Pramāṇa · Search · About · API

Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c10.s3.t1: 1. Die Schismen der älteren Zeit

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c10.s3.t1

Language
German

1. Die Schismen der älteren Zeit

c10.s3.t1.1

Die Jainas stellen keine einheitliche Religionsgemeinde dar, sondern zerfallen in eine große Zahl von Sekten. Spaltungen sind seit den ältesten Zeiten bei ihnen an der Tagesordnung gewesen. Die Shvetâmbaras wissen von 8 Schismen (Nihnava) zu berichten 73, welche in der Frühgeschichte der Kirche entstanden. Die beiden ersten von diesen fanden schon zu Lebzeiten Mahâvîras statt. Der erste Schismatiker war der eigene Schwiegersohn des Tîrthankara, Jamâli. Dieser stellte im Gegensatz zum Meister die Theorie auf, daß ein Wirken erst dann als abgeschlossen gelten könne, wenn es vollendet sei. Er ließ sich von seinem Irrtum nicht abbringen und starb deshalb unerlöst.

c10.s3.t1.2

Das zweite Schisma ging von dem Mönche Tishyagupta aus. Dieser leugnete die Lehre Mahâvîras, daß die Seele alle Atome des Körpers umfasse, ließ sich aber schließlich von einem frommen Laien von der Irrigkeit seiner Anschauungen überzeugen.

c10.s3.t1.3

214 Jahre nach Mahâvîras Nirvâna verkündeten die Schüler des Âshâdha eine „Ununterscheidbarkeitslehre“, nach welcher Asketen und Götter ohne Unterschied zu behandeln seien. Die Aufstellung dieser Lehre erfolgte im Hinblick auf ein eigenartiges Vorkommnis. Âshâdha war in einer Nacht plötzlich gestorben, ohne daß es jemand bemerkt hatte. Als Gott wiedergeboren, ging er sofort in seinen früheren Leichnam ein. Die Schüler erwiesen ihm darauf die üblichen Ehrenbezeugungen, im irrigen Glauben, ihren noch lebenden Lehrer vor sich zu haben. Als der zum Gott Gewordene dann wieder den Leichnam verließ und die Jünger über ihren Irrtum aufklärte, behaupteten letztere seitdem, man könne nie wissen, ob jemand ein der Askese Beflissener oder ein Gott sei. Da sie von ihrer Ketzerei nicht lassen wollten, wurden sie aus der Gemeinde ausgestoßen. Schließlich wurden sie von König Balabhadra wieder zur rechten Ansicht zurückgeführt.

c10.s3.t1.4

Sechs Jahre später verbreitete Ashvamitra eine Theorie, welche besagte, daß einmal alle Wesen verschwinden würden. Wegen seines Irrtums exkommuniziert, wurde er später von einem Zollwächter belehrt und leistete Abbitte.

c10.s3.t1.5

Acht Jahre danach kam Ganga zu der falschen Ansicht, daß zwei einander widersprechende Empfindungen, wie kalt und warm, zu gleicher Zeit möglich seien. Ganga wurde deswegen ausgestoßen, sah aber später seinen Fehler ein und leistete Buße.

c10.s3.t1.6

Während die letzten Schismen nur geringfügige Punkte betrafen und mit der schließlichen Bekehrung der Häretiker endeten, war das folgende (6.), welches in das Jahr 544 nach dem Nirvâna Mahâvîras verlegt wird, von größerer Bedeutung. Der Mönch Rohagupta vertrat die Ansicht, daß es außer Lebendem (Jîva) und Leblosem (Ajîva) noch eine dritte Seinsklasse „Nojîva“ (eig.: Nichtleben) gäbe. Nach der Meinung der Jainas ist das Vaisheshika-System, die brahmanische Atomistik, aus dieser „Trias-Lehre“ hervorgegangen.

c10.s3.t1.7

40 Jahre später behauptete Goshtâmâhila, die Seele ginge mit dem Karma-Stoff keine enge Verbindung ein, sondern würde von ihm nur berührt, da sonst ein Ausscheiden desselben und somit eine Erlösung unmöglich sei. Er lehrte auch, ein Entsagungsgelübde dürfe man nicht für einen begrenzten Termin auf sich nehmen, sondern nur auf unbegrenzte Zeit. Seine Anschauungen wurden auf einer Kirchenversammlung verworfen; er selber wurde, da er nicht widerrief, ausgestoßen.

