Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c9.s4: D. Kosmologie
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c9.s4
- Language
- German
Contents
- c9.s4.t1 I. Die Beweise gegen das Dasein Gottes — 22 parts
- c9.s4.t2 II. Gestalt und Größe des Weltalls — 6 parts
- c9.s4.t3 III. Die Bewohner des Weltalls — 13 parts
- c9.s4.t4 IV. Weltbeschreibung — 87 parts
D. Kosmologie
I. Die Beweise gegen das Dasein Gottes
c9.s4.t1.1
Nach der Lehre der Jainas ist die Welt ewig und unvergänglich. Sie gehorcht nur ihren eigenen Gesetzen und bleibt bei allen Veränderungen ihrer Teile in ihrem Wesen unverändert. Kein Gott hat sie geschaffen, regiert sie und kann sie zerstören. Im Gegensatz zu den meisten anderen Religionen leugnen die Jainas auf das bestimmteste die Existenz eines unvergänglichen, allmächtigen höchsten „Herrn“ (Īśvara), der das All ins Dasein ruft, es beherrscht und, wenn es ihm gefällt, wieder vernichtet. Die Annahme eines Schöpfers und Vernichters (Kartâ-Hartâ) erscheint ihnen unbegründet und in sich widerspruchsvoll und sowohl vom Standpunkt der Vernunft wie von dem der Moral aus zu verwerfen.
c9.s4.t1.2
Die Anschauungen über das Wesen Gottes sind bei den einzelnen indischen und nichtindischen Systemen, mit denen sich die Jainas auseinanderzusetzen hatten und haben, sehr verschieden. Vor allem das Hindutum hat eine große Fülle von mannigfaltigen Lehren über Gott und sein Verhältnis zur Welt hervorgebracht, Lehren, die alle Denkmöglichkeiten zu erschöpfen scheinen, angefangen von dem äußersten Monotheismus, der aufs schärfste zwischen Gott, Materie und Seelen unterscheidet, bis zum vollendetsten Theopantismus hin, für den sich die Welt zum leeren Schein verflüchtigt und Gott alles in allem ist. In der Hauptsache lassen sich drei Arten des Gottesglaubens unterscheiden. Die 1. vertritt die Anschauung: Gott ist ein absolut vollkommenes, allwissendes, allmächtiges, allgegenwärtiges, gütiges und seliges Wesen, das die von ihm toto genere verschiedene Welt schafft und zerstört und die Seelen und Stoffe in ihr autonom beherrscht. Diese Anschauung, die ja auch der des Christentums und des Islâms nahesteht, ist namentlich von den Nyâya-Vaisheshika-Philosophen und von Theologen verschiedener vishnuitischer und shivaitischer Sekten vertreten worden.
c9.s4.t1.3
Eine 2. Gruppe von Systemen lehrt: Materie und Seelen sind zwar zur Zeit des Weltbestandes von Gott verschieden und werden von ihm regiert. Sie sind aber ursprünglich aus Gott hervorgegangen; Gott hat sich zu ihnen entfaltet und nimmt sie später wieder in sich zurück. Diese Theorien sind in der verschiedenartigsten Weise von vishnuitischen und shivaitischen Schulen aufgestellt worden.
c9.s4.t1.4
Eine 3. Anschauung schließlich betrachtet Gott, das Brahma, als das einzige wahrhaft Seiende, das Absolute. Die Vielheit der Erscheinungen in der Welt ist nur eine Mâyâ, eine Illusion, die dem All-Einen von dem Unwissenden „aufgebildet“ wird; in Wahrheit ist jede Einzelseele mit Gott identisch, und alle Verschiedenheit ist nur ein trügerischer Schein, so unwirklich wie ein Traum oder eine Fata morgana. Ein akosmistischer Theopantismus dieser Art hat im Advaita-Vedânta Shankaras seine konsequenteste Ausbildung erfahren; er findet sich aber auch bei manchen Vaishnavas, Shaivas, Shâktas und in anderen indischen Systemen.
c9.s4.t1.5
Die Philosophen der Jainas haben sich mit allen diesen Lehren ausführlich auseinandergesetzt und sie in scharfsinniger Weise zu widerlegen versucht. Im folgenden seien einige ihrer hauptsächlichsten Argumente kurz wiedergegeben²⁷.
c9.s4.t1.6
Die Annahme, die Welt müsse einen Schöpfer haben, geht von der Auffassung aus, sie sei ein Produkt, wie ein Topf; und genau so, wie die Produkte in der Welt eine Ursache haben, müsse auch die Welt als Ganzes eine solche haben. Als Beweis dafür, daß die Welt den irdischen Produkten gleichzustellen sei, wird angegeben, sie sei gleich jenen der Veränderung unterworfen. Gesetzt, dieses wäre richtig, so müßte auch Gott ein Produkt sein, denn durch die von ihm ausgeübte Tätigkeit des Schaffens, Zerstörens usw. müßten auch in ihm gewisse Veränderungen vorgehen. Man sähe sich also gezwungen, seinerseits wieder nach einer Ursache Gottes zu suchen und käme so leicht zu einem Regressus in infinitum.
c9.s4.t1.7
Angenommen, die Welt hätte eine Ursache, so wäre es an sich noch nicht ausgemacht, daß diese Ursache ein denkendes Wesen sein muß. Gibt man dies aber zu und beruft sich hierbei auf die Analogie von Töpfer und Topf, so erhält man damit noch kein vollkommenes Wesen, denn in der Welt ist nirgends der Verfertiger eines Produktes in jeder Hinsicht vollkommen. Des weiteren müßte man annehmen, daß Gott einen Leib habe, denn nirgends beobachtet man auf Erden, daß ein materielles Ding geschaffen wird, ohne daß für den Geist und Willen dessen, der es hervorbringen will, auch ein Körper als materielle Basis für die Aktivität seines Denkens und Wollens vorhanden ist. Die Annahme eines Weltschöpfers hat also zur Voraussetzung, daß dieser Schöpfer einen, wie auch immer gearteten, stofflichen Leib habe. Alles, was aus Stoff besteht, ist aber veränderlich und deshalb leidvoll. Gott könnte also weder unveränderlich noch selig sein. Glaubt man hingegen, Gott habe die Welt ohne Zuhilfenahme eines Körpers, gewissermaßen bloß durch sein abstraktes Dasein, geschaffen, so kann man sich damit in keiner Weise auf Analogien aus der Welt der Erfahrung berufen, denn niemand hat je wahrgenommen, daß ein Töpfer ohne Leib und Organe einen Topf zustande gebracht hat.
c9.s4.t1.8
Eine weitere Frage ist: woraus hat Gott die Welt geschaffen? Hat er sie aus dem Nichts hervorgerufen, so steht dem der Satz „ex nihilo nihil fit“ entgegen. Ist die Welt plötzlich aus dem Nichts entstanden, um wieder in ein Nichts zu versinken, so kann Gott gerade so gut aus dem Nichts hervorgegangen sein und später wieder zunichte werden. Sind Sein und Nichtsein absolute Gegensätze, dann kann nicht das eine aus dem anderen hervorgehen; sind sie dies aber nicht, so sind es Tugend und Laster, Wahrheit und Lüge usw. auch nicht; dann ist aber alle Philosophie zwecklos, und jede weitere Diskussion erübrigt sich.
c9.s4.t1.9
Nimmt man an, Materie und Seelen seien ewige Entitäten, denen bestimmte Eigenschaften von Natur aus zukommen, und Gottes Schöpfertätigkeit beschränke sich darauf, die von sich aus wirksamen Stoffe und Intelligenzen, welche das Weltgeschehen bedingen, zu ordnen und zu überwachen, so ist nicht einzusehen, warum man überhaupt bei der Welterklärung einen Gott zu Hilfe nimmt; Seelen und Materie könnten dann durch die ihnen innewohnenden Kräfte von sich aus den ganzen Weltprozeß zustande bringen.
c9.s4.t1.10
Vertritt man die Theorie, die Seelen seien ganz und gar heteronom und bedürften zur Ausübung ihrer Aktivität der Wirksamkeit Gottes, so bleibt unklar, wieso Gott der letzte, autonome Täter sein soll. Mit demselben Rechte könnte man annehmen, daß auch er zu seiner Aktivität wieder durch einen hinter und über ihm stehenden höheren Herrn angehalten werde, und so in infinitum.
