Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c36.s5: § 57. Harnsteine
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c36.s5
- Language
- German
§ 57. Harnsteine
c36.s5.1
Wenn der Wind den in der Blase enthaltenen Harn nebst Samen, Galle oder Schleim austrocknet, so entsteht ein Blasenstein (*aśmarī*), wie in der Galle des Rindes die *rocanā* (Gallenstein der Rinder). Vorboten sind: Auftreibung und Schmerzhaftigkeit der Blase, starke Schmerzen in allen benachbarten Körperteilen, wie Hoden und Harnröhre, Harnstrenge, Bocksharngeruch des Urins, Appetitlosigkeit, Fieber, Mattigkeit. Nach der Bildung des Steins entstehen beim Urinlassen Schmerzen am Nabel, in der Blase, der Naht (des Hodensacks) oder der Harnröhre, der Urin kommt nur tropfenweise heraus, wenn der Stein den Weg versperrt, dagegen leicht, klar wie ein Edelstein und frei von Trübung und Sand, wenn der Stein fort ist; auch kann Stockung des Urins und Blutharnen eintreten, letzteres besonders durch Erschütterung und Verletzung, wie durch Laufen, Springen, Schwimmen und andere anstrengende Bewegungen auch starke Schmerzen entstehen können. Es gibt vier Arten von *aśmarī*, je nachdem einer der drei Grundsäfte oder der Samen daran schuld ist. Im ersteren Fall werden besonders Knaben davon betroffen; der Kleinheit der Blase wegen sind bei ihnen die Steine leicht zu fassen und herauszuziehen. Von Schleim ist der Stein weiss, glatt, glänzend, gross, wie ein Hühnerei, oder wie Honig gefärbt; von Galle ist er rötlich, gelblich oder schwarz, einer Bhallātaka-Nuss gleichend; von Wind ist der Stein dunkelfarbig, rauh, ungleich, wie die Kadambablüte mit kleinen Erhöhungen bedeckt. Bei Erwachsenen entsteht durch Enthaltung oder Übermass im geschlechtlichen Verkehr Samenstein (*śukrāśmarī*. C. 6, 26, 20; Su. 2, 3, 1—7; S. 2, 3, 1—7; S. 2, 9, 281 f.; A. 3, 9, 6—18; M. 218—21).
c36.s5.2
Harngries (*śarkarā*) entsteht, wenn der Wind einen Stein in kleine Stückchen zerteilt. Bei günstigem Wind (im Körper) geht der Gries mit dem Urin hinaus, bei ungünstigem Wind wird er zurückgehalten. Wenn Stein mit Sand (*sikatā*) und Gries verbunden auftritt, der Nabel und die Hoden geschwollen sind, kein Urin entleert wird und der Kranke an heftigen Schmerzen leidet, so tötet ihn die Steinkrankheit rasch (M. 221. Vgl. C. l. c. 20 f.; Su. l. c. 8 ff.; S. l. c.; A. 3, 9, 18 f.).
