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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c11.s1.t2: II. Ausdrucksformen der Andacht

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c11.s1.t2

Language
German

II. Ausdrucksformen der Andacht

c11.s1.t2.1

1. Gebet, Hymnus, Mantra

c11.s1.t2.2

Im Christentum und in anderen Religionen ist das Gebet die einfachste und am häufigsten in Anwendung gebrachte Form der Andacht. In ihm hält der Gläubige Zwiesprache mit dem Gott, dem er seine Verehrung weiht, er preist ihn und erzeigt ihm seine Liebe und Ergebenheit, trägt ihm seine Leiden vor und erhofft von ihm Erlösung und Rettung oder eine gnädige Erfüllung von Wünschen der verschiedensten Art. Im rechtgläubigen Jainatum hat das Gebet hingegen keine Stätte; da der Jaina nicht an einen Tîrthankara als an einen weltregierenden Gott glaubt, kann er ihn nicht anrufen und von ihm keine Einwirkung auf sein Leben und auf den Weltlauf erwarten. Aus diesem Grunde kann im Jainismus von einem Gebet streng genommen nicht die Rede sein, der Jina-Verehrer kann sich vielmehr nur darauf beschränken, die in fleckenloser Reinheit erstrahlenden Arhats in Liedern und Sprüchen zu feiern, und sich bemühen, ihnen nachzueifern. Wie schon bemerkt wurde, ist dies aber im populären Jainismus vielfach nicht eingehalten worden.

c11.s1.t2.3

Dem Lobpreis der Heiligen dienen eine Fülle von Liedern und Sprüchen. Die kürzeste Formel, in welcher sich die den Heiligen zu schuldende Ergebenheit ausdrückt, ist der im Prâkrit abgefaßte „Parameshthî-Mantra“, der täglich mehrere Male von jedem Jaina wiederholt wird. Sie lautet:

c11.s1.t2.4

„Namo Arihantânam, namo Siddhânam, namo Âyariyânam, namo Uvajjhâyânam, namo loe savva-Sâhûnam!“

c11.s1.t2.5

„Verehrung den Arhats, Verehrung den Vollendeten, Verehrung den Meistern, Verehrung den Lehrern, Verehrung allen Mönchen in der Welt!“

c11.s1.t2.6

Diese Formel, die sich an die 5 „Parameshthîs“, d. h. Oberhäupter des Jainismus richtet, besteht aus 35 Silben. Sie kann in der verschiedensten Weise auf 16, 6, 5, 4, 2 oder 1 Silbe verkürzt werden, nämlich

c11.s1.t2.7

„Arihanta Siddha Â(y)iriyâ Uvajjhâyâ Sâhû“ = 16 Silben.

c11.s1.t2.8

„Arihanta Siddhâ“ oder „Arihanta Si Sâ“ oder „Om namo Siddhânam“ = 6 Silben.

c11.s1.t2.9

„A Si  U Sâ“ = 5 Silben.

c11.s1.t2.10

„Arahanta“ oder „A Si Sâhû“ = 4 Silben.

c11.s1.t2.11

„Siddha“ oder „A Sâ“ oder „Om nhî“ = 2 Silben.

c11.s1.t2.12

„Om“ = 1 Silbe.

c11.s1.t2.13

Der zuletztgenannte Mantra, der in der Mystik aller indischen Schulen eine große Rolle spielt, wird von den Jainas als eine Kontraktion der Silben A + A +  + U + M erklärt. Das erste A bedeutet die Arhats, das zweite A die Asharîras (Körperlosen), d. h. die Siddhas, das  die Âcâryas oder Meister, das U die Upâdhyâyas oder Lehrer, das M schließlich die Munis (= Sâdhus) oder Asketen. Der Parameshthî-Spruch gilt als der bedeutendste und heilbringendste von allen; dies spricht ein Vers aus, der oft nach ihm rezitiert wird und der in deutscher Übersetzung lautet: „Diese den Fünf geweihte Huldigung vernichtet alle Sünden, unter allen Segenssprüchen ist sie der erste Segensspruch.“

c11.s1.t2.14

Während der Parameshthî-Mantra allen 5 Gruppen von Oberhäuptern des Jaina-Glaubens zugleich geweiht ist, wenden sich andere Lieder und Sprüche nur an die eine oder andere Gruppe oder an einzelne Mitglieder einer solchen.