c10.s3.t1.8

Das 8. große Schisma führte zu der noch heute bestehenden Spaltung der Gemeinde in zwei Konfessionen.

c10.s3.t1.9

Der legendäre Bericht der Shvetâmbaras über die Entstehung der Digambaras besagt folgendes: In der Stadt Rathavîrapura lebte ein Krieger Shivabhûti. Dieser hatte sich in den Schlachten des dortigen Königs als tapferer Kämpe bewährt und war deshalb vom Fürsten ausgezeichnet worden. Hierdurch übermütig geworden, schwärmte er umher und kam erst nach Mitternacht oder später nach Hause. Seine unglückliche Gattin, die ihn nachts immer erwartete, klagte seiner Mutter ihr Leid. Da blieb diese selbst nachts auf, schalt ihn, als er spät nach Hause kam, und hielt die Haustür verschlossen. Auf der Suche nach einer Unterkunft ging er schließlich in das einzige Haus, dessen Türen offenstanden, in ein Kloster, und wurde Mönch. Als er sich dann beim Könige abmeldete, schenkte ihm dieser einen kostbaren Mantel. Der Abt befahl ihm, denselben zurückzugeben; Shivabhûti gehorchte ihm jedoch nicht. Da zerriß der Abt den Mantel und machte Sitzteppiche daraus. Hierüber wurde Shivabhûti sehr zornig und erklärte, er wolle fortan wie Mahâvîra selbst ohne jede Kleidung umherziehen. Er legte deshalb alle Gewänder ab. Seine Schwester Uttarâ wollte ihm hierin folgen, sehr zum Ärger der Stadthetären, die sich dadurch in ihrem Geschäft benachteiligt fühlten. Shivabhûti verbot das Nacktgehen der Frauen und erklärte, kein Weib könne die Erlösung erreichen. So entstand im Jahre 609 nach Mahâvîras Nirvâna die Botika-Irrlehre, auf der alle Digambara-Sekten fußen⁷⁴.

c10.s3.t1.10

Ganz anders als die Shvetâmbaras erzählen die Digambaras die Entstehung des großen Schisma. Ihr Bericht knüpft an die Geschichte von der Hungersnot in Magadha (s. S. 38) an. Danach waren die nicht nach Maisûr ausgewanderten, in Bihâr verbliebenen Mönche von der strengen Norm Mahâvîras abgewichen und ließen sich von ihrer laxen Auslegung der Vorschriften durch nichts abbringen. Als Sthûlabhadra sie auf den richtigen Weg zurückzuführen suchte, ermordeten sie ihn. Die abtrünnigen Asketen bildeten fortan eine eigene Sekte, die der Ardhapâlikas (vielleicht: Leute, die halbe Lumpen tragen). Mönche dieser Gemeinschaft unterrichteten Candralekhâ, die Tochter des Königs Candrakîrti von Ujjain. Als diese Prinzessin den König Lokapâla von Valabhî heiratete, berief sie Ardhapâlikas zu sich in ihre neue Heimat. Ihr Gatte zog ihnen entgegen, um sie zu empfangen. Als er die Mönche „weder nackt, noch bekleidet“ kommen sah, kehrte er entrüstet um. Die Königin sandte den Asketen darauf Kleider, und nun empfing sie der Herrscher huldvoll. Seitdem behielten die Ardhapâlikas die Gewohnheit, Kleider zu tragen, bei und wurden Shvetâmbaras genannt.

c10.s3.t1.11

Beide Berichte über die Entstehung der beiden Konfessionen sind tendenziös. Jede Partei sucht sich als die alleinige wahre Hüterin der Tradition und die gegnerische Kirche als eine ketzerische Neubildung hinzustellen; eine jede von ihnen will auch die Gründung der feindlichen Gemeinde auf eine nichtige weltliche Veranlassung zurückführen. Über die mutmaßlichen tatsächlichen Ursachen der Spaltung ist oben S. 39 gehandelt worden; daselbst wurde auch einiges über die Unterschiede in der Lehre der beiden Konfessionen gesagt.