Die Religion des Veda c5.s4: Die jüngere vedische und die außervedische Literatur
Die Religion des Veda c5.s4
- Language
- German
Die jüngere vedische und die außervedische Literatur
c5.s4.1
Der Hauptinhalt der in Prosa verfaßten jüngeren Vedatexte (Brāhmaṇas und Sūtras) ist das Opferritual. Das Ritual der großen Opfer, besonders des Somaopfers, ist aus dem fließenderen Zustand der ältesten Zeit um eine Epoche, die jünger sein muß als der Abschluß der ṛgvedischen Poesie, in eine vergleichsweise feste Gestalt gebracht worden¹), und in dieser Gestalt wird es, immer noch mit zahllosen Abweichungen je nach den verschiedenen Schulen, in der Hauptsache doch durchaus übereinstimmend, in der umfangreichen Literatur der Brāhmaṇatexte und der jüngeren, vielfach auf jenen beruhenden, kurzer und allerkürzester Darstellung sich befleißigenden Sūtras überliefert. Wir wiesen schon oben (S. 9) darauf hin, daß die Untersuchung von diesem Ritual aus die Aufgabe und auch die Möglichkeit hat, zu der älteren, einfacheren, zugleich auch flüssigeren Gestalt des Rituals zurückzugelangen, für die der Ṛgveda gedichtet ist. Bewegt sich so die kultgeschichtliche Forschung beständig zwischen älteren und jüngeren Daten hin und her in der Art, daß beim zeitlichen Fortschreiten innerhalb der Literatur die Masse dessen, was wir über den ganzen Apparat des Opfers erfahren, immer größer wird, so ist natürlich die stehende Hauptfrage die: wieweit beruht diese zunehmende Reichhaltigkeit unserer Information auf dem Hinzukommen von Neubildungen, wieweit auf der veränderten Gestalt der Quellen? In der Behandlung dieser Alternative liegt für Untersuchungen über den vedischen Kultus man möchte sagen das Geheimnis des Erfolges. Natürlich ist die Frage nicht immer lösbar. Aber für viele Fälle wird es doch eine Lösung, eine sichere oder wahrscheinliche, geben. Manches wird sich dadurch als Neubildung erweisen, daß es in Ideenkreise hinein verläuft, die wir als erst später lebendig und entwickelt kennen; manche kultischen Vorstellungen und Gebräuche sind derart, daß, wären sie alt, ihre Spur in den älteren Quellen trotz deren eigentümlicher Lückenhaftigkeit nicht ganz fehlen könnte. Auf der anderen Seite wird sich bei vielem in jenen Quellen nicht Erwähnten ungezwungene Begreiflichkeit dieses Schweigens mit der Beobachtung vereinen, daß die betreffenden Bildungen sich aus dem bekannten Ideenkreise der jüngeren vedischen Theologen nicht erklären. Häufig wird sich uns in solchen Fällen der charakteristische, dem geübten Auge wohl erkennbare Stempel der Überlebsel uralter, den Anschauungen der vedischen Gegenwart inkommensurabler Vorstellungsschichten zeigen. Parallelen, mögen sie nun innerhalb des Kreises der verwandten Nationen liegen oder diese Grenze überschreiten — wir kommen auf die Bedeutung solcher Parallelen weiter unten (S. 35 f.) zurück — werden dazu beitragen, den Beweis für die hohe Altertümlichkeit der betreffenden Erscheinung trotz ihrer jungen Bezeugtheit zu vervollständigen¹).
c5.s4.2
¹ Vgl. meine Bemerkungen ZDMG. XLII, 246.
c5.s4.3
¹ Eine Veranschaulichung der beiden entgegengesetzten Argumentationsreihen an demselben Ritus liefert die Weihe zum Somaopfer (*dīkṣā*). Hier ist die durch das Götterpaar Agni-Viṣṇu charakterisierte Vorstellungsreihe eine Neubildung, das Zentrum des ganzen Ritus aber, kurz gesagt die Tapas- (asketischen Zauber-)gebräuche, offenbar uralt. Vgl. die Besprechung der Dīkṣā im Abschnitt über den Kultus.
