Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c9.s2.t3: III. Das Karma
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c9.s2.t3
- Language
- German
III. Das Karma
c9.s2.t3.1
Wie alle Inder teilen auch die Jainas den Glauben an das Karma, an die nachwirkende Kraft der Verschuldung und des Verdienstes. Ein Spruch sagt:
c9.s2.t3.2
„Wer den guten oder schlechten Samen
In die Schicksalserde hat gestreut,
Wird auch gute oder schlechte Früchte
Wieder ernten in der Reifezeit.“¹³
c9.s2.t3.3
Die auch anderen Religionen nicht fremde Vorstellung, daß der Mensch ernten müsse, was er gesät hat, verbindet sich in Indien seit alter Zeit mit der Lehre von der Seelenwanderung. Jede Tat, jedes Wort, jeder Gedanke hat einen Einfluß auf die Gestaltung des Schicksals ihres Urhebers. Da das gegenwärtige Leben nicht ausreichen würde, um den Menschen die Belohnungen und die Strafen zuteil werden zu lassen, die für seine guten oder bösen Werke fällig werden, erstreckt sich die Nachwirkung einer Handlung über den Tod hinaus, ja sie wird selbst zur Ursache einer neuen Existenz und bestimmt Wesen und Dauer derselben in allen Einzelheiten. Weil in jedem Dasein genügend Taten vollbracht werden, die in einem neuen Leben gesühnt werden müssen, folgt jedem Tod eine Wiedergeburt in neuer Form; weil aber jedes Dasein selbst die Folge von früheren Taten ist, muß ihm ein anderes Leben vorangegangen sein. Daraus ergibt sich, daß jede Existenz nur ein Glied ist in einer langen Kette von Existenzen, die ihr vorhergehen und folgen, ohne Anfang und (unter gewöhnlichen Verhältnissen) ohne Ende. Die Anerkennung der Richtigkeit dieser Lehre setzt die Inder einerseits in den Stand, für die außerordentliche Verschiedenheit der körperlichen und seelischen Beschaffenheit aller Wesen, für ihre Lebensverhältnisse und ihr Schicksal eine plausible Erklärung in den Taten einer früheren Existenz zu finden; andererseits wirkt sie unzweifelhaft als ein starkes Motiv für die Führung eines sittlichen Wandels und läßt bei tiefveranlagten Naturen den Wunsch entstehen, allem Tun zu entsagen und dadurch die Erlösung aus dem Meer der Wiedergeburten zu finden.
c9.s2.t3.4
Die philosophische Begründung der Karmalehre ist in den metaphysischen Systemen der Inder verschieden; die meisten Hindus betrachten das Karma als eine transzendente, unsichtbare Kraft (adrishta), welche gewissermaßen den die Seele umgebenden feinmateriellen Leib als ein unveränderliches moralisches Substrat auf seinen Wanderungen von einer Existenz zur anderen begleitet, ohne der in Wahrheit von allem Stofflichen unberührt bleibenden Seele anzuhaften. Die Jainas haben eine durchaus abweichende, völlig selbständige Auffassung. Nach ihnen ist das Karma etwas Materielles (paudgala), es läßt sich bestimmen als die sichtbar gewordene Wirkung von feinen Stoffen, die in die Seele eingedrungen sind. So wie eine Arzneipille, die jemand eingenommen hat, in seinem Innern bedeutsame Veränderungen hervorrufen kann, so beeinflußt auch die feine Karma-Materie, wenn sie die Seele infiziert, letztere in der mannigfaltigsten Weise.
c9.s2.t3.5
Die Verbindung von Seele und Karma-Stoff ist ohne Anfang und findet im natürlichen Verlauf der Dinge nie ein Ende. Sobald eine Seele sich betätigt, dringen innerhalb des von ihr eingenommenen Raumes befindliche Korpuskeln in sie ein und kleben in ihr fest, wie Staubkörner an einem mit Öl beschmierten Körper. Die Durchdringung der Seele mit Stoffen ist so intensiv wie die Vereinigung von Milch und Wasser, von Feuer und Eisenkugel. Durch sie wird der Jîva vollständig umgestaltet; seine Erkenntnis wird verhüllt, seine Energie gehemmt, schlechte Triebe werden in ihm wach, und er wird mit einer Fülle von Eigenschaften behaftet, die seinem wahren Wesen fremd sind.
