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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s5.t1: 1. Das Zurückweichen vor dem Hinduismus

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s5.t1

Language
German

1. Das Zurückweichen vor dem Hinduismus

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Seit den Tagen Mahâvîras hatten die Jainas einen Kampf nach zwei Fronten zu führen: gegen die Anhänger der vedisch-brahmanischen Religion und gegen die Buddhisten. An den ersteren bekämpften sie ihren Glauben an die vedische Offenbarung, ihre blutigen Opfer und ihre soziale Ordnung, die den Brahmanen den Vorrang vor allen anderen Gliedern der Gesellschaft sicherte; an den letzteren ihre Leugnung des Ich und ihre Heilslehre, welche die Askese nur in geringem Maße anerkennt und an Stelle der Tîrthankaras andere Heilige als Wegweiser zur Erlösung betrachtet. Der Buddhismus hat den Jainaglauben zeitweise aufs stärkste bedrängt, so daß er vor ihm in manchen Gegenden das Feld räumen mußte: war doch seine Heimat Magadha so ausschließlich zur Domäne des Buddhatums geworden, daß diese Landschaft nach ihren vielen Klöstern (Vihâra) geradezu den Namen Bihâr erhielt. Mit der Zeit aber schwand die Macht des Buddhismus dahin, im Westen und im Süden vermochte er dem Jainaglauben nicht zu widerstehen, und die von Kumârila (um 700 n. Chr.) und Shankara (788-820 n. Chr.) begonnene Restauration des orthodoxen Brahmanismus setzte ihm auf der ganzen Gangeshalbinsel ein Ende, so daß er im Lande seines Ursprungs erlosch.

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Kumârila, der Erneuerer des vedischen Opferdienstes, und Shankara, der große Vorkämpfer einer illusionistischen All-Einheitslehre, gingen auch gegen die Jainalehre als eine vedenfeindliche Ketzerei mit allen Waffen ihres Geistes vor¹². Das beständige Fortschreiten der von den Rechtgläubigen ausgehenden Bewegung gegen alle heterodoxen Richtungen verstärkte aber nach und nach immer mehr den Druck, der auf der Jainakirche lastete, und wenn sich diese auch der Angriffe zu erwehren wußte, so wurde ihre Stellung doch vielfach geschwächt und erschüttert.

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Das Wiedererwachen der brahmanischen Religiosität hatte auch eine Erneuerung des vishnuitischen und shivaitischen Sektenwesens im Gefolge. Shivaismus und Vishnuismus erwiesen sich als ganz besonders gefährliche Gegner und taten dem Jainismus namentlich im Dekhan und im Süden empfindlichen Schaden.

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Die großen shivaitischen Sänger der Tamilen, Nânasambandhar und Appar (7. Jahrh.) sowie Sundaramûrti (8. oder 9. Jahrh.), Mânikka-vâcakar (um 900) u. a. machten viele dem Jainaglauben abspenstig und führten sie dem Kulte Shivas zu. So soll Appar den Pallava-König Mahendravarmâ zum Shivaismus bekehrt haben, woraufhin dieser Jaina-Bauwerke in Kuddalor niederriß und Shiva-Tempel baute¹³. Unterstützung für ihre Bestrebungen fanden die Shaivas namentlich bei den Herrschern der Cola-Dynastie. Ihr Einfluß soll auch die Ursache davon gewesen sein, daß die Pândya-Könige von Madurâ, die bisher Jainas gewesen waren, sich dem Shivaismus zuwandten. Der Pândya-Herrscher Sundara (11. Jahrh.?), der mit einer Cola-Prinzessin, Schwester des Königs Râjendra verheiratet war, soll nämlich von seiner Gemahlin dem Shiva-Glauben gewonnen worden sein. Sundara wurde ein so fanatischer Shaiva, daß er alle seine früheren Glaubensgenossen, die nicht seinem Beispiel folgen wollten, mit der rücksichtslosesten Grausamkeit verfolgte. Nicht weniger als achttausend seiner Untertanen, die den Übertritt nicht vollziehen wollten, soll er zum Tode durch Pfählung verurteilt haben: die Marterung dieser Unglücklichen soll auf einigen Skulpturen an den Wänden des Tempels von Tivatùr in Nord-Arkot bildlich dargestellt sein¹⁴.

