Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c8.s1.t3: 3. Der Kanon der Digambaras
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c8.s1.t3
- Language
- German
3. Der Kanon der Digambaras
c8.s1.t3.1
a. Der verlorene alte Kanon
c8.s1.t3.2
Wie bereits mehrfach erwähnt, besitzen die Digambaras keinen alten Kanon; sie sind des Glaubens, der alte Kanon sei verloren gegangen und der Kanon der Shvetâmbaras sei unecht. In Digambara-Werken finden sich hingegen mehrfach Angaben über Zusammensetzung und Inhalt der verschwundenen heiligen Schriften¹⁸. Die Titel der Bücher, welche in diesen Aufzählungen genannt werden, stimmen zum Teil mit denen von Werken des heutigen Shvetâmbara-Kanons überein, auch deckt sich das, was über den Inhalt derselben mitgeteilt wird, teilweise mit dem tatsächlichen Inhalt der Shvetâmbara-Werke, in vielen Fällen aber finden sich starke Abweichungen. Ich lasse hier eine kurze Übersicht folgen.
c8.s1.t3.3
Die Werke des Kanons zerfallen in zwei Gruppen, nämlich „Angas“ und „Angabâhyas“ (außerhalb der Angas stehende).
c8.s1.t3.4
I. Angas.
c8.s1.t3.5
Die Angas führen dieselben Namen wie die der Shvetâmbaras. Bedeutende Verschiedenheit besteht hinsichtlich dessen, was den Inhalt des 12 Anga, des Drishtivâda ausgemacht haben soll, insofern als die Angaben über die Parikarmas und Cûlikâs (s. S. 93) differieren.
c8.s1.t3.6
Die 5 Parikarmas:
1. Candra-prajnapti handelt vom Monde,
2. Sûrya-prajnapti handelt von der Sonne,
3. Jambûdvîpa-prajnapti handelt vom Kontinent Jambûdvîpa,
4. Dvîpa-sâgara-prajnapti handelt von den Kontinenten und Meeren.
5. Vyâkhyâ-prajnapti handelt von den Grundwahrheiten Seele, Nichtseele usw.
c8.s1.t3.7
Die 5 Cûlikâs:
1. Jalagata-cûlikâ lehrt, wie man mit Hilfe von Zaubersprüchen usw. Wasser aufhalten, durch Wasser gehen, Feuer verschlingen u. a. tun kann.
2. Sthalagata-cûlikâ lehrt, wie man mit magischen Mitteln sich in ferne Länder begeben kann.
c8.s1.t3.8
3. Mâyâgata-cûlikâ lehrt, wie man allerlei Wunder vollbringen kann.
4. Rûpagata-cûlikâ lehrt, wie man die Gestalt eines Löwen, Elefanten und anderer Tiere annehmen und wie man Pflanzen und Metalle in andere verwandeln kann.
5. Âkâshagata-cûlikâ lehrt, wie man den Luftraum durchfliegen kann.
c8.s1.t3.9
Wie man sieht, werden hier einige Werke astronomisch-geographischer Natur als zu den Parikarmas gehörend angeführt, welche von den Shvetâmbaras zu den Upângas gerechnet werden. Upângas werden von den Digambaras in der Liste der kanonischen Schriften nicht genannt.
c8.s1.t3.10
II. Die Angabâhyas
c8.s1.t3.11
zerfallen in die folgenden 14 Prakirnakas:
c8.s1.t3.12
1. Sâmâyika handelt von den Arten der Andacht,
2. Caturvinshatistava handelt von dem Leben der Tîrthankaras, ihren Kräften, Attributen usw.,
3. Vandanâ handelt vom Tempelkult,
4. Pratikramana handelt von der Beichte,
5. Vinaya handelt von der Zucht.
6. Kritikarma handelt von der den Jinas usw. zu erweisenden Verehrung.
7. Dashavaikâlika gibt Regeln für das Asketenleben,
8. Uttarâdhyayana handelt von den Mühsalen und Störungen des Asketenlebens u. a.,
9. Kalpavyavahâra enthält Disziplinarvorschriften,
10. Kalpâkalpa (vidhânaka) handelt von dem, was ein Mönch gebrauchen darf usw.,
11. Mahâkalpa (sajnaka) handelt von den Regeln und Praktiken der Jinakalpîs und Sthavirakalpîs (d. i. der unabhängigen Mönche und der Mitglieder vom Orden),
12. Pundarîka handelt von den Taten, welche zur Wiedergeburt im Götterhimmel berechtigen,
13. Mahâpundarîka handelt von Taten, welche eine Wiedergeburt als Indra usw. hervorrufen, 14. Nishiddhikâ handelt von den Mitteln zur Reinigung der Seele von Fehlern usw. (andere nennen an dieser Stelle: Ashîtikasama).