c9.s2.t3.6
Mit großer Ausführlichkeit behandeln die Jaina-Philosophen die Wirkungen, welche die Stoffe in den von ihnen infizierten Seelen erzeugen. Mit ihrer überall hervortretenden Sucht, alles zu systematisieren und zu rubrizieren, haben sie auch die Karmas genau analysiert. Nach ihrer Theorie gibt es 8 Hauptarten (Mûla-prakriti) von Karmas, die wieder zusammen in 148 Unterarten (Uttara-prakriti) zerfallen. Die Wichtigkeit des Gegenstandes macht es notwendig, diese hier der Reihe nach aufzuführen. Um jedoch vieles von dem, was später ausführlicher zu besprechen sein wird, nicht vorwegzunehmen, begnüge ich mich damit, an dieser Stelle nur eine kurze Aufzählung zu geben und auf die späteren eingehenderen Darlegungen durch Angabe der Stelle zu verweisen. Zur Vereinfachung habe ich auch die traditionelle Reihenfolge einzelner Unterarten, wie sie in den „Karma-granthas“ gegeben wird, nicht immer beibehalten, sondern bisweilen eine übersichtlichere gewählt.
c9.s2.t3.7
Die 8 Hauptarten des Karma sind:
c9.s2.t3.8
I. Jnânâvarana-karma, das Karma, welches das Wissen verhüllt,
c9.s2.t3.9
II. Darshanâvarana-karma, das Karma, welches das Schauen verhüllt,
c9.s2.t3.10
III. Vedanîya-karma, das Karma, welches die Empfindung von Lust und Leid hervorruft,
c9.s2.t3.11
IV. Mohanîya-karma, das Karma, welches Glauben und Wandel stört,
c9.s2.t3.12
V. Âyus-karma, das Karma, welches die Lebensdauer bedingt,
c9.s2.t3.13
VI. Nâma-karma, das Karma, welches das Individuelle bewirkt,
c9.s2.t3.14
VII. Gotra-karma, das Karma, welches den Geburtsrang bestimmt,
c9.s2.t3.15
VIII. Antarâya-karma, das Karma, welches die Seele in ihrer Genuß- und Entschlußfähigkeit behindert.
c9.s2.t3.16
Das Wesen der 8 Karmas wird durch Sinnbilder verdeutlicht. Das I. gleicht einem Tuche, das das Gesicht einer Gottheit verhüllt, das II. einem Türhüter, der es einem verwehrt, den König (bei einer Audienz) zu schauen, das III. dem Genuß, den man hat, wenn man eine mit Honig beschmierte scharfe Schwertklinge in den Mund nimmt, das IV. dem Genuß von Branntwein, der einen so berauscht, daß man vergißt, was gut und böse ist, das V. einer Fessel, die einem verhindert zu gehen, wohin man will, das VI. einem Maler, der den von ihm im Bilde dargestellten Personen durch Auftragen verschiedener Farben usw. individuelle Züge verleiht, das VII. einem Töpfer, der schwere und leichte Gefäße herstellt, das VIII. einem Schatzmeister, der einen an der Verteilung von Spenden hindert¹⁴.
c9.s2.t3.17
Im folgenden beschreibe ich kurz die Bedeutung dieser 8 Grundarten und verzeichne die Unterarten, in welche sie geteilt werden:
c9.s2.t3.18
I. Jnânâvarana-karma verhüllt das der Seele von Natur eigene Wissen, d. h. es hindert sie daran, ein Ding mit seinen Attributen genau zu erkennen. Entsprechend den 5 Arten des Wissens, welche unterschieden werden (S. 178), zerfällt dieses Karma in 5 Unterarten.