c11.s1.t2.15

Den 24 Tîrthankaras der gegenwärtigen Weltperiode sind eine Reihe von Hymnen in gebundener und ungebundener Rede gewidmet. Einer der berühmtesten, der im Ritual viel Verwendung findet, ist der sog. „Shakra-stava“, der Lobpreis der Indras, nach seinen Anfangsworten auch „Namotthu nam“ genannt. In diesem werden die Arhats mit allen ihren Titeln, als Tîrthankaras, als Jinas, als Buddhas gepriesen und mit einer Fülle von schmückenden Beiworten beehrt, als da sind: „Löwen unter den Menschen, Lotosblumen unter den besten Menschen, Duftelefanten unter den besten Menschen, Kaiser der vier Himmelsrichtungen des besten Gesetzes“ usw. Der mit den Worten „Logassa“ beginnende, in metrischer Form abgefaßte Prâkrit-Hymnus feiert die Tîrthankaras als die großen Welterleuchter und führt ihre Namen der Reihe nach auf. In ausführlicher Weise haben spätere Dichter in Sanskrit und den neuindischen Sprachen den 24 Propheten gehuldigt, indem sie einen jeden von ihnen in je einer oder in mehreren Strophen behandelten.

c11.s1.t2.16

In ähnlicher Weise, wenn auch nicht so oft und so überschwänglich, werden auch die anderen Parameshthîs gefeiert, die Siddhas, die Meister, die Sâdhus, ferner die Shrutadevatâ, die Kshetradevatâ, die Yakshas usw. Auch Heiligtümer werden gebührend verherrlicht: das berühmte „Jam kinci-Sûtra“ preist alle Tîrthas und Jina-Bilder im Himmel, in der Unterwelt und in der Menschenwelt, und das „Jâvanti ceiâm Sûtra“ alle Caityas in Über-, Unter- und Tierwelt. Auch der Jaina-Lehre selbst sind Hymnen und Sprüche gewidmet. So lautet eine viel verwendete Strophe:

c11.s1.t2.17

„Glückverheißende Segensspenderin,
Wurzel der Tugenden, die ich verehre,
Reinsten Glaubens Vollenderin,
Siegreich blühe die Jaina-Lehre.“ ¹⁰

c11.s1.t2.18

Schließlich gibt es auch noch Verse, welche der ganzen Welt Segen spenden. Ein solcher heißt:

c11.s1.t2.19

„Heil und Segen sei der Welt gegeben,
Möge jeder nach dem Höchsten streben,
Jeder Fehler, jeder Mangel schwinden
Und die Menschheit Glück und Frieden finden.“ 11

c11.s1.t2.20

Eine Fülle von Formeln in Prosa werden in den Ritualbüchern aufgeführt, die dazu dienen sollen, irdisches und überirdisches Heil herbeizuführen oder böse Einflüsse fernzuhalten.

c11.s1.t2.21

Im Gegensatz zu den bisher genannten Mantras, deren Worte, mögen sie dem Sanskrit, dem Prâkrit oder anderen Sprachen entstammen, aus sich heraus verständlich sind, bestehen andere aus einer oder aus mehreren Silben, denen keine eigentliche sprachliche Bedeutung innewohnt, denen vielmehr ein nur dem Eingeweihten erschließbarer Sinn zugeschrieben wird. Zu diesen mystischen Silben gehört der bereits erwähnte Laut „Om“, dessen Erklärung oben mitgeteilt wurde. Andere derartige Formeln sind: hrâm, hrîm, hrûm, hrah, yah, kshah, phut, ram, rîm, raum, rah, svâhâ. Derartige Silben finden im Ritual vielfach Verwendung; sie werden nicht nur hergesagt, sondern auch aufgeschrieben; so werden bei einer Shânti-Zeremonie die folgenden Mantras gesprochen und auf die nachstehend genannten Körperteile aufgetragen: auf den Kopf „shrîm“, auf die Stirn „bhrûm“, auf die Brauen „hrîm“, auf die Augen „hrîm“, auf die Nase „aim“, auf die Ohren „hrîm“, auf den Hals „hrîm“, auf das Herz „hrûm“, auf die Arme „khrâm“, auf den Bauch „klîm“, auf den Nabel „hah“, auf das Geschlechtsglied „hvâm“, auf die Beine „yah“, auf die Füße „blûm“. 12

