Lied von ihm man singt.«
v3.c21.s7.45
Derselbe Harṣa war aber auch grausam und tyrannisch. Im Laufe der Zeit entwickelte er sich unter dem Einfluß böser Ratgeber immer mehr in dieser Richtung. Eine ganze Reihe von Verwandten fiel seinen Mordanschlägen zum Opfer. Eine Art Cäsarenwahnsinn entwickelt sich in ihm. Er unterdrückt die Untertanen, wie wenn dies sein Beruf wäre. VII, 1204:
v3.c21.s7.46
»Der Niedrige schlägt den Mann, der grad in der Näh',
Um eines kleinen Fehlers willen zu Boden,
Nicht aber den Feind in der Ferne, wenn er auch vieles
Verbrochen, — so beißt der wütende Hund den Stein,
Der ihn getroffen, nicht den, der den Stein geschleudert.«
v3.c21.s7.47
Er plünderte die Tempelschätze und stellte sogar einen eigenen Beamten als »Oberaufseher der Tempelzerstörung« an. Nachdem er aber alle seine Verwandten beseitigt hatte, fiel er selbst den Ränken fremder Leute zum Opfer. Seine Truppen verlassen ihn, der König irrt herum, muß bei seinen Ministern Zuflucht suchen, aber keiner läßt ihn in sein Haus. In der Hütte eines Bettlers wird er schließlich verraten, von Soldaten umgeben und ermordet. Kein anderer, sagt der Dichter (VII, 1713 f.), hat je so große Macht besessen und ein so schmähliches Ende gefunden. Aber später, nachdem er das Ende des Sussala geschildert, sagt er mit grimmem Humor (VIII, 1331), daß er durch die Schilderung von mancherlei Schurken in der Geschichte des Harṣa schon so abgehärtet sei wie ein Lastträger, daß er aber dennoch nicht die Namen aller der Schufte zu nennen vermöge, die sich bei der Ermordung Sussalas hervorgetan.
v3.c21.s7.48
Ungemein wertvoll ist die Rājatarangiṇī auch als kulturgeschichtliche Quelle. Die lebenswahren und wenigstens in den beiden letzten Büchern dem Leben selbst entnommenen Schilderungen Kalhaṇas gewähren uns einen Einblick in indische Kulturverhältnisse des 11. und 12. Jahrhunderts wie wenige Werke der indischen Litteratur. Insbesondere für die religiösen Verhältnisse, für das Sektenwesen, für den kaschmirischen Volksglauben, den Schlangenkult, die Witwenverbrennung usw. ist das Werk eine ungemein reichhaltige Quelle. Viel erfahren wir auch aus ihm über Recht, Verwaltung, Beamtenwesen u. dgl.¹).
v3.c21.s7.49
¹ Vgl. Jolly in Gurupūjākaumudī, S. 84 ff.; Winternitz, WZKM 16, 1902, 411 ff. und »Die Frau in den indischen Religionen« (Archiv für Frauenkunde III, 1917, Sonderabdruck, Leipzig 1920), S. 66 ff.
v3.c21.s7.50
Das große Werk des Kalhaṇa wurde im 15. und 16. Jahrhundert von Chronisten fortgesetzt. Jonarāja schrieb eine Rājatarangiṇī, welche die Geschichte der kaschmirischen Fürsten bis auf die Regierung des Sultān Zainu-l-’ābidīn fortsetzte. Der Verfasser starb vor Vollendung des Werkes 1459. Sein Schüler Śrīvara schrieb die Jaina-Rājatarangiṇī, welche die Zeit von 1459 bis 1486 behandelt. Śrīvara hat den Kalhaṇa sklavisch nachgeahmt. Beide Werke stehen in jeder Beziehung tief unter ihrem Vorbild. Noch tiefer steht die Rājāvalipatākā, die von Prājyabhaṭṭa begonnen und von seinem Schüler Śuka einige Jahre nach der Annexion Kaschmirs durch Kaiser Akbar (1586) vollendet wurde¹).