c9.s2.t3.19
II. Darshanâvarana-karma verhüllt das der Seele von Natur eigene Schauen, d. h. es hindert sie daran, ein Ding in seinen allgemeinen Umrissen oder in seiner begrifflichen Allgemeinheit zu erkennen. Da es 4 Arten des ,,Schauens“ gibt, gibt es auch entsprechend 4 Arten des Darshanâvarana-karma. Zu diesen kommen noch 5 weitere Karmas hinzu, welche physio-psychologische Zustände hervorrufen, bei denen die Sinnesorgane nicht in Tätigkeit sind und die deshalb jede Möglichkeit, etwas wahrzunehmen, ausschließen. Nidrâ-karma ruft einen leichten, Nidrâ-nidrâ-karma einen festen Schlummer hervor, Pracalâ-karma einen festen, Pracalâ-pracalâ-karma einen besonders intensiven Schlaf, Styânarddhi-karma bewirkt Somnambulismus, d. h. Handeln in bewußtlosem Zustande.
c9.s2.t3.20
III. Vedanîya-karma verhüllt die der Seele eigentümliche Seligkeit. Es zerfällt in 2 Unterarten, indem es der Seele weltliche Lust (Sâta) oder Unlustgefühle (Asâta) zuteil werden läßt.
c9.s2.t3.21
IV. Mohanîya-karma stört den der Seele eigenen wahren Glauben und rechten Wandel. Es zerfällt in 2 Klassen mit zusammen 28 Unterarten. Als Darshana-mohanîya-karma bewirkt es eine Störung der Erkenntnis der religiösen Wahrheit. Je nachdem diese Störung eine absolute oder eine relative ist, sind 3 Unterarten zu unterscheiden (S. 180 f., 1, 3, 4). Das Càritra-mohanîya-karma hindert die Seele daran, den religiösen Vorschriften entsprechend zu handeln, indem es 16 Leidenschaften, 6 „Nichtleidenschaften“ und 3 Arten des Geschlechtstriebes hervorruft.
c9.s2.t3.22
Leidenschaften (Kashâya) gibt es 4, nämlich Zorn (Krodha), Stolz (Mâna), Trug (Mâyâ) und Gier (Lobha). Jede von diesen kommt in 4 Stärkegraden vor (s. S. 181), so daß im ganzen 16 Leidenschaften zu unterscheiden sind.
c9.s2.t3.23
„Nichtleidenschaften“ (Nokashâya) sind die 6 Korrelate der Leidenschaft, nämlich: Frivolität (Hâsya), Liebe (Rati), Widerwillen (Arati), Traurigkeit (Shoka), Furcht (Bhaya) und Ekel (Jugupsâ).
c9.s2.t3.24
Der Geschlechtstrieb (Veda) ist von dreierlei Art, entsprechend den drei Arten von Geschlechtern (s. S. 173).
c9.s2.t3.25
V. Âyus-karma verleiht einem Wesen ein gewisses Quantum von Leben in einer der vier Daseinsstufen als Gott, Mensch, Tier und Höllenwesen. Es zerfällt demnach in 4 Unterarten. Zu bemerken ist, daß Âyus-karma wohl eine bestimmte Lebensmenge, nicht aber eine genau feststehende Anzahl von Lebensjahren gewährt. Denn so wie bei einem Schwamm die Menge des Wassers, das er faßt, eine bestimmte ist, nicht aber die Zeit, während der es ausläuft, so ist auch das Lebensquantum bestimmt, nicht aber die Zeit, während der es verbraucht wird.
c9.s2.t3.26
VI. Nâma-karma verursacht die individuellen Verschiedenheiten der Seelen. Es zerfällt in 93 Unterarten:
c9.s2.t3.27
1—4 Gati-nâma-karmas verleihen die Daseinsstufe eines Gottes, eines Menschen, eines Tieres oder eines Höllenwesens.
c9.s2.t3.28
5—8 Ânupûrvi-nâma-karmas bewirken, daß sich die Seele, wenn eine Existenz beendet ist, vom Todesorte sofort und in der richtigen Richtung an den Ort begibt, wo sie erneut als Gott, Mensch, Tier oder Höllenwesen ins Leben tritt 15.
c9.s2.t3.29
9—14 Jâti-nâma-karmas veranlassen das Geborenwerden in einer der 5 Wesenklassen, d. h. als Wesen mit 1, 2, 3, 4 oder 5 Sinnen (s. S. 172).
