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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c11.s3.t2.6

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c11.s3.t2.6

Language
German

c11.s3.t2.6

Alle diese durch Ort und Zeit bedingten Übereinstimmungen in einzelnen Punkten der Lehre, in der sozialen Organisation und in vielen Äußerlichkeiten vermögen jedoch nicht über die elementare Verschiedenheit beider Religionen gerade im Wesentlichsten hinwegzutäuschen. Jainismus und Buddhismus haben nicht nur andere heilige Schriften und eine andere Geschichte und Tradition, sondern ihnen liegen vor allem völlig verschiedene philosophische Anschauungen zugrunde. Gleich den Systemen der brahmanischen Philosophie lehrt der Jainismus die Existenz von ewigen, immateriellen Seelen, die, solange sie mit Stoff verbunden sind, in dem Sansâra umherwandern. Der Hauptsatz des Buddhismus hingegen ist, daß es kein Ich, keine Seele gibt. Das, was man Selbst, Ich oder Seele nennt, ist nach ihm keine konstante Größe, sondern ein „Santâna“ momentaner „Dharmas“, eine Kette von verschiedenartigen Daseinselementen, die alle nur einen Augenblick existieren und, wenn sie im nächsten verschwunden sind, durch Faksimilien ihrer selbst ersetzt werden. Diese Lehre von der Nichtexistenz eines Ich, die den Buddhisten stets als das wesentlichste Charakteristikum ihrer Religion galt²¹, steht natürlich im schärfsten Gegensatz zu der von den Jainas vertretenen Vorstellung von den Seelenmonaden. Aus den verschiedenen Einsatzpunkten ergeben sich weiterhin große Abweichungen in den fundamentalen Begriffen der Systeme, in der Erkenntnistheorie, in der Ethik, in der Lehre vom Karma und vor allem in der Lehre von der Erlösung. Für den Jaina wird das Nirvâna erreicht, wenn die Seele durch geistige Zucht alle die materiellen Partikeln, welche sie verunreinigten, entfernt hat und ihre wahre, geistige Natur zum Durchbruch gekommen ist. Dann steigt die Seele zum Gipfel der Welt empor und verharrt dort für immer als ein rein geistiges, mit allen überirdischen Fähigkeiten ausgestattetes individuelles seliges Wesen. Der Buddhist hingegen hält eine Erlösung nur dann für möglich, wenn der leidvolle, vergängliche „wesenlose“ Charakter des Ich erkannt worden ist, die 5 Gruppen des psycho-physischen Daseins (Skandha), die sich sonst nach dem Tode eines Wesens durch die Macht seines Karma zu einem neuen (scheinbaren) Individuum zusammenfügen, keine neue Verbindung eingehen und die Dharmas in den Zustand der Ruhe gelangen.