Geschichte der indischen Litteratur v3.c22.s2.26
Geschichte der indischen Litteratur v3.c22.s2.26
- Language
- German
v3.c22.s2.26
Pāṇinis Grammatik verfolgt den Zweck, dem Schüler die Möglichkeit zu geben, jede Form richtig zu bilden. Dabei geht sein Bestreben dahin, dies in möglichst kurz gefaßten Regeln zu tun, die der Schüler auswendig zu lernen hat⁴). Diese Regeln haben daher die Gestalt algebraischer Formeln. An Stelle von Worten treten zum großen Teil Abkürzungen und Kombinationen von Buchstaben, deren Bedeutung vorerst gelernt werden muß¹). Zum Verständnis einer jeden Regel ist es notwendig, die vorausgehenden Regeln im Kopfe zu haben. Außerdem ist es erforderlich, eine Anzahl Interpretationsregeln, Paribhāṣās, zu kennen, die für das ganze Werk gelten. Da alle Wörter und Wortformen von Verbalwurzeln abgeleitet werden, setzen die grammatischen Regeln auch die Kenntnis des Dhātupāṭha²) oder Wurzelverzeichnisses voraus, in dem sämtliche Wurzeln der Sanskritsprache systematisch `angeordnet sind. Endlich wird auch für das Verständnis der Regeln der Gaṇapāṭha vorausgesetzt, d. i. eine »Liste von Wortgruppen«, die sich in bezug auf bestimmte Regeln in derselben Weise verhalten und auf die in den Sūtras selbst nur mit dem ersten Wort der Gruppe hingewiesen wird³). Nur durch dieses scharfsinnig ausgeklügelte System von Abkürzungen war es dem Pāṇini möglich, Sūtras von solcher Kürze zu bilden, daß sie oft nur aus einem oder zwei Wörtern oder auch nur aus wenigen Buchstaben bestehen, und eine vollständige Grammatik in den denkbar kürzesten Raum zusammenzufassen⁴). Als eine vollständige Grammatik kann man die Regeln des Pāṇini mit gutem Grund bezeichnen, denn sie behandeln nicht nur Lautlehre und Formenlehre, sondern auch die Wortbildungslehre und selbst die Syntax. Und diese Grammatik beruht auf genauer Beobachtung und Durchforschung des gesamten Sprachgebrauches, wie er sich dem Grammatiker einerseits in der Litteratur und andrerseits in dem von den Gebildeten gesprochenen Sanskrit darbot. Auch lokale Verschiedenheiten hat er berücksichtigt; denn er erwähnt öfter die Lehren der »Östlichen« und der »Nördlichen«, was gewöhnlich auf zwei Schulen von Grammatikern bezogen wird, was aber jedenfalls auch auf Verschiedenheit des Sprachgebrauches im Osten und im Norden hindeutet¹).
Linked texts (2)
- Gaṇapāṭha — Pāṇini, Sanskrit
- Dhātupāṭha — Pāṇini, Sanskrit