c9.s2.t3.30
15—20 Sharîra-nâma-karmas geben je einen oder mehrere der 5 Leiber, als da sind irdischer Leib, Verwandlungsleib, Versetzungsleib, feuriger Leib und Karma-Leib (s. S. 168).
c9.s2.t3.31
21—25 Bandhana-nâma-karmas (Verband) bewirken, daß die neu aufgenommenen Stoffe eines Leibes mit den schon früher assimilierten desselben zu einem organischen Ganzen verbunden werden. Entsprechend den 5 Arten von Leibern werden 5 Arten unterschieden.
c9.s2.t3.32
26—30 Sanghâtana-nâma-karmas (Zusammenhalt) veranlassen, daß sich die Stoffe der 5 Körper zusammenfinden.
c9.s2.t3.33
31—33 Angopânga-nâma-karmas (Haupt- und Nebenglieder-Karmas) verursachen die Entstehung der Hauptglieder (Arme, Beine, Rücken, Brust, Bauch, Kopf) und der Nebenglieder (Finger usw.) des irdischen, des Verwandlungs- und des Versetzungs-Leibes. (Die beiden anderen Leiber haben keine Glieder.)
c9.s2.t3.34
34—38 Samsthâna-nâma-karmas geben je eine der 5 Staturen (s. S. 170).
c9.s2.t3.35
39—43 Samhanana-nâma-karmas verleihen die 5 Fügungen der Gelenke (s. S. 171).
c9.s2.t3.36
44—48 Varna-nâma-karmas geben die 5 Farben (s. S. 155).
c9.s2.t3.37
49—50 Gandha-nâma-karmas geben die 2 Arten des Geruchs (s. S. 155).
c9.s2.t3.38
51—55 Rasa-nâma-karmas geben die 5 Arten von Geschmäcken (s. S. 155).
c9.s2.t3.39
56—63 Sparsha-nâma-karmas verleihen die 8 Arten von Fühlbarkeiten (s. S. 155).
c9.s2.t3.40
64—65 Vihâyogati-nâma-karmas verleihen eine schöne oder häßliche Art der Fortbewegung (,,schön“ ist z. B. die der Stiere, Elefanten, Gänse, ,,häßlich“ die der Kamele und Esel).
c9.s2.t3.41
66 Trasa-nâma-karma gibt einen nach Willkür beweglichen Leib.
c9.s2.t3.42
67 Sthâvara-nâma-karma bewirkt, daß der Leib (von Pflanzen und Elementarwesen) nicht willkürlich bewegt werden kann.
c9.s2.t3.43
68 Bâdara-nâma-karma gibt einen groben Leib.
c9.s2.t3.44
69 Sûkshma-nâma-karma gibt (den Elementarwesen) einen feinen, mit unseren Sinnen nicht wahrnehmbaren Leib.
c9.s2.t3.45
70 Paryâpta-nâma-karma bewirkt die vollständige Entwicklung der Organe und Fähigkeiten der Ernährung, des Leibes, der Sinne, des Atmens, des Sprechens und Denkens.
c9.s2.t3.46
71 Aparyâpta-nâma-karma bewirkt, daß diese Organe und Fähigkeiten nicht zur vollständigen Entwicklung gelangen.
c9.s2.t3.47
72 Pratyeka-nâma-karma bewirkt, daß ein Wesen einen individuellen Leib besitzt.
c9.s2.t3.48
73 Sâdhârana-nâma-karma gibt (den Pflanzen u. a.) einen ihnen mit anderen Seelen ihrer Gattung gemeinsamen Leib.
c9.s2.t3.49
74 Sthira-nâma-karma bewirkt, daß Zähne, Knochen usw. fest sind.
c9.s2.t3.50
75 Asthira-nâma-karma bewirkt, daß Ohren, Brauen, Zunge usw. biegsam sind ¹⁶.
c9.s2.t3.51
76 Shubha-nâma-karma bewirkt, daß die oberhalb des Nabels gelegenen Körperteile „schön“ sind, so daß jemand, den man mit dem Kopfe berührt, sich freut.