c8.s1.t3.13
Von den hier genannten Titeln stimmen einige (7, 8, 9) mit solchen von kanonischen Werken der Shvetâmbaras überein, andere berühren sich mit ihnen (1–4 mit Abschnitten des 2. Mûlasûtra).
c8.s1.t3.14
b. Der moderne sekundäre Kanon
c8.s1.t3.15
Die Stelle des verloren gegangenen alten Kanons vertreten heute bei den Digambaras eine Reihe von Werken, die als autoritative Darstellungen der Lehre gelten. Diese Werke werden in vier Gruppen geschieden, je nachdem sie sich mit Geschichte, Kosmographie, Philosophie und Ethik beschäftigen. Diese vier Gruppen nennen die Digambaras ihre „vier Veden“. Die Zahl der Werke, die zu jeder einzelnen Gruppe gehören, scheint nicht genau festzustehen, wiewohl einige Titel stets in allen Aufzählungen figurieren; da diese alle vor 900 n. Chr. entstanden sind, wäre anzunehmen, daß der sekundäre Kanon zuerst um diese Zeit aufgestellt worden ist. Ich gebe im folgenden eine Übersicht¹⁹.
c8.s1.t3.16
I. Prathamânuyoga (Welthistorie): Ravishenas „Padmapurâna“ (650 n. Chr.?); Jinasenas „Harivanshapurâna“ (783); Jinasenas „Âdipurâna“; Gunabhadras „Uttarapurâna“ (beendet 879).
c8.s1.t3.17
II. Karanânuyoga (Kosmographie): Sûryaprajnapti, Candraprajnapti, Jayadhavalâ.
c8.s1.t3.18
III. Dravyânuyoga (Philosophie): Kundakundas 1. „Pravacanasâra“, 2. „Samayasâra“, 3. „Niyamasâra“, 4. „Pancâstikâya“.
c8.s1.t3.19
Umâsvâmis „Tattvârthâdhigamasûtra“ und seine Kommentare von Samantabhadra (600), Pûjyapâda (700), Akalanka (750), Vidyânanda (800) u. a.
c8.s1.t3.20
Samantabhadras „Âptamîmânsâ“ (600) mit den Kommentaren von Akalanka, Vidyânanda, u. a.
c8.s1.t3.21
IV. Caranânuyoga (Ethik und Ritual): Vattakeras „Mûlâcâra“ und „Trivarnâcâra“.
c8.s1.t3.22
Samantabhadras „Ratnakarandashrâvakâcâra“ (600).
Linked texts (18)
- Padmapurāṇa — Vyāsa, Sanskrit
- Brahmapurāṇa — Vyāsa, Sanskrit
- Uttarajjhayaṇa — Ardhamāgadhī Prakrit
- Dasaveyāliya — Śayyambhava, Ardhamāgadhī Prakrit
- Āptamīmāṃsā — Samantabhadra, Sanskrit
- Paṃcatthiyasaṃgaha — Kundakunda, Śaurasenī Prakrit
- Sūriyapannatti — Ardhamāgadhī Prakrit
- Viyāhapannatti — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Jambuddīvapannatti — Ardhamāgadhī Prakrit
- Candapannatti — Ardhamāgadhī Prakrit
- *Vinaya — Sanskrit
- Uttara-purāṇa (Puṣpadanta) — Puṣpadanta, Prakrit
- Niyamasāra — Kundakunda, Śaurasenī Prakrit
- Samayasāra — Amṛtacandrācārya, Sanskrit
- Tattvārthasūtra — Umāsvāti, Sanskrit
- Pravacanasāra — Śītalaprasāda, Hindi
- Riṭṭhaṇemicariu — Svayambhū & Tribhuvana, Apabhraṃśa
- Pratikramaṇa — Gotama, Prakrit