Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c8.s1.t1: 1. Die Entstehung des Kanons
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c8.s1.t1
- Language
- German
1. Die Entstehung des Kanons
c8.s1.t1.1
Nach der Anschauung der Jainas sind die Lehren der heiligen Religion bereits zur Zeit des ersten Tirthankara Rishabha in Werken niedergelegt worden; zu den Zeiten, in welchen die Kirchen der einzelnen Tirthankaras blühten, waren stets heilige Schriften vorhanden; in den Intervallen (zwischen den Perioden einiger Tirthankaras), während welcher die Lehre verschwand, gerieten sie zwar in Vergessenheit, wurden dann aber wieder von jedem Propheten neu verkündet.
c8.s1.t1.2
Nach einer heute verbreiteten Tradition der Orthodoxen sollen die heiligen Schriften aus der Zeit aller Tirthankaras im wesentlichen miteinander übereinstimmen (so wie auch die Lebensgeschichten der Tirthankaras in allen Hauptpunkten übereinstimmen), und nur die Namen sollen in ihnen variieren.
c8.s1.t1.3
Gleich den Lehren seiner Vorgänger haben auch diejenigen Mahâvîras in bestimmten Werken ihren literarischen Niederschlag gefunden. Seine Jünger, die Ganadharas, überlieferten sie der Nachwelt in den 12 Angas (Glieder), von denen das letzte die sog. 14 „Pûrvas“ („frühere“ Werke) umfaßte. Nach einer Tradition⁸ sollen die Apostel den Inhalt der Vorträge des Meisters zuerst in den 14 Pûrvas in Textform gebracht und dann zu den Angas verarbeitet haben. Der aus diesen und anderen Werken bestehende Kanon wurde unter den ersten Nachfolgern Mahâvîras von der Leitung der Gemeinde treu bewahrt; mit der Zeit gerieten jedoch die Teile des Kanons in Unordnung.
c8.s1.t1.4
Um den Kanon neu zu sammeln, wurde nach der Überlieferung der Shvetâmbaras um 300 v. Chr. in Pâtaliputra ein Konzil einberufen (vgl. S. 38). Bei diesem stellte sich heraus, daß die letzte der großen heiligen Schriften, das sog. 12. Anga, welches die 14 Pûrva genannten Werke umfaßte, nicht mehr in authentischer Überlieferung vorlag. Da dieses dem abwesenden Bhadrabâhu völlig bekannt war, sandte die Gemeinde zwei Mönche zu ihm, die ihn veranlassen sollten, beim Konzil zu erscheinen. Bhadrabâhu, der sich damals in Nepâl aufhielt, woselbst er ein zwölfjähriges Bußgelübde zur Ausführung brachte, erklärte sich außerstande, nach Pâtaliputra zu kommen, war aber bereit, an Ort und Stelle Schüler in den Pûrvas zu unterrichten. Sthûlabhadra wurde deshalb mit 500 Mönchen damit beauftragt, von ihm die Pûrvas zu erlernen. Während sich seine Begleiter hierfür als ungeeignet erwiesen, hörte Sthûlabhadra bei Bhadrabâhu alle 14 Pûrvas; dies kam der Gemeinde jedoch nur teilweise zugute, weil der Heilige von ihm verlangte, daß er die letzten vier Pûrvas niemandem mitteile. So blieb denn der Kanon trotz aller aufgewandten Mühe fortan unvollständig. In dieser unvollkommenen Gestalt überdauerte er sieben Lehrergenerationen nach Sthûlabhadra, dann kam die Kenntnis der 10 Pûrvas ganz abhanden. Die übrigen heiligen Werke aber blieben erhalten und wurden schließlich auf dem Konzil von Valabhî im Jahre 980 nach Vîra unter der Leitung von Devarddhi neu redigiert und erstmalig schriftlich fixiert (bis dahin sollen alle heiligen „Schriften“ nur mündlich vom Lehrer auf den Schüler übermittelt worden sein). Das Konzil von Mathurâ soll dann (993 nach Vîra?) unter Skandila eine Schlußrevision vorgenommen haben³. Der Kanon der heutigen Shvetâmbaras ist nach ihrer Meinung das Corpus von Werken, das damals festgesetzt wurde.
c8.s1.t1.5
Die Digambaras stimmen mit den Shvetâmbaras darin überein, daß sie Bhadrabâhu als den letzten Lehrer der 14 Pûrvas betrachten. Nach ihnen ist jedoch der echte Kanon in der Folgezeit ebenso in Vergessenheit geraten wie das 12. Anga mit seinen 14 Pûrvas. Elf Generationen nach Bhadrabâhu kannten noch 11 Angas und 10 Pûrvas, fünf weitere dann nur noch 11 Angas und schließlich vier nur noch 1 Anga, das Âcârânga. Einer anderen Tradition zufolge kannten diese vier noch 10, 9, 8 bzw. 7 Angas, und auf sie folgten noch fünf Personen, welche noch ein Anga kannten. Die beiden letzten von diesen, Pushpadanta und Bhûtavalyâcârya sollen den Kanon schriftlich niedergelegt haben, sein Verschwinden dadurch aber nicht haben verhindern können. Nach dieser Überlieferung soll der letzte Kenner aller 11 Angas im Jahre 436, Bhûtavalyâcârya 683 nach Mahâvîras Nirvâna gestorben sein¹⁰. Seitdem kann alles Wissen über die von Mahâvîra verkündete Lehre nicht mehr aus den Angas oder andern kanonischen Schriften geschöpft werden, sondern nur aus den Werken, deren Inhalt indirekt auf dem verlorengegangenen Kanon beruht.
c8.s1.t1.6
Während also die Shvetâmbaras sich rühmen, noch heute den alten, echten Kanon, wenngleich in unvollständiger Gestalt, ihr eigen zu nennen, sind die Digambaras der Ansicht, der alte Kanon sei endgültig verschwunden, und die heiligen Schriften der Shvetâmbaras seien unecht; als Richtschnur ihres Glaubens dient ihnen eine Sammlung von in später Zeit entstandenen Büchern, die im Hinblick auf die Autorität, die sie genießen, als ein „sekundärer Kanon“ angesehen werden.
Cites (3)
- Āyāraṃga — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Aṃga — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Nṛsiṃhapūrvatāpanīyopaniṣad — Sanskrit