c9.s2.t3.52
77 Ashubha-nâma-karma bewirkt, daß die unterhalb des Nabels gelegenen Körperteile als „unschön“ gelten, so daß jemand, der mit dem Fuße berührt wird, dies als unangenehm empfindet.
c9.s2.t3.53
78 Subhaga-nâma-karma veranlaßt, daß jemand auch denen, die ihm nichts zu verdanken haben, sympathisch ist.
c9.s2.t3.54
79 Durbhaga-nâma-karma macht ein Wesen unsympathisch.
c9.s2.t3.55
80 Susvara-nâma-karma verleiht eine wohltönende Stimme.
c9.s2.t3.56
81 Duhsvara-nâma-karma macht die Stimme schlechttönend.
c9.s2.t3.57
82 Âdeya-nâma-karma bewirkt, daß jemand suggestiv ist, so daß seine Rede Anklang und Glauben findet.
c9.s2.t3.58
83 Anâdeya-nâma-karma macht jemanden unsuggestiv.
c9.s2.t3.59
84 Yashahkîrti-nâma-karma gewährt Ehre und Ruhm.
c9.s2.t3.60
85 Ayashahkîrti-nâma-karma gibt Unehre und Schande.
c9.s2.t3.61
86 Parâghâta-nâma-karma verleiht die Fähigkeit, andere zu verletzen oder zu besiegen.
c9.s2.t3.62
87 Upaghâta-nâma-karma bewirkt, daß die Körperteile eines Wesens seinen Tod veranlassen (sei es, daß sie nicht richtig liegen, sei es, daß sie wie der Nabel des Moschustiers von anderen so geschätzt werden, daß man ihnen deshalb nachstellt).
c9.s2.t3.63
88 Nirmâna-nâma-karma bewirkt die Bildung des Körpers, d. h. veranlaßt es, daß die Glieder eines Wesens sich an der richtigen Stelle befinden.
c9.s2.t3.64
89 Ucchvâsa-nâma-karma verleiht die Fähigkeit des Atmens.
c9.s2.t3.65
90 Âtapa-nâma-karma bewirkt, daß der an sich nicht heiße Körper eines Wesens einen warmen Glanz ausstrahlt.
c9.s2.t3.66
91 Uddyota-nâma-karma veranlaßt, daß der Verwandlungsleib der Götter und Asketen, ferner Mond, Sterne, Edelsteine, Kräuter und Leuchtkäfer einen kalten Glanz ausstrahlen.
c9.s2.t3.67
92 Agurulaghu-nâma-karma macht ein Wesen ,,nicht schwer, noch leicht“, d. h. bewirkt, daß sein Körper weder absolute Schwere noch absolute Gewichtslosigkeit besitzt.
c9.s2.t3.68
93 Tîrthankara-nâma-karma verleiht die Stellung eines Propheten der Jaina-Religion.
c9.s2.t3.69
VII. Gotra-karma bestimmt den Rang, den jemand durch seine Geburt einnimmt, und zwar gibt Uccair-gotra-karma einen hohen, Nîcair-gotra-karma einen niederen Geburtsrang.
c9.s2.t3.70
VIII. Antarâya-karma hindert die Energie der Seele in fünffacher Weise:
c9.s2.t3.71
1. Dâna-antarâya-karma hindert das Spenden. Wenn es wirkt, ist jemand, der die Verdienstlichkeit des Gebens kennt und etwas zu verschenken hat, nicht imstande, etwas zu geben, obwohl eine der Gabe würdige Person da ist.
c9.s2.t3.72
2. Lâbha-antarâya-karma hindert das Empfangen. Wenn es wirkt, kommt einer doch nicht zu einem Geschenk, obwohl ein freundlicher Geber und eine passende Spende vorhanden sind und die Bitte um letztere erfolgreich war.
c9.s2.t3.73
3. Bhoga-antarâya-karma verhindert den Genuß von etwas, das nur einmal genossen werden kann (wie Speise und Trank).
c9.s2.t3.74
4. Upabhoga-antarâya-karma verhindert den Genuß von etwas, das wiederholt genossen werden kann (wie Wohnung, Kleidung, Weiber).