c36.s5.3
Gegen Stein und Gries verordnen manche Autoren wie Vṛ. 34, V. 506—16 nur verschiedene Abkochungen, Pulver, Lösungen in zerlassener Butter und Öl u. dgl., die, innerlich genommen, den Stein zerteilen oder auflösen sollen. Auch Bh. 2, 3, 57 spricht nur kurz von dem Herausziehen eines Steins, der durch Arzneien und Injectionen in die Harnröhre nicht geheilt werden konnte, mit einem Haken. C. 6, 26, 40 nennt neben anderen Arzneien einen Trank, welcher den Stein heilt, »falls nicht ein Arzt ihn herauszieht«. Vgl. auch H. 639, 317. Nach Cd. 223 soll, wenn er durch Arzneien nicht beseitigt ist, ein Chirurg (*śalyavid*, *śastrakarmavid*) den Stein, um ihn zwischen After und Harnröhre zu bringen, mit zwei in den After des Kranken gesteckten Fingern hinabdrücken, hierauf links ein Gerstenkorn weit von der Naht (Raphe) einen Schnitt machen und lediglich den Stein entfernen. Wenn er aus Ungeschick die Blase spaltet, ohne den Stein herauszubringen, tritt der Tod ein. Den Stein muss er vollständig beseitigen und das Blut aus der Blase entfernen. Wenn der Stein entfernt ist, lasse er den Kranken in warmem Wasser baden, salbe die Wunde mit Honig und Butter und gebe ihm zur Reinigung des Urins Zucker zu essen, hierauf drei Tage lang einen Trank mit Harnreinigungsmitteln, bis zum 10. Tag Reis mit Milch, ferner Schwitzmittel, wasche und salbe die Wunde. Wenn dieselbe nach 10 Tagen nicht geheilt ist, brenne man sie aus; bleibt der Stein durch Unglück im Nabel(?) stecken, so schneide man den Nabel auf und ziehe den Stein heraus. Eingehende Beschreibungen der wichtigen Steinoperation geben Su. 4, 7; S. 4, 13; A. 4, 11. Die Steinkrankheit ist ein gefährliches, mit dem Todesgott vergleichbares Leiden, das im Anfang durch Arzneien geheilt werden kann, später aber einer Operation bedarf; da dieselbe aber selbst einem geschickten Arzt misslingen kann, so muss er zur Vornahme derselben erst die Erlaubnis des Königs einholen. Bei der Operation soll sich der Kranke auf einen kräftigen Mann stützen, der auf einer Bank sitzt, und mit Stricken oder Binden an denselben festgebunden werden. Die ganze Gegend um den Nabel herum und unterhalb soll eingerieben und mit der Faust bearbeitet werden, bis der Stein hinabkommt. Wenn der Stein bis unterhalb des Nabels gebracht ist, führe der Arzt den Zeige- und Mittelfinger der linken Hand, eingeölt und mit beschnittenen Nägeln, in den After des Kranken ein, dem Mittelfleisch entlang, bis er den Stein fühlt, bringe ihn zwischen After und Harnröhre und drücke so lange darauf, bis er wie ein Knoten hervorragt. Wird bei dieser Procedur der Patient ohnmächtig, so ist die Operation der Lebensgefahr wegen aufzugeben. Andernfalls erfolgt nunmehr mit einem Messer der Einschnitt auf der linken Seite, ein Gerstenkorn weit von der Raphe, unter Umständen auch auf der rechten Seite, der Grösse des Steins entsprechend. Der Stein darf nicht gespalten oder zersplittert werden, da selbst kleine Überreste wieder anwachsen würden, daher muss man ihn mit einem hakenartigen Instrument (*agravaktra*) ganz entfernen. Bei Frauen liegt der Uterus dicht bei der Blase, daher darf man bei ihnen keinen Einschnitt in den Schoss machen, da sonst ein den Harn nach aussen leitender Wundkanal (Fistel) entstehen würde; auch bei Männern strömt bei Verletzung des Harnkanals der Urin aus, andere Verletzungen können den Tod oder Impotenz zur Folge haben. Ein einfacher Blasenschnitt heilt wieder zu, die Wunde ist wie nach Cd. (s. o.) zu behandeln, eventuell schon nach 7 Tagen auszubrennen. Wenn ein Stein oder Harngries in die Harnröhre geraten ist, suche man ihn mit dem Harn hinauszuspülen; geht dies nicht an, so mache man einen Einschnitt mit einem Messer und ziehe ihn mit einem Haken heraus. Der Operirte muss noch ein Jahr lang nach der Heilung es vermeiden, auf Pferden oder Elephanten zu reiten, in einem Wagen zu fahren, zu schwimmen, auf einen Berg oder Baum zu steigen, schwere Speisen zu essen, mit Frauen zu verkehren.
