Geschichte der indischen Litteratur v3.c22.s7.1
Geschichte der indischen Litteratur v3.c22.s7.1
- Language
- German
v3.c22.s7.1
Im engsten Zusammenhang mit dem Arthaśāstra und parallel mit diesem hat sich das Kāmaśāstra, die Wissenschaft von der Geschlechtsliebe, in Indien entwickelt¹). Beide sind rein praktische Wissenschaften, deren Ausgangspunkt die Lehre von den drei Lebenszielen (trivarga) bildet. So wie das Arthaśāstra kein anderes Ziel kennt, als die Mittel und Wege zu zeigen, durch die man irdische Güter (artha) erwerben und erhalten kann, so verfolgt das Kāmaśāstra nur den einen Zweck, die Mittel und Wege zu lehren, durch die man die Geschlechtslust (kāma) am besten befriedigen kann. Wie das Arthaśāstra vor allem die Herrschenden, Könige und Minister, im Auge hat und diesen zeigen will, wie sie ein Reich am besten erobern und beherrschen können, so wendet sich das Kāmaśāstra in erster Linie an die »Städter« (nāgaraka), d. h. die Herren bei Hofe und in der Stadt, die Lebemänner, um ihnen zu zeigen, wie sie am besten zum Vollgenuß der Geschlechtslust kommen können. Die Frauen sind an dieser Wissenschaft nur so weit beteiligt, als sie denselben Kreisen angehören oder zu ihnen in Beziehung stehen²). Auch inbezug auf die Methode, die Lehrweise und die Einrichtung der Lehrbücher zeigen die beiden Wissenschaften eine auffallende Übereinstimmung, wenigstens wenn wir die beiden ältesten uns erhaltenen Lehrbücher miteinander vergleichen.