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Ein anderer machtvoller Feind erstand den Jainas in der shivaitischen Sekte der Lingâyats¹⁵. Dieselbe wurde begründet oder reorganisiert von dem Brahmanen Basava, welcher Minister des Kalacuri-Königs Bijjala war, der 1156–1167 in Kalyâna regierte und dem Jaina-Glauben angehört haben soll. Mit großer Tatkraft und, wie die Jainas behaupten, großer Skrupellosigkeit gelang es Basava, seiner monotheistischen Lehre zahlreiche Anhänger zuzuführen und seinem stark anti-klerikalen und gegen die brahmanische Kastenordnung gerichteten sozialen System Verbreitung zu schaffen. Die Lingâyats gingen mit außerordentlichem Fanatismus gegen die Jainas vor, schädigten sie an Gut und Leben, zerstörten ihre Tempel oder eigneten sich diese für ihre Zwecke an. Bei der Propagierung der neuen Lehre soll sich besonders der Heilige Ekântada-Râmayya ausgezeichnet haben. Von ihm wird erzählt, er sei mit den Jainas eine Wette eingegangen, nach welcher sie sich verpflichteten, eine Jaina-Statue niederzureißen und ein Shiva-Bild aufzurichten, wenn er sich selbst den Kopf abschlage und durch Shivas Gnade nach sieben Tagen wieder lebendig gemacht würde. Als es Ekântada-Râmayya gelang, das Wunder wahr zu machen, die Jainas aber ihr Wort nicht halten wollten, soll er dem Standbild ihres Tîrthankara das Haupt abgeschlagen und es vor dem Idole seines Gottes als Weihgabe niedergelegt haben. Da die Jainas sich hierüber beim Könige beschwerten, erbot sich der Heilige, das Wunder zu wiederholen und sogar seinen Kopf zu Asche verbrennen zu lassen, wenn die Jainas ihre 700 Tempel dagegen wetteten. Die Jainas gingen hierauf aber nicht ein, woraufhin Bijjala sie tadelte und dem von Ekântada-Râmayya errichteten Tempel des Shiva Vîra-Somanâtha eine Landschenkung bei Ablûr (im heutigen Distrikt Dhârvâr) machte¹⁶.

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Die Lingâyats oder „Vîra-Shaivas“, wie sie sich selbst nennen, gewannen mit der Zeit im Sprachgebiet des Kanaresischen und Telugu immer mehr Boden. Ihr Glaube war die Staatsreligion der Vodeyars von Maisûr und Ummatûr von 1399—1610 und der Nâyaks von Keladi (Ikkeri oder Bednûr) von 1550—1763; auch heutzutage noch gehört ihnen ein sehr beträchtlicher Teil der Bevölkerung der Länder der südlichen Westküste an. Ihr Verhalten gegenüber den Jainas scheint sich immer durch große Feindseligkeit ausgezeichnet zu haben. Eine Inschrift berichtet, daß ein fanatischer Lingâyat 1638 ein Linga-Symbol auf die Säulen der Haupt-Basti der Jainas in Halebîd stempelte. Die Jainas erhoben hiergegen Einspruch, und es kam zu einer Einigung. Bei dieser verpflichteten sich die Jainas jedoch, in ihrem Tempel stets zuerst nach shivaitischem Ritus Asche und Betel darzubringen und erst danach ihre eigenen Zeremonien vorzunehmen⁴⁷.