c36.s5.4
§ 58. Harnstrenge und Harnverhaltung. — Meistens werden 8 Formen von *mūtra-kṛcchra* oder *-doṣa* (Su.) »Harnstrenge« unterschieden, vier von den Grundsäften, einzeln oder vereint, die übrigen von Verletzungen (*śalyaja*), Verstopfung (*purīṣaja*), Stein (*aśmarīja*) und Samen (*śukraja*) oder Gries (*śarkarāja*). Als Ursachen werden Diätfehler, wie der Genuss von scharfen Substanzen, Spirituosen, Fleisch von Sumpftieren u. a., ferner Über-
c36.s5.5
anstrengung, rasches Reiten, Tanzen betrachtet. Der Urin wird häufig, aber nur tropfenweise und mit Beschwerden entleert; hierzu kommen heftige Schmerzen in der Blase, Harnröhre, Brust, Blutharnen und andere abnorme Beschaffenheit des Urins, Flatulenz, Harnverhaltung u. dgl. (C. 6, 26, 17—19; Su. 6, 59, 1—13; M. 211—13; V. 494 f.). Als Heilmittel werden verschiedene Decocte, Abführmittel, Klystiere, Injectionen in die Harnröhre, Fett- und Schwitzmittel, Salben u. s. w. empfohlen (C. 6, 26, 23—32; Su. 6, 59, 13—24; V. 495—9; Vṛ. 32).
c36.s5.6
Zwischen *mūtrakṛcchra* und *mūtraghāta*, *mūtranirodha*, *mūtrarodha*, *mūtrapratighāta* »Harnverhaltung« wird keine strikte Grenze gezogen. So ist von den 13 *mūtraghāta*, die C. Su. M. und die ihnen folgenden Autoren unterscheiden, *vātakeṇḍalikā*, d. h. kreisförmige Umdrehungen des von schlechtem Wind ergriffenen Urins in der Blase, charakterisirt entweder durch völlige Harnverhaltung, oder durch successives, tropfenweises, schmerzhaftes Austreten des Urins; bei *mūtrātīta* handelt es sich um einen, der zuerst den Urin zurückgehalten hat und dann uriniren will, dies aber entweder gar nicht zu Stande bringt oder nur ganz wenig, doch mit wenig Schmerzen, auf einmal urinirt; bei *mūtrasaṅga* »Harnhemmung« bleibt der ausgeschiedene Urin entweder in der Blase, Harnröhre oder Eichel stecken, oder wird nur ganz allmählich, mit Blut und mit oder ohne Schmerzen entleert. Eine Form von Stein scheint *mūtragranthi* »Harnknoten« zu sein, ein runder, kleiner, harter, steinartiger Knoten, der sich plötzlich am Blasenhals bildet, Schmerzen wie bei Stein hervorruft und den Urin zurückhält. Auf Hypertrophie oder Entzündung der Prostata ist vielleicht *aṣṭhīlā* »Kugel« zu beziehen, ein kugelförmiger, harter, unbeweglicher, hoher Knoten, den der Wind zwischen After und Blase bildet, mit heftigen Schmerzen, Flatulenz und Unterdrückung von Stühlen, Urin und Winden. Für besonders gefährlich gilt *vastikuṇḍala* »Blasenring« (Blasenentzündung?), wobei die Blase, von ihrem Standort losgerissen, hoch emporsteht, wie ein Embryo, und der Kranke, von heftigen Schmerzen, Zuckungen und Hitze gequält, nur tropfenweise urinirt, bei Druck aber den Urin ausströmen lässt; wenn die Blase gerundet, Durst, Betäubung und Asthma vorhanden ist, so ist das Leiden unheilbar. Die Behandlung der Harnverhaltung ist im Wesentlichen die gleiche wie bei Harnstrenge. Im Allgemeinen sollen zuerst Fett- und Schwitzmittel, hierauf ölige Abführmittel, dann Injectionen in die Harnröhre gegeben werden (C. 8, 9, 14—28; Su. 6, 58; S. 2, 9; 4, 13; A. 3, 9; 4, 11; M. 214—8; Vṛ. 33; Bh. 2, 3, 38—45; V. 500—6).
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