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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c8.s3: III. Die Inschriften

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c8.s3

Language
German

III. Die Inschriften

c8.s3.1

Eine besondere Stellung nehmen im Jaina-Schrifttum die Inschriften ein, denn diese in Stein und Erz gegrabenen Denkmäler der Vergangenheit spiegeln gleichsam das gesamte literarische Schaffen in gedrängter Form wider. In Sanskrit, in Prâkrit und den verschiedenen arischen und dravidischen Volkssprachen berichten sie von Personen und Ereignissen von ephemerer wie historischer Bedeutung, überliefern sie uns Legenden und Gedichte in einfachstem wie in kunstvollstem Stil. Von der Mannigfaltigkeit des Inhalts der Inschriften vermag die Tatsache eine Vorstellung zu geben, daß man sogar Epen und panegyrische Dramen auf Steinplatten eingemeißelt hat!

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Die meisten Inschriften finden sich an Kultbildern, Tempeln und Heiligtümern. Sie überliefern der Nachwelt die Daten von Schenkungen, die Namen von frommen Donatoren, deren Stammbaum und Taten. Andere sind der Erinnerung an verstorbene Fürsten und Große, vornehme Frauen, Heilige, Asketen und Nonnen geweiht oder verewigen Geschehnisse, die als wichtig genug angesehen wurden, um kommenden Geschlechtern übermittelt zu werden.

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Die Form, in welcher die Inschriften zu uns sprechen, ist sehr verschieden; manche fassen sich kurz und sachlich, in anderen erhebt sich die Sprache zu dichterischer Höhe und prunkt mit all den Schmuckmitteln der Rede, die von den Poetikern gelehrt werden.

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Zumeist beginnen die Jaina-Inschriften mit Segensworten wie „Om! Svasti! Shrî!“, mit einem Lobpreis der Jaina-Lehre oder mit Worten der Verehrung an die Tîrthankaras oder einen von ihnen. Den Beschluß machen dann wieder ähnliche Formeln oder der fromme Wunsch: „Möge der ganzen Welt Heil widerfahren!“. Zuweilen findet sich am Ende auch ein Fluch, der gegen den ausgesprochen wird, der sich beispielsweise widerrechtlich das einem Tempel gestiftete Land aneignen würde; einem solchen Verbrecher wird gewünscht: „Möge er 60 000 Jahre lang als Wurm geboren werden.“

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Eine besondere Note erhalten viele Inschriften durch die „Prashastis“ (Eulogien), in welchen hervorragende Männer oder Frauen in überschwänglicher Weise verherrlicht werden. Diese Prashastis sind zumeist in überaus kunstvoller Sprache abgefaßt und schwelgen in echt orientalischer Weise in Bildern und Vergleichen. So heißt es von einem König, er sei ein Stirnjuwel seiner Dynastie, ein Ohrring der Göttin der Rede, ein Mond, der die Wasser des Ozeans der Jaina-Lehre zum Schwellen bringe, eine Wunschkuh (der Freigebigkeit) für die Dichter, ein verheerendes Feuer für seine Gegner; von einer Fürstin wird gesagt, sie sei eine Spenderin des Glückes wie Lakshmî, eine Edelsteinmine von Vorzügen, ein Siegesbanner des Liebesgottes, ein rasender Elefant für die anderen Gemahlinnen ihres Gatten, und von einem Asketen heißt es, seine Füße würden selbst von den Göttern verehrt, durch seine Heiligkeit mache er die Welt zu einem segensreichen Wallfahrtsort, seine Rede sei den Ohren angenehm wie das Fächeln mit Yakwedeln, und sein himmelanstrebender Ruhm vermische sich mit den Strahlen des Mondes.

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Oft finden sich derartige Prashastis als Epitaphien an den Stätten, welche die sterblichen Überreste frommer Laien oder Asketen umschließen, zumal solcher, die den selbstgewählten Hungertod starben. Manche Grabschriften verzichten jedoch auf die vielen schmückenden Beiworte und begnügen sich damit, davon Kunde zu geben, daß der Mönch X oder die Nonne Y ihren irdischen Wohnsitz mit dem Himmel vertauscht habe.

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In ihrer würdigen Einfachheit wirken manche Epitaphe besonders schön, wenn auf ihnen allgemeine Gedanken über die Vergänglichkeit alles Irdischen in dichterischer Form zum Ausdruck gebracht werden.

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Als Beispiel stehe hier am Schluß die Grabschrift des Mönches Nandisena in Shravana Belgola:

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„Schnell vergehend wie der Regenbogen, wie der Blitz und wie des Taues Wolke —
Das Geschenk der Schönheit und des Reichtums und der Lust und Macht, wem ist es sicher?
Soll ich — strebend nach dem Höchsten — haften an der Welt? so sprechend ward zum Mönche
Und gewann den Himmel als der Tugend höchsten Lohn der Büßer Nandisena.“