c9.s4.t1.11
Gesetzt aber, Gott wäre der einzige, autonome Täter in der Welt, so müßte er, da in der Welt zweifellos viel Böses geschieht, auch der Verursacher von allem Bösen sein. Wenn dies der Fall ist, so ist Gott nicht gut. Wenn Gott aber selber gut wäre, hingegen die Bösen frei schalten ließe, so ist er nicht allmächtig. Sagt man aber, Gott habe die Seelen geschaffen, so muß man sich fragen: Warum schuf er sie nicht gut, da er sie doch nachher für die Sünden, die sie begingen, bestraft! Wenn Gott aber die Seelen in die Welt rief und sich selbst überließ, um zu sehen, ob sie gut oder schlecht handeln würden, so ist er nicht allwissend, denn wäre er dieses, so hätte er alles voraussehen müssen.
c9.s4.t1.12
Ist man (wie Madhva und andere Anhänger einer Prädestinationstheorie) der Meinung, Gott wirke als Täter alles, ohne selbst die Früchte seines Tuns zu genießen, lasse hingegen den Wesen, die unter seinem Willen handeln, Lohn oder Strafe zuteil werden, so erscheint es als widerspruchsvoll, daß Gott handelt, die von ihm abhängigen, eines eigenen Willens entratenden Wesen aber die Folgen zu tragen haben. Vor allem aber ist es eines edlen und gütigen Herren nicht würdig, andere Wesen für Handlungen, an denen sie doch nur mittelbar teilhaben, in die Hölle herabzustürzen und sie dort furchtbare Qualen leiden zu lassen.
c9.s4.t1.13
Hätte Gott die Welt geschaffen, so müßte man fragen, aus welchem Motiv heraus er dies getan hat. Tat er es infolge eines Begehrens, so ergäbe sich damit, daß er sich vor der Weltschöpfung in einem Zustande des Unbefriedigtseins befunden hat, er wäre also nicht als ewig selig und vollkommen anzusprechen. Schuf Gott die Welt aus einer Laune, so ist nicht verständlich, wieso es so gesetzmäßig in ihr zugeht. Schuf er, um die Seelen des Lohnes oder der Strafe für ihre Taten in einer vergangenen Weltperiode zuteil werden zu lassen, so handelte er also unter einem Zwange, ist mithin nicht allmächtig. Nimmt man an, er habe die Welt aus Liebe geschaffen, d. h. aus Mitleid mit den ewigen, unerlösten Seelen, um sie der Erlösung entgegenzuführen, so versteht man nicht, warum nur so wenige Seelen das Heil erreichen und warum Gott die ganzen Qualen des Sansâra heraufbeschwor, da er bei seiner Allmacht das von ihm erstrebte Ziel doch auch auf andere Weise hätte erreichen können. Glaubt man hingegen, Gott habe die Welt entstehen lassen, um bestimmten, von ihm auserwählten Seelen Belohnungen zuteil werden zu lassen, andere, von ihm verworfene aber zu verdammen, so müßte man ihm Parteilichkeit vorwerfen und jeden Gerechtigkeitssinn absprechen. Ist für Gott die Schöpfung, Regierung und Zerstörung der Welt nur ein Spiel, das er zu seiner Unterhaltung, ohne Zweck und Ziel vornimmt, so müßte er ein sehr grausamer Herr sein, der an den Leiden der unzähligen Lebewesen Gefallen findet.
c9.s4.t1.14
Auch die verschiedenen Attribute, welche die Theisten Gott zuschreiben, halten vor der Kritik nicht stand. Wenn Gott allgegenwärtig sein soll, müßte er auch in den Höllen und anderen Orten der Qual zugegen sein. Wenn er allwissend wäre, so hätte er nicht böse Wesen hervorgebracht und vor allem nicht Leute, die sein Dasein leugnen, wie die Jainas.
c9.s4.t1.15
Durch die gewöhnlichen Erkenntnismittel, Wahrnehmung und Schlußfolgerung, läßt sich Gottes Existenz nicht erweisen. Aber auch die Offenbarung beweist nicht sein Dasein. „Die Offenbarung ist nämlich entweder von ihm oder einem andern gemacht. Hat er sie gemacht, so beweist sie zwar seine Allwissenheit; dann wird aber seine Erhabenheit zuschanden, weil es Erhabenen nicht zusteht, ihre eigenen Vorzüge zu verkünden. Ferner könnte er kein Lehrbuch (Shâstra, d. h. die heilige Schrift) gemacht haben. Ein Lehrbuch besteht nämlich aus Sprachlauten, welche durch die Artikulation von Gaumen usw. hervorgebracht werden. Artikulation ist nur bei Vorhandensein eines Leibes möglich. Die Gründe gegen die Annahme eines Leibes Gottes sind schon früher (S. 216) dargelegt worden. Wenn aber die Offenbarung von einem anderen herrührt, so fragt sich, ob derselbe allwissend oder nicht allwissend ist. Ist er allwissend, dann müßte es deren zwei geben, was die früher behauptete Einigkeit desselben ausschließt; und es ergibt sich auch ein Regressus in infinitum, wenn man den Beweis seiner Allwissenheit überlegt. Wenn er aber nicht allwissend ist, wer wird dann seinen Worten trauen?"²⁸
c9.s4.t1.16
Die Lehre, daß Materie und Seelen aus Gott hervorgegangen, daß sie gewissermaßen eine Umwandlung (Parinâma) Gottes seien, ist nicht begründeter als die der reinen Theisten. Auf sie findet nicht nur vieles von der vorhin gegebenen Kritik des Theismus Anwendung, sondern man muß sich auch fragen: wie ist es möglich, daß der vollkommene, mit allen Vorzügen ausgestattete Gott sich zu dieser, mit so vielen Mängeln behafteten Welt entfalten konnte? Und völlig unbegreiflich muß es bleiben, wie der geistige Gott sich in die ungeistige Materie verwandeln konnte.
c9.s4.t1.17
Nicht anders steht es mit der Theorie Shankaras, nach welcher Gott das Absolute und alle Vielheit nur eine „Mâyâ“ sein soll. Die Mâyâ-Lehre ist voll von Widersprüchen. Ist nämlich Mâyâ etwas Wirkliches — wie man doch nach den von ihr ausgehenden Wirkungen annehmen müßte —, so wäre sie somit etwas Reales, das außer und neben Gott besteht; Gott wäre also nicht die einzige wahre Realität. Ist die Mâyâ hingegen etwas Unwirkliches — wie die Anhänger Shankaras sagen —, so kann sie unmöglich wirken. Etwas Nicht-Seiendes kann ebensowenig etwas hervorbringen wie „Luftblumen“ oder andere Dinge, die es nicht gibt. Von Mâyâ zu behaupten, sie könne, obwohl unreal, etwas entstehen lassen, ist ebenso ungereimt, wie wenn man von einer unfruchtbaren Frau sagt, sie sei Mutter. Wie soll man sich im übrigen das Verhältnis von Gott und Mâyâ zueinander vorstellen? Ist Mâyâ etwas, das Gott inhäriert, oder etwas von ihm verschiedenes, das, mit ihm vereinigt, die Welt hervorruft? Inhäriert Mâyâ Gott, so müßten Unwissenheit, Unseligkeit usw., kurz alles, was Mâyâ hervorruft, zum Wesen Gottes gehören. Ist hingegen Mâyâ etwas Gesondertes, das sich mit Gott vereinigt, so fragt man nach Grund und Ursache der Vereinigung. Geschah sie mit oder gegen den Willen Gottes? Wenn mit Willen Gottes, so könnte Gott doch nur unter dem Einfluß einer blinden Begierde gehandelt haben, wäre also nicht rein und frei von Begierde. Geschah sie hingegen ohne oder gegen Gottes Willen, so ist Gott nicht allmächtig. Wie man die Theorie also auch wenden mag, sie bleibt stets unbefriedigend und voller Widerspruch.
