Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c37.s1: § 66. Die Pocken
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c37.s1
- Language
- German
Contents
- c37.s1.2 — 3 parts
§ 66. Die Pocken
c37.s1.1
¹ Die Pocken kommen im AV. und in der Bowerhs. noch nicht vor. Auch Su., S., A. und selbst Ś. erwähnen sie nur unter den kleineren Übeln (*kṣudraroga*), die zumeist Hautkrankheiten sind. C. übergeht sie in seiner Aufzählung der Krankheiten (1, 19) und erwähnt sie nur ganz kurz neben den Masern als einen Ausschlag am ganzen Körper, der wie Rose und Lepra zu behandeln ist (6, 12, 55). Sie heissen *masūrikā*, *masūrī* »Linsenkrankheit«, von der Gestalt der Pusteln. So sagt Vāgbhaṭa (S. 6, 36, 315 = A. 6, 31, 8): »(Die Pocken sind) harte Pusteln an den Gliedern und im Munde, von der Grösse und Farbe einer Linse (*masūra*) und danach benannt, mit Hitze, Fieber und Schmerzen verbunden«; ähnlich Su. 2, 13, 33 f. Zu behandeln sind die Pocken, ebenso wie andere Hautkrankheiten, hauptsächlich mit Salben (Su. 4, 20, 29). A. 2, 5, 111 hebt auch die Gefährlichkeit der Pocken hervor: derjenige, an dessen Körper die wie Korallenkügelchen aussehenden *masūrikā* auftreten und rasch wieder verschwinden, geht bald zu Grunde; A. 3, 10, 32 erwähnt sie als eine Folgekrankheit von Harnruhr. Genauere Angaben enthalten die späteren Werke. Die Pocken entstehen durch schädliche, besonders scharfe oder salzige Speisen und andere Diätfehler, durch Luft und Wasser, die (durch giftige Blumen u. dgl.) verdorben sind, und durch das Erscheinen eines erzürnten Planeten. Diese letzte Ursache ist auf Pocken-Epidemieen zu beziehen, da die Pocken in denjenigen Ländern auftreten sollen, wo die erzürnten Planeten sichtbar werden (C.). Eingeleitet wird die Krankheit durch Fieber, Jucken, Glieder-reissen, Unbehagen, Schwindel, Anschwellung der Haut, Veränderung der Farbe und Röte in den Augen. Von Wind sind die Pusteln dunkelrot, rauh, hart, verursachen heftige Schmerzen und reifen langsam; diese Art ist unheilbar. Von Galle sind die Pusteln rot, gelb oder weiss, verursachen Brennen und heftige Schmerzen und reifen schnell; dabei zeigen sich Schmerzen in den Gelenken, Husten, Beben, Unbehagen, Mattigkeit, Trockenheit des Gaumens, der Lippen und der Zunge, Durst und Appetitlosigkeit. Von Blut entsteht Durchfall, Hitze am Körper, Durst, Unbehagen und Appetitlosigkeit, Entzündung am Mund, Röte in den Augen und besonders starkes Fieber, sowie die gleichen Erscheinungen wie bei Galle. Von Schleim sind die Pusteln weiss, glänzend, sehr gross, verursachen Jucken, aber wenig Schmerzen und reifen langsam; zugleich zeigt sich Schleimfluss, Lahmheit, Kopfweh, Schwere in den Gliedern, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Schlaf, Mattigkeit, Unlust. Von allen drei Grundsäften sind sie gross, blau, in der Mitte eingesunken, sehr schmerzhaft, reifen langsam, enthalten stinkenden Eiter und heissen *carman* (eine Art Aussatz); diese Form ist mit Schlingbeschwerden, Appetitlosigkeit, Mattigkeit, Irrereden und Unlust verknüpft und schwer oder gar nicht heilbar. Weitere Verschiedenheiten beruhen darauf, ob die Pusteln ihren Sitz im Chylus, Blut, Fleisch, Fett, Mark, den Knochen oder dem Samen haben. Wenn sie in der Haut (d. h. im Chylus) sitzen, gleichen sie einem Wassertropfen, sind sehr harmlos und lassen, wenn sie platzen, Wasser ausströmen (Wasserpocken). Im Blut haben sie die Farbe von Blut, reifen langsam, haben eine