c9.s2.t3.75
5. Vîrya-antarâya-karma hemmt die Willenskraft; unter seinem Einfluß ist z. B. selbst ein kräftiger, ausgewachsener Mann außerstande, einen Grashalm zu krümmen.
c9.s2.t3.76
Die 148 Karma-Arten werden von den Jainas unter den verschiedensten Gesichtspunkten zu Gruppen geordnet. Die wichtigste dieser Einteilungen ist die in Ghâti-karmas und Aghâti-karmas. Zu den ersten gehören alle diejenigen, welche Eigenschaften, die der Seele von Natur zukommen, vernichten, also die Wissens-Verhüllungen, Schauens-Verhüllungen, die Störungen und die Hinderungen (I, II, IV, VIII). Aghâti-karmas sind solche, welche nichts Essentielles zerstören, wohl aber die Seele mit ihr an sich nicht zukommenden Eigenschaften begaben, also die übrigen Karmas (III, V, VI, VII).
c9.s2.t3.77
Bei jeder Betätigung attrahiert die Seele innerhalb ihres Bereiches feine Stoffe, die zu Karma werden können, und nimmt sie in sich auf. Die aufgenommenen Stoffe werden dann in ihr zu den 8 Arten des Karma, so wie die bei einer Mahlzeit genossenen Speisen sich in Blut und die anderen Körpersäfte umwandeln. Der auf eine Hauptart entfallende Anteil an Karma-Stoff verteilt sich dann weiter auf seine Unterarten. Die Menge von Stoff, die auf die verschiedenen Karma-Arten entfällt, ist sehr verschieden: die Jainas machen hierüber genaue Angaben, die mitzuteilen hier zu weit führen würden. Ausführlich wird namentlich die Frage behandelt, wieviel Raumpunkte (Pradesha) die zu Karma gewordenen Stoffe in der Seele einnehmen. So wird gelehrt, daß die Zahl der Pradeshas, die auf eine Karma-Art entfallen, desto größer ist, je geringer die Zahl der Karma-Arten ist, unter welche ein Stoffstück verteilt werden muß, und je höher organisiert die Seele ist, welche das Karma assimiliert. Ein vollständig entwickeltes, denkendes Wesen nimmt mehr Stoff in sich auf, als ein nur unvollkommen entwickeltes Geschöpf mit nur einem Sinn. Ist diese große Stoffmenge nun gar noch, wie dies bei frommen Menschen der Fall ist, nur unter ganz wenige Karma-Arten zu verteilen, weil die meisten Karmas von den betreffenden Menschen gar nicht mehr hervorgerufen werden, so entsteht natürlich bei jeder von diesen Karma-Arten eine größere Anzahl von Pradeshas, als wenn der gleiche Stoff auf eine größere Zahl von Karma-Arten zu verteilen wäre. Dies zeigt, daß die Quantität des Stoffes, der von der Seele assimiliert wird und der auf die einzelnen Karma-Arten entfällt, keinen Einfluß hat auf die Qualität der Seele.
c9.s2.t3.78
So wie die Wirkung einer Arzneipille — um bei dem oben gebrauchten Bilde zu bleiben — von verschiedener Dauer sein kann, so ist auch die Zeit, während welcher ein Karma seinen Einfluß ausübt, sehr verschieden. Die Karmagranthas geben für jedes der 148 Karmas das Maximum und das Minimum seiner Dauer (Sthiti) an, die Zahlen schwanken von 70 Kotikotis von Sâgaropamas (Höchstdauer des Karma „Irrglaube“) bis zu 48 Minuten (Mindestdauer der Wissens- und Schauens-Verhüllungen und der Hinderungen).
c9.s2.t3.79
Gleichwie die eine Pille einen süßen, eine andere einen noch süßeren Geschmack hat, so übt auch das Karma je nach den Umständen seine Wirkung in mehr oder weniger fühlbarer Weise aus. Diese Intensität (Rasa oder Anubhâga) der Karma-Wirkung ist bedingt durch die Stärke der Leidenschaften (S. 181), welche ein Wesen besitzt. Entsprechend den vier Graden der Leidenschaften werden auch vier Stärkegrade des Karma angenommen.