c9.s4.t1.18
Die Gottesgläubigen aller Schattierungen berufen sich als Autorität für ihren Glauben auf heilige Schriften, welche von Gott ihren Ursprung genommen haben sollen. Diese Schriften widersprechen aber einander in vielen Punkten. Was ist nun richtig, was falsch? Die Entscheidung hierüber bleibt ganz subjektiv. Wenn Gott aber der Schöpfer des Alls sein soll, dann muß er doch alle Lehrbücher geschaffen haben, denn sonst hätte er eben nicht alles geschaffen, sondern es gäbe Dinge, die ohne seine Einwirkung entstanden sind. Wenn aber alles auf Gott zurückgeht, dann müssen auch die falschen Lehrbücher ihm letzten Endes seine Entstehung verdanken. Wie kann aber jemand, der sowohl den richtigen wie den falschen Weg zeigt, als höchste Autorität und als der große Lehrer gelten, von dem alle Weisheit herstammt!
c9.s4.t1.19
Die Ordnung und Harmonie in der äußeren Welt und das moralische Gesetz, das in ihr herrscht, nötigen in keiner Weise zu der Annahme eines höchsten Wesens, das alles Geschehen lenkt und Lohn und Strafe verteilt. Man kann mit demselben Recht auch eine Vielheit von Göttern als Ursache der Welt und der Sittlichkeit ansehen. Der Einwand, daß mehrere Götter nicht in der richtigen Weise zusammenwirken könnten, ist unhaltbar; wenn schon Ameisen, wie man sieht, durch planmäßige Zusammenarbeit etwas Wohlgeordnetes zustande bringen können, wie sollten das nicht Wesen tun können, die höher organisiert sind als Menschen?
c9.s4.t1.20
Ein Grund, die Existenz eines oder mehrerer ewiger Wesen anzunehmen, auf welche die Ordnung in der Welt zurückgeht, liegt aber überhaupt in keiner Weise vor. Das eherne Gesetz des Karma ist allein hinreichend, um die Verschiedenartigkeit der lebenden Wesen, die Mannigfaltigkeit ihrer Schicksale und die Harmonie, welche im ganzen Kosmos herrscht, zu erklären. Die Gottesgläubigen erkennen selbst die ewige Vergeltungskausalität des Karma an und sagen, Gott handele selbst in Übereinstimmung mit diesem. Wenn Gott also selbst das ewige Gesetz nicht ändern kann, und wenn dieses ohne Einschränkung herrscht, was hat es dann überhaupt für einen Zweck, die Hypothese von dem Dasein Gottes aufzustellen, wo doch alles auch ohne Annahme derselben ebensogut erklärt werden kann?
c9.s4.t1.21
Wie man sieht, bekämpfen die Jainas mit scharfen Waffen den Glauben an einen weltregierenden Gott; sie stehen ganz und gar auf dem Boden einer gott-freien Weltanschauung. Im Hinblick auf diese ihre Anschauungen sind sie zweifellos als ,,Atheisten“ zu bezeichnen. Der Atheismus der Jainas darf aber in keiner Weise mit dem auf eine Stufe gestellt werden, was man im Westen gewöhnlich als Atheismus bezeichnet. Die (mit Indien verglichen) überaus geringe Mannigfaltigkeit der religiösen Anschauungen im Abendlande hat dazu geführt, daß die Anerkennung eines Gottes als die Voraussetzung jeder Religion angesehen wurde, so daß also jeder ,,Atheist“ von vornherein als ein irreligiöser Mensch betrachtet wird und Atheismus und Religionsfeindlichkeit für Manche geradezu Wechselbegriffe geworden sind. In Indien lagen die Dinge von jeher anders. Der Glaube an einen oder mehrere weltbeherrschende Götter galt nie als Voraussetzung einer Religion. Seit alter Zeit begegnen wir vielmehr einer ganzen Anzahl von Lehren, die das Dasein eines Weltenlenkers (Îshvara) negieren und doch einen durchaus religiösen Charakter tragen, insofern als in ihnen religiöse Vorstellungen wie die von moralischer Schuld und moralischem Verdienst, von transzendenten Belohnungen und Strafen, von Wiedergeburt und Erlösung lebendig sind und von ihnen religiöse Handlungen und Zeremonien vorgeschrieben werden. Die orthodox-hinduistischen Systeme der Mîmânsâ und des Sânkhya sind in diesem Sinne ebenso als atheistisch anzusprechen wie der ursprüngliche Buddhismus. Gleich ihnen lehrt auch der Jainismus einen Atheismus religiöser Färbung.
c9.s4.t1.22
Daß sich trotzdem mit seinem gott-freien System die Verehrung von ewig-seligen überirdischen Wesen verbinden kann, wird im Abschnitt über den Kultus gezeigt werden; wir werden dann auch erkennen, wieso die Jainas von ihrem Standpunkt aus recht haben, wenn sie trotz ihrer Leugnung eines weltschaffenden und regierenden Gottes sich nicht als „Atheisten“ bezeichnet sehen wollen.
II. Gestalt und Größe des Weltalls
c9.s4.t2.1
Das Weltall hat eine feste, unveränderliche Gestalt und eine begrenzte, wiewohl über das menschliche Vorstellungsvermögen hinausgehende Größe. Seine Dimensionen können genau gemessen werden, und zwar dient als Maß die sog. „Rajju“, d. h. nach Colebrooke die Strecke, die ein Gott innerhalb von 6 Monaten durchfliegt, wenn er in einem Augenblick 2057 152 Yojanas (Meilen) zurücklegt.
c9.s4.t2.2
Nach der Anschauung der Digambaras ist das Universum 14 Rajjus hoch und von Norden nach Süden 7 Rajjus breit. Die Breite von Osten nach Westen beträgt an der untersten Stelle des Weltalls ebenfalls 7 Rajjus, nimmt aber allmählich ab, bis sie in der Höhe von 7 Rajjus, also in der Mitte der Welt, nur 1 Rajju mißt. Von hier aus nimmt die Breite wieder zu und erreicht in der Mitte des verbleibenden Teils (d. h. am Ende des Himmels Brahmaloka) eine Ausdehnung von 5 Rajjus, um dann wieder abzunehmen, bis sie an der höchsten Stelle 1 Rajju beträgt. Darüber, auf dem Gipfel der Welt, liegt der Wohnsitz der weltentrückten Seligen, 1 Rajju breit, 1 Rajju lang und 8 Meilen hoch. Der Gesamt-Rauminhalt der Welt beträgt 343 Kubik-Rajjus.
c9.s4.t2.3
Die Ansichten der Shvetâmbaras weichen von denen der Digambaras darin ab, daß nach ihnen die Breite von Norden nach Süden sich nicht stets gleichbleibt und die von Osten nach Westen stetig ab- oder zunimmt, sondern daß in beiden Fällen eine stufenförmige Ab- und Zunahme stattfindet. Der gesamte Rauminhalt der Welt beträgt dann 239 Kubik-Rajjus.
c9.s4.t2.4
Der unterste Teil des Weltalls wird von den Unterwelten eingenommen, in welcher die Höllen liegen; die Mitte wird von der Mittelwelt (Madhyaloka) gebildet, in welcher die Menschen leben; darüber liegen die Himmelswelten, stockwerkartig übereinander, und an der Spitze schließlich die Stätte der Erlösten
c9.s4.t2.5
Die ganze Welt ist umgeben von drei Atmosphären, die hinsichtlich ihrer Dichtigkeit als dichtes Wasser, dichter Wind und dünner Wind bezeichnet werden. Jenseits von diesen befindet sich die Nichtwelt (Aloka), d. h. der absolut leere Raum.
c9.s4.t2.6
Die Form des Universums wird durch eine Reihe von Vergleichen verdeutlicht. So heißt es, sie gliche einer halben Trommel, auf welche eine ganze Trommel gesetzt sei, doch seien die Trommeln nicht rund, sondern viereckig zu denken. Weiter heißt es, die einzelnen Teile entsprachen übereinanderliegenden Spindeln, Schalen u. a. Vor allem aber wird die Gestalt des Weltalls mit der eines symmetrisch gebauten, mit ausgespreizten Beinen dastehenden Mannes oder mit der einer Frau verglichen. In den unteren Extremitäten werden dann die Unterwelten liegend vorgestellt, in der Hüftgegend soll sich die Menschenwelt befinden, und den Oberkörper sollen die Götterhimmel bilden.
