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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s1: Vorbemerkungen

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s1

Language
German

Vorbemerkungen

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Die Quellen, aus denen wir unser Wissen von der Geschichte der Jainas schöpfen können, sind in der Hauptsache: literarische Werke, Inschriften und Altertümer jeder Art, wie Bauwerke, Kunstdenkmäler, Münzen und vieles andere. Am ergiebigsten sind für Zwecke der Forschung die literarischen Werke. Die Jainas haben selbst in einer ganzen Reihe von Schriften die Geschichte ihres Glaubens darzustellen versucht; der Wert, den diese Bücher für die kritische europäische Wissenschaft besitzen, ist freilich sehr verschieden. Vielfach gelten für die Jainas die Worte, welche der berühmte arabische Reisende Al-Bîrûnî (um 1030 n. Chr.) über die Inder gesagt hat: „Sie beachten die geschichtliche Folge der Ereignisse wenig und sind sehr nachlässig in der Aufzählung der Reihenfolge ihrer Könige. Wenn man sie zu einer Aufklärung drängt und sie nicht wissen, was sie sagen sollen, so sind sie gleich bereit, Märchen zu erzählen.“¹ Ein großer Teil der von Jainas geschriebenen Werke, in denen die Vergangenheit des Jaina-Glaubens behandelt wird, trägt einen rein mythisch-legendarischen Charakter; ihre Aufgabe scheint es nicht so sehr zu sein, geschichtliche Vorgänge zu schildern, als vielmehr dem frommen Leser eine Stunde religiöser Erbauung zu schenken. Auch in denjenigen Schriften, welche sich die Darstellung von historischen Fakten zum Gegenstand genommen haben, die dem Autor zeitlich nahestanden, überwiegt zumeist das sagenhafte Element in einer den

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Abendländer oft seltsam anmutenden Weise. Trotz dieser Mängel enthalten viele historische Werke der Jainas ein wertvolles Material und es lassen sich aus ihnen brauchbare Informationen gewinnen, wofern an sie die kritische Sonde gelegt wird. Neben den eigentlichen historischen oder pseudo-historischen Schriften sind vielfach auch literarische Werke anderer Art für den Geschichtsschreiber des Jaina-Glaubens von Interesse, weil ihr Inhalt auf gewisse historische Ereignisse anspielt oder den Geist eines bestimmten Zeitalters widerspiegelt. Wichtige chronologische Anhaltspunkte ergeben mitunter Einleitung oder Kolophon eines Werkes, wenn hierin der Stammbaum des Autors, der Name seines Patrons oder ähnliches mitgeteilt wird. Die Listen der Vorsteher der einzelnen Mönchs-Orden, die sog. „Pattâvalis“ enthalten wertvolles Material zur Bestimmung der Lebenszeit hervorragender Persönlichkeiten, freilich ist auch ihre Zuverlässigkeit oft nur gering, weil ihre Verfasser in ihnen vorkommende Lücken nach eigenem Gutdünken ausfüllten und sie bis auf Mahâvîra oder gar dessen Vorläufer Pârshva hin, so gut es ging, vervollständigten. Die Angaben der literarischen Werke der Jainas können wir mitunter kontrollieren und berichtigen an der Hand von Nachrichten in brahmanischen, buddhistischen oder anderen Schriften. Diese Quellen sind allerdings oft von etwas fragwürdigem Wert, weil die Gegner des Jainismus in dem Bestreben, seinen Anhängern allerlei Fehler und Verbrechen anzudichten, sich oft ebensoweit von der Wahrheit entfernen wie seine begeisterten Freunde und Bewunderer.

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Zuverlässiger, wenn auch geringer als die Ausbeute aus literarischen Werken ist vielfach diejenige, die sich aus Inschriften gewinnen läßt. Die Inschriften sind zumeist im Anschluß an ein bestimmtes Ereignis eingemeißelt worden. Ihnen eignet daher eine gewisse Frische und Wirklichkeitsnähe, welche den später entstandenen literarischen Darstellungen abgeht. Die meisten Inschriften sind Urkunden über Stiftungen von Tempeln oder Götterbildern, von Landgütern oder Gerechtsamen, die von einem frommen König oder einem gläubigen Laien gemacht wurden. Die Namen der regierenden Herrscher und ihrer Vorfahren, der beschenkten Mönche und ihrer Gurus und Amtsvorgänger versehen uns mit einem Gerippe von Namen und Daten, die doppelt wertvoll sind, weil ihre historische Treue zumeist nicht in Frage gestellt zu werden braucht.

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Die Altertümer und Kunstdenkmäler der verschiedensten Art, die auf unsere Zeit gekommen sind, vermögen häufig ebenfalls zur Aufhellung historischer Fragen beizutragen, zumal wenn sich auf ihnen Angaben über ihre Entstehungs- oder Herstellungszeit finden. Ihr Hauptwert aber besteht darin, daß sie uns ein lebendiges Bild von Personen, Dingen und Vorstellungen der Vergangenheit geben, durch welches unsere nur durch Worte und Begriffe vermittelte Kenntnis der Verhältnisse früherer Zeiten an Anschaulichkeit gewinnt.

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Obwohl das Material, das von zahlreichen Forschern in zäher Arbeit in den letzten hundert Jahren der Vergangenheit abgerungen worden ist, sehr beträchtlich ist, reicht es doch nicht entfernt aus, um eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Geschichte des Jainismus zu schreiben; dazu ist es noch viel zu lückenhaft und viel zu unvollständig. Es bleibt überhaupt fraglich, ob es je gelingen wird, das Dunkel, das über den Schicksalen der Jainas und der Entstehung und Entwicklung ihrer Lehre und ihres Kultes liegt, ganz zu lichten. Die wenigen Versuche, die bisher unternommen wurden, ein Bild von dem Werdegang des Jainatums zu geben, sind deshalb meist nur chronologisch geordnete Zusammenstellungen von spärlichen historischen Tatsachen, vielen problematischen Anekdoten und noch mehr religiösen oder wissenschaftlichen Mythen. Auch der im folgenden unternommene Versuch, die Schicksale der Jainas durch die Jahrhunderte zu verfolgen, kann nicht den Anspruch darauf erheben, eine vollständige Darstellung der Geschichte des Jainismus zu bieten. Er muß sich vielmehr darauf beschränken, im begrenzten Rahmen einer Skizze eine ungefähre Vorstellung von dem Wachstum, der Blüte und dem Niedergang der Religion der Tirthankaras zu geben. Seine Aufgabe ist es mehr, dem Leser in Kürze eine Kenntnis der wenigen feststehenden Fakten und der wichtigsten der bei den Jainas in Umlauf befindlichen Legenden über die Vergangenheit ihrer Religion zu vermitteln, als eine kritische Auseinandersetzung über Detailfragen oder eine trockene Aufzählung von Namen und Daten von sekundärer Wichtigkeit zu geben. Es würde dem Autor eine große Befriedigung gewähren, wenn die kurze Übersicht, die er hier nur zu geben imstande ist, einen Historiker dazu veranlassen würde, den einzelnen in ihr nur gestreiften Problemen nachzugehen und das, was hier nur in großen Zügen gezeichnet werden konnte, im Rahmen eines umfänglichen Spezialwerkes ausführlich zu behandeln.