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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c11.s3.t1.2

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c11.s3.t1.2

Language
German

c11.s3.t1.2

Größer sind die Unterschiede zwischen der Lehre der Hindus und Jainas. Die Jainas erkennen den Veda nicht an, für sie sind die Werke der Smriti und die anderen autoritativen Bücher der Brahmanen nicht maßgebend, sondern sie haben eine abweichende Tradition und eigene heilige Schriften. Vor allem aber unterscheidet sich der Jainismus vom Hinduismus durch den Besitz eines festumrissenen dogmatischen Systems, das, zum wenigsten in seinen Hauptpunkten, von allen, die der Jaina-Gemeinde angehören wollen, als wahr anerkannt wird, während der Hinduismus keine für alle seine Anhänger unbedingt bindenden Glaubenssätze aufstellt, vielmehr ein wahres Chaos der verschiedenartigsten Anschauungen nebeneinander als gleichberechtigt gelten läßt. Bei dieser außergewöhnlich großen Mannigfaltigkeit von Vorstellungen kann man von Lehren der Hindus naturgemäß immer nur mit einer gewissen Einschränkung sprechen, nämlich nur von solchen, welche von der Mehrzahl der philosophisch Gebildeten geteilt werden. Wenn wir diese Lehren, wie ich sie etwa in meinem „Hinduismus“ zu umreißen versucht habe, mit denen der Jainas vergleichen, so finden sich bemerkenswerte Unterschiede: Die meisten Hindus glauben an einen weltschaffenden und regierenden Gott (Îshvara), die Jainas nicht; die Hindus lassen die Welt in periodischem Wechsel entstehen und vergehen, die Jainas halten sie für unerschaffen und unzerstörbar; die Hindus machen zumeist Götter zu den ersten Verkündern der wahren ewigen Religion (Brahmâ lehrt sie die Sterblichen, im Auftrage des Îshvara), die Jainas lassen sie von erhabenen Menschen, den Tîrthankaras, selbständig entdeckt und dann weiter verbreitet werden; bei den Hindus können die Götter die Erlösung erlangen, bei den Jainas ist es ihnen nicht möglich, dies ist vielmehr ein Vorrecht der Menschen, und die Götter müssen deshalb auf Erden wiedergeboren werden und dort Askese üben, wenn sie der ewigen Seligkeit teilhaftig werden wollen; für die Hindus ist das Karma ein „adrishta“, eine unsichtbare Kraft, für die Jainas ein Komplex von feinen Stoffpartikeln, der die Seele infiziert; für viele Hindus ist das Heil durch göttliche Gnade, als Folge der bewiesenen gläubigen Ergebenheit gegen den Îshvara erreichbar, für die Jainas nur durch unablässige Arbeit am eigenen Selbst; für die meisten Hindus ist der Erlösungsfähigkeit keine Grenze gesetzt, die Jainas unterscheiden „bhavyas“ und „abhavyas“ (S. 191); für die meisten Hindus besteht die Erlösung entweder in dem ewigen Aufenthalt der Seelen in dem Paradiese des Îshvara oder im völligen Verfließen in der Allseele, für die Jainas in der ungetrübten tatenlosen Ruhe der Allwissenden auf dem Gipfel des Weltalls. Schließlich und vor allem arbeitet die Jaina-Lehre mit einer Reihe von Begriffen, welche den metaphysischen Systemen der Hindus fremd sind (wie die Substanzen Dharma und Adharma, die Leshyâs, die Gunasthânas usw.), sie hat eine selbständige Erkenntnislehre und Dialektik (Syâdvâda) geschaffen und verwendet eine Terminologie, die ihr allein eigentümlich ist.