c11.s1.t2.22

2. Meditation

c11.s1.t2.23

Jeder Jaina soll mindestens einmal täglich meditieren. Gewöhnlich geschieht dies 48 Minuten lang am Morgen, doch bringen manche das Doppelte oder Dreifache dieser Zeit mit frommer Beschauung zu oder wiederholen diese auch am Nachmittag und am Abend. Zweck der Übung ist es, den Geist von allen irdischen Begierden und Leiden zu isolieren und in einen Zustand gleichmütiger Stille und Heiterkeit zu versetzen. Dieser Akt, der technisch Sâmâyika heißt, kann in der Einsamkeit, zu Hause, in einem Upâshraya oder in einem Tempel vorgenommen werden, allein und mit dem Gesicht nach Nordosten gewendet, oder vor einem Guru oder einem Jina-Bild.

c11.s1.t2.24

An die Stelle der Versenkung kann auch die Lektüre eines heiligen Buches oder das Anhören einer Predigt treten.

c11.s1.t2.25

Während der Jaina-Laie der Meditation gewöhnlich nur eine kurze Zeit am Tage widmet, hat derjenige, welcher in der geistigen Entwicklung fortschreiten will, um schließlich die Erlösung von den Wiedergeburten zu erlangen, häufig und systematisch sich der Versenkung hinzugeben.

c11.s1.t2.26

Die Voraussetzung für das Gedeihen der Meditation ist Gleichgültigkeit gegen alles Irdische und eine lautere Gesinnung. Der Meditierende soll von Wohlwollen (Maitrî) zu allen Wesen erfüllt sein, ihnen allen Gutes wünschen; er muß Erbarmen und Mitleid (Kârunya) mit allen Unglücklichen und Bedrängten hegen, an den Tugenden der Heiligen und an allem, was gut ist, freudiges Interesse (Pramoda) nehmen und vollkommene Unparteilichkeit (Mâdhyasthya) auch seinen Gegnern gegenüber bewahren 13.

c11.s1.t2.27

Die verschiedenen Arten der Meditation, welche die Jainas unterscheiden, sind bereits oben S. 210 besprochen worden; an dieser Stelle seien noch die praktischen Beispiele von Meditationen angeführt, welche in den Jainatexten gegeben werden 14. Danach lassen sich die folgenden Meditationen unterscheiden:

c11.s1.t2.28

1. Pindastha-dhyâna: der Meditierende sucht das transzendente Wesen der Seele dadurch zur Vorstellung zu bringen, daß er das Denken der Reihe nach auf bestimmte Bilder, die zu den Elementen in Beziehung stehen, fixiert. Die fünf „Festlegungen“ (Dhâranâ) sind:

c11.s1.t2.29

a) Pârthivî Dhâranâ: der Meditierende stellt sich die Erde als einen ruhigen, wogenfreien Milchozean vor. In der Mitte von diesem denkt er sich einen tausendblätterigen, goldenen Lotus von der Größe des Jambûdvîpa. Im Lotus befindet sich eine köstliche Samenkapsel, vergleichbar einem goldenen Berge, und im Zentrum davon ist ein prächtiger Thron von Silber, glänzend wie der Mond in der Herbstnacht. Der Kontemplierende denkt sich dann, er selber sitze auf diesem Thron, völlig ruhig und abgeklärt, frei von Liebe und Haß, und gerüstet, die Karmas niederzuringen.