III. Die Bewohner des Weltalls
c9.s4.t3.1
Die ganze Welt ist angefüllt mit lebenden Wesen; nicht einmal der Raum einer Haaresbreite ist frei von ihnen. Die verschiedenen Arten und Klassen von Jīvas sind jedoch nicht gleichmäßig über das Universum verteilt, sondern in einer ganz bestimmten Weise.
c9.s4.t3.2
Überall finden sich Nigodas, d. h. ganz kleine, feine, für unsere Sinne nicht wahrnehmbare Wesen mit einem Sinn, welche keinen willkürlich bewegbaren Leib besitzen (wie Pflanzen und Elementarwesen). Die Nigodas zerfallen in 2 Klassen, in 1. Nitya-nigodas, d. h.
c9.s4.t3.3
solche, welche diesen untersten Zustand der Lebensmöglichkeit nie verlassen, und 2. Itara-nigodas, d. h. diejenigen, welche eine höhere Daseinsstufe erreicht hatten, durch ihr Karma aber wieder in diesen Zustand zurückversetzt wurden²⁹.
c9.s4.t3.4
Wesen mit einer eigenen, willkürlichen Bewegung finden sich nur in einem bestimmten Teil des Weltalls, nämlich in der sog. „Region der Beweglichen“ (Trasa-nâdî)³⁰. Dieselbe durchmißt die Welt in der Mitte, von oben nach unten, und ist 14 Rajjus hoch, 1 Rajju breit und 1 Rajju lang.
c9.s4.t3.5
Innerhalb der Trasa-nâdî verteilen sich die Jîvas, den einzelnen Daseinsstufen entsprechend, wie folgt:
c9.s4.t3.6
Tiere (zu denen auch die Pflanzen und Elementarwesen gerechnet werden) finden sich überall.
c9.s4.t3.7
Menschen leben nur in der Mittelwelt, und zwar nur auf 2½ Kontinenten derselben.
c9.s4.t3.8
Höllenwesen kommen nur in den Höllen der Unterwelt vor.
c9.s4.t3.9
Götter halten sich in den Himmeln, in der Mittelwelt und den drei obersten Stockwerken der Unterwelt auf.
c9.s4.t3.10
Die gesamten lebenden Wesen der Welt zerfallen in 14 Klassen (Jîva-sthâna). Als Einteilungsprinzip dienen hierbei die Zahl der Sinnesorgane und andere Charakteristika (vgl. S. 172). Die Klassen sind: 1. feine einsinnige, 2. grobe einsinnige, 3. zweisinnige, 4. dreisinnige, 5. viersinnige, 6. unvernünftige fünfsinnige, 7. vernünftige fünfsinnige Tiere, sowie fünfsinnige Menschen, Höllenwesen und Götter. Da alle diese Wesen in entwickeltem und unentwickeltem Zustande vorkommen, ist die Zahl der Klassen zu verdoppeln, und wir erhalten somit 7 × 2 = 14 Jîvasthânas.
c9.s4.t3.11
Gleich anderen indischen Religionen³¹ lehrt auch die der Jainas, daß es 84 Lâkhs (8400000) von Lebensformen gibt, in welchen eine Seele sich verkörpern kann, nämlich je 700000 von Nitya- und Itara-Nigodas, Erd-, Wasser-, Feuer- und Luftwesen, je 1000000 von Pflanzen, je 200000 von Wesen mit zwei, drei, vier Sinnen, je 400000 von fünfsinnigen Tieren, Höllenwesen, Göttern und 1400000 von Menschen³².
c9.s4.t3.12
Die Jaina-Philosophen geben von den Wesen einer jeden Klasse genau an, welche Eigenschaften sie besitzen, welche Arten der Erkenntnis, der Betätigung, der Seelenfarbe, des Glaubens, des Wandels bei ihnen vorkommen, bis zu welcher Tugendstufe sie gelangen und welches Karma bei ihnen in Bindung, in Realisation oder potentiell vorhanden sein kann. Einiges hiervon wird weiter unten besprochen werden, weiteres findet man in meinem Buche „Die Lehre vom Karma“ S. 63—74. An dieser Stelle soll nur noch kurz von den Wiedergeburtsmöglichkeiten der Wesen der verschiedenen Klassen gesprochen werden, um zu zeigen, in welcher Weise eine Seele hintereinander die verschiedenen Lebensformen durchlaufen kann.
c9.s4.t3.13
Tiere mit ein, zwei, drei, vier Sinnen werden nur als Tiere und Menschen wiedergeboren, Feuer- und Windwesen nur als Tiere. Tiere mit fünf Sinnen können in allen Daseinsstufen eine neue Existenz erlangen, Höllenwesen nur als entwickelte fünfsinnige Tiere und Menschen. Götter werden Menschen oder entwickelte grobe Erd- oder Wasserwesen, Pflanzen oder fünfsinnige Tiere. Menschen gehen in eine jede Daseinsform ein; als einzige von allen Wesen haben sie die Möglichkeit, die Erlösung zu erlangen.
IV. Weltbeschreibung
c9.s4.t4.1
1. Die Mittelwelt
c9.s4.t4.2
Die auf der kreisrunden Erdoberfläche gelegene Mittelwelt (Madhyaloka) oder Tierwelt (Tiryagloka), auf der wir selbst leben, liegt, wie schon der Name sagt, in der Mitte des Universums. Sie ist 1 Rajju lang und breit. Unter ihr befinden sich die Unterwelten mit ihren Höllen, über ihr, in einer Höhe von 100 000 Yojanas, die Himmelswelten³³.
c9.s4.t4.3
Im Mittelpunkt der Mittelwelt liegt der Berg Meru. Um diesen als Zentrum breitet sich kreisförmig der Kontinent Jambûdvîpa aus, dessen Durchmesser 100 000 Yojanas beträgt. Jambûdvîpa wird umflossen von einem ringförmigen Meer, dem Salzozean (Lavanoda), dessen Durchmesser 200 000 Yojanas groß ist. An diesen schließt sich, wieder in der Gestalt eines Ringes, der Kontinent Dhâtakîkhanda an, der einen Durchmesser von 400 000 Yojanas hat. Dhâtakîkhanda wird wieder begrenzt durch ein Ringmeer, dieses wieder durch einen Ringkontinent, und so folgen unzählige Kontinente und Meere aufeinander, bis schließlich zum Svayambhûramana-Kontinent und zu dem Svayambhûramana-Meer, das die ganze Mittelwelt umspült.
c9.s4.t4.4
Die Namen der 8 ersten Kontinente und Ozeane sind:
c9.s4.t4.5
| 1. Jambûdvîpa (Rosenapfelbaum-Insel) | Lavanoda (Salz-Meer) |
| 2. Dhâtakîkhanda (Grislea-tomentosa-Erdteil) | Kâloda (Schwarzes Meer) |
| 3. Pushkararadvîpa (Lotus-Insel) | Pushkaroda (Lotus-Meer) |
| 4. Varunavaradvîpa (Insel, wo die Gottheiten Varuna und Varunaprabha herrschen) | Varunoda (Varuna-Meer) |
| 5. Kshîravaradvîpa (Milch-Insel) | Kshîroda (Milch-Meer) |
| 6. Ghritavaradvîpa (Buttermilch-Insel) | Ghritoda (Buttermilch-Meer) |
| 7. Ikshuvaradvîpa (Zuckerrohr-Insel) | Ikshuvaroda (Zucker-Meer) |
| 8. Nandishvaradvîpa | Nandishvaroda |
c9.s4.t4.6
Die Kontinente haben ihre Namen von charakteristischen Merkmalen, die ihnen eigen sind, wie Bäumen, die auf ihnen gedeihen u. a., die Meere sind nach Flüssigkeiten genannt, denen ihr Wasser ähnelt, wenngleich es sie durch Vorzüglichkeit noch übertrifft.
c9.s4.t4.7
Von allen Kontinenten ist der Jambûdvîpa der bedeutendste und von den Jainas am ausführlichsten beschrieben worden, einmal weil er im Mittelpunkt der ganzen Welt liegt, und sodann, weil Indien und unsere ganze Erde als auf ihm befindlich gedacht wird.
c9.s4.t4.8
Der Jambûdvîpa ist rings von einem sehr hohen und sehr breiten, aus Diamanten bestehenden Wall umgeben. Auf demselben erhebt sich eine große, aus kostbaren Steinen gebildete Lotus-Terrasse mit prächtigen Lustwäldern und Teichen. Den Wall umzäunt ein großes, aus Gold und Juwelen hergestelltes Gitter mit vier gewaltigen Toren, die von Gottheiten beschützt werden.