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Ungefähr zu derselben Zeit, zu welcher der Shivaismus in Südindien zu neuer Bedeutung gelangte, ging auch eine tiefgreifende Reformation des Vishnu-Glaubens vor sich. Râmânuja (1050—1137) verkündete mit großem Erfolg, hauptsächlich von Shrîrangam (bei Trichinopoly) aus, seinen „qualifizierten Monismus“ vishnuitischen Gepräges. Der Cola-König verlangte von ihm, daß er lehre, Shiva sei größer als Vishnu. Da Râmânuja sich diesem Gebot nicht fügen wollte, mußte er fliehen. Der Hoysala-König Bittideva gewährte ihm Schutz und wurde sein Anhänger. Seine früheren Glaubensgenossen, die Jainas, ließ er angeblich in Ölmühlen werfen und zerquetschen, wenn sie sich nicht bekehren wollten⁴⁸.

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Daß die Jainas später von seiten der Shrîvaishnavas bedrückt wurden, ergibt sich aus einer Inschrift aus dem Jahre 1368. Danach beschwerten sich die Jainas beim König Bukkarâya I. von Vijayanagar über die Verfolgungen, denen sie von seiten der Vishnuiten ausgesetzt waren. Der König verfügte darauf, daß die Mitglieder beider Religionsgemeinschaften in seinem Lande gleiche Kultusfreiheit genießen sollten. Des weiteren bestimmte er, daß an der Gommata-Statue in Shravana Belgola eine Wache von zwanzig Mann aufgestellt werden sollte, um das Heiligtum vor Verunglimpfung zu schützen, und ordnete an, daß zerstörte Tempel ausgebessert werden sollten⁴⁹.

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Ein Jahrhundert nach Râmânuja wirkte in den kanaresischen Gebieten ein anderer vishnuitischer Sektengründer, Madhva oder Ânandatîrtha (1199—1278). Die von diesem gepredigte dualistische Lehre⁵⁰ erwarb sich an der Westküste viele Bekenner und tat dem Jainismus großen Abbruch⁵⁰. Der aus Nimba (im Distrikt Bellary) stammende Brahmane Nimbârka (13. Jahrh.?), der Urheber der vishnuitischen „Sonder-unsonderungs-Lehre“ (Bhedâbheda-vâda), der hauptsächlich im Norden, in der Umgegend von Mathurâ lehrte, scheint hingegen gegen die Jainas nicht haben aufkommen können; wenigstens soll nach einem Bericht seine Sekte von den Jainas ausgerottet und erst später von Shrînivâsa wieder erweckt worden sein⁵¹. Als ein bedeutender Gegner erwies sich hingegen der aus dem Telugu-Lande gebürtige Stifter des krishnaitischen Shuddhâdvaita-mata, der Brahman Vallabha (1479—1531). Das von diesem in Mathurâ gelehrte System fand große Verbreitung in der Umgegend der heiligen Krishnastadt, in Râjputânâ sowie in Gujarât; namentlich viele reiche Kaufleute, die früher Jainas waren, schlossen sich ihm an. Auch der bengalische Heilige Caitanya (1485—1533), dessen Missionspredigten in ganz Indien Stürme der Begeisterung entfesselten, scheint durch seine Tätigkeit viele dem Jainismus entfremdet und der Bhakti-Lehre Krishnas zugeführt zu haben.

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Die wachsende Macht des Hindutums tritt am Jainismus jedoch nicht nur darin zutage, daß er viele seiner Bekenner einbüßte, sondern äußerte sich auch in der bei seinen Anhängern immer stärker werdenden Hinneigung zu hinduistischen Anschauungen und Gebräuchen. So werden in der Jaina-Literatur fortan mehr und mehr hinduistische Gottheiten erwähnt, die im Jaina-System selbst keinen Platz haben, und Termini gebraucht, die eine starke Beeinflussung durch den Vedânta verraten; auch im Kultus und im sozialen Leben wird die Annäherung in der Folgezeit immer größer.

Cites (1)