c11.s1.t2.30

b) Âgneyî Dhâranâ. Der Meditierende stellt sich einen glänzenden, sechzehnblätterigen Lotus vor, der aus seinem Nabel hervorwächst. Auf den Blättern stehen die 14 Vokale des Devanâgarî-Alphabets (a, â, i, î, u, û, ri, rî, li, lî, e, ai, o, au) und die Laute am und ah, in der Samenkapsel der große Mantra „arham“. Aus dem „r“ des letzteren bricht erst Rauch hervor, dann Funken und schließlich ein brennendes Feuer. Die Flamme wächst dauernd und verbrennt die im Herzen befindliche Lotusblume mit den 8 Blättern, welche die 8 Karmas darstellen. Dann denkt der Meditierende an eine Flamme von der Form eines Dreiecks mit dem Svastika an seiner Spitze. Diese goldglänzende, rauchlose Flamme, die, unverlöschbar wie das Höllenfeuer, sich außerhalb des Körpers befindet, wird vom Winde auf diesen hingetrieben und verbrennt ihn von außen, während das Feuer auf dem Lotus ihn von innen durchglüht. Schließlich sind der Körper und der Lotus ganz von dem Feuer verzehrt worden, und es bleibt nur Asche übrig.

c11.s1.t2.31

c) Mârutî Dhâranâ. Der Meditierende denkt sich, daß die Asche, die von dem Brande übrig blieb, durch einen großen Sturm verstreut wird.

c11.s1.t2.32

d) Vârunî Dhâranâ. Der Meditierende stellt sich des weiteren einen großen Wolkenbruch mit Donner und Blitz und eine Wasserflut, die den ganzen Weltraum überschwemmt, vor; durch die Wasser wird der ganze Staub seines Leibes fortgewaschen.

c11.s1.t2.33

e) Rûpavatî Dhâranâ. Schließlich denkt der Meditierende an sich selbst als einen reinen Geist, losgelöst von den 7 Grundbestandteilen des physischen Leibes. Mit göttlichen Vollkommenheiten begabt, sitzt er, glänzend wie der Mond, auf einem Löwenthron, und Götter und Dämonen beugen sich vor seiner Herrlichkeit.

c11.s1.t2.34

2. Padastha-dhyâna ist die Meditation über bestimmte heilige Silben (Mantra, vgl. S. 367).

c11.s1.t2.35

3. Rûpastha-dhyâna ist die Meditation, welche den Tîrthankara zum Gegenstand nimmt. Derselbe wird vorgestellt als mit allen Vollkommenheiten versehen, auf einem Thron sitzend, während ihn dienstbare Geister mit Yak-Wedeln fächeln, wenn er Göttern und Menschen die Lehre predigt.

c11.s1.t2.36

4. Rûpâtîta-dhyâna. Diese Meditation betrachtet das wahre Wesen der Seele des Meditierenden, stellt diese als rein geistig vor, als immateriell und in allem der der Siddhas gleich.

c11.s1.t2.37

3. Posituren und körperliche Übungen

c11.s1.t2.38

Beim Meditieren hat der Jaina seinen Körper in bestimmte Stellungen zu versetzen. Der Zweck dieser Vorschrift leuchtet sofort ein; durch Einnehmen einer bequemen Positur soll für den in tiefes Nachsinnen Versunkenen jeder Gedanke an den Leib ausgeschaltet werden, so daß sich der Geist ganz und gar dem Überirdischen zuwenden kann. Die Meditationsstellung heißt Kâyotsarga (Kâya = Leib, utsarga Von-sichwerfen), weil in ihr eine Loslösung des Psychischen vom Physischen eintreten soll. Gewöhnlich besteht sie darin, daß der Kontemplierende sich mit gekreuzten Beinen niedersetzt und die lose herabhängenden Arme in den Schoß legt. Hierbei wird eine Formel gesprochen, in welcher der Fromme sagt, er wolle jetzt alle körperlichen Funktionen zum Stillstand bringen, um seine Seele zu reinigen. Während der Zeit, während welcher Kâyotsarga geübt wird, hat er sich aller willkürlichen Bewegungen zu enthalten; unwillkürliche Bewegungen, welche für den Körper notwendig sind (wie Atmen u. ä.) oder welche sich nicht verhindern lassen (wie Blinzeln, Husten usw.), gelten nicht als Unterbrechung des Kâyotsarga.