c9.s4.t4.9
Der Jambû-Kontinent wird in seiner ganzen Breite von Osten nach Westen von 6 gewaltigen Gebirgen durchzogen und dadurch in 7 Zonen (Varsha oder Kshetra) von ungleicher Größe zerlegt. Die Namen der Zonen und der sie trennenden Gebirge sind (von Süden nach Norden) folgende:
c9.s4.t4.10
1. Bharata-kshetra
1. Himavân-Gebirge
2. Haimavata-kshetra
2. Mahâhimavân-Gebirge
3. Hari-kshetra
3. Nishadha-Gebirge
4. Videha-kshetra
4. Nîla-Gebirge
5. Ramyaka-kshetra
5. Rukmî-Gebirge
6. Hairanyavata-kshetra
6. Shikharî-Gebirge
7. Airâvata-kshetra
c9.s4.t4.11
Die Breite und Höhe der Gebirge und die Ausdehnung der Zonen nimmt von Süden bis zur Mitte hin in geometrischer Progression zu, von der Mitte aus wieder in der entsprechenden Weise ab.
c9.s4.t4.12
Die Gebirge bestehen aus Gold, Silber und Beryll. Sie haben alle mehrere Gipfel von der Form abgestumpfter Kegel. Auf der östlichen Kuppe eines jeden Gebirges befindet sich ein juwelengeschmückter Jina-Tempel; in der Mitte eines jeden Gebirges ist ein großer See, mit goldenem Boden, silbernen Ufern und diamantenen Badetreppen. In dessen Mitte blüht, von zahlreichen kleinen Lotussen umgeben, ein riesiger Lotus aus prachtvollen Edelsteinen. Die Lotusse werden alle von Gottheiten verschiedener Art bewohnt, die Seen von Wasservögeln und Fischen bevölkert.
c9.s4.t4.13
In den 6 Gebirgen entspringen zusammen 14 große Ströme, die von dort aus durch die Zonen hindurch in das Salzmeer fließen.
c9.s4.t4.14
Die südlichste Zone des Jambû-Kontinents, im Norden vom Himavân-Gebirge, an allen anderen Seiten vom Salz-Ozean begrenzt, ist der Bharata-varsha, der Weltteil, in dem wir leben. Das dem Himavân parallel verlaufende Vaitâdhya- (oder Vijayârdha-) Gebirge teilt ihn in eine nördliche und eine südliche Hälfte, die je 238³/₁₉ Yojanas breit sind. Die vom Himavân herabströmenden Flüsse „Mahâ-Sindhu“ (großer Indus) im Westen und „Mahâ-Gangâ“ (großer Ganges) im Osten zerlegen jede dieser Hälften in drei Teile (Khanda), so daß der ganze Bharata-varsha demnach aus 6 Teilen besteht. Während in den nördlichen Teilen sowie der östliche und westliche des südlichen Bharata-varsha von Barbaren (Mleccha) bewohnt sind, wird der mittelste Teil des Südens, der sog. Ârya-Khanda, von Ariern bevölkert. Unter diesen wurden in der alten Zeit die den vier Kasten angehörigen Inder verstanden; als Hauptstadt des Ârya-khanda galt Ayodhyâ, das gerade in der Mitte liegen soll. Moderne Jainas glauben hingegen, daß unsere ganze Erde, also Europa, Asien, Afrika, Amerika und Australien zum Ârya-khanda gehöre.
c9.s4.t4.15
Bharata-varsha ist eine Karmabhûmi, d. h. ein Land, in welchem die Menschen arbeiten müssen, um zu leben, und in welchem alle Arten von Karma gebunden werden können. In ihm findet der periodische Wechsel der 6 Zeitalter statt, von dem unten bei Darlegung der Weltgeschichte der Jainas gesprochen werden wird.
c9.s4.t4.16
Nördlich des Himavân-Gebirges liegt die Zone Haimavata-varsha, viermal so breit wie Bharata-varsha. In ihrer Mitte befindet sich der Berg Shabdâpati. Sie wird durchströmt von den Flüssen Rohit und Rohitânshâ, die im Osten bzw. im Westen ins Salzmeer fließen. Haimavata-varsha ist eine Bhoga-bhûmi, d. h. ein Land, in welchem die Menschen nur dem Genuß leben und sich von den Früchten des wunderbaren „Wunschbaumes“ nähren, denn es herrscht hier dauernd das Sushama-duhshamâ-Zeitalter.
c9.s4.t4.17
Durch das Mahâhimavân-Gebirge von Haimavata-varsha geschieden, befindet sich nördlich von diesem der Hari-varsha, viermal so breit als dieser. In seiner Mitte erhebt sich der Berg Vikatâpati, seine großen Flüsse heißen Harit (im Osten) und Harikântâ (im Westen). Die Lebensverhältnisse sind hier noch besser als im Haimavata, weil hier stets die Sushamâ-Zeit herrscht.
c9.s4.t4.18
Das Nishadha-Gebirge trennt Hari-varsha von dem Videha-varsha (Mahâvideha), der größten aller Zonen. In der Mitte Videhas liegt der Meru (Mandara), gewissermaßen das Zentrum und der Nabel des ganzen Jambû-Kontinents. Der Berg hat die Gestalt eines in drei Absätzen aufsteigenden stumpfen Kegels; der erste Absatz besteht aus Gestein, der zweite aus Silber und Kristall, der dritte aus Gold. Den Gipfel krönt ein Aufsatz aus Beryll, der ebenfalls die Form eines abgestumpften Kegels hat. Am Fuße des Berges liegt der Hain Bhadrashâla, auf dem ersten Absatz der Hain Nandana, auf dem zweiten der Hain Saumanasa, auf der Gipfelfläche der Hain Pandaka, alle mit Lotusteichen, Palästen und Tempeln geschmückt und von Göttern und Genien bewohnt. Auch auf der Gipfelfläche des Aufsatzes befindet sich ein Tempel. Am Fuße des Meru fließen die beiden großen Ströme Shitâ und Shîtodâ.
c9.s4.t4.19
Vom Meru laufen 4 Vakshâra-Gebirge aus:
1. das aus Silber bestehende Saumanasa-Gebirge nach SO,
2. das aus Gold bestehende Vidyutprabha-Gebirge nach SW,
3. das aus Gold bestehende Gandhamâdana-Gebirge nach NW,
4. das aus Beryll bestehende Mâlyavân-Gebirge nach NO.
c9.s4.t4.20
Im Süden des Meru, zwischen den Gebirgen Saumanasa und Vidyutprabha liegt das Land der Devakurus, nördlich des Meru, zwischen Gandhamâdana und Mâlyavân, das Land der Uttarakurus. Beide Gebiete sind die glücklichsten auf dem ganzen Jambûdvîpa, weil dort die Verhältnisse der Sushama-sushamâ-Zeit ewig währen. In der Mitte der westlichen Hälfte des Devakuru-Landes blüht ein großer Wollbaum, in der östlichen Hälfte von Uttarakuru ein großer Rosenapfel-(Jambû-)baum; alle beide sind von zahlreichen kleineren Bäumen ihrer Art, von Teichen und Tempeln umgeben.
c9.s4.t4.21
Im Osten des Meru liegt die Landschaft Pûrva-videha, im Westen Apara-videha. Jede von diesen zerfällt in mehrere Provinzen und ist reich an Gebirgen, Flüssen und Städten, deren Namen von den Jainas in allen Einzelheiten angegeben werden. In den beiden Videhas ähneln die allgemeinen Zustände denen in der Menschenwelt, insofern, als sie beide Karmabhûmis sind; es herrscht dort das Zeitalter Duhshama-sushamâ.
c9.s4.t4.22
Vom Nîla-Gebirge begrenzt, folgt die Zone Ramyaka-varsha nördlich auf Videha-varsha. Sie ist ein genaues Gegenstück von Harivarsha. Ihr Mittelberg heißt Gandhâpâti, ihre Hauptflüsse Narakântâ und Nârî.
c9.s4.t4.23
Der Hairanyavata-varsha, den das Rukmî-Gebirge vom Ramyaka-varsha scheidet, entspricht genau Haimavata. Sein Berg hat den Namen Mâlyavân, seine Flüsse heißen Svarnakûlâ und Rûpyakûlâ.
