Pramāṇa · Search · About · API

Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c9.s5.t3: Schlußbemerkungen

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c9.s5.t3

Language
German

Schlußbemerkungen

c9.s5.t3.1

Den Jainas gilt ihre Lehre als unfehlbar, als das Erhabenste und Tiefgründigste, was menschliche Weisheit geschaffen hat. Alle anderen metaphysischen Systeme reichen nicht entfernt an sie heran; was in ihnen mit der Jaina-Lehre übereinstimmt, ist nur ein erborgter Abglanz jener, das, worin sie von ihr abweichen, ist ein durch Unwissenheit hervorgerufener Irrtum. Die „Bhavyas“ (Erlösungsfähigen, wie sich die Jainas gerne als Besitzer des rechten Glaubens bezeichnen) sehen deshalb in den Anhängern anderer Religionen Irzgläubige, von denen sich der Fromme am besten fernhält, um nicht durch sie zu Abgötterei und Sünde verführt zu werden. Kraß tritt dieser Standpunkt hervor in den Werken von fanatischen Rechtgläubigen, wie dem „Shashti-shataka“ des Nemicandra, in welchem es heißt 83:

c9.s5.t3.2

„Einen Ketzerlehrer soll man meiden,
Ob er auch an Geist und Tugend reich,
Denn dem Edelsteine in dem Haupte
Einer gift'gen Schlange ist er gleich.“

c9.s5.t3.3

Nicht alle Jaina-Schriftsteller urteilen so schroff. Manche lassen auch den Anschauungen anderer Systeme volle Gerechtigkeit widerfahren und vertreten die Ansicht, man solle das Gute nehmen, wo man es findet. So schrieb Haribhadra die berühmt gewordenen Verse 84:

c9.s5.t3.4

„Nicht wähl' ich Mahâvîra mir zum Freunde,
Nicht Kapila zum Feind und andre seiner Art;
Auf den soll hören man und dem nur folgen,
Des Lehre reine Wahrheit offenbart.“

c9.s5.t3.5

Die Jaina-Lehre selbst, wie sie uns in den vorhergegangenen Abschnitten entgegengetreten ist, stellt gleichsam ein Kompromiß zwischen diesen beiden Extremen dar. Auf der einen Seite halten die Jainas mit zähem Konservativismus fest an den von den Altvorderen verkündeten Theorien, mögen diese auch in manchen Punkten durch die Ergebnisse schreitender philosophischer oder wissenschaftlicher Forschung als überholt erscheinen, wie die astronomischen Hypothesen von den beiden Sonnen usw. Auf der anderen Seite haben sie ihr System bereichert und erweitert, indem sie ihm eine Fülle von Dingen einfügten, die ursprünglich auf anderem Boden gewachsen sein müssen, wie die Legenden von Râma und Krishna u. a.

c9.s5.t3.6

So wie es in der Vergangenheit war, so ist es auch heute noch. Mit frommem Eifer wachen die Jainas unserer Tage darüber, daß die heilige Lehre in ihrer Reinheit erhalten bleibt; durch sinngemäße Ergänzungen oder Umdeutungen suchen sie jedoch, soweit als möglich, den Erfordernissen moderner Weltanschauung gerecht zu werden. Jaina-Schriftsteller der Gegenwart haben es sich zur Aufgabe gemacht, nachzuweisen, daß die Philosophie des Als-Ob bereits in der Relativitätslehre des Syâdvâda, die moderne Atomlehre schon in ihren Theorien von dem Wesen der Materie, die Psychoanalyse in der Lehre von den unterdrückten Leidenschaften vorausgenommen sei u. dgl. m.

c9.s5.t3.7

Der religiöse und philosophische Wert der Jaina-Lehre ist in Indien und Europa von jeher sehr verschieden beurteilt worden. Der Meinung der Jainas, daß ihre Religion die vollendetste der Welt sei, haben Europäer wie H. Warren⁸⁵ und O. Pertold⁸⁶ beigepflichtet. Letzterer bezeichnet den Jainismus als die höchste denkbare Religionsform, weil in ihm die drei Elemente wahrer Religiosität — das Emotionale, Intellektuelle und Praktische — sich das Gleichgewicht halten, weil sein Begriff vom höchsten Wesen gleich der Idee von Nietzsches Übermenschen eine vollendetere Konzeption eines weltüberlegenen Geistes darstelle, als die Vorstellung eines Schöpfergottes, weil seine Ahinsâ-Ethik weitgehender und in ihrer praktischen Anwendung wirkungsvoller sei als alle Moralprinzipien anderer Glaubenslehren usw. Demgegenüber haben sich andere nicht genug darin tun können, die Jaina-Lehre herabzusetzen. Shankara hat sie mit dem Geschwätz von Betrunkenen und Verrückten verglichen, Kabîr hat sie als Irrglauben gebrandmarkt, Dayânand Sarasvatî hat sie ins Lächerliche gezogen und ihre Anhänger als Phantasten und Dummköpfe hingestellt 87. Westliche Kritiker haben ebenso scharf geurteilt, wenn sich einer von ihnen zu dem Satz verstieg: „Eine Religion, in welcher als Hauptpunkte gelehrt werden, Gott zu leugnen, den Menschen zu verehren und Ungeziefer zu füttern, hat keine Existenzberechtigung.“ 88

c9.s5.t3.8

⁸⁵ [Text of the note is missing from the provided image]

c9.s5.t3.9

⁸⁶ [Text of the note is missing from the provided image]

c9.s5.t3.10

Ein objektives Urteil wird sich von Übertreibungen nach beiden Seiten frei halten. Es wird das Erhabene, was der Jainismus enthält, seinem Werte nach voll zu würdigen wissen, ohne doch gegen seine Schwächen blind zu sein. Der kühl abwägende Historiker wird feststellen, daß das Jainatum an Tiefe und Gestaltungskraft des religiösen Erlebens anderen Glaubensformen nachsteht, er wird aber auch die imposante Geschlossenheit seiner Weltanschauung anerkennen und die unvergleichliche Lebenskraft dieser Lehre bewundern, die noch heute wie in einer fernen Vergangenheit fromme und opferwillige Anhänger an sich zu ketten weiß und dadurch ihr Daseinsrecht immer aufs neue bewährt.

Cites (1)