Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c9.s3.t3: III. Die Erlösung
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c9.s3.t3
- Language
- German
III. Die Erlösung
c9.s3.t3.1
Wenn im letzten Gunasthâna (S. 199) alles Karma vernichtet worden ist, dann steigt der Erlöste zum Gipfel der Welt empor. Dies geschieht durch die der Seele von Natur eigene, geradlinig nach oben gerichtete Bewegung (S. 152), die sich jetzt erst entfalten kann, weil die Stoffe nicht mehr da sind, welche durch ihre Schwere das natürliche Aufwärtsstreben der Seele hemmten oder seitwärts lenkten. So wie ein Flaschenkürbis, wenn er von allem Schmutz befreit ist, nicht mehr zu Boden sinkt, sondern zur Oberfläche des Wassers emporschnellt, so erhebt sich auch der Erlöste in einem Samaya bis zur Spitze des Weltalls. Hier bleibt er, denn über die Welt hinaus in die sie umgebende Nichtwelt zu gelangen, ist nicht möglich, weil in der Nichtwelt das Medium der Bewegung, der Dharma (S. 153), fehlt.
c9.s3.t3.2
Unberührt von dem Wechsel der Welt verweilen die Vollendeten, die Siddhas, für alle Ewigkeit in dem obersten Teil der heiligen Region Îshatprâgbhâra (s. S. 234), weder leicht, noch schwer, selbst ohne sichtbare Gestalt, körperlos und darum durchdringbar, aber mit einer räumlichen (immateriellen) Ausdehnung von 2/3 derjenigen, welche sie in ihrer letzten Existenz gehabt hatten. Bei ihnen sind alle individuellen Verschiedenheiten dahingefallen, welche die Karmas den Seelen beigelegt hatten; dagegen haben sie alle die vier „Unendlichkeiten“: unendliches Wissen, unendliches Schauen, unendliche Kraft und unendliche Wonne.
c9.s3.t3.3
Die Siddhas stehen einander alle gleich, mit Rücksicht aber auf die Art und Weise, wie sie die Erlösung erlangen, lassen sie sich in 15 Gruppen einteilen, die jedoch nur zum Teil einander ausschließen.
c9.s3.t3.4
Tîrthankara-siddhas sind solche, die vor ihrer Erlösung Tîrthankaras waren.
c9.s3.t3.5
Atîrthankara-siddhas solche, die nicht Tîrthankaras waren.
c9.s3.t3.6
Tîrtha-siddhas erlangten das Heil zu einer Zeit, zu der die Jainakirche bestand.
c9.s3.t3.7
Atîrtha-siddhas kamen zur Vollendung zu einer Zeit, zu welcher es keine Jaina-Kirche gab (wie Marudevî, die Mutter des 1. Tîrthankara, die in das Nirvâna einging, bevor Rishabha einen Tîrtha begründet).
c9.s3.t3.8
Griha-linga-siddhas waren nie Asketen, sondern erreichten das Heil als Haushalter, wie die eben erwähnte Marudevî.
c9.s3.t3.9
Anya-linga-siddhas erlangten die Erlösung, ohne selbst dem Jaina-Glauben angehört zu haben.
c9.s3.t3.10
Sva-linga-siddhas kamen als Jaina-Asketen zum Heil.
c9.s3.t3.11
Purusha-linga-siddhas waren Männer vor ihrer Verklärung.
c9.s3.t3.12
Strî-linga-siddhas waren früher Frauen.
c9.s3.t3.13
Napumsaka-linga-siddhas gehörten früher dem 3. Geschlecht an.
c9.s3.t3.14
Buddha-bodhita-siddhas wurden durch die Bekehrung ihrer Gurus zum Heil geführt.
c9.s3.t3.15
Pratyeka-buddha-siddhas kamen zur Befreiung durch ein bestimmtes Erlebnis, das ihnen die Vergänglichkeit der Welt zeigte.
c9.s3.t3.16
Svayam-buddha-siddhas fanden den Weg zum Heil allein.
c9.s3.t3.17
Eka-siddhas gehen allein in die Erlösung ein.
c9.s3.t3.18
Aneka siddhas tun dies gemeinsam mit zahlreichen anderen.
c9.s3.t3.19
Über die Erreichung der Erlösung wird im Uttarâdhyayana-Sûtra 36, 51 ff. ausgesagt, daß das Heil zu gleicher Zeit erlangt werde von 10 Hermaphroditen, 20 Frauen und 108 Männern, von 4 Haushaltern, 10 Heterodoxen und 108 Jaina-Mönchen, von 2 Personen von größter, von 4 von kleinster und 108 von mittlerer Körpergröße. In der gleichen Zeit fänden 4 Individuen das Heil in der Höhe, 2 im Ozean, 3 im Wasser, 20 unter der Erde und 108 auf der Oberfläche des Erdbodens.
c9.s3.t3.20
Diese Angaben entsprechen nur den Anschauungen der Shvetâmbaras; nach dem Glauben der Digambaras können nur Männer erlöst werden, den Angehörigen anderer Geschlechter ist es nicht möglich. Allen gemeinsam ist die Meinung, daß nur Menschen zum Heil gelangen können; Götter und andere Wesen, welchen andere indische Systeme die Befähigung, in die ewige Seligkeit einzugehen, zuschreiben, besitzen diese nach der Jaina-Lehre nicht. Sie müssen vielmehr, wenn sie für diese höchste geistige Entwicklung reif geworden sind, noch einmal als Menschen geboren werden, um als solche die völlige Loslösung von allen irdischen Leidenschaften vollziehen zu können.
Cites (1)
- Uttarajjhayaṇa — Ardhamāgadhī Prakrit