c9.s4.t4.24
Der Airâvata-varsha schließlich, die nördlichste Zone des Jambûdvîpa, durch das Shikharî-Gebirge von Hairanyavata getrennt, gleicht vollkommen Bharata-varsha. Sein Berg ist Vijayârdha, seine Flüsse Raktâ und Raktodâ.
c9.s4.t4.25
Der ganze kreisförmige Jambû-Kontinent wird auf allen Seiten ringartig von dem Salz-Ozean (Lavanoda) eingeschlossen. In der Mitte desselben liegt je ein riesiger faßartiger Behälter (Pâtâla), umgeben von zahllosen kleineren. In den Pâtâlas haben Götter ihren Wohnsitz. Die Wasser selbst werden von Tausenden von Nâgas (Schlangengeistern) getragen, die mit ihren Königen auf Wohnbergen im Meere hausen.
c9.s4.t4.26
Im Lavanoda liegen eine Reihe von Inseln: Gautamadvîpa, das liebliche Eiland Susthitas, des Gebieters über den Salz-Ozean, ferner die beiden Inseln der beiden Monde und die beiden Inseln der beiden Sonnen des Jambû-Kontinents. Schließlich sind noch die sog. Zwischeninseln (Antaradvîpa) zu nennen, deren die Shvetâmbaras 56, die Digambaras 48 annehmen. Auf diesen leben Menschen fabelhafter Art: solche mit Tiergesichtern, mit Hörnern und Schwänzen, mit nur einem Bein usw. Es herrscht hier die Duhshama-sushamâ-Zeit.
c9.s4.t4.27
Der Dhâtakî-Kontinent, der von der anderen Seite des Lavanoda bespült wird, wird in ähnlicher Weise wie der Jambûdvîpa beschrieben, der Kâloda-Ozean mit seinem schwarzen, wohlschmeckenden Wasser in ähnlicher Weise wie das Salzmeer, nur sind die Dimensionen überall doppelt so groß, so hat Dhâtakî-khanda 12 große Gebirge, 14 Zonen (also je 2 Bharatas, Airâvatas etc.) usw.
c9.s4.t4.28
Der Pushkara-Kontinent, der das schwarze Meer umgibt, wird durch das seine ganze Mitte durchziehende Mânushottara-Gebirge in zwei gleichgroße Ringe zerlegt. Nur in dem inneren, dem Kâloda zugewandten Teil entsprechen die geographischen Verhältnisse denen der beiden bisher besprochenen Kontinente; nur hier gibt es 12 Gebirge, 14 Zonen usw. Jenseits des Mânushottara wohnen nirgends mehr Menschen, sondern nur noch göttliche Wesen, und die Himmelskörper bewegen sich dort nicht, sondern bleiben stets an ihrem Platz. Es gibt deshalb jenseits des Mânushottara keine Zeit mehr, sondern es herrscht beständige Ruhe. Eine andere Eigentümlichkeit ist es, daß Wassertiere sich in den Meeren, die dem Kâloda folgen, nicht mehr finden; sie treten erst wieder im Svayambhûramana-Ozean auf, der die äußerste Grenze der Mittelwelt bildet.
c9.s4.t4.29
2. Die Unterwelt
c9.s4.t4.30
Tausend Yojanas tief unter der Erdoberfläche der Mittelwelt liegen stockwerkartig untereinander 7 unterirdische Regionen, von denen die obersten gewissen göttlichen Wesen als Wohnsitz dienen, während die anderen die Höllen bergen, in welchen Seelen ihre schlechten Taten durch furchtbare Qualen büßen müssen.
c9.s4.t4.31
Die oberste unterirdische Region Ratnaprabhâ zerfällt nach einer Überlieferung in drei untereinanderliegende Stockwerke, nämlich (von oben nach unten): Kharabhâga, Pankabhâga, Abbahulabhâga (Âpabahula). In den beiden obersten hausen Götter der Klassen Bhavanavâsì und Vyantara; von diesen wird weiter unten, bei Besprechung der Götterwelt, die Rede sein. Der dritte Teil von Ratnaprabhâ hingegen dient gleich allen unter ihm liegenden Regionen als Strafort der Verdammten.
c9.s4.t4.32
Jede Höllenregion umfaßt mehrere Stockwerke. Die Zahl derselben ist bei der obersten am größten und nimmt bei jeder tiefer liegenden ab. In der Mitte jedes Stockwerks liegt eine Zentralhölle. Von dieser gehen in allen vier Richtungen zahlreiche „Reihenhöllen“ aus; in den Zwischenräumen zwischen diesen liegen wieder Höllen, die sog. „Füllhöllen“. Die Zahl der Höllen eines jeden Stockwerks verringert sich ebenfalls nach unten.
c9.s4.t4.33
Die folgende Übersicht gibt die Namen der 7 Regionen (nebst Übersetzung), die Zahl der Stockwerke, die sie enthalten, und die Menge der Höllen, die zu jeder Region gehören:
c9.s4.t4.34
1. Ratna-prabhâ, „Juwelenglanz“, 13 Stockwerke mit zusammen 3 000 000 Höllen
c9.s4.t4.35
2. Sharkarâ-prabhâ, „Kieselglanz“, 11 Stockwerke mit zusammen 2 500 000 Höllen
c9.s4.t4.36
3. Vâlukâ-prabhâ, „Sandglanz“, 9 Stockwerke mit zusammen 1 500 000 Höllen
c9.s4.t4.37
4. Panka-prabhâ, „Schlammglanz“, 7 Stockwerke mit zusammen 1 000 000 Höllen
c9.s4.t4.38
5. Dhûma-prabhâ, „Rauchglanz“, 5 Stockwerke mit zusammen 300 000 Höllen
c9.s4.t4.39
6. Tamah-prabhâ, „Dunkelglanz“, 3 Stockwerke mit zusammen 99 995 Höllen
c9.s4.t4.40
7. Mahâtamah-prabhâ, „Großdunkelglanz“, 1 Stockwerk mit zusammen 5 Höllen
c9.s4.t4.41
Gesamtzahl 49 Stockwerke mit zusammen 8 400 000 Höllen
c9.s4.t4.42
Die Höllenbewohner (Nâraka) werden nicht nach Art irdischer Wesen geboren, sondern treten auf übernatürliche Weise, durch „Manifestation“ (Upapâta, vgl. S. 174) ins Dasein, indem sie plötzlich in Löchern an den Wänden entstehen und dann von dort herabfallen. Innerhalb eines Muhûrta (48 Minuten) sind sie dann vollständig entwickelt. Außer dem feurigen und Karma-Leib, der allen Wesen eigentümlich ist, haben sie einen Verwandlungsleib (S. 168) von grauenhaftem Aussehen; ihrer Statur nach sind sie vollständig unsymmetrisch gebaut, dem Geschlecht nach sind sie alle Hermaphroditen. Sie besitzen die drei ersten Arten des Wissens und des Schauens (S. 178), also auch die transzendente Erkenntnis materieller Dinge, doch dient diese Fähigkeit nur dazu, ihre Qualen zu vermehren. Unter ihnen gibt es Ungläubige und solche, die die drei untersten Formen des Glaubens haben (S. 180 Nr. 1-4): Selbstzucht ist bei ihnen nicht möglich, sie können deshalb nie über die 4. Tugendstufe herauskommen. Die Ungläubigen denken nur daran, anderen Qualen zuzufügen, und leiden dadurch selbst am meisten; diejenigen, welche den rechten Glauben haben, tun dies nicht, werden aber von Gewissensbissen über das, was sie in früheren Existenzen getan, gefoltert.
c9.s4.t4.43
Je tiefer eine Hölle liegt, desto schlechter sind ihre Bewohner, und desto größer die Schmerzen, die diese ertragen müssen. Die Höllen der ersten 4 Regionen sind heiß, die der 5. Region zum Teil heiß, zum Teil kalt, die der beiden untersten kalt. Der Seelentypus (Leshyà, S. 183) ist in der 1 und 2. grau, in der 3. grau oder dunkel, in der 4. dunkel, in der 5. dunkel oder schwarz, in der 6. und 7. schwarz. Die Körpergröße der Verdammten ist in den einzelnen Stockwerken sehr verschieden; während sie z. B. im obersten Stockwerk von Ratnaprabhâ nur 3 Hastas (Ellen) beträgt, nimmt sie in jedem tieferliegenden zu und erreicht schließlich in Mahâtamahprabhâ eine Höhe von 500 Dhanus (Bogen). Auch das Lebensalter ist in den unteren Stockwerken größer: in dem obersten von Ratnaprabhâ währt es mindestens 10000, höchstens 90000 Jahre, in Mahâtamahprabhâ im Minimum 22, im Maximum 33 Sâgaropamas.