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Die Pocken kommen im AV. und in der Bowerhs. noch nicht vor. Auch Su., S., A. und selbst Ś. erwähnen sie nur unter den kleineren Übeln (*kṣudraroga*), die zumeist Hautkrankheiten sind. C. übergeht sie in seiner Aufzählung der Krankheiten (1, 19) und erwähnt sie nur ganz kurz neben den Masern als einen Ausschlag am ganzen Körper, der wie Rose und Lepra zu behandeln ist (6, 12, 55). Sie heissen *masūrikā*, *masūrī* »Linsenkrankheit«, von der Gestalt der Pusteln. So sagt Vāgbhaṭa (S. 6, 36, 315 = A. 6, 31, 8): »(Die Pocken sind) harte Pusteln an den Gliedern und im Munde, von der Grösse und Farbe einer Linse (*masūra*) und danach benannt, mit Hitze, Fieber und Schmerzen verbunden«; ähnlich Su. 2, 13, 33 f. Zu behandeln sind die Pocken, ebenso wie andere Hautkrankheiten, hauptsächlich mit Salben (Su. 4, 20, 29). A. 2, 5, 111 hebt auch die Gefährlichkeit der Pocken hervor: derjenige, an dessen Körper die wie Korallenkügelchen aussehenden *masūrikā* auftreten und rasch wieder verschwinden, geht bald zu Grunde; A. 3, 10, 32 erwähnt sie als eine Folgekrankheit von Harnruhr. Genauere Angaben enthalten die späteren Werke. Die Pocken entstehen durch schädliche, besonders scharfe oder salzige Speisen und andere Diätfehler, durch Luft und Wasser, die (durch giftige Blumen u. dgl.) verdorben sind, und durch das Erscheinen eines erzürnten Planeten.
c37.s1.2.2
Diese letzte Ursache ist auf Pocken-Epidemieen zu beziehen, da die Pocken in denjenigen Ländern auftreten sollen, wo die erzürnten Planeten sichtbar werden (C.). Eingeleitet wird die Krankheit durch Fieber, Jucken, Glieder-reissen, Unbehagen, Schwindel, Anschwellung der Haut, Veränderung der Farbe und Röte in den Augen. Von Wind sind die Pusteln dunkelrot, rauh, hart, verursachen heftige Schmerzen und reifen langsam; diese Art ist unheilbar. Von Galle sind die Pusteln rot, gelb oder weiss, verursachen Brennen und heftige Schmerzen und reifen schnell; dabei zeigen sich Schmerzen in den Gelenken, Husten, Beben, Unbehagen, Mattigkeit, Trockenheit des Gaumens, der Lippen und der Zunge, Durst und Appetitlosigkeit. Von Blut entsteht Durchfall, Hitze am Körper, Durst, Unbehagen und Appetitlosigkeit, Entzündung am Mund, Röte in den Augen und besonders starkes Fieber, sowie die gleichen Erscheinungen wie bei Galle. Von Schleim sind die Pusteln weiss, glänzend, sehr gross, verursachen Jucken, aber wenig Schmerzen und reifen langsam; zugleich zeigt sich Schleimfluss, Lahmheit, Kopfweh, Schwere in den Gliedern, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Schlaf, Mattigkeit, Unlust. Von allen drei Grundsäften sind sie gross, blau, in der Mitte eingesunken, sehr schmerzhaft, reifen langsam, enthalten stinkenden Eiter und heissen *carman* (eine Art Aussatz); diese Form ist mit Schlingbeschwerden, Appetitlosigkeit, Mattigkeit, Irrereden und Unlust verknüpft und schwer oder gar nicht heilbar.
c37.s1.2.3
Weitere Verschiedenheiten beruhen darauf, ob die Pusteln ihren Sitz im Chylus, Blut, Fleisch, Fett, Mark, den Knochen oder dem Samen haben. Wenn sie in der Haut (d. h. im Chylus) sitzen, gleichen sie einem Wassertropfen, sind sehr harmlos und lassen, wenn sie platzen, Wasser ausströmen (Wasserpocken). Im Blut haben sie die Farbe von Blut, reifen langsam, haben eine dünne Haut, enthalten Blut. Bei den folgenden Arten zeigen sich stufenweise schlimmere Symptome, die im Knochen oder Samen sitzenden führen rasch den Tod herbei. Zeichen unheilbarer Erkrankung sind es auch, wenn die Pusteln wie Korallen, Jambūfrüchte, eiserne Kügelchen oder Leinsamen aussehen, wenn Husten, Schlucken, Geistesverwirrung, heftiges, schweres Fieber, Irrereden, Unlust, Ohnmacht, Durst, Hitze, Unruhe vorhanden sind, Blut aus Mund, Nase und Augen strömt, im Hals ein Rasseln vernommen wird und die Respiration überaus schmerzhaft ist, der Kranke mit Anstrengung nur durch die Nase atmet und von Durst gequält wird. Schwer heilbar ist auch eine nach den Pocken entstehende Geschwulst am Ellbogen, Handgelenk oder Schulterblatt. Unter den zahlreichen Mitteln gegen die Pocken hebe ich nur den gewiss nicht sehr alten innerlichen Gebrauch von Quecksilber (*pārada*, Cd. 315) und die verschiedenen Recepte für Mischungen von Arzneistoffen mit kaltem oder sehr kaltem Wasser hervor (M. 316—21; Vṛ. 56; V. 700—9; W. 314—8; Bh. 2, 4, 53—9).
c37.s1.3
An die kalte Behandlung der Pocken, die jedenfalls auf dem damit verbundenen Fieber beruht, schliesst sich eine anscheinend jüngere Nebenform dieser Krankheit, *śītalā* »die kalte«, an.² Nachgewiesen ist dieser auch in den neuindischen Sprachen noch vertretene Pockenname bisher erst in Bh., doch kommt das damit verwandte *śītalikā* als eine volkstümliche Bezeichnung der Pocken (*lokāśraya saṃjñā*) schon bei Ḍ. zu Su. 2, 13 vor, also im 12. Jahrhundert. Der Bh. (16. Jahrh.) teilt die *śītalā* in sieben Arten ein, beschreibt aber deren acht. 1. Die grosse *śītalā* (*bṛhatī*) wird durch grosse Pusteln charakterisirt, deren Auftreten Fieber vorhergeht; nach sieben Tagen kommen die Pusteln zum Vorschein, in weiteren sieben Tagen reifen sie, in der dritten Woche trocknen sie ein und verschwinden von selbst. 2. *kodravā* entsteht aus Wind und Schleim, die Pusteln sehen wie die Reisart *kodrava* (Paspalum scrobiculatum) aus, reifen nicht, sondern heilen in 7—10 Tagen ohne Arznei ab. 3. Durch Hitze entsteht *aṣmājarūpā* »wie Insekten aussehend«. 4. *pāṇisahā* »die Hand ertragend«: die Pusteln jucken, ertragen aber das Kratzen mit der Hand und trocknen nach sieben Tagen ein. 5. *sarṣapikā* »Senfkorn«: die Pusteln haben die gleiche Farbe wie ein gelbes Senfkorn. 6. *rājikākṛti* »von gleicher Gestalt wie die Senfart *rājikā* (Sinapis ramosa)«. Diese Art entsteht durch Hitze, kommt nur bei Kindern vor und trocknet leicht von selbst ein. 7. Die Pusteln sind rot, erhaben und rund, einem roten Ausschlag gleich, mit Schmerzen verbunden, vorher geht ein Fieber, das drei Tage anhält. 8. *carmajā* »in der Haut entstanden«: die Pusteln fliessen zusammen. Neben den Sanskritnamen werden auch volkssprachliche genannt. Die Heilung von *śītalā* erfolgt in manchen Fällen leicht und ohne Behandlung, andere Fälle sind trotz aller angewandten Mittel unheilbar. Die Mittel, besonders bei der ersten Art, bestehen in Bestreuung der aufgeplatzten oder noch unreifen Pusteln mit Asche von Kuhmist, Darreichung von kaltem (*śītala*) Wasser, das selbst bei Fieber nicht wie sonst abgekocht werden darf, Verbringung des Erkrankten an einen kalten (*śītala*) abgelegenen Platz, wo niemand zu ihm gehen darf, Vertreibung der Fliegen mit Zweigen von Nimba- und Seerosenblättern, Verabreichung eines Abgusses von kaltem Wasser mit Sandelholz und anderen Fiebermitteln zur Stillung des Fiebers; »viele Ärzte«, heisst es jedoch, »geben überhaupt keine Arznei«. Auch sollen im ganzen Hause Nimbablätter angebracht werden. Hauptsächlich aber soll die Göttin Śītalā, der alle Erscheinungsformen dieser Krankheit unterstehen, geehrt werden mit Opfergaben, Ceremonien und einem Hymnus aus dem Skandapurāṇa, den ein frommer Brahmane recitiren soll. Der Hymnus wird als *Śītalāṣṭakam stotram* bezeichnet und die auf dem Esel reitende Göttin Śītalā darin als das Lebenselixir eines fiebernden, mit übelriechendem (Eiter) behafteten, des Augenlichts beraubten Kranken angerufen (Bh. 2, 4, 59—63).
c37.s1.4
Der Cultus der sieben Pockenschwestern, denen offenbar die obigen sieben Erscheinungsformen der *śītalā* entsprechen, und insbesondere der Sitalā ist heutzutage in Nordindien sehr verbreitet.¹ Sitalā hat noch immer den Esel als Reittier, wohnt im Nimbabaum, weshalb man auch den Kranken mit Nimbablättern fächelt, über der Thür des Krankenzimmers Nimbablätter aufhängt oder dieselben in einen Wassertopf im Krankenzimmer legt, und wird besonders von Frauen und Kindern geehrt, wie die obige 6. Art der *śītalā* auf Kinder beschränkt ist. Cāmariyā, die älteste der Pockenschwestern, der eine besonders schlimme Pockenform mit zusammenfliessenden Pusteln zugeschrieben wird, entspricht der achten Art, *carmajā* oder *camaragotī*. Auch in Südindien ist die Vergöttlichung der Pocken weit verbreitet, eine im 17. Jahrhundert dort vorkommende Pockengöttin Basuri vielleicht mit *masūrī* zu identificiren.² Bekanntlich sind die Pocken gegenwärtig die verbreitetste Kinderkrankheit und überhaupt eine der gefährlichsten Krankheiten in Indien.³ Auch in den obigen Angaben erscheinen sie von M. ab als eine schwere, weit verzweigte und epidemische Krankheit, auch in A. schon als gefährlich, während sie bei Su. S. nur ein leichtes Hautübel sind, das wohl mit WISE⁴ als eine milde Form der späteren epidemischen Pocken zu betrachten ist, und in der ältesten Medicin noch ganz fehlen. Die oft geäusserte Ansicht, dass die Pocken in Indien viel früher als in Arabien aufgetreten und aus Indien nach Arabien gelangt seien, ist hiernach keineswegs als sicher zu bezeichnen, noch weniger mit Chevers⁵ anzunehmen, dass die Priester der Śītalā die ältesten Impfärzte waren. Von irgendwelcher Impfung lässt sich in der älteren medicinischen Litteratur keine Spur entdecken,⁶ wie auch die Verehrung der Śītalā als Pockengöttin derselben noch fremd ist und auch unter den zahlreichen alten Personificationen von Kinderkrankheiten keine Personification der Pocken erscheint.
c37.s1.5
¹ Vgl. hierzu ORTH, Bemerkungen über das Alter der Pockenkenntnis in Indien und China. Janus V, 391-6. 452--8. (Amsterdam 1900) und meinen Nachtrag hierzu Janus V, 577 f.
c37.s1.6
² Vgl. WISE, Commentary 235 f.
c37.s1.7
³ CROOKE, Popular Religion of N. India (London 1896) 1, 125--36.
c37.s1.8
⁴ Vgl. STUART, Madras Census Report (Madras 1898), 58 f.; ORTH l. c.
c37.s1.9
⁵ Vgl. General Report on the Census of India 1891, 62.
c37.s1.10
⁶ Review of the History of Medicine, 2, 108, vgl. ORTH l. c.
c37.s1.11
⁷ Diseases of India 45 ff.
c37.s1.12
⁸ Das von AINSLIE (vgl. BOHLEN, Das alte Indien 2, 219) mitgeteilte Sanskriteitat über Kuhpockenimpfung ist offenbar eine moderne Fälschung, vgl. HAAS, ZDMG. 30, 660 f.
Cites (10)
- Aṣṭāṅgahṛdayasaṃhitā — Vāgbhaṭa, Sanskrit
- Carakasaṃhitā — Agniveśa (Āyurveda) & Caraka, Sanskrit
- Suśrutasaṃhitā — Suśruta & Nāgārjuna (siddha/alchemist), Sanskrit
- Aṣṭāṅgasaṃgraha — Vāgbhaṭa, Sanskrit
- Śārṅgadharasaṃhitā — Śārṅgadhara (physician), Sanskrit
- Mādhavanidāna (Rugviniścaya) — Mādhavakara, Sanskrit
- Bhāvaprakāśa — Bhāvamiśra 1550, Sanskrit
- Bower Manuscript — Sanskrit
- Atharvavedasaṃhitā — Atharvan & Aṅgiras, Sanskrit
- Skandapurāṇa — Vyāsa, Sanskrit