v3.c21.s7.51
¹ Diese Chroniken sind herausgegeben zusammen mit der Editio princeps von Kalhaṇas Rājatarangiṇī, Calcutta 1835. Vgl. Bühler, Report 61; Stein, Rājatarangiṇī Transl., Vol. II, p. 373 f.
v3.c21.s7.52
Andere geschichtliche oder halbgeschichtliche Werke brauchen nur kurz erwähnt zu werden. In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts beschrieb Jalhaṇa in dem Gedicht Somapālavilāsa das Leben des Königs Somapāla von Rājapurī bei Kaschmir, der von dem kaschmirischen König Sussala bekriegt wurde²). Dem Ende des 12. Jahrhunderts gehört das historische Gedicht Pṛthvīrājavijaya an, das die Siege des Cāhumāna-Königs Pṛthvīrāja von Ajmir und Ḍilhī beschreibt, der 1193 gefallen ist. Es dürfte zwischen 1178 und 1200 geschrieben sein, war aber noch im 14. und 15. Jahrhundert beliebt³). Der gelehrte Jainamönch Hemacandra betätigte sich zugleich als Dichter, »Historiker« und Grammatiker in zwei Sprachen in dem einen Epos Kumārapālacarita, auch Dvyāśrayakāvya genannt, weil es zum Teil in Sanskrit und zum Teil in Prākrit geschrieben ist. An das Sanskritgedicht von 20 Gesängen schließt sich das Prākritgedicht in acht Gesängen. Die ersten sieben Gesänge sollen zugleich zur Illustration der ersten sieben Abschnitte von Hemacandras Sanskritgrammatik dienen, während der achte Gesang in einem ähnlichen Verhältnis zur Prākritgrammatik des Verfassers steht. Den Inhalt des Werkes bildet die Geschichte der Caulukyas von Aṇhilvāḍ und insbesondere des Kumārapāla. In den dem letzteren gewidmeten Gesängen XVI bis XX wird dieser Herrscher vor allem als frommer Jaina verherrlicht: er verbietet blutige Opfer und den Handel mit Fleisch, errichtet Jainaheiligtümer u. dgl. Die beiden letzten Gesänge enthalten moralische und religiöse Betrachtungen. Aus dem Schluß des Werkes ist ersichtlich, daß Kumārapāla noch am Leben war und auf der Höhe seines Ruhmes stand, als das Gedicht verfaßt wurde. Es kann daher nicht vor 1163 geschrieben sein¹).
v3.c21.s7.53
² Rājatar. VIII, 621 ff. Jalhaṇa wird von Maṅkha als Mitglied der Sabhā seines Bruders Alaṃkāra (s. oben S. 78) erwähnt. Vgl. Krishnamacharya p. 44.
v3.c21.s7.54
³ Vgl. Bühler, Report 62 ff.; J. Morison, WZKM 7, 1893, 188 ff.; Har Bilas Sarda, JRAS 1913, 259 ff. Es gibt nur ein MS. des Werkes, in dem der Name des Dichters nicht erhalten ist. Jonarāja schrieb noch im 15. Jahrhundert einen Kommentar zu dem Werk.
v3.c21.s7.55
¹ Das Prākṛta Dvyāśraya Kāvya ist herausgegeben in BSS Nr. 60, 1900. Auszüge aus dem Sanskritgedicht gibt J. Burgess, Ind. Ant. 4, 1875, 71 ff., 110 ff., 232 ff., 265 ff. Vgl. Bühler, Hemachandra, S. 18 f., 43.