c11.s1.t2.39

Außer in der gewöhnlichen hockenden Stellung kann der Geist auch in anderen Konzentration finden. So können Meditierende auch stehend in den Zustand der Vertiefung gelangen; dann werden die Arme steif nach unten gehalten, die Kniee zusammengepreßt, die Füße etwa vier Finger breit auseinandergesetzt und die Zehen vorgestreckt. Außer diesen beiden hauptsächlichsten Posituren gibt es noch eine Reihe anderer, die sich in Einzelheiten von den genannten unterscheiden ¹⁵. Große Bedeutung wird namentlich der Stellung der Hände beigelegt; die Gestikulationen (Mudrâ) spielen im Kult eine große Rolle, und die Lehrbücher des Rituals führen eine große Zahl von ihnen auf, die bei bestimmten Gelegenheiten Verwendung zu finden haben ¹⁶.

c11.s1.t2.40

Eine Handbewegung, welche vor Beginn des Sâmàyika auszuführen ist, ist das sog. Âvartana; mit den Händen wird vor dem Gesicht ein Halbkreis vom linken Ohr zum rechten beschrieben, was als ein Ausdruck der den Tîrthankaras oder Gurus erwiesenen Verehrung betrachtet wird.

c11.s1.t2.41

Im Kultus gelangen ferner eine Reihe von anderen Körperbewegungen in Anwendung; Verneigungen, Kniebeugen und ähnliches, die alle nach genau festgesetzten Regeln vorzunehmen sind.

c11.s1.t2.42

Unter den körperlichen Übungen ist schließlich noch die Atemregulierung (Prânâyâma) zu nennen, die von den Jainas in Übereinstimmung mit den Yogîs der Hindus ausgeführt wird. Nach Hemacandra gibt es 5 Arten des Atems, die in verschiedenen Körperteilen lokalisiert sind. „Der Prâna hat seinen Sitz in der Nasenspitze, in der Brust, im Nabel und in der Spitze der großen Zehe, Apâna im Nacken, im Rücken, im Kreuz und in den Hacken, Samâna in den Gelenken, in der Brust und im Nabel, Udâna zwischen Kopf und Brust, Vyâna in der ganzen Haut“ ¹⁷. Durch die Regulierung des Atems soll das Adernsystem des Leibes gereinigt und die vollständige Gewalt der Seele über den Leib erlangt werden.

c11.s1.t2.43

Hervorgehoben zu werden verdient, daß Frauen, besonders Nonnen, die Vornahme einer Reihe von körperlichen Übungen, namentlich das Einnehmen bestimmter Posituren, die den Männern anempfohlen werden, verboten ist ¹⁸, weil dadurch die Sinnlichkeit gereizt werden könnte.

c11.s1.t2.44

4. Beichte und Buße

c11.s1.t2.45

Das Bereuen der Sünden, die bewußt oder unbewußt begangen wurden, bildet einen wesentlichen Teil der Andachtsübungen der Jainas. Die große Bedeutung, die der Beichte (Pratikramana) beigelegt wird, tritt sehr klar schon darin hervor, daß die Gesamtheit der der Erbauung dienenden Handlungen mitunter als „Pratikramana“ bezeichnet wird und daß Ritualbücher den Titel „Pratikramana“ führen.