c9.s4.t4.44
Die Furchtbarkeit der Zustände in den Höllen wird mit glühenden Farben geschildert. Der Aufenthalt ist für alle Sinne gleich unangenehm. Alle Räume erfüllt ein pestilenzialischer Geruch, wie von verwesenden Tierkadavern; die Luft ist scharf und beißend, und beständig herrscht grauenhafte Finsternis. Wand und Boden sind mit widerlichem Schmutz bedeckt; dadurch ist es überall so glatt, daß die Nârakas, wenn sie sich fortbewegen, ununterbrochen ausgleiten und einander stoßen, wodurch sie sich Qualen zufügen. Die Höllen hallen immerfort wider von den Klagelauten der Gepeinigten. Hitze und Kälte, Fieber und Körperjucken quälen die Verdammten unaufhörlich und können nicht beseitigt werden. Dazu kommen die Leiden, die sich die Nârakas gegenseitig bereiten, indem sie einander in furchtbarem Haß verfolgen, und mit Hilfe ihres Verwandlungsleibes mannigfache Gestalten annehmend, aufeinander stürzen und sich in der entsetzlichsten Weise zurichten. In den drei obersten Regionen werden die Höllenwesen zudem vom bösen Asuras den verschiedensten Mißhandlungen unterworfen. Besondere Freveltaten finden ihre besondere Sühne: so müssen Ehebrecher Frauenstatuen aus glühendem Erz umarmen, Fleischesser Fleisch, das aus ihrem eigenen Leibe herausgeschnitten wird, genießen, Trunkenbolde siedendes Blei trinken. Andere Sünder werden zerhackt, gerädert, geröstet, gespießt, gepfählt, gepeitscht, mit Messern zerstochen, im Wasser ersäuft, in Kesseln gebraten, von Würmern zernagt, von reißenden Tieren angefressen oder sonstwie mit den verschiedenartigsten Folterwerkzeugen bearbeitet.
c9.s4.t4.45
Alle Wunden, die ein Höllenwesen erhält, so schmerzhaft sie auch sein mögen, sind nie tödlich. Sie schließen sich immer wieder, und der zerschundene und in tausend Fetzen zerstückelte Leib setzt sich wieder zusammen, zu neuer Qual, zu neuer Pein. Ein Nâraka stirbt erst, wenn er die volle Menge der Strafen durchgemacht hat, die ihm sein Karma vorschreibt. Der Tod erfolgt ohne erkennbare Ursache. Die Seele verläßt dann den zerfallenden Leib und nimmt als Tier oder Mensch eine neue Existenz an, denn die Höllen der Jainas sind Purgatorien, die dem vorübergehenden Aufenthalt von Sündern dienen, nicht Stätten ewiger Verdammnis.
c9.s4.t4.46
Während manche die unterste Hölle Mahâtamahprabhâ unmittelbar an das untere Ende der Welt versetzen, nehmen andere an, daß sich unter ihr noch eine Zone ohne Boden befindet, welche von Nigodas und anderen niedrig-organisierten Wesen ohne eigene Bewegung bewohnt wird³⁴. Bei manchen Jainas scheint die Vorstellung zu bestehen, daß Seelen, die infolge ihrer Missetaten zu Nigodas dieser Art wurden, für alle Ewigkeit verdammt sind³⁵.
c9.s4.t4.47
3. Die Götterwelt
c9.s4.t4.48
Die Götter (Deva) sind Wesen mit einem feinen Verwandlungsleib, die ihr Leben in nach irdischen Begriffen sehr großer Glückseligkeit dahinbringen. Sie werden nicht geboren, sondern entstehen durch Manifestation (Upapâta, S. 174) dort, wo ihr Karma sie hinweist. Das Dasein der Götter ist einzig dem Genuß gewidmet; Tanz und Spiel füllen es aus, und in vollen Zügen genießen sie in ihren herrlichen Palästen die Freuden der Liebe. Ihnen sind die drei ersten Arten des Wissens und Schauens angeboren, sie haben also alle die transzendente Erkenntnis materieller Dinge. Sie können ungläubig sein oder eine der ersten drei Arten des Glaubens besitzen. Ihr Wandel kann schlecht oder gut sein, die Ausübung von Selbstzucht ist ihnen aber unmöglich, da jeder Wunsch bei ihnen sogleich nach seiner Entstehung in Erfüllung geht; sie gelangen deshalb nie über die 4. Tugendstufe hinaus. Wenn sich ihr Karma erschöpft hat, verlassen ihre Seelen, ohne erkennbare Todesursache, die göttlichen Leiber, um in der Mittelwelt in tierischen oder menschlichen Körpern zu neuem Dasein einzugehen.
c9.s4.t4.49
Die Götter zerfallen in vier Hauptarten; diese sind:
c9.s4.t4.50
1. Die Bhavanavâsis, die in Palästen (bhavana) der obersten Region der Unterwelt wohnen.
c9.s4.t4.51
2. Die Vyantaras, unterirdische Dämonen, die in der Unterwelt und dem Raum zwischen dieser und der Mittelwelt hausen.
c9.s4.t4.52
3. Die Jyotishkas, die Genien der Himmelskörper, die den Luftraum zwischen Mittel- und Oberwelt innehaben.
c9.s4.t4.53
4. Die Vaimânikas, die in den fahrbaren Palästen (vimâna) der Oberwelt leben.
c9.s4.t4.54
Diese vier Hauptarten zerfallen wieder in eine große Zahl von Unterklassen, die weiter unten aufgeführt werden. Jede dieser Unterklassen weist wieder mehrere Rangstufen auf, denn die Götter stehen zumeist nicht einander gleich, sondern bilden eine bis ins einzelste festgesetzte Hierarchie. Die Zahl der Rangstufen ist bei den einzelnen Abteilungen verschieden. Am größten ist sie bei den Bhavanavâsis und einem Teil der Vaimânikas, bei welchen die folgende Rangordnung besteht:
c9.s4.t4.55
1. Indras, Könige,
c9.s4.t4.56
2. Sâmânikas, Fürsten,
c9.s4.t4.57
3. Trâyastrimshas, Staatswürdenträger,
c9.s4.t4.58
4. Pârishadyas, Kämmerer,
c9.s4.t4.59
5. Âtmarakshas, Leibgardisten,
c9.s4.t4.60
6. Lokapâlas, Schutzleute, 7. Anîkas, Krieger,
8. Prakîrnakas, Bürger,
9. Âbhiyogyas, Diener (bzw. Wesen, die in der Gestalt von Pferden, Löwen, Vögeln usw. die Funktion von Reittieren ausüben),
10. Kilbishikas, gemeines Volk.
c9.s4.t4.61
Bei den Vyantaras und Jyotishkas fehlt die 3. und 6. Stufe, bei den höchsten Unterklassen der Vaimânikas fallen alle Rangunterschiede fort.
c9.s4.t4.62
Die Angehörigen der verschiedenen Abteilungen und Klassen sind sehr verschieden nach Aussehen, Leibesgröße, Kleidung usw.
c9.s4.t4.63
Die Lebensdauer der Götter beträgt mindestens 10000 Jahre, höchstens 33 Sâgaropamas. Die Leshyâ ist bei den Göttern der ersten drei Abteilungen schwarz, dunkel, grau oder feurig, bei den übrigen feurig, gelb oder weiß.