c5.s4.4
Außer der Schilderung der Opfergebräuche enthalten, wie bekannt, die Brāhmaṇatexte — nicht ebenso die Sūtras — den Versuch ihrer Deutung. Daß die sehr häufig mißlingen mußte, ist selbstverständlich; der ursprüngliche Sinn zahlloser Riten lag nun einmal weit außerhalb des Gesichtskreises dieser Theologen, und sie hätten keine Inder sein müssen, um nicht fortwährend ihre eigenen Lieblingsspekulationen über die Potenzen des Naturlaufs und die menschlichen Lebensfunktionen in die Deutung der alten Gebräuche hineinzutragen. Über diesen augenfälligen schweren Gebrechen wird die Kehrseite leicht übersehen. Nicht ganz selten bieten die Brāhmaṇatexte doch auch brauchbare Erklärungen; in diesen auf dem Opferplatz ihr Leben verbringenden Priestern war die echte alte Logik der Opferkunst doch nicht so erstorben, daß wir Modernen für das Verständnis der uns so fremdartigen Vorgänge nichts von ihnen zu lernen hätten. —
c5.s4.5
Später als die großen mit den drei Feuern vollzogenen Opfer gelangten die Zeremonien des häuslichen Kultus, die Hochzeit, die Weihen für das Kind und den Eintritt in das Jünglingsalter, für Haus, Felder, Herden usw. zur literarischen Darstellung¹). Wir besitzen von ihnen nur die Beschreibung, keine Deutung im Stil der Brāhmaṇatexte²). Zu den Ritualbüchern dieser Klasse, den Gṛhyasūtras (Lehrtexten des häuslichen Rituals), stellen sich weiter die Dharmasūtras (Lehrtexte des Rechts), die von der speziellen Beziehung auf das Opferritual sich loslösend das gesamte Gebiet von Recht und Sitte im privaten und öffentlichen Leben, natürlich durchaus vom Standpunkt des theoretisierenden Brahmanentums, behandeln. Selbstverständlich berühren auch diese Texte vielfach die Probleme, mit denen wir es zu tun haben. —
c5.s4.6
¹ So wie auch die poetische Ausstaffierung dieser Riten im wesentlichen jünger ist als die des *Somaopfers*. Vgl. oben S. 7 und meine Darlegungen, *Sacred Books of the East* XXX S. IX ff. Wenn Knauer (Festgruß an Roth 64) sagt, daß das Gṛhyaritual (d. h. das Ritual des häuslichen Kultus) „literarisch wie inhaltlich älter ist als das Śrautaritual“ — das Ritual der großen Opfer mit den drei Feuern — „beide nach ihren Grundzügen beurteilt“, so halte ich das, sofern es sich um die literarische Behandlung der beiden Ritualgebiete handelt, für verfehlt.
c5.s4.7
² Mit wenigen Ausnahmen: SBE. a. a. O. XVIII f.
c5.s4.8
An die mannigfachen Zweige der vedischen religiösen Überlieferung, die wir hier überblickt haben, schließt sich, wie bekannt, geschichtliche Tradition aus vorbuddhistischer Zeit nicht an; bis auf geringfügige, für uns nicht in Betracht kommende Fragmente ist hier eine Lücke. Wie schwer unsere Untersuchungen unter den Konsequenzen dieser für den indischen Geist so charakteristischen und für die Erforschung Indiens so beklagenswerten Erscheinung zu leiden haben, bedarf keines Wortes. Schon der Mangel aller festen Chronologie trifft uns hart; vor allem aber dies, daß es uns versagt ist, die Kräfte des Kultwesens in den Ereignissen des geschichtlichen Lebens funktionieren zu sehen. Einen gewissen Ersatz gewährt zunächst die altbuddhistische Literatur mit ihrer Dichtung und Wahrheit aus der Zeit und dem Leben des Buddha und seiner Jünger, sowie mit der sonstigen Fülle ihrer bald auf dem Boden menschlicher Wirklichkeit, bald im Märchenlande spielenden Geschichten und Fabeln; sodann die neuerdings immer eindringender durchforschte Literatur der Jainas; weiter die Poesie der großen Epen und überhaupt die spätere erzählende und auch die dramatische Literatur. Die Bedeutung dieser Texte für die lebendige Ausmalung der religiösen Vorstellungswelt braucht nicht erst hervorgehoben zu werden; sie wird sich uns, wenn es auch die Kräfte des einzelnen übersteigt mehr als einen kleinen Teil dieser ungeheuren Materialmassen zu bewältigen, vielfach bestätigen. Was würde uns, um nur ein Beispiel herauszugreifen, der Veda etwa über den für den ganzen Vorstellungskreis des Lebens nach dem Tode so wichtigen Gespensterglauben lehren? Hier müssen Quellen wie die buddhistische Gespenstergeschichtensammlung (Petavatthu) und ähnliches ergänzend eintreten: wo dann freilich die Untersuchung die dringende Pflicht hat, sich beständig der Bedenken, die aus der Verwendung so viel jüngerer Materialien hervorgehen, bewußt zu bleiben und sich mit allen erreichbaren Kautelen zu umgeben.
Cites (1)
- Petavatthu — Pāli