c11.s1.t2.46

Die Form, in der gebeichtet wird, ist sehr verschieden. Die Beichte besteht vielfach in dem Hersagen bestimmter Formeln, in welchen Vergehen schematisch aufgezählt werden und der Fromme seine Reue kundgibt. Bei jeder der täglichen Meditationen (Sâmâyika) hat der Fromme zu sagen: „Von früher begangener Sünde komme ich zurück, ich tadle sie, ich bereue sie, ich sage mich von ihr los.“ In einer viel verwendeten Formel, die mit den Worten „Sât-lâkh“¹⁹ beginnt, werden die 8 400 000 verschiedenen Arten von lebenden Wesen ihren Klassen nach (also 700 000 Erdwesen, 700 000 Wasserwesen usw., s. oben S. 224) aufgeführt; der Beichtende sagt dann, wenn er mit Geist, Rede, Leib eines von diesen Wesen verletzt habe oder andere habe verletzen lassen oder geduldet habe, daß ein anderer sie verletze, so sei ihm dies leid. Diese Form, für begangene Verstöße gegen das Gebot der „Ahinsâ“ generelle Abbitte zu leisten, ist vielfach die einzig mögliche, da ja niemand wissen kann, wie viele Insekten oder Elementarwesen er beim Gehen verletzt oder getötet hat, selbst wenn er, wie dies für die Asketen vorgeschrieben ist, noch so sorgsam auf den Weg achtet. Eine andere, bei den Shvetâmbaras viel gebrauchte Formel führt die 18 Quellen der Sünde (athârah pâpsthân) auf, als da sind die Verletzung der kleinen Gelübde (S. 202), die Leidenschaften usw., und schließt mit einer Beteuerung der Reue²⁰.

c11.s1.t2.47

Neben dieser generellen Beichte kennen die Jainas auch die Ohrenbeichte (Âlocana), bei welcher spezielle Sünden aufgeführt werden. Diese Beichte legt der Laie seinem Guru oder einem anderen Mönche, der Asket seinem Oberen gegenüber ab. Die Häufigkeit der Ablegung der Beichte hängt von der Frömmigkeit des einzelnen ab; Mönche und Nonnen beichten natürlich häufiger als Laien. Manche Laien beichten täglich, andere nur alle 14 Tage, alle vier Monate oder nur alle Jahre. Die Beichte am letzten Tage des Jahres ist das Allermindeste, was ein Jaina zu tun hat, doch empfiehlt es sich, möglichst oft seine Sünden zu bekennen, weil dadurch die Anhäufung von Karma verhindert wird.

c11.s1.t2.48

Zur Sühnung der begangenen Sünden legt der Guru dem Beichtenden gewisse Bußen (Prâyashcitta) auf. Die Buße besteht gewöhnlich in der Ausführung bestimmter Kulthandlungen, in der Übernahme besonderer Kasteiungen u. ä. Eine besondere Bedeutung haben die Bußen bei den Mönchsorden. Hier sind auch für die kleinsten Vergehen die zu verhängenden Strafen genau festgesetzt. Wenn einer seine Wohnung oder Kleidung nicht der Vorschrift gemäß säubert, eine Formel zu sprechen vergißt, beim Essen oder Studieren einen Fehler begeht, so wird ihm der Genuß bestimmter Gerichte oder Zutaten oder gar das Einnehmen einer bestimmten Zahl von Mahlzeiten untersagt. Für schwerere Vergehen treten strengere Strafen ein: ein Mönch wird für einen bestimmten Zeitraum in Verruf erklärt, ihm darf kein Gruß erwiesen werden, und er darf nicht reden. In bestimmten Fällen tritt Kürzung der geistlichen Anziennität u. a. ein. Eine Nonne hat schwerer zu büßen als ein Mönch, ein Vorgesetzter schwerer als seine Untergebenen 21.

c11.s1.t2.49

5. Entsagung und Kasteiung.

c11.s1.t2.50

Beim täglichen Sâmâyika erklärt der Jaina stets: „Ich entsage tadelnswerter Betätigung. Solange ich diese Observanz beobachte, will ich auf dreifache Weise: mit Geist, Wort und Leib die zweifache Entsagung üben, daß ich keine tadelnswerte Tat ausführe oder durch einen anderen ausführen lasse.“ Im Anschluß an die Meditation nimmt der Fromme oft die Verpflichtung auf sich, sich von 4 Arten von Nahrung (Speise, Trank, Früchte, Gewürze, z. B. Betel) zu enthalten; diese „Entsagung“ (Pratyâkhyâna) erstreckt sich auf eine oder mehrere Stunden, auf den ganzen Tag oder länger.