v3.c21.s7.56
Auf die Geschichte der Vāghelādynastie von Gujarat bezieht sich die Kīrtikaumudī²), eine Lebensbeschreibung des Vastupāla, des Ministers der Vāghelāfürsten Lavaṇaprasāda und Vīradhavala, von Someśvaradeva, der zwischen 1179 und 1262 in Gujarat lebte. Der Dichter, der sich als Hauptpriester der Könige von Gujarat bezeichnet, ist auch der Verfasser von mehreren Inschriften, die 1241 und 1255 datiert sind. Eine dieser Inschriften enthält Verse aus der Kīrtikaumudī. Obgleich das Werk nur ein Panegyrikum auf einen freigebigen Minister ist, der litterarische Interessen hat, ist es doch nicht ohne dichterischen Wert und trägt auch zu unserer Kenntnis der Geschichte der Caulukyas bei³). Manches Streiflicht fällt auf das Leben der vornehmen Inder im 13. Jahrhundert. Someśvaradeva ist auch der Verfasser des romantischen Epos Surathotsava⁴) in 15 Gesängen. Das Gedicht behandelt zwar einen Märchenstoff, hat aber vielleicht einen historischen Hintergrund. Denn im letzten Gesang gibt der Dichter seine Familiengeschichte, wie das in historischen Epen und Romanen üblich ist, und schließt mit Versen zum Lobe des Vastupāla. Auf denselben Minister Vastupāla, der ein frommer Jaina war, bezieht sich das etwas jüngere, aber auch aus dem 13. Jahrhundert stammende Sukṛtasaṃkīrtana von Arisiṃha. Dieses »Lob der guten Taten« ist ein Epos in elf Gesängen, ein ziemlich mittelmäßiges, aber für die Geschichte von Gujarat nicht unwichtiges Gedicht¹).
v3.c21.s7.57
² Herausgegeben von A. V. Kathavate, BSS Nr. 25, 1883, Die deutsche Übersetzung von A. Haack, Kīrttikaumudī, der Mondschein des Ruhmes (Druck und Verlag von R. Müntzberg, Ratibor 1892), ist im Buchhandel nicht aufzutreiben.
v3.c21.s7.58
³ Vgl. Bühler, Ind. Ant. 6, 1877, 186 ff.; Ep. Ind. 1, 20 ff.
v3.c21.s7.59
⁴ Herausgegeben in Km. 73, 1902.
v3.c21.s7.60
¹ Vgl. G. Bühler, Das Sukṛtasaṃkīrtana des Arisiṃha, SWA 1889.
v3.c21.s7.61
Die historischen Epen sind nicht immer Herrschern oder Ministern gewidmet. So ist das Jagaḍūcarita des Sarvānanda die Lebensbeschreibung eines einfachen Kaufmanns, der für seine Heimatstadt in Gujarat viel getan hat, indem er die Mauern der Stadt neu bauen ließ und während einer schrecklichen Hungersnot in den Jahren 1256—1258 viel zur Linderung der Not tat. Obwohl sich das Werk, das aus sieben Gesängen besteht, ein »großes Epos« (mahākāvya) nennt, zeigt es doch dieselben Mängel in bezug auf Sprache, Poetik und Metrik wie andere Sanskritgedichte von Jainamönchen der späteren Jahrhunderte. Der Verfasser dürfte 80—100 Jahre nach den geschilderten Ereignissen in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gelebt haben. Der reiche Kaufmann Jagaḍū ist zunächst ein Muster von einem Jainalaien und wird als solcher verherrlicht. In die Geschichte dieses Kaufmanns werden genau so, wie wenn es sich um einen König oder einen Heiligen handeln würde, Wundererzählungen und Legenden hineinverflochten. Daß aber auch ein historischer Kern in dem Werke steckt, hat Bühler gezeigt²).
v3.c21.s7.62
² Indian Studies I, The Jagaḍūcharita of Sarvânanda, a historical romance from Gujarât, SWA 1892.
v3.c21.s7.63
Aus dem 15. Jahrhundert stammt das historische Gedicht Hammīrakāvya des Jaina Nayacandra, in welchem die Heldentaten des Hammīra erzählt werden, der sich im Kampfe gegen die Mohammedaner hervorgetan hat. Das Gedicht atmet einen starken Haß gegen die Mohammedaner, indem es das tragische Ende des Hammīra schildert. Bevor er den Heldentod stirbt, verbrennen sich seine Frauen und Töchter³).
v3.c21.s7.64
³ Vgl. N. J. Kirtane, Ind. Ant. 8, 1879, 55 ff.
