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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c10.s2.t1: 1. Die Verfassung der Gemeinde

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c10.s2.t1

Language
German

1. Die Verfassung der Gemeinde

c10.s2.t1.1

Jeder Tîrthankara stiftete eine Gemeinde (Sangha), die aus vier Tîrthas, d. h. Gruppen von Verehrern bestand, nämlich aus: 1. Sâdhus, Mönchen, 2. Sâdhvîs, Nonnen, 3. Shrâvakas (eig. Hörer), Laienbrüdern, und 4. Shrâvikâs, Laienschwestern. Die geistliche Leitung des Sangha liegt in der Hand der Mönche, denen alle anderen Gruppen sich unterzuordnen haben. Mönche und Nonnen erhalten ihren Lebensunterhalt durch die frommen Spenden der Laienanhänger und sind dadurch von diesen materiell abhängig. Der Zusammenhalt zwischen Klerus und Laienschaft ist im Jainismus ein sehr enger. Die feste Organisation, die Mahâvîra seiner Gemeinde gegeben hatte, sicherte den Laien von jeher einen maßgebenden Einfluß auf das Mönchtum, wodurch das Entstehen einer herrschsüchtigen und sich in alle weltlichen Angelegenheiten einmischenden Pfaffenschicht verhindert und die moralische Qualität der Mönche mit gewissen Einschränkungen auf einer bestimmten Höhe erhalten werden konnte. Das Gewohnheitsrecht der Jaina-Gemeinden in Gujarât und Râjputânâ gewährt den Laien in weitgehendem Maße eine Aufsicht über die Auswahl, die Erziehung und den Wandel der Asketen; G. Bühler hat die Kirchenverfassung der Jainas in dieser Hinsicht zu der der schottischen Free Kirk in Parallele gestellt⁵². Wie streng an manchen Orten die Laien über den Wandel der Asketen wachen, lehren eine Reihe von Vorkommnissen der jüngsten Zeit. Im Jahre 1913 trat in Arrah ein Jaina-Mönch Jinasena auf, der von den dortigen Laien seinen Lebensunterhalt erbettelte. Einige Jainas stellten Nachforschungen über sein Vorleben an und ermittelten, daß er in Wahrheit kein richtiger Mönch war, sondern daß ihm seine angebliche geistliche Stellung nur als Vorwand für das Führen eines bequemen Lebens diente. Es sollte deshalb gegen den falschen Muni eingeschritten werden, und dieser konnte sich nur durch schleunige Flucht der Strafe entziehen 53. Frau Stevenson lernte in Pâlitânâ einen Sâdhu kennen, der eine Brille mit goldener Einfassung trug. Da den Mönchen jeder Besitz von Metall verboten ist, erklärten die Laien, als sie dies bemerkten, sie könnten ihn wegen der Verletzung der Ordensregel nicht als Asketen ansehen 54. Ebenso wurde ein Asket aus dem Tapâ-Gaccha, der die Eisenbahn benutzte, anstatt zu Fuß zu wandern, von allen Laien, die ihn dabei betrafen, nicht mehr als dem geistlichen Stande angehörig betrachtet. Als in Râjkot ein Sthânakavâsî Sâdhu einmal seinen Guru gebissen hatte, wurde er sofort exkommuniziert. Die Laien bestellten einen Schneider, ließen dem Ex-Asketen bürgerliche Kleidung anfertigen, geboten ihm, diese anzulegen, kauften ihm eine Fahrkarte nach dem ca. 44 Meilen entfernt gelegenen Orte Thân und expedierten ihn fort. Obwohl der ehemalige Sâdhu seine Sünde bereute, gelang es ihm nicht, in Râjkot Vergebung zu finden, sondern er mußte die Stadt verlassen 55.

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Die Aufsicht der Laien erstreckt sich nicht nur auf die gewöhnlichen Mönche, sondern auch auf die Shrîpûjyas oder Oberen der Orden. Mehrfach ist es vorgekommen, daß die Laien verhinderten, daß unwürdige Personen den Thron (Gaddi) des geistlichen Lehrers bestiegen, obwohl sie in der vorgeschriebenen Weise gewählt worden waren. Die Pattâvalîs (Lehrerlisten) erwähnen Fälle, in denen Shrîpûjyas wegen schlechten Verhaltens vom Sangha — d. h. vom Exekutiv-Ausschuß der Gemeinde — abgesetzt wurden. Das Eingreifen der Laien beschränkt sich gewöhnlich nur auf die eigene Sekte; Kharataras kümmern sich nur um Kharataras, Mitglieder der Tapâ-Sekte nur um Tapâ-Mönche usw. 56.

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Sehr oft ist die Kontrolle, welche die Laien über den Wandel der Mönche ausüben, nicht so streng oder besteht praktisch nicht. Die Gleichgültigkeit und Unwissenheit der Laien hat es oft verschuldet, daß die Vorschriften für Asketen von den Yatis nur wenig oder gar nicht beobachtet wurden und daß eine vollkommene Verweltlichung des Klerus eintrat — ein Übel, das sich trotz des reformatorischen Eifers frommer Männer nie mit der Wurzel ausrotten ließ.

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Der Einfluß, den pflichtbewußte Mönche auf das religiöse Leben der Laien ausgeübt haben und auch heute noch ausüben, ist sehr bedeutend. Die Geschichte hat uns die Namen einer Reihe hervorragender Seelsorger aufbewahrt, welche die Geschicke weiter Volkskreise und mächtiger Reiche gelenkt und nach den Grundsätzen der Jaina-Religion gestaltet haben. Auch in der Gegenwart machen sich die wohltätigen Einwirkungen großer Geistlicher auf das ganze Jainatum fühlbar. Dadurch, daß sie den Laien in Not und Anfechtung beistehen, ihnen religiöse Erbauung spenden und ihnen die geistigen Waffen liefern, um ihren Glauben im Kampf gegen andere Religionen zu verteidigen, haben viele Munis wesentlich dazu beigetragen, daß sich das ringsum von Gegnern hartbedrängte Jainatum bis heute behaupten konnte. Die große Verehrung, welche Jainas aller Schichten hervorragenden Sâdhus wie dem jüngst verstorbenen Vijaya Dharma Sûri entgegenbrachten, zeigt deutlich, was eine starke Persönlichkeit zu wirken vermag. Daß kleine Geister auf der anderen Seite durch ihren Fanatismus und ihre jeder Neuerung feindliche Engherzigkeit auf die Laienschaft einen schlechten Einfluß ausüben können, geht aus den Klagen weitblickender Jainas hervor, welche manche Mönche beschuldigen, durch ihren übergroßen Konservativismus fortschrittlichen Gedanken den Weg versperrt und dadurch zum Niedergang des Jaina-Glaubens beigetragen zu haben.