c9.s4.t4.64
Die Bhavanavâsîs leben in prachtvollen Palästen in den Städten im oberen Teil von Ratnaprabhâ (S. 231) bzw. in der Schicht zwischen Unter- und Mittelwelt. Sie haben das Aussehen von schönen Jünglingen, worauf der zweite Bestandteil des Namens der einzelnen Klassen („Kumâra“) hindeutet. Die Klassen sind:
c9.s4.t4.65
1. Asura-kumâra (Dämonen-Prinzen),
2. Nâga-kumâra (Schlangen-Prinzen),
3. Suparna-kumâra (Adler-Prinzen),
4. Vâyu-kumâra (Wind-Prinzen),
5. Dvîpa-kumâra (Insel-Prinzen),
6. Udadhi-kumâra (Ozean-Prinzen),
7. Dik-kumâra (Himmelsrichtungs-Prinzen),
8. Vidyut-kumâra (Blitz-Prinzen),
9. Stanita-kumâra (Donner-Prinzen),
10. Agni-kumâra (Feuer-Prinzen).
c9.s4.t4.66
An der Spitze einer jeden Klasse stehen 2 Indras, der eine gebietet über den Norden, der andere über den Süden. Jeder Indra hat mehrere Haupt- und zahlreiche Nebenfrauen. 7 aus 7 Abteilungen bestehende, von 7 Heerführern befehligte Heere sind des Befehles eines jeden Indra gewärtig; die Heere bestehen aus Fußtruppen, Rossen, Elefanten, Büffeln (Stieren), Wagen, Spielleuten und Schauspielern (Tänzerinnen). Die Leshyâ ist hier schwarz, dunkel, grau oder feurig.
c9.s4.t4.67
Die Vyantaras sind dämonische und halbgöttliche Wesen verschiedener Art. Sie zerfallen in 8 Klassen:
1. Kinnara (Geister),
2. Kimpurusha (Kobolde),
3. Mahoraga (Groß-Schlangen),
4. Gandharva (musikalische Genien),
5. Yaksha (Schatzgeister),
6. Râkshasa (Unholde),
7. Bhûta (Gespenster),
8. Pishâca (Dämonen).
c9.s4.t4.68
Sie wohnen in palastreichen Städten in den Abteilungen Kharabhâga (7) und Pankabhâga (6) der unterirdischen Region Ratnaprabhâ, in dem Zwischenraum zwischen Unter- und Mittelwelt und in verschiedenen Teilen der letzteren. An der Spitze jeder Klasse stehen zwei Indras. Jeder von diesen hat einen großen Hofstaat und 7 Heere. Die Leshyâ ist schwarz, dunkel, grau oder feurig.
c9.s4.t4.69
Die Jyotishkas sind die Genien der Himmelskörper. Dieselben umkreisen rechtsläufig den Meruberg in einer Höhe von 790 bis 900 Yojanas über der Ebene der Kontinente Jambûdvîpa, Dhâtakîkhanda und 1/2 Pushkaradvîpa. Sie fahren in gewaltigen Wagen, die von Löwen, Elefanten, Stieren und Rossen gezogen werden. Ihre Leshyâ ist die feurige. Sie sind von 5 Arten, nämlich Sonnen, Monde, Planeten, Nakshatras und Fixsterne. Zu je einer Sonne gehören 1 Mond, 88 Planeten, 28 Nakshatras und 6 697 500 000 000 000 Sterne. Eigenartig ist die Vorstellung der Jainas, daß es mehrere Sonnen, Monde und Reihen von Gestirnen gebe. Die Zahl derselben ist in den einzelnen Kontinenten verschieden. Jambûdvîpa hat 2 Sonnen, das Salzmeer 4, Dhâtakîkhanda 12, das Schwarze Meer 42, 1/2 Pushkaradvîpa 72, so daß es also alles in allem 132 Sonnen in der Menschenwelt gibt. Die Zahl der Monde, Planeten, Nakshatras und Sterne vervielfacht sich auch dementsprechend.
c9.s4.t4.70
Die Jainas haben diese Theorie, mit der sie wohl unter allen indischen Systemen alleinstehen, mit Rücksicht auf ihre Lehre von der Beschaffenheit der Mittelwelt aufgestellt. „Sie gehen nämlich von der Ansicht aus, daß im Laufe von 24 Stunden die Sonne — ebenso wie die anderen Himmelskörper — nur die Hälfte des Kreises um den Meru zurücklegen kann; daß also, wenn die Nacht in Bharatavarsha zu Ende geht, die Sonne, deren Licht den vorhergehenden Tag gegeben hatte, erst im Nordwesten des Meru angekommen ist. Die Sonne, die zur selben Zeit tatsächlich im Osten des Bharata-varsha aufgeht, kann daher nicht dieselbe Sonne sein, die am vorhergehenden Abend unterging, sondern ist eine zweite verschiedene Sonne, die aber für das Auge von der ersten nicht zu unterscheiden ist. Am Morgen des dritten Tages erscheint dann wieder die erste Sonne, die um diese Zeit die Südostecke des Meru erreicht hat usw. Aus demselben Grunde nehmen die Jainas zwei Monde, zwei Reihen von Nakshatras usw. an. Alle himmlischen Körper werden so verdoppelt; da aber dem Bharatavarsha immer nur ein Glied jedes Paares erscheint und sich die beiden Glieder völlig gleich sehen, so wird dadurch nichts an den Phänomenen geändert.“³⁶
c9.s4.t4.71
Die Zahl der Himmelskörper über den anderen Ringkontinenten und über den Ozeanen der Mittelwelt ist natürlich größer als die derjenigen von Jambûdvîpa, weil diese vom Meru weiter entfernt liegen.
c9.s4.t4.72
Jenseits des Mânushottara-Gebirges, welches Pushkara-dvîpa in zwei Hälften teilt und damit jenseits des Teiles der Mittelwelt, in welchem Menschen wohnen, sind die Gestirne nicht mehr beweglich, sondern bleiben dauernd unbeweglich an ihrem Platz, und zwar in großer Zahl zu Ringen vereinigt, die in je 100 000 Yojanas Entfernung zueinander stehen.
c9.s4.t4.73
Die Vaimânikas bewohnen die unmittelbar über dem Aufsatz des Meruberges beginnenden, stockwerkartig übereinanderliegenden Himmelsregionen der Oberwelt.
c9.s4.t4.74
Im folgenden gebe ich eine Übersicht über die einzelnen Himmelsregionen (von unten nach oben) mit Angabe der Zahl der Stockwerke, die sie enthalten. Zu den Regionen I bis VIII gehören je 2 Himmel, ein südlicher und ein nördlicher, was durch das vorgesetzte S bzw. N angedeutet werden soll. Da die Anschauungen der Shvetâmbaras und Digambaras in wichtigen Punkten voneinander abweichen, werden beide nebeneinander gestellt.
c9.s4.t4.75
| Nr. | | Shvetâmbara | Stock-werke | Digambara | Stock-werke |
| I | S. N. | Saudharma Aishâna | 13 | Saudharma Îshâna | 31 |
| II | S. N. | Sanatkumâra Mâhendra | 12 | Sanatkumâra Mâhendra | 7 |
| III | S. N. | } Brahmaloka | 6 | Brahma Brahmottara | 4 |
| IV | S. N. | } Lântaka | 5 | Lântava Kâpishtha | 2 |
| V | S. N. | } Shukra | 4 | Shukra Mahâshukra | 1 |
| VI | S. | } Sahasrâra | 4 | Shatâra Sahasrâra | 1 |
| VII | S. N. | Ânata Prânata | 4 | Ânata Prânata | 3 |
| VIII | S. N. | Ârana Acyuta | 4 | Ârana Acyuta | 3 |
| IX a b c | | Adho- Madhya- } Graiveyaka Urdhva- | 9 | Adho- Madhya- } Graiveyaka Urdhva- | 9 |
| X | | — | — | 9 Anudisha | 1 |
| XI | | 5 Anuttara | 1 | 5 Anuttara | 1 |
c9.s4.t4.76
Wie sich aus der Tafel ergibt, wird die Region der Anudishas nur von den Digambaras angenommen. Außerhalb der Rangordnung stehen die Lokântika-Götter, die um den Brahmaloka herum wohnen. Sie zerfallen den Digambaras zufolge in die 24 Klassen: Sârasvata, Âditya, Vahni, Aruna, Gardatoya, Tushita, Avyâbâdha und Arishta sowie 16 weitere, die Zwischenstufen zwischen den genannten darstellen. Sie sind begierdelos und werden deshalb „Devarshis“ (Götter-Heilige) genannt; sie dienen den Tîrthankaras, wenn diese auf Erden erscheinen, werden schließlich als Menschen wiedergeboren und erlangen die Erlösung.
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Cites (2)
- Mahābhārata — Vyāsa, Sanskrit
- Vaidehasaṃhitā — Videha, Sanskrit