c11.s1.t2.51

Bereits bei der Behandlung der ethischen Lehren der Jainas wurde ausgeführt, daß der Laie von einer Reihe von Handlungen abstehen muß und daß es als ein verdienstliches Werk gilt, wenn er das Gelübde auf sich nimmt, gewisse Dinge nicht zu verwenden. Derartige „Vratas“ stehen in enger Verbindung mit dem Kult, weil sie oft in feierlicher Weise bei Gelegenheit von Festen übernommen werden.

c11.s1.t2.52

Außerordentliche Bedeutung messen die Jainas der Kasteiung (Tapas) bei; die hohe Wertung derselben für die Reinigung der Seele und die Vernichtung des Karma ist seit der ältesten Zeit eine besondere Eigenart des Jainismus, der sich darin von dem Buddhismus sehr wesentlich unterscheidet. Die am meisten geübte Kasteiung ist das Fasten, das zu einem vollständigen System ausgebildet worden ist. Von dem Verzicht auf bestimmte Speisen, wie Leibgerichte, die jemand besonders gern genießt, bis zur allmählichen Einschränkung der Nahrungsaufnahme, von der zeitweiligen oder periodisch betriebenen Enthaltung von jeder Nahrung bis zur vollständigen Entsagung, die den Hungertod zur Folge hat, gibt es eine Fülle von Stufen der verschiedensten Art des Fastens, die in den Ritualbüchern mit großer Ausführlichkeit unter Zuhilfenahme von Tabellen dargestellt werden. Was die Jainas im Fasten zu leisten vermögen, lehrt das Beispiel des siebenundvierzigjährigen Asketen Sundarlâlji, der im Jahre 1923 nicht weniger als 81 Tage lang in Ghatkopar keine Nahrung zu sich nahm, nachdem er in den vorhergehenden Jahren 61 bzw. 44 Tage hintereinander gefastet hatte 22.

c11.s1.t2.53

6. Yoga

c11.s1.t2.54

Der Yoga ist die systematische Zusammenfassung der verschiedenen körperlichen und geistigen Übungen zum Zweck der Befreiung der Seele vom Materiellen mit dem Endziel der Gewinnung der Erlösung. Wie im Hinduismus und im Buddhismus wird auch im Jainatum dem Yoga eine außerordentliche Bedeutung beigemessen; er ist die höchste aller religiösen Observanzen, der beste aller Wunschbäume, der größte aller Wunschedelsteine 23. Der Jaina-Yoga ist in vielen Punkten von dem brahmanischen abhängig; der bedeutendste Yoga-Lehrer der Shvetâmbaras, Haribhadra, zitiert Patanjali mehrfach und betont ausdrücklich seine Übereinstimmung mit ihm. Im einzelnen aber ist der Yoga der Jainas ihrer metaphysischen Einstellung entsprechend und im Zusammenhang mit der Lehre von den drei heilfördernden Prozessen (S. 193), von den Zuständen der Seele (S. 185) und den Gunasthânas (S. 195) entwickelt worden. Über das Wesen des hinduistischen Yoga habe ich ausführlich in meinem Buche „Der Hinduismus“ S. 289—300 gehandelt; vieles von dem dort Gesagten findet auch auf den Jaina-Yoga Anwendung, weshalb ich mich hier damit begnügen darf, darauf zu verweisen; an dieser Stelle kann ich mich auf eine kurze Darstellung der den Jainas eigentümlichen Lehren beschränken.