c9.s2.t3.80
Je sündhafter ein Individuum ist, desto größer wird die Dauer seiner Karmas, desto stärker die Wirkung seiner schlechten, desto schwächer die seiner guten Karma-Arten, während bei zunehmender Reinheit die Dauer der Karmas und die Intensität der schlechten Karma-Arten abnimmt und die Stärke der guten Karma-Arten wächst.
c9.s2.t3.81
Im Hinblick auf seine Wirkungsweise unterscheiden die Hindus zwischen drei Kategorien von Karma:
c9.s2.t3.82
1. Âgâmi oder Vartamâna ist das frische Karma, das durch neue Handlungen in jedem Moment dem vorhandenen Schatz zugeführt wird und so die Menge der bestehenden Schuld oder des bestehenden Verdienstes in jedem Augenblick vergrößert.
c9.s2.t3.83
2. Prârabdha ist das Karma, das bereits angefangen hat, in Wirksamkeit zu treten und das sich als das Schicksal des betreffenden Wesens manifestiert.
c9.s2.t3.84
3. Sancita ist das Karma, das durch frühere Taten aufgeschichtet worden ist und das bei gegebener Gelegenheit später einmal zur Entfaltung kommen wird¹⁷.
c9.s2.t3.85
Dieselbe Dreiteilung finden wir auch bei den Jainas, nur haben die einzelnen Kategorien andere Namen, sie bezeichnen sie als „Bandha“, „Udaya“ und „Sattâ“.
c9.s2.t3.86
Bandha, „Bindung“ heißt die Assimilierung der in die Seele eingedrungenen Stoffe in der Form bestimmter Karma-Arten. Wenn also von jemandem gesagt wird, er bindet das Karma „höllische Daseinsstufe“, so bedeutet dies: er bewirkt, daß die durch seine Handlungen in seine Seele eingedrungenen Stoffe zu solchen werden, die seine spätere Wiedergeburt in einer Hölle zur Folge haben.
c9.s2.t3.87
Udaya, „Realisation“ ist das zur gehörigen Zeit eintretende Fühlbarwerden der Wirkung eines Karma. Das Karma „höllische Daseinsstufe“ hat Udaya, wenn das betreffende Wesen, das es „gebunden“ hatte, tatsächlich in der Hölle sich befindet und dort Pein leidet.
c9.s2.t3.88
Sattâ ist das Vorhandensein der Karmas „in potentia“, vom Moment der Assimilation bis zum Augenblick der Realisation oder anderweitigen Tilgung. Das Karma „höllische Daseinsstufe“ existiert also im Sattâ-zustande, wenn es „gebunden“ worden ist, vorläufig aber seine Wirkung noch nicht äußert.
c9.s2.t3.89
Die Karmagranthas befassen sich eingehend mit der Frage, welche Karmas zusammen gebunden werden, welche Karmas gleichzeitig zur Realisation gelangen und welche Karmas endlich nebeneinander in Sattâ vorhanden sein können. Ich darf es mir hier versagen, auf diese „spiritual mathematics“ (wie ein bedeutender Jaina-Schriftsteller diese Erörterungen genannt hat) einzugehen und verweise den Leser hierfür auf meine Monographie über die Karma-Lehre der Jainas, in der ich dies alles detailliert dargestellt habe.
c9.s2.t3.90
Unter besonderen Voraussetzungen ist es möglich, daß ein Karma zur vorzeitigen Realisation (Udîranâ) gelangt, so daß es also seine Wirkung früher äußert, als dies unter gewöhnlichen Verhältnissen der Fall ist. Bei einem Karma kann auch eine Vergrößerung (Apavartanâ) oder Verringerung (Udvartanâ) seiner Dauer und seiner Intensität eintreten, ja es kann sich sogar unter gewissen Umständen eine Karma-Art als eine andere realisieren, mag diese nun selbst auch gebunden sein oder nicht. Dieser Übergang eines Karma in ein anderes heißt Sankrama; er kann jedoch nur zwischen den Unterarten einer Hauptgruppe, nicht unter verschiedenen Hauptgruppen stattfinden und auch dort nicht unter allen.
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