v3.c21.s7.65
Ein panegyrisches Gedicht auf den König Bhāvasiṃha, einen Zeitgenossen des Kaisers Akbar, ist der Bhāvavilāsa¹ von Nyāyavācaspati Rudra. Zu den »historischen« Gedichten gehören endlich auch Biographien, wie das im 16. Jahrhundert geschriebene Rasikamaraṇa, ein Epos in 18 Gesängen von Raghunātha, in welchem das Leben und Wirken des Vaiṣṇavalehrers Durvāsas besungen wird²).
v3.c21.s7.66
¹ Herausgegeben in Km., Part II, 1886, 111—128.
v3.c21.s7.67
² Vgl. Aufrecht, Bodl. Cat. I, 148 ff.
v3.c21.s7.68
Die Zahl der uns erhaltenen historischen Epen ist verhältnismäßig gering. Daß uns nicht mehr solche Werke erhalten sind, hat seinen Grund wohl nicht darin, daß es deren nicht mehr gegeben hat, sondern darin, daß das Interesse für die alten Mythen und Heldensagen immer ein größeres war als das für irdische Herrscher, und daß daher diese Werke — insbesondere wenn eine Dynastie erloschen war — nicht mehr abgeschrieben wurden.
v3.c21.s7.69
Zur Verherrlichung der Taten eines Herrschers eignete sich wohl das Epos am besten. Doch wurden gewiß auch manche Chroniken in Prosa geschrieben³). Ein modernes Prosawerk dieser Art ist das Kṣitīśavaṃśāvalicarita⁴), in welchem die Geschichte der Vorfahren des Königs Kṛṣṇacandra von Navadvīpa in Bengalen, deren Kämpfe mit den Mohammedanern und die Geschicke einzelner Herrscher, aber auch allerlei Hofgeschichten, Anekdoten und selbst märchenhafte Wundergeschichten erzählt werden. Die wahrscheinlich in der Mitte des 18. Jahrhunderts verfaßte Chronik reicht bis zum Jahre 1728, dem Regierungsantritt des Kṛṣṇacandra, bricht aber so abrupt ab, daß sie schwerlich vollständig ist. Das Werk ist in einfacher Prosa geschrieben, die nur durch einige sehr lange Komposita zur Kunstprosa gestempelt werden soll.
v3.c21.s7.70
³ Über den historischen Roman Harṣacarita s. unten in dem Kapitel »Kunstromane«.
v3.c21.s7.71
⁴ A Chronicle of the Family of Rāja Kṛishṇachandra of Navadvīpa, Bengal. Ed. and translated by W. Pertsch, Berlin 1852.
Cites (21)
- Rājataraṅgiṇī — Kalhaṇa, Sanskrit
- Bṛhatsaṃhitā — Varāhamihira, Sanskrit
- Hammīramahākāvya — Nayacandrasūri, Sanskrit
- Navasāhasāṅkacarita — Padmagupta Parimala, Sanskrit
- Nīlamatapurāṇa — Sanskrit
- Gauḍavaho — Vākpatirāja, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Harṣacarita — Bāṇabhaṭṭa, Sanskrit
- Mahābhārata — Vyāsa, Sanskrit
- Raghuvaṃśa — Kālidāsa, Sanskrit
- Paṭṭāvalī — Sanskrit
- Purāṇa — Sanskrit
- Vālmīkirāmāyaṇa — Vālmīki, Sanskrit
- Kumārapālacarita (Prākṛtadvyāśraya) — Hemacandra, Prakrit
- Jainarājataraṅgiṇī (Tṛtīyā Rājataraṅgiṇī) — Śrīvara, Sanskrit
- Dvyāśrayakāvya — Hemacandra, Sanskrit
- Surathotsava — Someśvara Bhaṭṭa, Sanskrit
- Kīrtikaumudī — Someśvaradeva, Sanskrit
- Vikramāṅkadevacarita — Bilhaṇa, Sanskrit
- Rājāvalipatākā (Caturthī Rājataraṅgiṇī) — Prājyabhaṭṭa & Śuka 1513, Sanskrit
- Pṛthvīrājavijaya — Jayānaka, Sanskrit
- Bhāvavilāsa — Rudra Nyāyavācaspati, Sanskrit