c11.s1.t2.55

Ebenso wie die Meditation eine weltliche und eine weltabgewandte sein kann (S. 210), so werden auch zwei Arten des Yoga unterschieden, je nachdem er Weltliches zum Ziele hat, mit den Leidenschaften verknüpft und mit der Bindung von Karma verbunden ist oder auf die Erlangung des Nirvâna, die Loslösung von allen Trieben, die Vernichtung alles Karma gerichtet ist. Der letztere, der wahre Yoga, besteht in Verinnerlichung, Reflexion, Meditation, Gleichmut und Hemmung der Karma hervorrufenden Regungen des Denkens. Er hat 8 Glieder: 1. Zucht (Yama), d. h. Nichtschädigung anderer Wesen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Keuschheit, Nichtannahme von Geschenken; 2. Beherrschung (Niyama), nämlich Reinlichkeit, Genügsamkeit, Askese, Studium, Ergebenheit gegen die Meister; 3. Einnahme bestimmter Posituren (Âsana, S. 372); 4. Atemregulierung (Prânâyâma, S. 373); 5. Zurückziehung der Sinnesorgane von den Objekten (Prâtyâhâra); 6. Sammlung, Festlegung des Denkens auf einen bestimmten Punkt (Dhâranâ); 7. Meditation (Dhyâna) und 8. Versenkung (Samâdhi).

c11.s1.t2.56

Ein jedes dieser Glieder findet seine vollendete Ausbildung auf einer der 8 Stufen oder „Schauungen“ (Drishti²¹), welche das allmähliche Hinauswachsen der Erkenntnis über die indifferenzierte getrübte „Schauung“ (Ogha-drishti) des gewöhnlichen, undisziplinierten Menschen hinaus repräsentieren. Auf der untersten Stufe, „Mitrâ“, wird durch die Ausübung der Zucht der Keim des Yoga gelegt; die Erleuchtung ist hier nur gering, wie ein Strohfeuer. In der 2. Schauung „Târâ“, ist die völlige Beherrschung gewonnen, die Erkenntnis gleicht dem Feuer, das durch Entzündung von Kuhmist entstanden ist. Auf der 3. Stufe „Balâ“, charakterisiert durch vollkommene Erfahrung in der rechten Sitzart, wird die Erleuchtung mit dem Feuer von Hölzern verglichen; auf der 4., „Dîprâ“, welche durch die völlige Atemregulierung gekennzeichnet ist, entspricht das Wissen dem Glanz einer Fackel. Von diesen vier ersten „Schauungen“ kann der Yoga Übende wieder „herabstürzen“²⁵, da die Loslösung der Seele von allem Irdischen auf ihnen noch zu gering ist, um einen dauernden Erfolg zu verbürgen; bei den folgenden vier ist dies jedoch nicht mehr der Fall. Auf diesen Stufen, auf denen vollkommene Zurückziehung der Organe, Sammlung, Meditation und Versenkung erreicht wird, wächst die Erleuchtung ununterbrochen. Auf der 5. Stufe „Sthirâ“ gleicht sie dem Glanz von Edelsteinen, auf der 6., „Kântâ“, dem Leuchten der Sterne, auf der 7., „Prabhâ“, dem Strahlen der Sonne, auf der 8., „Parâ“, dem kühlen und milden Licht des Mondes. Die letzte Schauung ist, wie ihr Name besagt, die höchste; bei ihr sind die Karmas geschwunden, die Wissen, Schauen, Wandel und Energie der Seele verhüllten, die völlige Erkenntnis ist erreicht und die Erlösung gesichert.

c11.s1.t2.57

Die Erlangung der Meisterschaft im Yoga ist mit der Gewinnung übernatürlicher Kräfte verbunden; der Yogî läutert nicht nur seinen Geist, sondern erringt transzendente Fähigkeiten verschiedener Art, so kann er z. B. seine Seele von der Verbindung mit dem Leibe lösen und sie in einen anderen Körper eindringen lassen. Von dem berühmten Digambara-Lehrer Kundakunda wird in einer Inschrift berichtet, er habe, um zu zeigen, daß die Materie weder in seiner Seele noch an seinem Leibe hafte, vier Angulas hoch über dem Erdboden gehen können, ohne diesen zu berühren²⁶. Alle derartigen Wunderkräfte werden jedoch von dem Weisen nicht um ihrer selbst willen erstrebt, sein Ziel ist vielmehr die völlige Befreiung der Seele vom Stofflichen, die Vernichtung des Karma und das Nirvâna.

Cites (1)