Die Religion des Veda c5.s2: Der Yajurveda
Die Religion des Veda c5.s2
- Language
- German
Der Yajurveda
c5.s2.1
Während die mit den Rezitationen und Gesängen betrauten Priester — die Hotar und Udgātar — die Lieder des Ṛgveda vortrugen, die Götter zu preisen und sie zum Opfer einzuladen, begleiteten andere Priester, die Vollzieher der eigentlichen Handlungen — der Adhvaryu und seine Genossen — ihre Handgriffe mit segnenden oder Unheil abwehrenden Prosasprüchen (*yajus*¹). Die richteten sich der Regel nach nicht oder doch nicht direkt an die Götter, sondern an das eben zur Verwendung kommende Opfergerät, an den Handgriff, den Vorgang, der gerade im Werk war; sie benannten die Dinge mit mystischen Namen, welche auf die ihnen innewohnende geheime eigene Kraft oder göttliche Hilfe hindeuteten; sie sprachen die Verhältnisse des Opfers an als analoge, mystisch mit ihnen verknüpfte Verhältnisse des Universums repräsentierend; sie wandten, was auf dem Opferplatz geschah, dem Opferherrn zum Segen, zum Verderben „dem, der uns haßt und den wir hassen“. Wenn der Priester irgendeinen Gegenstand ergriff, so tat er dies „auf den Antrieb des Gottes Savitar, mit den Armen der Aśvin, mit Pūṣans Händen“. Zu der aus Rohr geflochtenen Getreideschwinge sagte er: „Durch Regen bist du gewachsen“; wenn er das Getreide für die Opferspeise in sie hineintat, sagte er zu diesem: „Es umfange dich das im Regen Gewachsene“, und reinigte es von den Hülsen mit den Worten: „Beseitigt ist der Dämon, beseitigt sind die Unholde.“ Bei der Aufstellung des mit der Opferspeise beladenen Wagens berührte er die Zugstücke am Wagenjoch mit dem Spruch: „Ein Zugstück (*dhur*) bist du; schädige den Schädiger (*dhūrva dhūrvantam*); schädige den der uns schädigt; den schädige, den wir schädigen.“ Wenn er bei der Bereitung der Opferspeise Wasser auf das Mehl goß, sagte er: „Die Wasser haben sich mit den Pflanzen²) vereint, die Pflanzen mit dem Saft. Die Reichen sollen sich mit den Beweglichen¹) vereinen, die Süßen mit den Süßen". Man sieht, wie hier die Umschreibungen die geheime Wesenheit der Objekte von allen Seiten wiederzugeben und dadurch den Zauber wirksamer zu machen suchen.
c5.s2.2
¹ Vgl. zur Bedeutung dieses Worts ZDMG. XLII. 245 A. 2. — Sprüche dieser Art sind übrigens oft auch mit den Verrichtungen der rezitierenden oder singenden Priester verbunden; doch sind diese, offenbar weniger zahlreich und hinter den eigentlichen Vorträgen jener Priester zurücktretend, nicht so früh zu literarischer Fixierung gelangt wie das Spruchmaterial des Adhvaryu.
c5.s2.3
² D. h. mit dem vom Pflanzenreich herstammenden Mehl.
c5.s2.4
¹ Die Reichen sind die Wasser; „die Beweglichen" scheint irgendwie auf das Mehl zu gehen (?), oder auf das Vieh, auf dessen Gedeihen es abgesehen war.
c5.s2.5
Daß solche Sprüche schon beim Opfer der Indoiranier gesprochen wurden, ist wahrscheinlich; das Awesta hat mehrere erhalten, die genau den vedischen gleichen²). Für die Zeit des Ṛgveda stellen ausdrückliche Zeugnisse die Existenz von Yajussprüchen fest³). Die Gegenüberstellung der uns vorliegenden Sammlungen solcher Sprüche⁴) aber mit dem Ṛgveda läßt in jenen auf Schritt und Tritt ein jüngeres Aussehen erkennen; manche Worte, die im Ṛgveda noch fehlen oder in dessen spätesten Partien vereinzelt aufzutauchen anfangen, sind hier schon gebräuchlich geworden⁵). So muß die Form dieser Sprüche verglichen mit der bewundernswerten Festigkeit des Ṛgvedatextes eine fließendere⁶), sie müssen der fortschreitenden Modernisierung in anderem Maße als jener zugänglich gewesen sein.
c5.s2.6
² Vgl. unten S. 26 Anm. 2.
c5.s2.7
³ ZDMG. XLII, 244 f.
c5.s2.8
⁴ Wo in den Textmassen der Yajurveden diese Sammlungen eralten sind, habe ich „Hymnen des Ṛgveda" I, 294 f. zu zeigen vercht.
c5.s2.9
⁵ Siehe ZDMG. a. a. O. 245.
c5.s2.10
⁶ Man vergleiche meine „Hymnen des Ṛgveda" I, 352.
c5.s2.11
Der Ertrag, den die Yajusformeln für die Kenntnis der vedischen Götter ergeben, ist natürlich verglichen mit dem des Ṛgveda gering. Die Götter sind hier Nebensache; man hat den Eindruck, daß sie eben nur da und dort als eine nicht recht hingehörige Staffage hineingesetzt sind und dementsprechend auch das, was sie zufällig je nach dem Zusammenhang der Opferhandlung zu tun haben, mit ihrem eigentlichen, für die Ordner der Yajus schon stark verblaßten Wesen nur in losem Zusammenhang steht. Im ganzen kommt eben in diesen Sprüchen eine verglichen mit der Blütezeit des vedischen Götterglaubens offenbar jüngere Denkweise zu Wort, die sich über die alte Gestalt des Opfers gelagert hat: eine Weltanschauung, für die Himmel und Erde, Ein- und Ausatmen, die menschlichen Sinne und Kräfte, die Versmaße ebenso bedeutende, vielleicht bedeutendere Potenzen sind als Indra und Varuṇa. Daneben aber sind die Yajus von unvergleichlicher Wichtigkeit für die Kenntnis des Opferrituals, das sie oft bis zu seinen minutiösesten Vorgängen Schritt für Schritt begleiten und damit deren Bezeugtheit, die sonst meist nur auf Brāhmaṇa- und Sūtra-texten beruhen würde, in wesentlich höheres Altertum hinaufrücken. So sind sie für uns eine Hauptquelle für die Vorstellungen von dem verborgenen Geschehen, dem Spiel zauberhafter Mächte, das man im Opfer und um das Opfer herum sich vollziehend dachte, und für das Verständnis der Mittel, welche der Kultus anwandte, um jene Vorgänge und Mächte zu beeinflussen.
Linked texts (1)
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit